Neusprech "sparen"

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Wenn ich mir eines doch so sehr wünsche zur Zeit, dann dass es unsere fleißigen Propagandaschleudern, ähm, Qualitätsjournalisten sich doch bitte uns und sich zukünftig sparen, ständig in Bezug zu Griechenland oder der so genannten Eurokrise das arme, unschuldige, inflationär verwendete Wort "sparen" so zu vergewaltigen, dass man es nur noch mit brutaler Austeritätspolitik der Marke Brüning und als Inbegriff vollendeter neoliberaler Schockstrategie in Verbindung bringt.

Dabei hat verbinden die allermeisten "Sparen" wie mit etwas positivem. Mit einem lustigen rosa Sparschwein mit Kringelschwanz. Die Erinnerungen an das erste Gokart, was man sich mit mühsam zusammengespart hat. An die kleinen Geschenke, die man vom netten Mann am Schalter bekam, wenn man bei der Sparkasse am Weltspartag seine Sparbüchse ausgeleert hat...

Doch was hat dies noch mit dem "sparen" zu tun, welches uns tagtäglich um die Ohren gehauen wird? Nichts. Es geht um brutale Ausgabenkürzungen. Zuerst in Griechenland, dann überall. Und wie in Orwell's 1984 nennt man "brutales kürzen" einfach um in "sparen". Verkünder ist diesmal das Ministerium für Liebe, oder anders: die Versammlung der EU-Regierungschefs.

Ich kann es wirklich nicht mehr hören! Jeden Tag, wenn ich mit dem Auto länger unterwegs bin und im Radio die strunzdoofe Sprecherin wie ein plappernder Papagei mal wieder vom "sparen" redet muss ich froh sein, das Lenkrad nicht zu verreißen. Auch heute wieder. Der faule Grieche ist also auch noch gegenüber "uns" (vorbildlichen Europäern) so undankbar und will tatsächlich demokratisch darüber abstimmen, was sich die neoliberal ausgerichteten Staatschefs und die Troika so an schönen "Sparvorschlägen" ausgedacht haben. Was nichts anderes bedeutet, als die katastrophale Austeritätspolitik des Kaputtsparens weiter ohne jegliche Beachtung des Volkswillens und der Erfahrungen aus den vergangenen 3 Jahren. Und einfach die Souveränität der griechischen Bevölkerung zu missachten.

Erschreckend ist, welch Maß an Verachtung infolge der nur noch als wahnhaft zu bezeichnenden Markthörigkeit gegenüber originär demokratischen Verfahren hervortritt. "Die Märkte" reagieren mal wieder entsetzt, die Börsen stürzen ab. Weil der Raffgier eines finanzkapitalistischen Systems plötzlich ganz unvorbereitet die Demokratie im Wege steht. Und "das System" welches nur einer extrem kleinen Minderheit dient, weiß, wie es um die Erfolgsaussichten steht, wenn die Mehrheit gefragt wird. Ist ein System, welches solche Wirkmechanismen enfaltet eigentlich überhaupt noch wert, erhalten zu werden? Sollten solche Reaktionen nicht genau der Beweis dafür sein, ein solches System sofort zu überwinden?

Scheinbar nicht. Ob nun bei Rating-Agenten, Politikern oder Journalisten: "Die Griechen" sind offenbar keine Menschen mehr mit demokratischen Rechten, sondern nur noch eine faule, undankbare Masse über die frei verfügt werden kann. Sie sind der Sündenbock für alles schlechte dieser Welt, sie sollen Dinge ertragen und abnicken - widerspruchslos und ohne Stimmrecht - die jeden, der davon betroffen wäre genauso wütend machen würde.

Und nicht begreifend, dass wir auf lange Sicht alle "faule Griechen" sind, wenn es die Gottheiten der "Märkte" so wollen und ihre Orakel es verkünden - und das nächste Blutopfer gefordert wird, um diese zu besänftigen.

15:25 02.11.2011
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Geschrieben von

Dennis82

linker, realist, zyniker, sozialromantiker, umverteiler, steuerrechtler, ex-staatsdiener.
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Dennis82

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