der Freitag
17.12.2012 | 08:00 12

12 für 2012

Rückblick Nicht immer sind die Menschen, die direkt im Rampenlicht stehen, die interessantesten. Wir haben Leute gesucht, über die wir dieses Jahr gerne mehr gelesen hätten

12 für 2012

Illustration: Der Freitag; Fotos: AFP/Getty Images (8), dap (3), Wolfgang Koral (1)

Schlecker

Karin Meinerz


Im Januar meldete die Drogeriekette Schlecker Insolvenz an. Rund 25.000 Mitarbeiter verloren ihren Job. Die 52 Jahre alte Karin Meinerz ließ sich davon nicht unterkriegen. Mit zwei Kolleginnen setzte sie als erste das von Verdi entwickelte Genossenschaftsmodell „Dorfladen statt Schlecker“ um. Am 17. November eröffneten die Frauen mit erweitertem Sortiment im baden-württember-gischen Erdmannhausen ihren „Drehpunkt“. Deutschlandweit sollen weitere Läden folgen.

Der Freitag: Wie verlief der Start in die Selbstständigkeit?

Karin Meinerz: Im Prinzip gut. Zwar gab es Anlaufschwierig-keiten, einen Kassenabsturz und Ware wurde nicht geliefert, im Vergleich zu unseren Problemen am Jahresanfang aber waren das Kleinigkeiten.

Was ist das Besondere an Ihrem Konzept?

Gemeinsam sind wir stark. Viele Erdmannhäuser haben vor der Eröffnung „Stützlis“ – Wertgutscheine – erworben. So haben sie 5.000 Euro zum Startkapital beigesteuert. Dafür müssen sie jetzt zum Einkaufen nicht weit fahren. Fragen: Anna Fastabend

 

Netzfreiheit

Sue Gardner


Angeblich haben weltweit 69 Frauen mehr Einfluss als Sue Gardner. So behauptet es das US-amerikanische Wirtschaftsma-gazin Forbes, das die Geschäftsführerin der Wikimedia-Stiftung, die die Online-Enzyklopädie Wikipedia betreibt, auf Platz 70 ihrer Top 100 der mächtigsten Frauen setzte. Wahrscheinlich ist das allerdings noch untertrieben.

Gardner war im Januar eine treibende Kraft hinter der eintägigen Abschaltung der englischsprachigen Wikipedia aus Protest gegen das SOPA-Gesetz in den USA – und half so, die vielleicht wichtigste Erkenntnis im Kampf um Netzfreiheit selbst unter sporadischen Nutzern zu verbreiten: Mit angeblich gegen Urheberrechtsverstöße gerichtete Gesetze lassen sich die wichtigsten Teile des Internets zensieren. Nach einer Protestwelle wurden die Beratungen abgebrochen. Von diesem Erfolg beflügelt, erhielt auch die europäische Bewegung gegen das „Anti-Pira-terie-Abkommen“ ACTA so viel Aufwind, dass der Vertrag schließlich kippte. Steffen Kraft

 

Euro

Erkki Tuomioja


Als Margaret Thatcher in den Achtzigern Großbritannien brutal privatisierte, begründete sie dies knapp: „There is no alternative“. Ähnliche Argumente hört man heute, wenn es um den Euro geht: Nicht schön, aber es gibt keine Alternative. Umso überraschender, als im August der finnische Außen-minister Erkki Tumioja – ein Europafreund und hervorragender Diplomat – sagte, sein Land bereite sich auf den Euro-Ausstieg vor.

Potzblitz! Nicht Spanien, nicht Griechenland, nein, ausgerechnet Finnland, das als erstes die Maastricht-Kriterien zur Einführung des Euro erfüllte, das an der Einheitswährung nur verdiente, will aussteigen? Das Ende des Euro bedeute nicht das Ende der EU, ruderte Tuomioja zurück. Europa-Minister Alexander Stubb erklärte gar, „die Spekulationen des Außenministers spiegelt nicht die Position der Regierung wider.”

Trotzdem würde man gern mehr über den weißhaarigen Mann erfahren. Ob er ein Totengräber ist oder ein Visionär. Mikael Krogerus

 

Occupy

Helga Franke


Die 70 Jahre alte Aktionskünstlerin Helga Franke setzte sich 2012 mit ihrer Arbeit für die Occupy-Bewegung vor der Europäischen Zentralbank in Frankfurt am Main ein. Demo Basics nennt sich etwa eine Serie von ihr gestalteter Tafeln auf Stöcken, die das Bild des Occupy-Camps und der Blockupy Demonstra-tionen im Mai mitprägten.

Bekannt wurde Franke 1983 durch die Gründung der Beuys-Kinder-Uni. Seither beschäftigt sich die Künstlerin mit territo-rialen und mentalen Grenzen: in Mandatory Stop etwa, einer Reihe von Aktionen entlang der Grenzübergänge von Jordanien, Syrien und Israel. Ebenso in Werkstatt Deutschland – einer Werkgruppe zum Thema Demokratie und Gesellschaft.

All ihre Arbeiten verbindet ein Gespür für und ein schonungsloser Blick auf politische Konfliktherde. Helga Franke ist definitiv unterbewertet: Politische Kunst ist einfach nicht sexy genug, um im Kunstbetrieb erwähnt zu werden. Silvio Spotiswoode, Freitag-Community

 

Frauenquote

Jana Schiedek


Eigentlich hat sie eine ganz andere Agenda. Als Jana Schiedek im März 2011 das Amt der Hamburger Justizsenatorin übernahm, sah sie als größte Herausforderung die Bekämpfung der Jugendgewalt. Zusammen mit der Schul- und der Sozial-behörde wollte sie ein Konzept erarbeiten, „damit uns kein junger Gewalttäter durch die Lappen geht“.

Furore machte Schiedek dann aber eineinhalb Jahre später mit dem zweiten Thema in ihrer Zuständigkeit: der Gleichstellung. Die 38-jährige Sozialdemokratin gilt als „Mutter der Frauenquote“, die im Herbst im Bundesrat auch Stimmen von unionsgeführten Ländern bekam. 2018 sollen mindestens 20 Prozent der Aufsichts- und Verwaltungsratsmitglieder Frauen sein, 2023 dann 40 Prozent. Das kurzfristige Ziel ist nicht wahnsinnig ambitioniert, denn heute liegt der Anteil schon bei 15 Prozent. Auch fehlt die Unterstützung im Bundestag. Dennoch war es ein Coup für die Senatorin, einige Unionsländer zur Rebellion gegen die CDU-Parteilinie anzustiften. So kann es weiter gehen. Verena Schmitt-Roschmann

 

Frankreich

Ségolène Royal


Sie hatte Talent und kaum was falsch gemacht. Ségolène Royal trat 2007 als französische Präsidentschaftskandidatin stolz und kämpferisch auf, noch dazu diskret. Aber Nicolas Sarkozy, der Spieler, stahl ihr die Show. Nach der Niederlage gab Royal dann die Trennung von François Hollande bekannt, dem Mann mit dem sie vier Kinder und die politische Vision teilte – auch er ein ambitionierter Sozialist. Als es ihn fünf Jahre später ebenfalls in den Elysée zog, stand Royal in der Kampagne hinter ihm. Jetzt ist er Präsident. Mit neuer Frau zog er ein ins Beinahe-Schloss, während Royal draußen für einen Sitz im Parlament kämpfte.

Hollande revanchierte sich und unterstützte seine Ex in der Stichwahl. Doch da sah Valérie Trierweiler, seine Neue, Rot. Per Twitter ermutigte sie Royals Konkurrenten – und der gewann. Ségolène Royal reibt sich ständig auf für die Parti Socialiste und wollte sie modernisieren. Ihr steht mehr zu als die Rolle der ewigen „Verliererin“. Maxi Leinkauf

 

Stabilitätspakt

Andreas Voßkuhle


Im Sommer hatte die europäische Integration Pause. Bis September standen die Gesetze, mit denen der Bundestag den ESM-Vertrag und den Fiskalvertrag gebilligt hatte, beim Bundesverfassungsgericht in Karlsruhe in einem Eilverfahren auf dem Prüfstand.

Von der Warnung der Regierung, Verzögerungen oder gar eine Ablehnung könnten zu „wirtschaftlichen Verwerfungen mit nicht absehbaren Folgen“ führen, ließ sich der zweite Senat mit seinem Vorsitzenden Andreas Voßkuhle nicht beeindrucken. Im Gegenteil. Statt der üblichen drei Wochen nahm sich das Gericht fast zweieinhalb Monate Zeit. Voßkuhle sagte: „Europa fordert den demokratischen Verfassungsstaat ebenso wie der demokratische Verfassungsstaat Europa fordert. Wer dieses Verhältnis zu einer Seite auflöst, verliert die andere!“ Damit hat er dem deutschen Rechtsstaat einen großen Dienst erwiesen. Snow_in_June

 

Linke

Dietmar Bartsch


Der Freitag: Darf ich Ihnen drei kleine Fragen stellen?

Dietmar Bartsch: Gern, eine Zeit kann ich noch nicht anbieten. Ist letzte Bundestagswoche und Terminstau.

Wir können auch per Sms? Wo sind Sie denn gerade? ;-)

Fraktionsvorstand. Und gestern war ich noch in Tel Aviv.

Was haben Sie denn in Israel gemacht?

Bin Berichterstatter im Haushaltsausschuss zu Entwicklung und wirtschaftlicher Zusammenarbeit und war dort mit Niebel.

Was hat er diesmal gekauft?

Nix. Eine Schule und ein Klärwerk eingeweiht.

Und sonst, wie war 2012?

Mir geht es gut und 2012 war ein spannendes Jahr. Ich bin mit mir im Reinen.

Sie wollten ja Parteivorsitzender werden. Was haben Sie denn aus der Niederlage im Juni gelernt?

Ehrlich in der Sache kämpfen und dann knapp verlieren, kann persönlichen und politischen Gewinn bringen.

Ok, das klingt nach einer reifen Einsicht! Und: Was passiert 2013?

Bei den Bundestagswahlen trete ich wieder an. Fragen: Jana Hensel

 

 

Fernsehen

B. v. Stuckrad-Barre


Ist-jetzt-nicht-euer-Ernst, denken Sie vermutlich. Dieser gelackte Schnösel, der seit 14 Jahren vom Ruhm seines Erstwerks zehrt (Soloalbum, 1998) und seine schnöseligen Ansichten exklusiv für Springer aufschreibt?

Ja, der, denn wenn man über Latenight- und Polit-Shows und über deren Krise spricht, dann muss man auch von Stuckrad-Barre reden, wie seine Show heißt, seit sie im Oktober von ZDFneo auf Tele 5 abgewandert ist. 45 Minuten talkt, turnt und kindergeburtstagt BvSB mit dem Gast. Er hat FDP-Generalsekretär Patrick Döring gefragt, ob er moralische Bedenken hätte, eine Haustierversicherung für die Katzen von Beate Zschäpe abzuschließen, und mit Rezzo Schlauch „Wer nervt mehr als Claudia?“ gespielt. Und weil er zu seinen Gästen nie schnöselig, sondern immer freundlich ist, erfährt man hier mehr, als vielen lieb sein kann. Also: Stuckrad Late Night zurück ins ZDF, und zwar ins Hauptprogramm. Christine Käppeler

 

US-Wahl

Tammy Baldwin


Die ersten Worte nach ihrer Wahl waren: „Ich bin nicht angetreten, um Geschichte zu schreiben.“ Das allerdings hat sie getan. Denn den Zweikampf zwischen Präsident Obama und Mitt Romney im US-Wahlkampf wird man bald vergessen haben. Dass es mit Tammy Baldwin erstmals eine offen lesbische Poli-tikerin in den US-Senat schaffte, dagegen nicht.

Über den großen Teich kam diese Nachricht allerdings nicht, vielleicht weil es nicht in Europas USA-Bild von einer nach rechts driftenden Gesellschaft passt. Andererseits ist Baldwin schon so etwas wie eine Veteranin in der US-Politik. Seit 13 Jahren sitzt sie im Kongress, setzt sich für Frauenrechte ein und hat dort zuletzt massiv für Obamas Gesundheitsreform geworben. Eigentlich ging ihr die Reform sogar nicht weit genug. Damit machte die 50-Jährige auch in Wisconsin Wahlkampf. Das wurde ihr allerdings nicht zur Belastung gegen den ziemlich beliebten republikanischen Ex-Gouverneur Tommy Thompson. Sie gewann mit Abstand. Jörn Kabisch

 

Blogosphäre

Malala Yousafzai


Im Oktober zerrten radikale Islamisten Malala Yousafzai aus dem Schulbus und schossen ihr in Kopf und Nacken. Die 14-jährige Pakistanerin aus der Stadt Mingora im Swat-Tal ist durch ihren Blog bekannt geworden. Seit 2008 bloggte sie für die BBC unter dem Pseudonym Gul Makai (Kornblume) überihr Leben in Pakistan und ihren Wunsch nach Bildung. Später trat sie auch im Fernsehen unter ihrem echten Namen auf und sprach sich dort für das Recht von Mädchen auf Bildung aus.

Nach dem Attentat auf ihre Person war es möglich, Yousafzai so weit zu stabilisieren, dass sie in ein Krankenhaus ins britische Birmingham gebracht werden konnte. Dort befindet sie sich noch heute. Auch nach dem Anschlag erhalten sie und ihr Vater von den Tätern weitere Mord-drohungen. Trotzdem will Yousafzai nach ihrer Gesundung nach Pakistan zurückkehren und dort weiterhin politisch aktiv sein. Marie Mohrmann

 

Whistleblowing

Bradley Manning


So seltsam es klingen mag: Die Hauptverhandlung gegen den mutmaßlichen Wikileaks-Informanten Bradley Manning soll erst im März 2013 beginnen. Bisher haben sich die Militärgerichte vor allem mit Verfahrensfragen und den Haftbedingungen des US-Soldaten beschäftigt. Seit 2010 sitzt Manning inzwischen im Gefängnis, zeitweise unter derart harten Bedingungen, dass selbst der UN-Sonderberichterstatter über Folter seine Behandlung als „grausam, unmenschlich und demütigend“ bezeichnete.

Mannings Anwalt forderte vergeblich die Einstellung des Verfahrens, da sein Mandant durch die Untersuchungshaft schon ohne Urteil unrecht-mäßig bestraft worden sei. Im November bot Manning an, sich in acht Anklagepunkten schuldig zu bekennen, wenn er dadurch einen Strafnachlass erreichen könnte. Sollte dem stattgegeben werden, drohte zumindest nicht länger die Todesstrafe wegen angeblicher „Kollaboration mit dem Feind“. Steffen Kraft

 

Da fehlt noch jemand? Fügen Sie einfach Ihre Vorschläge, wer 2012 mehr Aufmerksamkeit verdient hätte, in den Kommentaren hinzu.

Schon im Vorfeld dieser Veröffentlichung, hat die Freitag-Community Menschen vorgeschlagen, die 2012 mehr Aufmerksamkeit verdient hätten. Leider konnten in der gedruckten Zeitung nicht alle berücksichtigt werden – sie finden Sie allerdings hier

Kommentare (12)

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Ehemaliger Nutzer 17.12.2012 | 18:09

Danke für die positiv stimmenden Blitzlichter! Über die meisten Leute in der Aufzählung will man wirklich mehr lesen, hören, sehen und gerade solche Dinge wie der umgesetzte Genossenschaftsgedanke machen einem warm ums Herz.

Hoffentlich schaffen es die Frauen zusammen mit den Bewohnern ihres Orts, die 'Geiz ist geil'-Idiotie zu überwinden, die 99,99% arm und 0,01% reich macht.

Würde gibt es nicht zum Billigtarif. In diesem Sinne: Lasst euch nicht verhartzen! Lasst Euch nicht demütigen! Wir brauchen die Macht der Graswurzeln. Da können noch so viele Dinosaurier drübertrampeln, das Gras kommt immer wieder.

Costa Esmeralda 18.12.2012 | 17:46

Da ich Bradley Manning vorgeschlagen hatte, bin ich selbstverständlich erfreut über seine Nennung. Nur hätte ich mir eine weit informativere Würdigung seines Verhaltens gewünscht und nicht nur die Erwähnung als Wikileaks-Informant und seine Gefängnisbedingungen. Es hätte wenigstens eine kurze Einschätzung seines Widerstands-Verhaltens gegen den US-Staatsapparat erwähnt werden müssen, wenn auch jedermann über die Wikileaks-Affäre Bescheid wissen sollte. Bradley Manning hat auch eine Bedeutung für die Zivilcourage in deutschen Landen gegenüber politischen Seilschaften.

JR's China Blog 20.12.2012 | 10:18

Ich hatte Wang Fengbo vorgeschlagen. Insofern bin ich enttäuscht. Die Frage beim "crowdsourcing" war gewesen: "wen haben wir übersehen?" Der Teaser hier lautet: "nicht immer sind die Menschen, die direkt im Rampenlicht stehen, die interessantesten".

Nun steht Manning nicht "im Rampenlicht" - er ist inhaftiert. Aber sein Fall findet viel Beachtung. Er ist alles andere als "übersehen".

Warum die Deutsche-Welle-Story andererseits nicht von Interesse sein soll, wird mir nicht klar. Die von mir erwähnten Ex-Redakteure stehen tatsächlich nicht im Rampenlicht, und ihre Fälle berühren von "Integration" und "auswärtige Beziehungen" bis hin zu "Meinungspluralismus" so ziemlich alles, was in Deutschland "politisch" ist.

Ich vermute, es ist einfacher, sich um das zu kümmern, was in anderen Ländern "hakt", als um das, was zu Hause womöglich nicht stimmt, und dem man nachgehen sollte. Das entscheidet darüber, welche Story sich verkauft, und welche nicht.

Aber eins sollte niemand übersehen: darin, wie eine öffentlich-rechtliche Einrichtung in Deutschland mit ihren Mitarbeitern umgeht, drückt sich auch etwas über die Bereitschaft unseres Staates aus, sich für solche Bürgerinnen und Bürger einzusetzen, die z. B. von U.S.-Diensten entführt und "befragt" werden. Khalid El-Masri, z. B.. Ein deutscher Staatsbürger, der bis auf die europäische Ebene gehen musste, bevor die Rechte eines Deutschen - in Deutschland - zur Abwechslung einmal einmal ernst genommen wurden.

Nichts gegen das Interesse für Manning. Aber wer sich für das Thema "Netzfreiheit" interessiert (vgl. Sue Gardner als eine der 12 für 2012), sollte sich fragen, warum das Thema Meinungspluralismus in einer Anstalt des öffentlichen Rechtskein Thema sein soll.

EPD medien hat das Thema allen deutschen Medien verfügbar gemacht. Meines Wissens hat sich vorher nur eine eher randständige Internetplattform - die "Neue Rheinische Zeitung" - dafür interessiert - und hinterher niemand mehr.

Woran liegt das? Müsste die Richtung der Deutschen Welle nicht ergebnisoffen diskutiert werden? Themen genug gäbe sie her - und dass es dort Konflikte gibt oder gab, ist dokumentiert.

Costa Esmeralda 21.12.2012 | 02:21

@JR'S,

obwohl ich in Panamá lebe und sicher jeden zweiten Tag die Nachrichten in der Deutschen Welle sehe, sind mir die redaktionellen Interna der DW nicht bekannt. Ich werde versuchen, Deinen Links nachzugehen. Wenn es so ist, wie Du sagst, ist das natürlich abermals ein schlechtes Zeichen unserer Seilschaften-Republik. Wer sich da nicht nahtlos einklickt, ist auf dem "deutschen Abstellgleis", was ich zur Genüge am eigenen Leib erfahren haben. Bis auf die evangelische Kirche zu Beginn meiner Karriere im Ausland, habe ich von deutscher Seite nur Steine in den Weg gelegt bekommen. Man muss seine Prinzipien an der Eingangstür zu den öffentlichen Behörden abgeben, um geduldet oder gefördert zu werden. Besonders unabhängige Geister werden von mediokren Bürokraten in allen öffentlichen Apparaten bis aufs "Blut" bekämpft. Der Umgang mit China ist für unsere Seilschaften ein heikles Thema. Menschenrechtsverletzungen werden kaum kritisiert, aber wenn Merkel mit der Crème der deutschen Plutokraten in Peking aufkreuzt, dann wird bei chinesischem Essen so manches "fette" Geschäft auf den Weg gebracht.

Ich werde mich jedenfalls kundig machen. Dank für Deinen Hinweis und Frohes Fest!

JR's China Blog 21.12.2012 | 12:24

Die Vorgänge betreffen überwiegend oder komplett die China-Redaktion, Costa. Ein bis zwei "offene Briefe" mit Generalverdächtigungen gegen diese Redaktion - und eine aus meiner Sicht zwar skandalträchtigen, aber auch durch deutsche Mainstream-Medien vertretene Position der stellvertretenden China-Redaktionsleiterin zu den Menschenrechten in China - reichten 2008 für einen erheblichen Shitstorm. Damals wurde mit zweierlei Maß gemessen - und für den Verdacht einer "KP-China-Nähe" der Redaktion fand eine Untersuchung keinen Anlass. Allerdings wurde der Untersuchungsbericht nie veröffentlicht - was man von ihm weiß, brachte 2009 die Süddeutsche Zeitung in Erfahrung.

Über die evangelische Kirche denke ich seit den EPD-Berichten etwas positiver als vorher - vielleicht instinktiv bin ich auch nie ausgetreten. Es kann sein, dass die Kirche mehr "Zivilgesellschaft" praktiziert als die Politik und Presse.

Deutschland ist - mit verschiedenen Stärken und Schwächen, die sich daraus ergeben -, ein korporatistischerer Staat als z. B. Großbritannien, und eine unserer Schwächen daraus ist m. E. das weitgehende Fehlen einer wirklichen Zivilgesellschaft - selbst der Allgemeine Deutsche Fahrradclub wird von einem früheren Minister geleitet.

("Immaterielle") individuelle Rechte werden z. B. in Großbritannien deutlich ernster genommen als hier. Schwer vorstellbar, dass die britische Presse eine vergleichbare Geschichte nicht aufgreifen würde.

Sowohl einige chinesische Dissidenten in Deutschland als auch der "Autorenkreis der Bundesrepublik" verstehen das Spiel des "Zusammenwirkens" offenbar recht gut. Fengbo Wang - und vielleicht auch einige seiner DW-Kollegen - haben Deutschland womöglich zu idealistisch gesehen, in dem Sinne, dass eine parlamentarische Demokratie wenig mit Stände-Ideologien zu tun haben könne. Oberflächlich betrachtet kann dieser Eindruck ja auch durchaus entstehen.

Zur "Zhang-Danhong-Affäre" empfehle ich das Archiv bei Perlentaucher.

Die EPD-Berichte über die aktuelleren Ereignisse sende ich Ihnen bei Interesse gerne per Email zu - im Internet sind sie leider nicht verfügbar.

Costa Esmeralda 21.12.2012 | 18:11

Lieber JR'S,

habe gerade Perlentaucher gelesen. War nicht auf dem Laufenden, was China anbetrifft. Werde mich in Zukunft öfter bei Dir einklicken. Was in dem Lande geschieht, muss transparenter gemacht werden. Wir alle hoffen, dass China doch eines Tages ein freiheitlicherer Staat wird als gegenwärtig. Ich habe schon seit 35 Jahren einen Traum: Eine Tour vom südlichen Indien hinauf zum Himalaya und weiter bis in die Mandschurei. Bisher hat mich Afrika und Lateinamerika (und die Knete) an der Realisierung dieses Wunsches gehindert. Aber vielleicht gibt es noch Wunder. Die Chinesen, die ich im Ausland getroffen habe (natürlich durch die Regierung geschickt), waren ausnahmslos äusserst liebenswerte Menschen. Allerdings erwies sich die Diskussion über Menschrechte und Demokratie als zu heikel, um sie überhaupt erst einmal zu beginnen.

Frohes Fest!!!!!

Tai De 22.12.2012 | 11:01

Jr, würde Fengbo Wang seinen Fall vor dem Bundesarbeitsgericht (oder auf der von dir erwähnten europäischen Ebene) gewinnen, und würde ein Gericht außerdem einige sehr aufregende Dinge dazu sagen, dann würde die Presse, und auch der "Freitag", sich darauf stürzen wie die Fliegen auf den Honigtopf. Die Presse, auch der "Freitag", müsste sich dann aber auch die Frage gefallen lassen, warum es immer wieder Juristen (anscheinend die letzten Vollprofis in diesem Staat) sein müssen, die sich um ein paar Prinzipien kümmern, die den Müttern und Vätern unseres GG wichtig waren, und warum die Presse selbst, die sich so gerne als "4. Gewalt" und als "meinungsbildend" betrachtet, die Öffentlichkeit nicht aus eigenem Antrieb und Interesse informiert. So wundere ich mich nicht darüber, dass die Printausgaben, ebenso wie die Internetausgaben, zunehmend an Relevanz verlieren und beim interessierten Publikum durch zumeist englischsprachige Medien ersetzt werden. (Ich glaube, die Zeitungskrise wäre in Deutschland viel größer, wenn das Englische hier wirklich allgemein beherrscht würde.) JR, ich freue mich schon auf deinen Blog in 2013.

Costa Esmeralda 22.12.2012 | 16:39

Danke für Deinen Kommentar! Habe gerade einmal in Deinem Blog nachgesehen: Interessant!

Wenn sich doch bloss einige Blogger hier zusammenfinden könnten, um eine Monatszeitschrift über Kritik, Reform und Utopie der gegenwärtigen Seilschaften-Republik auf die Beine zu stellen? Unsere Republik muss zur Bürger-Republik werden, und dafür braucht man seilschaften-unabhängige Leute, denen der Humanismus etwas wert ist, um kultiviert zu werden und die Paradigmen von Kapitalismus und Sozialismus abzulösen.

Frohes Fest wúnsche ich Dir aus der Ferne!