12 für 2012

Rückblick Nicht immer sind die Menschen, die direkt im Rampenlicht stehen, die interessantesten. Wir haben Leute gesucht, über die wir dieses Jahr gerne mehr gelesen hätten
12 für 2012
Illustration: Der Freitag; Fotos: AFP/Getty Images (8), dap (3), Wolfgang Koral (1)

Schlecker

Karin Meinerz


Im Januar meldete die Drogeriekette Schlecker Insolvenz an. Rund 25.000 Mitarbeiter verloren ihren Job. Die 52 Jahre alte Karin Meinerz ließ sich davon nicht unterkriegen. Mit zwei Kolleginnen setzte sie als erste das von Verdi entwickelte Genossenschaftsmodell „Dorfladen statt Schlecker“ um. Am 17. November eröffneten die Frauen mit erweitertem Sortiment im baden-württember-gischen Erdmannhausen ihren „Drehpunkt“. Deutschlandweit sollen weitere Läden folgen.

Der Freitag: Wie verlief der Start in die Selbstständigkeit?

Karin Meinerz: Im Prinzip gut. Zwar gab es Anlaufschwierig-keiten, einen Kassenabsturz und Ware wurde nicht geliefert, im Vergleich zu unseren Problemen am Jahresanfang aber waren das Kleinigkeiten.

Was ist das Besondere an Ihrem Konzept?

Gemeinsam sind wir stark. Viele Erdmannhäuser haben vor der Eröffnung „Stützlis“ – Wertgutscheine – erworben. So haben sie 5.000 Euro zum Startkapital beigesteuert. Dafür müssen sie jetzt zum Einkaufen nicht weit fahren. Fragen: Anna Fastabend

 

Netzfreiheit

Sue Gardner


Angeblich haben weltweit 69 Frauen mehr Einfluss als Sue Gardner. So behauptet es das US-amerikanische Wirtschaftsma-gazin Forbes, das die Geschäftsführerin der Wikimedia-Stiftung, die die Online-Enzyklopädie Wikipedia betreibt, auf Platz 70 ihrer Top 100 der mächtigsten Frauen setzte. Wahrscheinlich ist das allerdings noch untertrieben.

Gardner war im Januar eine treibende Kraft hinter der eintägigen Abschaltung der englischsprachigen Wikipedia aus Protest gegen das SOPA-Gesetz in den USA – und half so, die vielleicht wichtigste Erkenntnis im Kampf um Netzfreiheit selbst unter sporadischen Nutzern zu verbreiten: Mit angeblich gegen Urheberrechtsverstöße gerichtete Gesetze lassen sich die wichtigsten Teile des Internets zensieren. Nach einer Protestwelle wurden die Beratungen abgebrochen. Von diesem Erfolg beflügelt, erhielt auch die europäische Bewegung gegen das „Anti-Pira-terie-Abkommen“ ACTA so viel Aufwind, dass der Vertrag schließlich kippte. Steffen Kraft

 

Euro

Erkki Tuomioja


Als Margaret Thatcher in den Achtzigern Großbritannien brutal privatisierte, begründete sie dies knapp: „There is no alternative“. Ähnliche Argumente hört man heute, wenn es um den Euro geht: Nicht schön, aber es gibt keine Alternative. Umso überraschender, als im August der finnische Außen-minister Erkki Tumioja – ein Europafreund und hervorragender Diplomat – sagte, sein Land bereite sich auf den Euro-Ausstieg vor.

Potzblitz! Nicht Spanien, nicht Griechenland, nein, ausgerechnet Finnland, das als erstes die Maastricht-Kriterien zur Einführung des Euro erfüllte, das an der Einheitswährung nur verdiente, will aussteigen? Das Ende des Euro bedeute nicht das Ende der EU, ruderte Tuomioja zurück. Europa-Minister Alexander Stubb erklärte gar, „die Spekulationen des Außenministers spiegelt nicht die Position der Regierung wider.”

Trotzdem würde man gern mehr über den weißhaarigen Mann erfahren. Ob er ein Totengräber ist oder ein Visionär. Mikael Krogerus

 

Occupy

Helga Franke


Die 70 Jahre alte Aktionskünstlerin Helga Franke setzte sich 2012 mit ihrer Arbeit für die Occupy-Bewegung vor der Europäischen Zentralbank in Frankfurt am Main ein. Demo Basics nennt sich etwa eine Serie von ihr gestalteter Tafeln auf Stöcken, die das Bild des Occupy-Camps und der Blockupy Demonstra-tionen im Mai mitprägten.

Bekannt wurde Franke 1983 durch die Gründung der Beuys-Kinder-Uni. Seither beschäftigt sich die Künstlerin mit territo-rialen und mentalen Grenzen: in Mandatory Stop etwa, einer Reihe von Aktionen entlang der Grenzübergänge von Jordanien, Syrien und Israel. Ebenso in Werkstatt Deutschland – einer Werkgruppe zum Thema Demokratie und Gesellschaft.

All ihre Arbeiten verbindet ein Gespür für und ein schonungsloser Blick auf politische Konfliktherde. Helga Franke ist definitiv unterbewertet: Politische Kunst ist einfach nicht sexy genug, um im Kunstbetrieb erwähnt zu werden. Silvio Spotiswoode, Freitag-Community

 

Frauenquote

Jana Schiedek


Eigentlich hat sie eine ganz andere Agenda. Als Jana Schiedek im März 2011 das Amt der Hamburger Justizsenatorin übernahm, sah sie als größte Herausforderung die Bekämpfung der Jugendgewalt. Zusammen mit der Schul- und der Sozial-behörde wollte sie ein Konzept erarbeiten, „damit uns kein junger Gewalttäter durch die Lappen geht“.

Furore machte Schiedek dann aber eineinhalb Jahre später mit dem zweiten Thema in ihrer Zuständigkeit: der Gleichstellung. Die 38-jährige Sozialdemokratin gilt als „Mutter der Frauenquote“, die im Herbst im Bundesrat auch Stimmen von unionsgeführten Ländern bekam. 2018 sollen mindestens 20 Prozent der Aufsichts- und Verwaltungsratsmitglieder Frauen sein, 2023 dann 40 Prozent. Das kurzfristige Ziel ist nicht wahnsinnig ambitioniert, denn heute liegt der Anteil schon bei 15 Prozent. Auch fehlt die Unterstützung im Bundestag. Dennoch war es ein Coup für die Senatorin, einige Unionsländer zur Rebellion gegen die CDU-Parteilinie anzustiften. So kann es weiter gehen. Verena Schmitt-Roschmann

 

Frankreich

Ségolène Royal


Sie hatte Talent und kaum was falsch gemacht. Ségolène Royal trat 2007 als französische Präsidentschaftskandidatin stolz und kämpferisch auf, noch dazu diskret. Aber Nicolas Sarkozy, der Spieler, stahl ihr die Show. Nach der Niederlage gab Royal dann die Trennung von François Hollande bekannt, dem Mann mit dem sie vier Kinder und die politische Vision teilte – auch er ein ambitionierter Sozialist. Als es ihn fünf Jahre später ebenfalls in den Elysée zog, stand Royal in der Kampagne hinter ihm. Jetzt ist er Präsident. Mit neuer Frau zog er ein ins Beinahe-Schloss, während Royal draußen für einen Sitz im Parlament kämpfte.

Hollande revanchierte sich und unterstützte seine Ex in der Stichwahl. Doch da sah Valérie Trierweiler, seine Neue, Rot. Per Twitter ermutigte sie Royals Konkurrenten – und der gewann. Ségolène Royal reibt sich ständig auf für die Parti Socialiste und wollte sie modernisieren. Ihr steht mehr zu als die Rolle der ewigen „Verliererin“. Maxi Leinkauf

 

Stabilitätspakt

Andreas Voßkuhle


Im Sommer hatte die europäische Integration Pause. Bis September standen die Gesetze, mit denen der Bundestag den ESM-Vertrag und den Fiskalvertrag gebilligt hatte, beim Bundesverfassungsgericht in Karlsruhe in einem Eilverfahren auf dem Prüfstand.

Von der Warnung der Regierung, Verzögerungen oder gar eine Ablehnung könnten zu „wirtschaftlichen Verwerfungen mit nicht absehbaren Folgen“ führen, ließ sich der zweite Senat mit seinem Vorsitzenden Andreas Voßkuhle nicht beeindrucken. Im Gegenteil. Statt der üblichen drei Wochen nahm sich das Gericht fast zweieinhalb Monate Zeit. Voßkuhle sagte: „Europa fordert den demokratischen Verfassungsstaat ebenso wie der demokratische Verfassungsstaat Europa fordert. Wer dieses Verhältnis zu einer Seite auflöst, verliert die andere!“ Damit hat er dem deutschen Rechtsstaat einen großen Dienst erwiesen. Snow_in_June

 

Linke

Dietmar Bartsch


Der Freitag: Darf ich Ihnen drei kleine Fragen stellen?

Dietmar Bartsch: Gern, eine Zeit kann ich noch nicht anbieten. Ist letzte Bundestagswoche und Terminstau.

Wir können auch per Sms? Wo sind Sie denn gerade? ;-)

Fraktionsvorstand. Und gestern war ich noch in Tel Aviv.

Was haben Sie denn in Israel gemacht?

Bin Berichterstatter im Haushaltsausschuss zu Entwicklung und wirtschaftlicher Zusammenarbeit und war dort mit Niebel.

Was hat er diesmal gekauft?

Nix. Eine Schule und ein Klärwerk eingeweiht.

Und sonst, wie war 2012?

Mir geht es gut und 2012 war ein spannendes Jahr. Ich bin mit mir im Reinen.

Sie wollten ja Parteivorsitzender werden. Was haben Sie denn aus der Niederlage im Juni gelernt?

Ehrlich in der Sache kämpfen und dann knapp verlieren, kann persönlichen und politischen Gewinn bringen.

Ok, das klingt nach einer reifen Einsicht! Und: Was passiert 2013?

Bei den Bundestagswahlen trete ich wieder an. Fragen: Jana Hensel

 

 

Fernsehen

B. v. Stuckrad-Barre


Ist-jetzt-nicht-euer-Ernst, denken Sie vermutlich. Dieser gelackte Schnösel, der seit 14 Jahren vom Ruhm seines Erstwerks zehrt (Soloalbum, 1998) und seine schnöseligen Ansichten exklusiv für Springer aufschreibt?

Ja, der, denn wenn man über Latenight- und Polit-Shows und über deren Krise spricht, dann muss man auch von Stuckrad-Barre reden, wie seine Show heißt, seit sie im Oktober von ZDFneo auf Tele 5 abgewandert ist. 45 Minuten talkt, turnt und kindergeburtstagt BvSB mit dem Gast. Er hat FDP-Generalsekretär Patrick Döring gefragt, ob er moralische Bedenken hätte, eine Haustierversicherung für die Katzen von Beate Zschäpe abzuschließen, und mit Rezzo Schlauch „Wer nervt mehr als Claudia?“ gespielt. Und weil er zu seinen Gästen nie schnöselig, sondern immer freundlich ist, erfährt man hier mehr, als vielen lieb sein kann. Also: Stuckrad Late Night zurück ins ZDF, und zwar ins Hauptprogramm. Christine Käppeler

 

US-Wahl

Tammy Baldwin


Die ersten Worte nach ihrer Wahl waren: „Ich bin nicht angetreten, um Geschichte zu schreiben.“ Das allerdings hat sie getan. Denn den Zweikampf zwischen Präsident Obama und Mitt Romney im US-Wahlkampf wird man bald vergessen haben. Dass es mit Tammy Baldwin erstmals eine offen lesbische Poli-tikerin in den US-Senat schaffte, dagegen nicht.

Über den großen Teich kam diese Nachricht allerdings nicht, vielleicht weil es nicht in Europas USA-Bild von einer nach rechts driftenden Gesellschaft passt. Andererseits ist Baldwin schon so etwas wie eine Veteranin in der US-Politik. Seit 13 Jahren sitzt sie im Kongress, setzt sich für Frauenrechte ein und hat dort zuletzt massiv für Obamas Gesundheitsreform geworben. Eigentlich ging ihr die Reform sogar nicht weit genug. Damit machte die 50-Jährige auch in Wisconsin Wahlkampf. Das wurde ihr allerdings nicht zur Belastung gegen den ziemlich beliebten republikanischen Ex-Gouverneur Tommy Thompson. Sie gewann mit Abstand. Jörn Kabisch

 

Blogosphäre

Malala Yousafzai


Im Oktober zerrten radikale Islamisten Malala Yousafzai aus dem Schulbus und schossen ihr in Kopf und Nacken. Die 14-jährige Pakistanerin aus der Stadt Mingora im Swat-Tal ist durch ihren Blog bekannt geworden. Seit 2008 bloggte sie für die BBC unter dem Pseudonym Gul Makai (Kornblume) überihr Leben in Pakistan und ihren Wunsch nach Bildung. Später trat sie auch im Fernsehen unter ihrem echten Namen auf und sprach sich dort für das Recht von Mädchen auf Bildung aus.

Nach dem Attentat auf ihre Person war es möglich, Yousafzai so weit zu stabilisieren, dass sie in ein Krankenhaus ins britische Birmingham gebracht werden konnte. Dort befindet sie sich noch heute. Auch nach dem Anschlag erhalten sie und ihr Vater von den Tätern weitere Mord-drohungen. Trotzdem will Yousafzai nach ihrer Gesundung nach Pakistan zurückkehren und dort weiterhin politisch aktiv sein. Marie Mohrmann

 

Whistleblowing

Bradley Manning


So seltsam es klingen mag: Die Hauptverhandlung gegen den mutmaßlichen Wikileaks-Informanten Bradley Manning soll erst im März 2013 beginnen. Bisher haben sich die Militärgerichte vor allem mit Verfahrensfragen und den Haftbedingungen des US-Soldaten beschäftigt. Seit 2010 sitzt Manning inzwischen im Gefängnis, zeitweise unter derart harten Bedingungen, dass selbst der UN-Sonderberichterstatter über Folter seine Behandlung als „grausam, unmenschlich und demütigend“ bezeichnete.

Mannings Anwalt forderte vergeblich die Einstellung des Verfahrens, da sein Mandant durch die Untersuchungshaft schon ohne Urteil unrecht-mäßig bestraft worden sei. Im November bot Manning an, sich in acht Anklagepunkten schuldig zu bekennen, wenn er dadurch einen Strafnachlass erreichen könnte. Sollte dem stattgegeben werden, drohte zumindest nicht länger die Todesstrafe wegen angeblicher „Kollaboration mit dem Feind“. Steffen Kraft

 

Da fehlt noch jemand? Fügen Sie einfach Ihre Vorschläge, wer 2012 mehr Aufmerksamkeit verdient hätte, in den Kommentaren hinzu.

Schon im Vorfeld dieser Veröffentlichung, hat die Freitag-Community Menschen vorgeschlagen, die 2012 mehr Aufmerksamkeit verdient hätten. Leider konnten in der gedruckten Zeitung nicht alle berücksichtigt werden – sie finden Sie allerdings hier

08:00 17.12.2012
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