Ludwig Watzal
01.06.2007 | 00:00

16 Jahre Planung für entscheidende 80 Minuten

Israel im Sechs-Tage-Krieg Tatsächlich haben ihn die Sieger bis heute nicht beenden können

Vor 40 Jahren, am 5. Juni 1967, begann der Sechs-Tage-Krieg im Nahen Osten. In einem Präventivschlag brachte Israel seinen Nachbarn Ägypten, Jordanien und Syrien eine vernichtende Niederlage bei, von der die arabische Welt bis heute traumatisiert ist. Die israelische Armee besetzte damals die ägyptische Sinai-Halbinsel, den Gaza-Streifen, die Westbank und Ost-Jerusalem sowie die syrischen Golan-Höhen.

Es sei für die israelische Führung der casus belli gewesen, als im Frühjahr 1967 der Golf von Aqaba plötzlich für israelische Schiffe gesperrt war, heißt es später in Tel Aviv. Doch gehört diese Behauptung ebenso ins Reich der Legenden, wie die These, der kleine israelische David habe vor 40 Jahren einem übermächtigen arabischen Goliath gegenüber gestanden.

Ebenso wenig entspricht es der Wahrheit, dass mit dem Sechs-Tage-Krieg vom 5. bis zum 10. Juni 1967 der israelische Unabhängigkeitskrieg von 1948 und der Suezkrieg von 1956 fortgesetzt wurden, um einer Vernichtung des Staates Israel durch die arabischen Nachbarn zu entgehen. Mag eine solche Deutung noch für den 48er-Feldzug zutreffen, der in vielerlei Hinsicht den Charakter eines verzweifelten Überlebenskampfes der israelischen Staatsgründer trug, so gilt sie schon nicht mehr für die Suez-Krise von 1956. Damals beteiligte sich Israel schlicht und einfach an einem Angriffskrieg der Kolonialmächte Frankreich und Großbritannien, um das Regime des ägyptischen Staatschefs Nasser zu stürzen und die Verstaatlichung des Suezkanals wieder rückgängig zu machen.

Nasser wollte den Sieg ohne Krieg

Der israelische Historiker Tom Segev vertritt in seinem soeben erschienen Buch 1967. Israels zweite Geburt die Auffassung: Geistig sei das Land bis heute nicht über das Jahr 1967 hinausgekommen. Man könne sich des Eindrucks nicht erwehren, Israel lebe weiter in dieser Zeit, habe es doch seither keine einzige neue Idee gegeben, um den Konflikt mit den Palästinensern wie auch mit Syrien wirklich zu beenden. Vor 40 Jahren sei es zum Präventivkrieg gekommen, weil sich Israel und der Zionismus schon damals in einer tiefen Sinnkrise befanden, während zugleich die Gefahr des palästinensischen Terrors wuchs - so habe man diesen Waffengang als eine Art Ausweg empfunden, für den man sich zwangsläufig entschieden habe.

Dass Israel von "angriffsbereiten arabischen Armeen eingekreist" und Angst um seine Existenz haben musste, gehört somit ins Reich der Mythen. Israelische Politiker wie Militärs haben später bezeugt, tatsächlich bestand für Israel seinerzeit keine akute Kriegsgefahr. Yitzhak Rabin, 1967 Stabschef der Armee, "glaubte nicht, dass Nasser Krieg wollte. Die zwei Divisionen, die er in den Sinai schickte, reichten für eine Offensive nicht aus. Dies wussten er und wir." Auch der Likud-Politiker Menachem Begin, damals Mitglied einer Regierung der Nationalen Einheit, äußert sich in seinen Erinnerungen ähnlich. "Wir müssen zu uns selbst ehrlich sein. Wir trafen die Entscheidung, ihn anzugreifen." Und der ehemalige Außenminister Abba Eban erinnert sich in seinen Memoiren, "Nasser wollte keinen Krieg, er wollte den Sieg ohne Krieg."

Auch General Matti Peled räumt am 3. Juni 1972 im Gespräch mit der französischen Zeitung Le Monde ein, es sei ein "Bluff" gewesen, die Vision von einer "tödliche Gefahr für Israel" heraufzubeschwören - das Land habe sich seit 1949 niemals in einer solch prekären Situation befunden. "All jene Geschichten über die große Gefahr, der wir wegen unseres kleinen Gebietes ausgesetzt waren, kamen erst auf, als der Krieg zu Ende war, sie spielten in unseren Überlegungen vor Ausbruch der Feindseligkeiten keine Rolle. Vorzutäuschen, dass die ägyptische Armee, die an unserer Grenze stand, fähig gewesen sei, die Existenz Israels zu gefährden, ist nicht nur eine Beleidigung für jeden, der die Lage analysiert, sondern primär eine Beleidigung der israelischen Armee."

Noch einmal sei dazu der spätere Premierminister Begin in den Zeugenstand gerufen, der in der New York Times vom 21. August 1982 schreibt: "Die Truppenkonzentrationen der ägyptischen Armee im Sinai waren kein Beweis dafür, dass Nasser bereit war, uns anzugreifen. Wir müssen uns gegenüber ehrlich sein. Wir entschieden, ihn anzugreifen." Und der damalige Luftwaffengeneral Mordechai Hod erinnert sich heute: "16 Jahre Planung gingen in diese entscheidenden 80 Minuten ein. Wir lebten mit dem Plan, wir überschliefen den Plan, wir verzehrten den Plan. Wir perfektionierten ihn ständig." Schon Ende 1966 kam es zu einem Treffen zwischen dem Außenministerium, dem Militärgeheimdienst und dem Geheimdienst Mossad, um Szenarien über die Zukunft der Westbank zu besprechen.

Warum entscheiden sich die Israelis Anfang Juni 1967 für einen Präventivschlag, obgleich keine "tödliche Gefahr" besteht? Für die Generalität gibt es keinen Zweifel, dass die israelische Armee in der Lage ist, "Jerusalem und die Westbank zu befreien". Die CIA diagnostiziert im Mai 1967, Israel könne einen Krieg innerhalb weniger Tage beenden. Für US-Verteidigungsminister McNamara stellt sich höchstens die Frage, ob es fünf oder zehn Tage dauern werde - auf alle Fälle erhält die israelische Regierung von den USA grünes Licht für einen Angriff. Es kommt zu intensiven Konsultationen zwischen Tel Aviv und Washington. Israels Befürchtung, es könne wie 1956 um die Früchte des Sieges gebracht werden, zerstreut das Weiße Haus nachdrücklich.

Boden, das Kostbarste und Wichtigste

Am Morgen des 5. Juni wird zunächst Ägypten angegriffen und in wenigen Stunden dessen gesamte Luftwaffe zerstört, drei Tage später muss Präsident Nasser einen Waffenstillstand schließen. Bis dahin bleibt es an der syrisch-israelischen Grenze noch ruhig - selbst als die jordanische Armee von Israel überrannt wird, greift Syrien nicht ein. Dann aber kommt es zum großen Schlag: Am 9. Juni erobern israelische Einheiten innerhalb von acht Stunden die Golan-Höhen. Die Syrer hätten in den Monaten zuvor, heißt es zur Rechtfertigung, immer wieder auf die zu ihren Füßen liegenden Kibbuzim geschossen.

Ergab sich daraus unzweifelhaft das entscheidende Motiv für die Einnahme des strategischen Höhenzuges? Ein am 27. April 1997 posthum veröffentlichtes Interview mit Verteidigungsminister Moshe Dayan in der Zeitung Yediot Aharonot, das am 22. November 1976 und am 1. Januar 1977 geführt worden ist, lässt auf weitergehende Beweggründe schließen. Dayan erinnert sich in diesem Gespräch, am 8. Juni 1967 sei eine Delegation von Kibbuzmitgliedern nach Jerusalem gekommen, um die Regierung von der Notwendigkeit eines Angriffs auf den Golan zu überzeugen. Die Siedler, so Dayan, hätten geschildert, dass es für die Zwischenfälle an der Waffenstillstandslinie zwischen Syrien und Israel ein gut eingespieltes Szenario gebe: "Wir schickten einen Traktor aufs Feld, dorthin, wo man nichts tun konnte, in die demilitarisierte Zone. Wir wussten, dass die Syrer anfangen würden zu schießen. Wenn sie nicht schossen, sagten wir dem Fahrer, er solle weitermachen, bis es den Syrern zu viel wurde und sie doch zu schießen anfingen. Dann beschossen wir sie mit unserer Artillerie ..." Nach dem Krieg von 1948, erläutert Dayan Yediot Aharonot, habe Israel die demilitarisierte Zone am Golan nie als dauerhaft betrachtet. "Wir dachten, ... wir könnten die Waffenstillstandslinien durch militärische Aktionen ändern, ohne Krieg zu führen; mit anderen Worten: Wir dachten, wir könnten ein Stück Land an uns reißen und solange daran festhalten, bis der Feind die Nase voll hat und sagt: behaltet es! Das mag naiv erscheinen, aber Sie müssen bedenken, dass wir keinerlei Erfahrungen als Staat hatten."

Entgegen Dayans Behauptung, auf den Golan-Höhen seien lediglich syrische Truppen stationiert gewesen, lebten dort damals etwa 120.000 Syrer. "Die Siedler sahen den guten Boden im Jordantal und am See Genezareth und träumten davon. Erinnern Sie sich, dass zur damaligen Zeit Ackerland einen unschätzbaren Wert darstellte. Bebaubarer Boden war das Wichtigste und Kostbarste." Auf die Frage, ob die Kibbuzniks das Land wollten, antwortete Dayan: "Die Syrer auf der anderen Seite waren Soldaten, die auf sie schossen, und dies mochten sie nicht. Ich kann Ihnen mit absoluter Sicherheit sagen, die Delegation, die Premier Eschkol überzeugen wollte, den Golan zu besetzen, dachte nicht an solche Dinge. Die dachten nur an das Land ... Ich sah sie und sprach mit ihnen. Die versuchten nicht einmal, ihre Verlangen zu verbergen." Von Beginn des Krieges an habe er gewusst, dass Israel zwar ein großes Gebiet erobern würde, um des Friedens willen aber das meiste davon wieder zurückgeben müsse. "Ich sah in die Augen eines Kibbuznik und mir war klar, sollten wir den Golan erobern, würden sie anfangen, Land zu besetzen. Und wenn es dort Siedlungen gibt, kannst du dich nicht zurückziehen. Das war unsere Stärke im Unabhängigkeitskrieg - aber es würde uns nun daran hindern, Frieden zu schließen."

Der grandiose Erfolg im "Sechs-Tage-Krieg" hat sich für Israel letzten Endes als "Pyrrhussieg", ja sogar als "Fluch" erwiesen. Das liberale Image des Landes verwandelte sich in das einer rücksichtslosen Besatzungsmacht. Die Rechte in Israel bewertete den Sieg von 67 als göttlichen Lohn für das jüdische Volk. Die Westbank - oder wie es in Israel heißt: Judäa und Samaria - sollte durch Besiedelung "erlöst" werden.

Unmittelbar nach dem Ende des 67er-Krieges begann die Regierung der Arbeitspartei, die besetzten Gebiete in israelisches Territorium zu integrieren, und kam nicht mehr auf das Junktim zurück, das eroberte Land als Faustpfand für eventuelle Friedensverhandlungen einsetzen zu wollen. Ohnehin waren alle Verhandlungen blockiert, nachdem die arabischen Länder bei ihrem Treffen im August 1967 in Khartum die drei "Nein" beschlossen hatten: Nein zum Frieden mit Israel, Nein zu Verhandlungen, Nein zur Anerkennung Israels.

40 Jahre später bietet die arabische Welt in Gestalt des saudischen Friedensplans Israel erneut eine umfassende Verständigung an. Und sein Ansatzpunkt kann nur darin bestehen, als jene territorialen Realitäten hinzunehmen, wie sie mit dem Sechs-Tage-Krieg gewaltsam etabliert worden sind.