17 Wörter und keins gelogen

Gegen Rechts Im brandenburgischen Blossin trainierten Jugendliche Zivilcourage

Wer nach Blossin will, kommt an Dolgenbrodt nicht vorbei. Stimmt, sagt Olaf, Soziologe und Mitarbeiter eines Bildungsteams, das in Blossin ein Zivilcourage-Training für Jugendliche durchführt. Dolgenbrodt ist ein Dorf südlich von Berlin, in dem vor zehn Jahren, am 1. November 1992, ein bezugsfertiges Asylbewerberheim abbrannte. Einwohner hatten die Brandstiftung in Auftrag gegeben und Geld dafür gesammelt. Die Rechnung ging auf: kein Heim, keine Rumänen, Zigeuner oder Afrikaner. Dolgenbrodt liegt nebenan. Wenn Tobias oder Thomas aus dem Fenster gucken, sehen sie den gleichen grauen Himmel, die hohen Kiefern, den See, auf den der Regen platscht. Ohne es zu wissen, reden die Schüler über das, was damals passierte und immer wieder auch an anderen Orten vorkommt: über Rassismus und die Situation von Flüchtlingen, über Intoleranz, Ausgrenzung und restriktive Gesetze.

Deutschlandweit ist die Zahl der gewaltbereiten Rechten im vergangenen Jahr gestiegen. Nicht übersehbar ist das sich im Alltag einnistende Gemisch von direkter Gewalt und dumpfen Parolen. Es muss schon ein Mord sein wie in Potzlow, um den Kordon der Gewöhnung zu durchbrechen. Entsetzen treibt Politiker an den Tatort. Es gibt keine Erklärung, außer dass die jugendlichen Täter Neonazis waren. Erklärt das etwas? Wann hat das angefangen? Hat keiner etwas bemerkt? Fragen wie Seziermesser. Antworten signalisieren weitere Gefahr - die nächste Tat lauert irgendwo. In Blossin treffen sich Anfang Dezember junge Leute, die das nicht hinnehmen. Die lernen wollen, sich gegen rechte Übergriffe zu wehren und gegen den braunen Ideologiemüll. Gewaltfrei, mit Wissen und Argumenten. Sie besuchen ein Training für Selbstbewusstsein, Mut und Zivilcourage, organisiert vom internationalen Bildungs- und Begegnungswerk Dortmund (IBB) und dem Bildungsteam Berlin-Brandenburg Etwa 80 Jugendliche sind gekommen.

Olaf, einer der Trainer, hat circa 20 Jugendliche zwischen 15 und 20 Jahren in seiner Gruppe. Das Alter der Gewissheiten und Ungewissheiten, des schnellen Meinungswechsels und des kategorischen Imperativs. Ihre Fragen sind moralische Suchsonden. Warum ist nach einem Urteil des Bundesverfassungsgerichts der Einkaufschip oder der personengebundene Gutschein für Deutsche menschenunwürdig, aber für Asylbewerber gang und gäbe? Warum tauschen Schröder oder Schily nicht einmal die Rollen mit Flüchtlingen? Warum wird nicht schon in der siebten Klasse die Nazizeit gründlich behandelt?

Es ist Samstagnachmittag und das Ende der Diskussion nicht abzusehen. Seit neun Uhr sitzen sie, haben über Definitionen nachgedacht - "Rassismus ist ein Verhältnis, das hergestellt wird" - und einen Verfassungsbruch registriert, denn die Residenzpflicht für Asylbewerber steht im Widerspruch zum Grundsatz der Reise- und Bewegungsfreiheit. Gerade erläutert ihr Teamleiter das Prinzip der Einkaufschips und die Höhe der finanziellen Leistungen für Asylbewerber. Das verschlägt den Schülern nun doch die Sprache. Schließlich können sie rechnen, kennen die Preise und wahrscheinlich auch das eigene Familienbudget. Ein Mädchen fragt mit Staunen in der Stimme nach Windeln für kleine Kinder und anderen notwendigen, aber teuren Drogerieartikeln. Sie wird sicher etwas sagen, wenn wieder jemand davon spricht, dass "die Asylanten auf unsere Kosten in Saus und Braus leben" oder "wie die Made im Speck". Soziale Ungleichheit ist unerträglich. Gehässigkeit vielleicht ein Anfang für Schlimmeres.

In einer Pause - schnell vor die Tür, eine rauchen - kommen Thomas und Tobias auf den Gedanken, dass irgend etwas nicht stimmt, wenn Mensch-Sein kein Wert an sich ist. Von da bis zur Nazi-Ideologie sei es nur ein kurzer Weg, gepflastert mit Vorurteilen, Intoleranz, Gewalt. Dieser Weg ist keine Umgehungsstraße. Er verläuft durch die Mitte der Gesellschaft - ein Trampelpfad der Rechten. "Ich bin hierher gekommen, weil mich interessiert, wie und was andere Leute oder Gruppen dagegen machen. Auf alle Fälle bekommt man Kontakte und Infos, wie die Sache mit den Gutscheinen." Tobias meint die Aktion, bei der Jugendliche aus Angermünde mit Lebensmittelgutscheinen von Asylbewerbern einkauften und die Summe dem Besitzer in bar zurückzahlten. Vielleicht kommen noch andere gute Ideen. Thomas will "Argumente tauschen und Gesprächsstrategien besprechen", um offensiv diskutieren zu können. Obwohl "die gebündelte Blödheit" mancher Nazis ganz schön stressig sei. Aber man muss es versuchen. Er ist dafür, schon bei den Kleinen anzufangen, also siebte, achte Klasse, "damit die gar nicht erst auf Parolen reinfallen".

Das könnte klappen, wenn er die "Bunten Schafe" kontaktiert, ein Projekt in Bad Freienwalde. Eines der "Schafe" ist in Blossin, heißt Nick, 16 Jahre, Schüler am Bertolt-Brecht-Gymnasium. Auch Aline kommt von dort. Beide sind leicht übermüdet vom Vortag. Der Samstag ging bis in die Nacht. Theater, Disko, Diskussion. Frühstück am Sonntag um acht, Gruppenarbeit um neun. Da muss man nun durch. Die letzte Phase des Trainings beginnt: Ideen und Projekte entwickeln, Präsentation nach dem Mittag. Nick und Aline warten im "Aquarium", der Empfangs- und Organisationszentrale für das Trainingswochenende.

Bad Freienwalde also. Eine nette adrette Kleinstadt mit Handwerk, Kurbetrieb, kaum Industrie, Arbeitslose, italienische Restaurants, vielleicht ein Pub. In Bad Freienwalde ist es nicht anders als sonst wo. Es gibt eine rechte Szene. In manchen Stuben das passende Requisit, ein paar Hinterhöfe, "wo die Party machen", Accessoires der Aggression am Nazi-Jäckchen. Gewalt kleidet sich gern uniform. "Ja, Nazis kommen öfter vor." Zögerlich bestätigen es die beiden Schüler. Wer sagt schon gern über sein Zuhause, dass es auch stinkt.

Vor etwa einem Jahr entstanden dort aus einem Projekt des Gymnasiums die "Bunten Schafe". Ein Schülerteam, das mit Theater, Spielen, Comic und Video "Aufklärung an Grundschulen gegen Ausgrenzung und Gewalt" betreibt. Bei den Kleinen kommt das gut an. Nick lehnt sich zufrieden zurück, kann ein leichtes Lächeln kaum zurück halten. Najaa, er kennt sie von seiner Mutter, die in einer der Klassen unterrichtet, durch die die "Schafe" immer ziehen. Ein buntes Trüppchen, das gegen verschwiemelte Deutschtümelei und die drögen Bünde von braunen Kameraden vorgeht. Die wollen mit den alten simplen Sprüchen Nachwuchs rekrutieren. Man kennt sich oder den Freund vom Freund oder hat Langeweile. So fängt es manchmal an.

"Da muss man eben aufpassen und was tun." So einfach ist das? Nicht ganz. Ein paar Gedanken müsse man sich schon machen, sich was einfallen lassen. Sich beispielsweise mit Asylbewerbern treffen, ihre Situation kennen lernen, ihre Ängste und ihre Freude, reden, feiern. Da gäbe es eine ganze Menge. "Gemeinschaft mit, nicht gegen andere. Und dazu stehen." Ist das Zivilcourage? "Nö, ganz normal."

Zivilcourage. Oft und gern wird an den Bürger appelliert. Und dann versagt der Staat selbst, wie im Fall NPD-Verbot, der von einer Gerichtssache zur Staatsaffäre mutierte. "Das war doch ein Witz, wie das Verfahren ausgesetzt wurde. Ich finde es schockierend, dass es diese Partei immer noch gibt. Jeder weiß, was die wollen - und trotzdem wird sie nicht verboten." Alex und Phillip haben für Ausflüchte des Innenministers kaum Verständnis. Ehrlich gesagt, überhaupt keines. Sie sehen Marschkolonnen der NPD am Brandenburger Tor, sie lesen demagogische Wahlplakate, hören skandierte Nazisprüche. Und das wird zugelassen!

Alex und Phillip sind Schüler eines Berliner Gymnasiums und nach Blossin gekommen, um Leute kennen zu lernen, die so denken wie sie. "Da merkt man, dass man nicht alleine ist." Bestätigung in der Gruppe und Übereinstimmung stellen sich schnell heraus: Zu Beginn des Trainings macht jeder eine Wertepyramide. Vom Höchstwert an der Spitze entsteht nach unten sich verbreiternd eine Pyramide. Gebaut aus Begriffen wie Freiheit, Respekt, Gleichheit, Toleranz, Frieden, eigenständiges Denken, Liebe, Solidarität, Familie, Bildung, Ehrgeiz, Opferbereitschaft. Zwei 15-Jährige schreiben ihr Bild vom Menschen, ihre Lebensvorstellungen in meinen Block. 17 Wörter und keines ist gelogen.

Blossin kam ihnen wie gerufen. Training für den Fall, wie ihn Phillip schon erlebt hat mit einem Klassenkameraden aus Bayern. "Der war mal Nazi, ist jetzt konservativ und gebildet. Muss man sagen. Ich kam mir jedenfalls ziemlich blöd vor in dem Gespräch. Hier kann ich noch was lernen." Argumente, Situationen richtig einschätzen, um Hilfe bitten. Ein Rollenspiel wird geprobt: Im Schulhof drei Schüler, ein Rechter kommt, die Situation spitzt sich zu. Zwei Schüler hauen ab, der Nazi hat sein Ziel erreicht. Die Gruppe probiert verschiedene Varianten. Am Ende ist klar, man kann sich behaupten gegen das Gangsterprinzip der "national befreiten Zone". Das ist einfach gesagt im Trockentraining. Alltag ist kein Spiel. Und an einer Schule läuft manches durcheinander. "Mitläufer, Möchtegern-Faschos, Leute, die sonst Außenseiter sind, Cliquen. Die nach rechts tendieren. Es gibt keine Glatzen bei uns, aber Leute, die was gegen Linke haben, gegen Ausländer."

Phillip und Alex können die Gründe dafür nur vermuten. Eltern, die unzufrieden sind, keine Arbeit haben. Soziale Unsicherheit produziert Ängste. Das Nationale als Kleister individueller und gesellschaftlicher Brüche. "Das weiß man doch aus der Geschichte." In "Zeiten, wo alles auf der Kippe steht" ist Hochkonjunktur für einfache Formeln wie "erst mal an sich selbst denken" - Mensch ist eben so.

Falsch, meint Alex, die Gründe liegen in der Gesellschaft. "Ist doch kein Zufall oder Naturgesetz, dass eine ganze Jugend ohne Zukunft ist." Er glaubt ebenso wie Phillip an eine Gegenwelt. Leidenschaft und Unbedingtheit zwischen Disko und Schlafengehen. Morgen geht es weiter.

00:00 13.12.2002

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