1844: Kostümierte Habgier

Zeitgeschichte Der junge Marx lernte von Friedrich Engels, die Nationalökonomie aufs Korn zu nehmen. Seine „Umrisse einer Kritik“ enthüllten ein „ausgebildetes System erlaubten Betrugs“
Rudolf Walther | Ausgabe 16/2017 1
1844: Kostümierte Habgier
Im Alter übernahm wieder Marx den aktiven Part

Foto: United Archives International/Imago

Im Spielfilm Der junge Karl Marx von Raoul Peck mit August Diehl in der Hauptrolle gibt es folgende Szene: Der junge Friedrich Engels empfiehlt Marx, statt immer nur griechische Philosophen und Hegel einmal Bücher der Ökonomen Adam Smith und David Ricardo zu lesen. In der nächsten Szene sieht man Marx über Smiths Wealth of Nations englische Vokabeln büffeln. Beide Szenen sind frei erfunden, haben aber einen authentischen historischen Kern. Engels hat Marx mit seiner genialen Frühschrift Umrisse zu einer Kritik der Nationalökonomie aus dem Jahr 1844 erst zum Studium der Politischen Ökonomie motiviert.

Heute gilt Friedrich Engels so viel wie ein toter Hund. Präsent ist er allenfalls noch bei Marx-Philologen, die sich darüber streiten, ob Engels als Autodidakt in Editionsfragen den vorgefundenen, ziemlich ungeordneten Materialhaufen mit ökonomischen Manuskripten von Marx verfälscht habe oder nicht, als er daraus den dritten Band des Kapitals komponierte. Mit dem Abschluss der fantastischen Kapital-Edition der neuen Marx-Engels-Gesamtausgabe (MEGA) im Jahr 2013 ist dieses Thema ziemlich erschöpfend geklärt worden – in 15 Bänden mit zusammen rund 12.000 Druckseiten.

Vom November 1842 bis August 1844 hielt sich Engels in Manchester, also in einer der damals industriell weit fortgeschrittenen Regionen der Welt auf. Was er sah, schockierte den gut 22-Jährigen. Seine Abrechnung mit den englischen Zuständen verknüpfte analytische Schärfe mit politisch-moralisch grundierter Kritik. Gleich der erste Satz in den nur noch Spezialisten bekannten Umrissen ist ein Fanal: „Die Nationalökonomie entstand als eine natürliche Folge der Ausdehnung des Handels, und mit ihr trat an die Stelle des einfachen, unwissenschaftlichen Schachers ein ausgebildetes System des erlaubten Betrugs, eine komplette Bereicherungswissenschaft.“ Bis heute hat die „Nationalökonomie“, die in Deutschland auch als „Volkswirtschaftslehre“ auftritt und sich als Wissenschaft begreifen möchte, ihren Anspruch, „Wirtschaft für Gesellschaft“ zu sein, so wenig erfüllt wie die Betriebswirtschaftslehre. Genau genommen macht sie fast nichts anderes, als die private Plusmacherei des Kaufmanns akademisch zu kostümieren.

Dagegen begriff Engels in den Umrissen auf 25 Druckseiten, dass eine Analyse der ökonomischen Lage unabdingbar mit politisch-moralischen Minimalansprüchen verbunden sein muss; ohne eine solche Verbindung sei die Nationalökonomie nur eine substanzlose Phrase. Die ethisch-moralischen Minimalansprüche formulierte Engels in einer Form, die heute wissenschaftlich als antiquiert erscheint, wenn er sich etwa auf deren „reine menschliche, allgemeine Basis“ beruft. Auch wirft er den Ökonomen vor, sie brächten „ein raffiniertes Recht des Stärkeren“ ins Spiel. In heutiger Diktion meinte er damit freilich nichts anderes als Chancengleichheit, soziale Gerechtigkeit oder die radikale Kritik an der als natürlich propagierten Ungleichheit. Ökonomische Theorie, so Engels, will nicht wissen oder weiß nur zu genau, „welcher Sache (sie) dient“. Und verkommt damit zu Zynismus oder Interessentenprosa.

Engels argumentiert in den Umrissen historisch. Schließlich schottete die Theorie der Handelsbilanz des Merkantilismus im 16. und 17. Jahrhundert die Nationen voneinander ab, plädierte für hohe Zollschranken, verbot Exporte, rechtfertigte Handelskriege und erklärte das Horten von Metallgeld zum Staatsmonopol und obersten Staatsziel. Aber der Übergang vom Merkantilismus zur „freien Marktwirtschaft“ erweise sich bei Licht besehen nur als Wechsel vom „Monopol des Staates“ zum „Monopol des Privateigentums“, befand Engels. Dieses Leitbild gleicht in seiner grobianischen Einfachheit aufs Haar neoliberalen Staatszielen von „America first“ bis zur neudeutschen Ideologie der Schuldenbremse und der Senkung der Staatsquote nach innen sowie der Behauptung einer Rolle als Exportweltmeister nach außen.

Der Fortschritt vom Merkantilismus zum frühen Handelsliberalismus ist unbestreitbar, aber die Revolution blieb „abstrakt“, wie beim Übergang von der Monarchie zur Republik. „Denn die Verachtung und Erniedrigung des Menschen“ blieben bestehen, vermerkt Engels. Aus dem Untertan, der wirtschaftlich vom Staatsmonopol abhängig war, wurde zwar politisch ein Bürger. Aber wirtschaftlich geriet er in die Abhängigkeit von Grundbesitzern und Kapitalisten, also des Privateigentums.

Um diesen Übergang zu verklären, verlegten sich die Ökonomen auf die „Sophisterei“, das heißt, – auf die Schönrednerei. So schwärmten sie von der „humanisierenden Wirkung des Handels“. Engels sah darin nur eine Gleichsetzung von Vorteilsnahme mit Humanität, was zur Folge habe, dass Handelsfreiheit und freie Konkurrenz „die Menschheit in eine Horde reißender Tiere“ verwandelten. So ermöglichte das Fabriksystem die Kinderarbeit und trug in dem Maße zur Zerstörung der Familie bei, in dem Eltern ihre Kinder als zusätzliche Einnahmequelle entdeckten und sich vom Lohn der Kinder Kost und Logis bezahlen ließen. So sah das marktkonforme Familienleben, im bürgerlichen Zeitalter im Zeichen von Kreuz und Kapital hochgradig idealisiert und religiös aufgeladen, im Frühkapitalismus tatsächlich aus.

Privatökonomie und Konkurrenz isolierten jeden „auf seine eigene rohe Einzelheit“ und verfeindeten damit jeden mit jedem. Dies nennt Engels „die Unsittlichkeit des bisherigen Zustandes der Menschheit“. Ausgeliefert bleibe sie der „unbewussten, gedankenlosen Herrschaft des Zufalls“ in der Art des Produzierens. Engels erkannte, dass die Produktivitätsfortschritte von Industrie und Wissenschaft „die der Menschheit zufallende Arbeit bald auf ein Minimum verringern“ könnten. Aber die Privatökonomie führt dazu, dass gleichzeitig „überflüssiger Reichtum“ und „überflüssige“, also die arbeitslose und verarmte „Bevölkerung“ existieren. Engels’ Fazit: „Die Konkurrenz hat alle unsere Lebensverhältnisse durchdrungen und die gegenseitige Knechtschaft, in der die Menschen sich jetzt halten, vollendet.“

Gustav Mayer, der 1920 und 1933 die beste Engels-Biografie in zwei Bänden vorlegte, nannte die Umrisse, was sie sind: „genial im Wurf“. Aber die Rezeption der Marx’schen Schriften reduzierte diese oft auf eine rein ökonomische Lehre. Sie blendete den entscheidenden Zusammenhang zwischen Wirtschaft und Gesellschaft ebenso aus wie heutige Theorien liberaler und neoliberaler Ökonomen mit ihrer banalen Vorstellung vom Homo oeconomicus, der sein Tun und Lassen nur an Normen des angeblich alternativlosen und moralfreien Marktes ausrichtet.

Den nicht gerade häufigen Projekten, „Wirtschaft für Gesellschaft“ zu denken und zu realisieren, kann Engels Text heute nicht als Leitfaden dienen. Die realen Verhältnisse haben sich zu stark verändert. Doch geben seine Umrisse einen Anstoß, in welche Richtung die Bemühungen gehen müssten, um der „Unsittlichkeit des bisherigen Zustandes der Menschheit“ zu entkommen.

Auch für linke Reformprojekte, wie sie etwa der Frankfurter Philosoph Axel Honneth in seinem jüngsten Buch Die Idee des Sozialismus (Suhrkamp, Berlin 2015) skizziert, finden sich in Friedrich Engels‘ Umrissen Anknüpfungspunkte. Übersetzt man Engels’ Kritik an der Gesellschaft als „einer Horde reißender Tiere“ in eine zeitgemäße Alternative, kommt man – als positive Konsequenz aus dieser Analyse – zwanglos auf eine „Gemeinschaft für einander tätiger Subjekte“ (Honneth), die ihre Vorstellungen des politisch-sozialen und wirtschaftlichen Zusammenlebens öffentlich aushandeln. Denn „soziale Freiheit“ gründet nicht auf einer marktmäßig definierten Konsum-, Vertrags- und Gewerbefreiheit, sondern auf der „Idee einer demokratischen Lebensform“ (Honneth). Das fügt sich durchaus ein in den Horizont von Engels’ Essay und macht dessen politische wie auch theoretische Aktualität aus.

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