1915: Rotes Gesangbuch

Zeitgeschichte Der Gewerkschafter Joe Hill wird hingerichtet. Das Todesurteil ist umstritten, weil klare Beweise fehlen und der Angeklagte sich selbst kaum verteidigt hat
Konrad Ege | Ausgabe 47/2015

Nein, auch hundert Jahre nach der Exekution soll an der offiziellen Version von der Schuld des Hingerichteten nicht allzu sehr gerüttelt werden. Gerade hat sich das zuständige Gremium im US-Staat Utah mit fünf zu zwei Stimmen gegen einen Gedenkstein für Joe Hill entschieden.

Vor genau einem Jahrhundert, am 19. November 1915, wurde der Wanderarbeiter, Songschreiber und Gewerkschafter der Industrial Workers of the World (IWW) in Salt Lake City hingerichtet, der Hauptstadt von Utah. Bereits damals waren viele der Ansicht, die Todesstrafe wegen eines angeblichen Raubmordes beruhe auf einem politisch motivierten Fehlurteil. Weltweit gab es Proteste. Selbst der schwedische König setzte sich für den 1902 aus Göteborg eingewanderten Joel Hägglund ein, der in den USA den Namen Joe Hill angenommen hatte.

Die New York Times schrieb am 26. November 1915 auf der Titelseite über die Weltkriegsschlachten in Gallipoli und in der Lorraine. Auf Seite sieben erst stand ein Artikel über die Trauerfeier für Joe Hill. „Anarchisten, Nihilisten, einige Sozialisten, Herumtreiber und Landstreicher, von denen nicht einmal zehn Prozent Amerikaner waren“, seien in der West- Side-Versammlungshalle von Chicago zusammengeströmt. 3.000 hätten hineingepasst, noch mal 6.000 hätten sich draußen mit der Polizei geprügelt. Und überall wehten rote Fahnen, so die Zeitung. Von religiöser Andacht sei nichts zu spüren gewesen; es habe vielmehr „bittere Angriffe auf das existierende Gesellschaftssystem gegeben“. Streikende Textilarbeiter hätten die Veranstaltung „zu einer Demonstration genutzt“.

„I dreamed I saw Joe Hill last night, alive like you and me.“ Pete Seeger und Paul Robeson haben das gesungen, Joan Baez und Billy Bragg interpretierten den 1936 geschriebenen linken Hit: „Ich habe letzte Nacht von Joe Hill geträumt, so lebendig wie du und ich.“ Joe Hill sei in Wirklichkeit nie gestorben, heißt es weiter. „Von San Diego bis nach Maine, überall, wo Arbeiter ihre Rechte verteidigen, da wirst du Joe Hill finden.“ Der so Gefeierte hatte 1902 bei seiner Ankunft in Amerika eine harte Neue Welt vorgefunden. In jener Zeit wuchsen die Eisenbahnmonopole, die US-Ökonomie drang in den Westen des Landes vor. Ressourcen wie die enormen Holzbestände der Wälder wurden ausgebeutet, und das mit unerhörter Geschwindigkeit. Hill driftete nach Westen, mit zahllosen hungrigen und mittellosen Männern, zu Fuß, im Güterzug und in der Hoffnung, irgendwo Arbeit zu finden.

„Das ist der kontinentale Kongress der arbeitenden Klasse. Wir sind versammelt, um die Arbeiter dieses Landes zu einer Arbeiterbewegung zusammenzubringen“, so hieß es 1905 in Chicago bei der Gründung der neuen Gewerkschaft Industrial Workers of the World. Der Redner war Big Bill Haywood, der schon als Kind in den Bergwerken Utahs geschuftet hatte. Die Arbeiterklasse und die besitzende Klasse hätten keine gemeinsamen Interessen, stand im Grundsatzprogramm der IWW. Die „Wobblies“ wollten „one big union“ sein, eine große Liga für alle Arbeiter, anders als die Fachgewerkschaften in der American Federation of Labor (AFL). In der IWW war Platz für Afroamerikaner, für Frauen und für Einwanderer, die noch nicht einmal Englisch sprachen. Die IWW sei ein wildes Experiment und ein „enorm mächtiger Gedanke“, schrieb der Historiker Howard Zinn. Obwohl zahlenmäßig nie besonders stark, habe die „außerordentliche Energie und Mobilisierungsfähigkeit“ der IWW der Wirtschaft und dem Staat große Sorgen gemacht. IWW-Streiks wurden durch Polizeigewalt und Privatmilizen niedergeschlagen. Wobblies wurden schon festgenommen, wenn sie nur Reden halten wollten. Mehrere Städte erließen Redeverbote für die IWW.

Joe Hill kam 1910 zur IWW, nach einer Reihe von Jobs an der Westküste als Hafenarbeiter und Bergmann. Er war eine bekannte Figur, besonders wegen seiner Musik. Hill spielte Gitarre und schrieb Lieder für den Klassenkampf, bissig und witzig, die im „Kleinen Roten Gesangbuch“ der IWW verbreitet wurden, darunter The Preacher and the Slave (es attackierte Prediger, die das Glück im Jenseits versprachen). Er komponierte There Is Power in a Union, dazu ein Spottlied über den naiven Arbeiter Mr. Block, der bis zum Lebensende den Reichen treu und brav gedient hatte und doch nie einen gerechten Lohn bekam. Und Hill schrieb The Rebel Girl, inspiriert von IWW-Mitkämpferin Elizabeth Gurley Flynn, später Vorsitzende der Kommunistischen Partei.

Ein Flugblatt, erklärte Hill, „wird höchstens einmal gelesen“. Ein Lied jedoch lerne man auswendig, man könne in den Texten „vernünftige Fakten“ mit Humor anreichern und damit viel mehr Arbeiter erreichen. 1913 kam Joe Hill nach Utah, wo eine „spektakuläre Expansion des Bergbaus und der Eisenbahn riesige Gold-, Silber- und Bleivermögen geschaffen hatte“, wie die Zeitung Salt Lake Tribune schrieb. Doch gab es zugleich – wie vielerorts im Westen der USA – eine nach Zahlen starke Klasse schlecht bezahlter Arbeiter, die zwischen Erntehilfe, Bergwerk-Camps und anderen Jobs hin und her pendelten.

Zwei Stunden vor Mitternacht in Salt Lake City am 10. Januar 1914: Der Lebensmittelhändler John Morrison ist noch zusammen mit seinem Sohn Arling bei der Arbeit. Zwei vermummte Männer stürmen in das Geschäft und erschießen die beiden. Arling soll zurückgeschossen haben. Kurz danach klopft beim Arzt Frank McHugh ein Mann lautstark an die Tür. Es ist Joe Hill mit einer Schusswunde in der Brust. McHugh behandelt ihn und meldet den Fall bei der Polizei. Hill wird prompt festgenommen: Er sei wohl der Raubmörder von Morrisons Einkaufsladen. Die Staatsanwaltschaft präsentiert den Fall als eine klare Sache, der wegen seiner IWW-Tätigkeit polizeibekannte Hill sei der Täter. Echte Beweise dafür gibt es freilich nicht. Der Autor William Adler hat sich in seiner großen Hill-Biografie The Man Who Never Died mit der Frage befasst, warum Joe Hill beim Prozess kein Wort über die Herkunft seiner Schusswunde gesagt hat. Starrköpfig habe Hill die Ansicht vertreten, er müsse doch seine Unschuld nicht beweisen; zeitweilig habe er auch allzu optimistisch angenommen, man würde ihn wegen der dünnen Beweislage nicht verurteilen. Doch es kommt zum Schuldspruch. Tod durch Erschießen, die übliche Hinrichtungsmethode in Utah.

Zwischen Urteil und Hinrichtung vergingen knapp zwei Jahre. Eine eigenwillige Dynamik setzte ein. Hill schrieb in seiner Zelle Briefe, Zeitungsbeiträge für die IWW und Lieder. Für die Linke in den USA wurde er zur Ikone einer kämpfenden Gewerkschaftsbewegung, ein Märtyrer, der seine Gesinnungsgenossen aufforderte, sie sollten „nicht trauern, sondern sich organisieren“. Biograf William Adler schrieb, er habe bei der Recherche die alternative Erklärung für die Schusswunde gefunden. Sie stand in einem Brief von Hills Freundin Hilda Erickson. Danach habe ihr Hill im Gefängnis erzählt, er sei von einem Rivalen um Hildas Zuneigung angeschossen worden, einem Otto Appelquist. Vielleicht habe Hill mit seinem Schweigen Hilda Ericksons Privatsphäre schützen wollen, spekuliert Adler. Oder er sei zu der Überzeugung gekommen, er werde der guten Sache mehr durch seinen Tod dienen. Zudem war unklar, ob das Gericht Hills Erklärung akzeptiert hätte.

Hill wurde erschossen. In Europa starben im gleichen Jahr Hunderttausende in den Schützengräben. Die IWW hat nie offiziell zum Ersten Weltkrieg Stellung bezogen, doch passten ihre Gedanken vom Klassenkampf überhaupt nicht zur von der US-Regierung geschürten Kriegsbegeisterung. Als 1917 die Revolution in Russland schockierte, wurde die Gewerkschaft weitgehend zerschlagen. Regierungsbeamte stürmten die Büros im ganzen Land. Im Laufe des Krieges seien alle IWW-Gewerkschafter von Bedeutung irgendwann festgenommen worden, vermerkte der Historiker Robert Justin Goldstein in Political Repression in Modern America. – Joe Hills Hinrichtungsstätte in Utah ist heute ein Park. Ohne Gedenkstein.

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06:00 02.12.2015

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