1915: Unter der Gummiknute

Zeitgeschichte Um die deutsche Kriegsproduktion zu sichern, werden jüdische Migranten aus Osteuropa rekrutiert. Viele müssen, attackiert und schikaniert, im Ruhrbergbau schuften

Am 21. Dezember 2018 war „Schicht im Schacht“. Mit einem Festakt wurde der deutsche Steinkohlenbergbau in Bottrop verabschiedet – Kumpel der Zeche „Prosper“ übergaben das letzte in einem deutschen Bergwerk abgebaute Stück Steinkohle symbolisch an Frank-Walter Steinmeier. Nach 200 Jahren wurde die Förderung offiziell eingestellt. Der Bundespräsident lobte die oft gepriesene Solidarität unter Tage. Unverzichtbar und textsicher wurde anschließend „Der Steiger kommt“ gesungen.

Dies alles galt Menschen, die über Jahrzehnte hinweg – im Wortsinn – Wohlstand in Deutschland zu Tage gefördert hatten. Von den Ausländern freilich, die im vergangenen Jahrhundert unter allerlei Versprechungen ins Ruhrgebiet gelockt wurden, war kaum die Rede, schon gar nicht von den Demütigungen und Entbehrungen, denen die zumeist polnischen Arbeitsmigranten in der Fremde ausgesetzt waren. Überhaupt nichts hörte man von jüdischen Arbeitern, die während des Ersten Weltkriegs aus Russisch-Polen zur Arbeit nach Deutschland gelotst wurden.

Zu den in Bottrop häufig zitierten Worten gehörte „Maloche“, was merkwürdig erschien, denn zum Arsenal antisemitischer Stereotype zählte einst der Vorwurf, der (Ost-)Jude verschmähe besonders körperliche Arbeit. Umso erstaunlicher, dass das jiddisch-hebräische Wort „M’locho“ (Arbeit, Handwerk) Eingang in den umgangssprachlichen, positiv konnotierten Wortschatz im Ruhrgebiet fand. Schon die Polen hatten es von jüdischen Nachbarn übernommen, bevor sie im 19. Jahrhundert, als die Hochindustrialisierung begann, auf Arbeitswanderschaft gingen.

1915 gilt heute als das Schlüsseljahr, da um diese Zeit viele Juden aus Osteuropa geholt – teilweise zwangsdeportiert – wurden, um das Niveau der Rüstungsindustrie zu halten. Nach Angaben des Reichsinnenministeriums gab es während des Ersten Weltkriegs in Deutschland 150.000 ostjüdische Arbeiter. Der Jurist Josef Neuberger (1902 – 1977) spricht in seiner Dissertation, geschrieben 1927, von gut 4.000 ostjüdischen Arbeitern im rheinisch-westfälischen Industriegebiet Anfang der 1920er Jahre, die allein im Bergbau unter Tage beschäftigt waren. Bei denen, die kamen, handelte es sich vorzugsweise um unverheiratete junge Männer. Von anderen ausländischen Arbeitern unterschieden sie sich durch eine höhere Bildung, geistige Beweglichkeit und starke kulturelle Interessen.

Von Anfang an gab es Ressentiments gegen die Arbeitsmigration aus dem Osten Europas. Deutsche Bergbauunternehmen konnten und wollten wenig Rücksicht auf religiöse Bedürfnisse der jüdischen Arbeiter wie Sabbat-Ruhe und rituelle Verpflegung nehmen. Doch hatte das Kriegsministerium bis 1918 unablässig gedrängt, diese Arbeitskräfte zu holen. 1917 wurden die Regierungs- und Polizeipräsidenten landesweit ermächtigt, den Einsatz ostjüdischer Arbeiter nicht zuletzt im Bergbau zu befördern. Besonders die Schlusssätze des Erlasses vom 20. September 1917 sprachen für sich: „Dabei wird auf die Auswahl gesunder, kräftiger und sittlich einwandfreier Leute Bedacht zu nehmen sein, wenn auch die Anforderungen in Bezug auf kräftigen Körperbau nicht zu hoch zu stellen sein werden, da die jüdische Bevölkerung des Ostens infolge natürlicher Veranlagung und der Unterernährung in den letzten Jahren meist nur einen schwächlicheren Körperbau aufweist. Derartige Leute werden zweckmäßig in Stellen beschäftigt werden können, für deren Wahrnehmung mehr Intelligenz als körperliche Kraft erforderlich ist.“ Auf die Arbeitsumstände während des Krieges – Akkord bei wenig Lohn und schlechrer Verpflegung, eine menschenunwürdige Unterbringung, die schikanöse Behandlung und eingeschränkte Bewegungsfreiheit – reagierten die Betroffenen oft mit Verweigerung. Kontraktbruch wurde zur Massenerscheinung.

So verließen Hunderte die Quartiere, in denen jegliche Privatsphäre ebenso entbehrt werden musste wie der Schutz vor antisemitisch motivierten Angriffen durch andere Arbeitsmigranten, vorrangig aus Polen. Die Unterkünfte auf dem Zechengelände standen unter der Kontrolle eines „Baracken-Portiers“, der sein Hausrecht notfalls mit Gummiknute, Faust und Hund ausübte. Viele Ostjuden waren bestrebt, diesen unwirtlichen Quartieren zu entfliehen und in den Städten als Kost- sowie Schlafgänger Obdach zu finden. Was nicht einfach war, da das Urteil über ostjüdische Arbeiter häufig negativ ausfiel.

Als „Kriegsarbeiter“ am 16. Juli 1915 auf der Bochumer Zeche „Julius Philipp“ eintrafen, klagte der zuständige Polizeipräsident, die Angekommenen trügen Unmut und Unzufriedenheit unter die Arbeiterschaft: „Sie fingen an, sich über das Essen zu beschweren, beklagten sich über die Schlafstellen (...) und weigerten sich schließlich, überhaupt zu arbeiten.“ Es sei ein großer Fehler, russische Juden nach Deutschland zu bringen: „Wie mir berichtet, sind 13 geschlechtskrank und bei mehreren Läuse festgestellt. Einige hatten schwere Brüche, waren augenleidend, einer war 57 Jahre und sehr gebrechlich.“ Der Polizeipräsident plädierte für einen Rücktransport, „nach Volkscharakter und Körperbeschaffenheit“ würden sich Juden nicht „zu schwerer Arbeit eignen“.

Kein Wunder, dass die derart Geschmähten einem alltäglichen Antisemitismus am Arbeitsplatz ausgesetzt waren. Das konnte von Grubenbesitzern, doch ebenso von der Polizei wie vom Wachpersonal in den Quartieren ausgehen. Der Rabbiner Salomon Samuel berichtete in einem Artikel für die Essener Arbeiter-Zeitung, dass vor allen polnische Bergleute ihre Judenfeindschaft unter die Erde mitnähmen und mit Vorliebe jüdische Kollegen misshandelten. Das Verhältnis deutscher Arbeiter zu ostjüdischen Bergleuten blieb gleichsam nicht ohne Spannung, besserte sich aber, als diese den Gewerkschaften beitraten und damit zeigten, dass sie weder Lohndrücker noch Streikbrecher sein wollten.

Am allgemeinen Urteil über den Stellenwert der Arbeitsnomaden ändert dies jedoch wenig. Ein Beispiel aus dem Jahr 1920 lieferte das Dortmunder Eisenwerk Hugo Brauns, das niemals selbst ostjüdische Arbeiter beschäftigt hatte. Rechtsradikal getönt und offen antisemitisch hieß es da unter anderem: „Die zahllosen ostjüdischen Leute, die unverständlicherweise durch die Vermittlung von Berliner Behörden im Lande herumlungern oder mit allerhand Sachen Handel treiben, sind als Arbeiter nicht zu gebrauchen.“ Und weiter: „Es ist gänzlich unverständlich, dass Berlin bei der gegenwärtigen Arbeitslosigkeit solche Leute in derartiger Anzahl in das Land hineinlässt.“ Die Reichshauptstadt beweise damit wieder einmal, dass sie mit Recht „die Pestbeule Deutschlands genannt“ werde. Allerdings fiel die Bewertung des einzelnen Arbeiters oft günstig aus, das im Allgemeinen gefällte Urteil häufig ungünstig.

Am 26. Juni 1920 wandte sich der Bergmann Samuel Chaper mit dem Gesuch an die Dortmunder Polizeibehörde, nach Nordamerika auswandern zu können. Um eine Einreisegenehmigung der US-Behörden zu erhalten, bedürfe es eines polizeilichen Führungsattests, um das er „ergebenst“ bitte. Die zuständige Verwaltung reagierte schnell und prüfte: Familienverhältnisse, Strafen, Steuer, Kapitalflucht. Der Polizeibericht bestätigte die Angaben des Antragstellers: „Nachteiliges ist über Chaper nicht bekannt. Genannter hat seine sämtlichen Steuern bezahlt. Strafen sind hier nicht bekannt. Kapitalflucht liegt nicht vor. Chaper ist ledig.“ Sosehr Polizei- und Militärbehörden Gesuche ostjüdischer Arbeiter ansonsten mit Ablehnung bedachten, gab es in diesem Fall keinerlei Bedenken.

Der Ostjude hatte im Weltkrieg seine Schuldigkeit getan, eine dauernde Niederlassung war nicht erwünscht. Da kam die freiwillige Ausreise gelegen. Chaper erfüllte alle formellen Voraussetzungen, um emigrieren zu dürfen. So vergingen keine 14 Tage bis zur endgültigen Bearbeitung des Vorgangs, der mit der Anweisung zu den Akten gelegt werden konnte: „Sichtvermerk erteilen“.

06:00 28.04.2019
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