1916: Patron sucht Partner

Zeitgeschichte Vor 100 Jahren erlaubte es Kaiser Wilhelm II., die Inschrift „Dem deutschen Volke“ am Reichstag anzubringen. Der Kriegsverlauf zwang ihn zur pseudodemokratischen Geste
Jürgen Busche | Ausgabe 27/2016

Es war durchaus anmaßend, dass sich Wilhelm II. ausgerechnet am Reichstag derart in Szene setzte, denn der monumentale Wallot-Bau war ja nicht aus der kaiserlichen Schatulle finanziert worden, sondern wurde mit Steuern bezahlt. Dennoch lag in der Widmung „Dem deutschen Volke“ so etwas wie ein neuer Zug des Monarchen. Der Kaiser ging damit auf das Volk zu. Er schien begriffen zu haben, dass Gottesgnadentum jetzt nicht mehr ausreichte, es galt vielmehr, sich mit dem Volk gut zu stellen.

Es war das dritte Kriegsjahr, und es stand nicht zum Besten für die deutschen Waffen. Da mochte sich der Hohenzollern-Kaiser an die Lage seines Urgroßvaters Friedrich Wilhelm III. erinnert haben, der 1813 böse in der Bedouille gesteckt hatte. Der Monarch saß damals in Breslau, französische Truppen hielten wichtige Stellen in Preußen besetzt, und seine Soldaten mussten Napoleon nach Russland begleiten. Das Unternehmen endete im Desaster und schließlich schloss der Kommandeur des preußischen Korps, General Yorck, mit dem russischen General Diebitsch die Konvention von Tauroggen. Das preußische Militär war jetzt neutral. Als der König davon erfuhr, war seine erste Reaktion: „Da möchte einen ja der Schlag treffen – was ist jetzt zu tun?“ Das fand sich rasch. Am 3. Februar 1813 erklärte Preußen Frankreich den Krieg, Yorck zog mit seinen Truppen in Breslau ein, und Friedrich Wilhem III. erließ seinen berühmten Aufruf „An mein Volk“.

Die preußischen Reformer hatten sich durchgesetzt. Die Landwehr trat neben die Linientruppen. Die Konzeption eines Volksheeres nach den Vorstellungen der Generale Scharnhorst, Gneisenau, Boyen und Clausewitz nahm Gestalt an. Was Theodor Fontane später in seinem Roman Vor dem Sturm beschrieb, war hier Wirklichkeit: Die Landadligen bewaffneten ihre Leute. Ohne die Reformen hätte Preußen die Napoleonischen Kriege als Großmacht nicht überlebt. Doch sobald die Gefahr beseitigt war, wurden die Reformer kaltgestellt, die Landwehr-Einheiten behutsam marginalisiert, später unter dem Kriegsminister Roon nahezu abgeschafft. Die Reaktion triumphierte. Als die revolutionären Bewegungen von 1848/49 die Furcht der Fürsten vor erheblichem Machtverlust wieder ansteigen ließen, zeitigte das in Preußen Folgen, die auf lange Sicht verhängnisvoll waren.

Der Zug der Zeit wies in Europa auf Parlamentarisierung, Ziel war die konstitutionelle Monarchie. Das war auch in Preußen so. Aber hier wurde das Militär ausgenommen. Die Soldaten wurden auf den König, seit 1871 auf den Kaiser vereidigt. Der Kaiser hatte die oberste Kommandogewalt über die Soldaten, da konnte sich auch der Ministerpräsident von Preußen so wenig einmischen wie der Reichskanzler. Ein Parlamentsheer, wie es die Parteien im Reichstag forderten, sollte es nicht geben. Kaiser Wilhelm I. verteidigte die alleinige Verantwortlichkeit mit Klauen und Zähnen. Wenn in den 40 Jahren der Annexion Elsass-Lothringens nach dem Sieg über Frankreich 1871 die Bevölkerung dort französisch gesinnt blieb und nicht für das Deutsche Reich gewonnen werden konnte, so lag das auch daran, dass die zivilen Regierungsstellen keine Chance hatten, sich gegen das dort stationierte Militär durchzusetzen. Die örtlichen Befehlshaber konnten sich über den militärischen Weg jederzeit an den Kaiser wenden. Die Truppen lagen auf Elsass-Lothringen wie eine Besatzungsarmee und wurden 40 Jahre lang auch als solche empfunden.

Dieser Zwiespalt von konstitutioneller Monarchie im Politischen und monarchischer Führung im Militärischen ist von Verfassungsrechtlern ausgiebig diskutiert worden. Tatsächlich sprach man bald vom Militär als einem Staat im Staate. Besser hätte man von einem Staat neben dem Staate sprechen sollen. Dem ersten Reichskanzler Otto von Bismarck gefiel das, er konnte – wie er zu verstehen gab – damit regieren. Seine weniger begabten Nachfolger konnten das nicht. Hinzu kam, dass das Militär selber in einen unangenehmen Widerspruch geriet.

„Dogma der Vernichtungsschlacht“

Seit den Wehrgesetzen von 1813/14 gab es die allgemeine Wehrpflicht in Preußen. Aber die gefiel an den Spitzen der Truppen keineswegs jedem. Auch – oder sogar – der ältere Moltke, der Sieger von Königgrätz und Sedan, lehnte ihre strikte Durchführung ab, weil er um die Homogenität der Armee fürchtete. Die preußische Aristokratie wollte nicht allzu viele Arbeiter an der Waffe ausgebildet sehen. Wilhelm I. – Sohn der Königin Luise – hatte noch die Auswirkungen der Französischen Revolution in den Knochen. Bei der Niederschlagung des demokratischen Aufstands 1848 in Berlin hatte er sich den Titel „Kartätschenprinz“ zugezogen. Als preußischer König bestand er auf der dreijährigen Dienstzeit der Wehrpflichtigen, weil erst im dritten Jahr der Soldat beginne, richtig Soldat zu sein, und seine soziale Herkunft abgestreift habe. Auch das Offizierskorps stand einer Vergrößerung der Armee skeptisch gegenüber, weil das notgedrungen zu einer Vermehrung der Zahl bürgerlicher Offiziere geführt hätte. So kam es dazu, dass 1913 in Deutschland nur 75 Prozent der Wehrdiensttauglichen an den Waffen ausgebildet wurden. In Frankreich waren das zu dem Zeitpunkt 84 Prozent.

Im preußischen Generalstab wurde das Manko durchaus gesehen, es wurde darüber geklagt und man forderte Verstärkung. Dagegen wandte sich der Reichstag, der immerhin über das Budget-Recht verfügte. Der Generalstab reagierte darauf mit der Konzentration auf die operative Überlegenheit preußischer und deutscher Truppen. Mit schnellen, vernichtenden Schlägen wollte man im Falle eines Krieges möglichst rasch den Gegner zum Frieden zwingen. Das „Dogma der Vernichtungsschlacht“ (Jehuda Wallach) herrschte bis zum Ersten Weltkrieg, obgleich es schon Warnungen gab, dass der nächste Krieg wahrscheinlich ein sehr langer sein werde.

Darauf war das Deutsche Reich Wilhelms II. nicht eingestellt. 1916, im Jahr der Reichstagswidmung, als der lange Krieg Wirklichkeit geworden war, schrieb der Philosoph Max Scheler einen Aufsatz, in dem er zwischen „Gesinnungs- und Zweckmilitarismus“ unterschied. Die westlichen Demokratien hatten sich als überlegen erwiesen bei der Ausbeutung aller nationalen Kräfte zur Führung des Krieges. In Deutschland gelang das nicht, auch in Preußen nicht. Das war im dritten Kriegsjahr offenbar geworden. Frankreich hatte seine Militarisierung betrieben, um Elsass-Lothringen zurückzubekommen. In Deutschland berauschte man sich an patriotischen Feiern mit militärischem Pomp. Der Leutnant galt mehr als der Geheimrat. Aber einen Zweck, für den sich ein Krieg lohnte, kannte man vor Kriegsausbruch nicht. Erst unter dem Eindruck von Siegen in den ersten Kriegswochen im August 1914 machte man sich Gedanken über Kriegsziele, jetzt aber ohne Hemmungen.

Im Juli 1916 war man nüchterner geworden. Jetzt wandte sich der Kaiser an das deutsche Volk wie an seinen Partner. Wie 1813 setzten sich die Generale gegenüber dem Monarchen durch auf der Suche nach Wegen, die Ressourcen der Nation besser auszuschöpfen, wie man es von Gneisenau aus dessen Aufzeichnungen zum Volksheer gelernt hatte. Jetzt kamen aus dem Generalstab Forderungen, die Politik mehr für die Aufbietung kriegsbedingter Anstrengungen einzuspannen.

Der Althistoriker Arthur Rosenberg, in den 20er Jahren zeitweilig KPD-Abgeordneter, schrieb in seinem Buch Entstehung und Geschichte der Weimarer Republik sarkastisch: „Die Parlamentarisierung Deutschlands ist nicht vom Reichstag erkämpft, sondern von Ludendorff angeordnet worden.“ Wilhelms II. Widmung „Dem deutschen Volke“ darf man daher im Rückblick als einen ersten Schritt auf diesem Wege sehen. Der Gesinnungsmilitarismus in weiten Teilen der Bevölkerung war damit nicht erloschen. Er blieb lebendig und verband sich nach der Niederlage 1918 mit einem heftigen Zweckmilitarismus. Die als ungerecht empfundenen Bedingungen von Versailles wurden die schwere Hypothek für die erste Demokratie in Deutschland.

06:00 20.07.2016

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