1919

A–Z Der Krieg war vorbei. Rosa Luxemburg wurde ermordet. Räte errungen vielerorts die Macht. Unser erstes Lexikon 2019, über Menschliches und Unmenschliches vor 100 Jahren
1919

Foto: Robert Sennecke/Ullstein

A

Adenauer Dass Konrad Adenauer der erste Bundeskanzler war, weiß man. Dass der 1876 Geborene nicht nur mit 73 Jahren bei Amtsantritt der bis dato älteste Regierungschef Deutschlands war, sondern auch mit 41 Jahren 1917 der jüngste Oberbürgermeister einer deutschen Stadt – Köln nämlich –, mag weniger bekannt sein. Gertrude Cepl-Kaufmann erinnert jetzt in ihrem Buch 1919 – Zeit der Utopien. Zur Topographie eines deutschen Jahrhundertjahres (Transcript 2018) an eine weitere Eigenart des späteren Kanzlers.

Adenauer hatte eine erfinderische Ader, die in Zeiten der Lebensmittelknappheit Gold wert war: Zusammen mit der Bäckersfamilie Oebel patentierte er ein „dem rheinischen Schwarzbrot ähnelndes Schrotbrot“. Am 28. August 1919 kam mit Patent GB131402l ein Wurstersatzprodukt hinzu. „Das war“, schreibt die Literaturwissenschaftlerin, „wenn es seinem Erfinder auch wegen der Kargheit der Lösungen den Spitznamen ‚Graupenauer‘ einbrachte, lebensrettend!“ Mladen Gladić

B

Bauhaus Die Moderne kreativ gestalten sowie Volksbedarf statt Luxusbedarf waren die Maximen des Ausnahmearchitekten Walter Gropius, als er am 1. April 1919 das aus der Großherzoglich-Sächsischen Hochschule für bildende Kunst und der 1915 aufgelösten Kunstgewerbeschule hervorgegangene Bauhaus in Weimar übernahm. Der Name war Programm, denn „das Ende aller künstlerischen Tätigkeit ist der Bau“, erklärte Gropius im Bauhaus-Manifest.

Ob klug durchdachte Wohnungen „für das Existenzminimum“, Möbel wie der berühmte Freischwinger oder Alltagsgegenstände, die nach der politisch erzwungenen Verlagerung des Bauhauses 1925 nach Dessau in den dortigen Werkstätten hergestellt wurden: Das als Gemeinschaftswerk verstandene Zusammenwirken von Künstlern und Handwerkern verfolgte einen gesellschaftspolitischen Auftrag, war einem neuen, sachlichen Lebensgefühl verpflichtet. Auch die Aufnahmepolitik war demokratisch: Nur Talent (➝ Ringverein) entschied, wer am Bauhaus das Studium aufnehmen durfte. Ulrike Baureithel

Beach, Sylvia (1887 – 1962). Die Tochter eines presbyterianischen Pfarrers aus den USA eröffnete im November 1919 ihren Buchladen mit Leihbücherei „Shakespeare and Company“ in der Pariser Rue Dupuytren, der – nach dem Umzug in die Rue de l’Odeon 12 – zu einer magischen Adresse wurde. „Damals hatten wir kein Geld, um Bücher zu kaufen“, erzählt Ernest Hemingway in seinen Erinnerungen Paris, ein Fest fürs Leben. Darum seien sie zu Sylvia Beach gegangen. Er sei ihr sogar noch eine Weile die Leihgebühr schuldig geblieben.

„Shakespeare and Company“ wurde in den 20er Jahren des vergangenen Jahrhunderts zum Treffpunkt all jener bekannter Autoren – von Joyce bis Scott Fitzgerald, von Dos Passos bis Stein – die später unter dem Label „Lost Generation“ in die Weltliteratur (Fontane) eingingen. Ein großer Verdienst Beachs ist die Erstveröffentlichung von Joyce’ Roman Ulysses, der damals nirgendwo einen Verleger fand. Verdient aber hat sie daran nichts. Hemingway zitiert seine erste Frau Hadie über Sylvia Beach: „Was haben wir für ein Glück, dass Du den Laden gefunden hast.“ Magda Geisler

D

Dubarry Eigentlich sei sie das polnische Mädchen Apolonia Chałupiec, nun aber ein Ufa-Star und heiße Pola Negri, jubelt die Filmdiva am 18. September 1919, als Madame Dubarry im Berliner Zoopalast uraufgeführt wird. Regisseur Ernst Lubitsch erzählt mit diesem Klassiker der Stummfilmära die Geschichte der Mätresse Ludwigs XV. Einst Hutmacherin, hält die Edelkurtisane im 18. Jahrhundert einen ganzen Hofstaat zum Narren und in Schach. Dass Lubitsch diesen Stoff kurz nach dem Ersten Weltkrieg verfilmt, erstaunt in Berlin und befremdet in Paris. Was alle fasziniert, sind die Massenszenen: der Sturm auf die Bastille und viel schaulustiges Volk, als die Dubarry Ende 1793 auf die Guillotine muss. Lutz Herden

F

Fontane Dem 100. Geburtstag von Theodor Fontane (1819 – 1898) steckte der erste Weltkrieg noch so in den Gliedern, dass Kurt Tucholsky in seinem Geburtstagsaufsatz schrieb, Fontane sei in einem tieferen Sinn „am 1. August 1914“ gestorben – und mit ihm seine Art und Welt. Und doch hoffte Tucholsky in jenem Dezember 1919, dass „ein neuer alter Fontane in hundert Jahren durch diese graue Stadt“ geht, vielleicht „genau so ein ganz klein wenig belächelt wie dieser: mit seiner entzückenden Vorliebe für die kleinen Anekdoten, für das Reale, für die winzige Menschlichkeiten, die aus allen Löchern gucken, mit seinem scharfen Blick und mit seinem tiefen Herzen.“ Michael Angele

J

Juchacz, Marie (1879 – 1956). Gelächter scholl der Sozialdemokratin (Foto) entgegen, als sie – als erste Frau in der Geschichte des Parlamentarismus in Deutschland – im Februar 1919 das Wort vor der Weimarer Nationalversammlung ergriff. Die Tochter eines Zimmermanns aus Landsberg an der Warthe (heute Polen) war 1908 in die SPD eingetreten, später Frauensekretärin im Parteivorstand und im Januar 1919 zu einer der 19 weiblichen Abgeordneten der SPD gewählt worden. Verstärkt widmete sie sich sozialen Fragen, trat auch für eine Reform des § 218 ein. Im gleichen Jahr gründete sie die Arbeiterwohlfahrt (AWO).

1933 musste sie fliehen und kam über Frankreich in die USA. In New York zum Beispiel organisierte sie die „Arbeiterwohlfahrt USA“, die Opfern des Nationalsozialismus half. 1949 kam sie nach Deutschland zurück und wurde Ehrenpräsidentin der AWO. Ein Denkmal am Berliner Mehringplatz erinnert an sie. Magda Geisler

R

Ringverein „Lass Neider neiden/Hasser hassen/Was Gott uns gönnt/Muss man uns lassen.“ Es war das Motto des berühmtesten aller Berliner Ringvereine „Der Gesellschaftsclub Immertreu 1919 e. V.“. Gründungsmitglied und Vorsitzender bis zur Zerschlagung aller Ringvereine durch die Nazis (1934) war Adolf Leib, genannt „Muskel-Adolf“. Der ursprüngliche Zweck der ersten Ringvereine, die solidarische Unterstützung ehemaliger Strafgefangener, war schnell vergessen, sie wurden zu gesellschaftlich geachteten Institutionen des organisierten Verbrechens.

Muskel-Adolf war der ungekrönte König der Berliner Unterwelt. Er war genauso Stammgast in der berühmten Zille-Kneipe Mulackritze wie Gustav Gründgens oder Marlene Dietrich. Außerdem war er offizieller Berater von Fritz Lang für dessen Film M – Eine Stadt sucht einen Mörder von 1931. Wie die meisten seiner Ring-Brüder wurde Leib in ein Konzentrationslager deportiert, und dort verläuft sich seine Spur. Diana Gevers

S

Sachsen Toll, was die ehemalige DDR-Bürgerrechtlerin Freya Klier im Buch Dresden 1919 (Herder-Verlag 2018) zusammengetragen hat. „In jeder Großstadt herrschte eine andere Temperatur“, schreibt sie. Klier liest in den Aufzeichnungen von Klemperer, Kollwitz, Kästner und Toller – am Beispiel ihrer Geburtsstadt Dresden entsteht so ein anderes Bild dieser Stadt.

Revolution. Die Monarchie ist gestürzt, es droht ein Bürgerkrieg, nicht nur in Berlin oder München, sondern auch hier in Dresden. Und auch hier kämpfen Frauen für ihre Rechte, Klier stellt uns die große, lange vergessene Frauenrechtlerin Marie Stritt vor. Die Stadt wird zum Zentrum der Reformpädagogik, der ehemalige Kriegsminister Gustav Neuring brutal ermordet, aber von wem? Dix und Kokoschka bringen ihre Albträume auf Leinwand, getanzt wird trotzdem. Zorn, Erschöpfung und Aufbruch – die erste außerbayrische NSDAP-Gruppe wird dann schon 1921 in Zwickau gegründet … Katharina Schmitz

Spottlied Major Hueg. Können Sie googeln. In Harburg nahm er am Kapp-Putsch teil, worauf ein blutiges Massaker ... – egal. Major Hueg setzte seine Tochter oben auf den Eichenschrank. Damit sie Disziplin lernte. Darin fand ich viele Jahrzehnte später ein Album: Fotos von der Kaiserfamilie. Huegs Tochter hatte die als Mädchen gesammelt. Meine Oma. Die hannöversche. Sstolperte über den sspitzen Sstein. Understatement und Selbstironie halfen ihr über vieles hinweg. Nur über dieses eine nicht. „Es liegt eine Leiche im Landwehrkanal, gib sie mir mal rüber.“ Das Spottlied (➝ Walzer) auf die ermordete Rosa Luxemburg. „Wir haben das als Kinder gesungen!“ Meine Oma schüttelte still den Kopf. Sie suchte scheinbar nach einer Entschuldigung, für sich, für ihren Vater, für Deutschland, und fand keine. Klaus Ungerer

V

Versailles Mit einem 14-Punkte-Programm stellt sich der damalige US-Präsident Woodrow Wilson einen Frieden ohne Sieger und Besiegte vor. Keine realistische Agenda für die Anfang 1919 beginnende Versailler Konferenz, hat es doch im Weltkrieg zuvor Besiegte und Sieger gegeben. Wilson scheitert besonders an Frankreich und Großbritannien, die einen Konkurrenten auf Dauer ausschalten wollen. So wird Deutschland (nebst seinen Alliierten) die alleinige Kriegsschuld zugewiesen. Es muss Gebiete abtreten, die Armee größtenteils demobilisieren und enorme Reparationen hinnehmen: Ab 1921 werden 269 Milliarden Goldmark fällig, die in 42 Jahresraten zu zahlen sind. Lutz Herden

W

Walzer „I’m forever blowing bubbles“, der Nummer-1-Hit in den US-amerikanischen Charts im Jahre 1919 klingt mehr nach Soap Opera und Palais Schaumburg als nach Revolution. Der Schein trügt. Während Amerikas Herz im Dreivierteltakt schlägt, lässt Woodrow Wilson in Paris die Korken knallen. In 14 Punkten plant er die Neuordnung Europas (➝ Versailles).

In Berlin aber tanzt man Two-Step hinter Barrikaden. Zwischen Rhein und Hessen-Nassau erhebt sich der „Freistaat Flaschenhals“, ein nahezu rechtsfreies Niemandsland, eine Art Transnistrien mit Lorcher Wein als Sorgenbrecher und Schmugglern en masse. Auch wenn sich so mancher Traum in Schaum auflöste, wurde den Obrigkeiten und Siegermächten doch gehörig Pfeffer in den Arsch geblasen. Am Anfang steht vielleicht das Wort – für Aufklärung und Licht sorgt es allemal – die Welt aus den Angeln heben jedoch nicht selten zarte Gebilde, die über Wald und Felder treiben. „Pretty Bubbles“ eben. „They fly so high/Nearly reach the sky.“ Ute Cohen

Z

Zug Die berühmteste Zugfahrt des 20. Jahrhunderts fand im April 1917 statt. Sie brachte Lenin nach Russland. Die Zugfahrt des südafrikanischen Premiers Jan Smuts nach Budapest fast genau zwei Jahre später, die die Historikerin Birte Förster in ihrem Buch „1919. Ein Kontinent erfindet sich neu“ (Reclam 2018) beschreibt, ist auch nicht von schlechten Eltern. Smuts kam im Auftrag der Siegermächte (➝ Versailles) in die junge Räterepublik Ungarn, der Béla Kun als Volkskommissar vorstand, um über die rumänisch-ungarische Grenze zu verhandeln.

Kun hatte die Stadt festlich schmücken lassen, handelte es sich doch um den ersten Staatsbesuch in der Räterepublik. Vom Pomp zu seinen Ehren sah Smuts aber nichts. Er weigerte sich, den Zug zu verlassen, in dem er gekommen war. Alle Verhandlungen fanden in einem Eisenbahnwaggon statt. Und scheiterten. Mladen Gladić

06:00 03.01.2019
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