1924: Menschengemäß

Zeitgeschichte Der Architekt Edvard Heiberg entwirft das erste funktionalistische Haus in Dänemark. Später bringt er das Bauhaus nach Nordeuropa und damit den modernen Städtebau

Ich denke sehr viel und in dankbarkeit an euch vier zurück, und ich möchte euch nicht missen in meinem leben. und ich merke, was für ein sentimentaler hund ich angeblicher marxist sein muss!“ Die Schreibmaschinenschrift mit den deutschen Sätzen steht auf vergilbtem Papier. Der Brief beginnt mit „lieber edvard heiberg“ und endet mit einer kräftig geschwungenen Unterschrift, die als „Hannes Meyer“ entziffert werden kann. Ganz oben sind das Datum wie die Stadt angegeben. Man erfährt, wo sich der Briefschreiber am 11. November 1931 aufhält: Stoleschnikow pereulok 7, Moskau. Mehrere poröse Blätter knistern zwischen Jakob Heibergs Fingern, wenn er sie aus der großen Schachtel nimmt, die auf dem Tisch vor ihm steht. Sie ist gefüllt mit Tagebüchern, Zeichnungen und Fotoalben seines Großvaters, des norwegisch-dänischen Architekten Edvard Heiberg (1897 – 1958) – Zeugnisse eines progressiver Baukunst gewidmeten Lebens.

„Es gibt keine bestimmte Ordnung bei diesen Dokumenten“, meint der heute 64-jährige Enkel. Die Nachmittagssonne erfüllt den großen Wohnraum des Hauses, das Edvard Heiberg 1938 für sich und seine Familie entworfen und in dem er bis zu seinem Tod am 5. November 1958 gelebt hat. Das Anwesen liegt im Kopenhagener Viertel Vanløse und blieb stets in Familienbesitz. Schmale Türen führen in Kammern, die das großzügige Wohnzimmer umgeben, das natürliche Zentrum dieses Domizils. Der Durchgang zwischen zwei Schlafzimmern, der durch einen Kleiderschrank ohne Rückwand führt, stellt ein einzigartiges Detail dar und zeugt von der Originalität des Architekten. Die so elegante wie bescheidene Innenausstattung ließ das Anwesen zu einem der wichtigsten Beispiele des skandinavischen Funktionalismus werden. „Wie man sieht, ist es ein recht kleines Haus. Edvard war sehr auf Minimierung bedacht. Er wollte, dass auch jemand aus der Arbeiterklasse auf ein anständiges Zuhause Anspruch hat, wenn mit Platz gespart werden musste. Diesem Vorsatz wollte er auch beim eigenen Haus gerecht werden“, glaubt Jakob Heiberg.

Die meisten anderen renommierten Architekten bauten sich in den 1930er Jahren Behausungen in den wohlhabenden Vierteln nördlich von Kopenhagen. Dass sich Heiberg für Vanløse entschied, hatte viel mit seiner Kritik an bürgerlichen Werten und Lebensstilen zu tun. Bevor das Haus bezogen wurde, lebte er einige Jahre in einem Appartement des gemeinnützigen Wohnungsbaus, auf den er selbst Einfluss nahm. Heiberg wollte am eigenen Leib spüren, ob seine Gebäude gelungen waren – ob sie mit der Wohn- auch Lebensqualität zu bieten hatten. „Das Haus hier ist charakteristisch für Edvard Heiberg, es erzählt von seinem ästhetischen Gespür“, beantwortet Jakob Heiberg die Frage, weshalb er dafür wirbt, die Hinterlassenschaft seines Großvaters unter Denkmalschutz zu stellen.

Edvard Heiberg baute Anfang 1924 in der dänischen Hauptstadt das erste funktionalistische Haus Skandinaviens. Nachdem er 1916 Norwegen verlassen hatte, um an der Architekturschule in Kopenhagen zu studieren, wurde er Teil einer dänischen Kulturelite um den Architekten Poul Henningsen und die Autoren Hans Kirk, Hans Scherfig und Otto Gelsted. Radikalisiert durch den Kampf um das Bauhaus in Dessau während der frühen 1930er Jahre, trat er 1931 in die Kommunistische Partei Dänemarks ein .

Jakob Heiberg wirft einen Blick auf besagten Brief von Hannes Meyer aus dem Jahr 1931. Die Familie Heiberg – Edvard, seine Frau Ellen Margrethe und die beiden Kinder – hat ihn offenbar sehr beschäftigt. In dem inzwischen fast 90 Jahre alten Gruß aus Moskau erinnert sich Meyer daran, dass man sich kennenlernte, als er Direktor des Bauhauses in Dessau war und Heiberg dort als Professor am Lehrbetrieb teilnahm. Ihre Korrespondenz steht für die Freundschaft zwischen zwei Protagonisten der damaligen Moderne.

Jakob Heiberg fördert aus seiner Schachtel den im Mai 1930 unterschriebenen Fünfjahresvertrag zutage, den sein Großvater mit dem Bauhaus schloss. Daraus geht hervor, dass für seine Tätigkeit ein Jahressalär von 6.100 Reichsmark vereinbart war. „Das Verständnis für Architektur hat sich in jener Zeit enorm fortentwickelt“, meint Jakob, selbst als Architekt an der Königlichen Dänischen Kunstakademie ausgebildet. Edvard Heiberg habe die Philosophie des modernen Bauens mitprägen wollen. „Das war theoretisch sehr anspruchsvoll und hatte großen Einfluss auf Hannes Meyer.“

Der reihte sich zwischen 1928 und 1930 – immer etwas unterschätzt – in die Abfolge renommierter Bauhaus-Direktoren ein. Er übernahm das Amt von Walter Gropius und übergab es an Ludwig Mies van der Rohe. Dabei stand Meyer, berechtigt oder nicht, immer im Schatten jener Koryphäen des modernen Bauens. Erst 2017 wurden bedeutende Werke aus seinem Nachlass, die in den Bauhaus-Jahren entstanden, in die Weltkulturerbeliste der UNESCO aufgenommen. Unter Meyers Direktorat erreichte das soziale Engagement des Bauhauses bei Kunsthandwerk und Architektur einen Höhepunkt.

Doch blieb ihm zusammen mit Edvard Heiberg wenig Zeit, um innovativen Ideen, zu denen das Zusammentreffen von radikaler linker Politik und Baukunst anregte, Ausdruck zu geben. Bereits am 1. August 1930 wurde Meyer wegen seiner marxistischen Haltung aus dem Bauhaus entlassen. Heiberg ließ das nicht unberührt, er kündigte seinen Vertrag mit der Kunsthochschule am 1. September desselben Jahres und kehrte nach Dänemark zurück.

Neben epochalen Architekturideen teilten Meyer und Heiberg auch politische Überzeugungen. „deine briefe sind mir immer eine freude, und es ist erfrischend zu hören, wie du dich entwickelst. dass du so große aufgaben für die partei besorgst, ist wirklich eine labung“, schreibt Meyer am 23. Juni 1932 aus Moskau. Jakob Heiberg meint, sein Großvater sei gegenüber der bürgerlichen Gesellschaft sehr kritisch eingestellt gewesen. „Er dachte als Kommunist, hat sich viel mit Klassenkampf und den Bedingungen für die Schwachen in der Gesellschaft beschäftigt. Er überlegte, was für sie getan werden konnte, nicht zuletzt durch Architektur und Städtebau. Schließlich war er der Sohn eines Politikers, des langjährigen Bürgermeisters von Oslo.“

Heibergs und Meyers soziales Bewusstsein, ihre Vorstellungen von Architektur und ihre politischen Bekenntnisse hinterließen Wirkung. Edvard Heiberg musste 1934 in Kopenhagen eine Haftstrafe von 60 Tagen wegen ungebührlicher Kritik an der NS-Regierung in Berlin verbüßen. Zunächst hatte er am 10. September 1933 in Kopenhagen eine Protestresolution gegen den Nazismus in Deutschland veröffentlicht. Dann nahm er als verantwortlicher Redakteur einen Text des Psychoanalytikers und NS-Kritikers Wilhelm Reich (1897 – 1957) in die Zeitschrift Plan auf, in dem das Wort „Tissemand“ (dänisch für Penis) vorkam. Für ein Gericht Grund genug, ihn am 7. November 1933 wegen Beleidigung der Hitler-Regierung und Pornografie zu verurteilen. So musste Heiberg das Frühjahr 1934 in einer Zelle verbringen.

Bald nach seiner Kündigung in Dessau ging Hannes Meyer in die Sowjetunion, um sozialistische Städte zu bauen. Heiberg besuchte ihn im Februar 1932 in Moskau. Er fühlte sich danach zu Gedanken über die Verbindung zwischen Baukunst und Gesellschaft inspiriert und wollte nun erst recht soziale und progressive Ideen in der Architektur verankern. Er kam zu dem Schluss, dass der Kapitalismus aus „Kräften besteht, die den Interessen der arbeitenden Bevölkerung zuwiderlaufen“. Ein Wandel der Städte zu Refugien des Wohnens sei in diesem System unvorstellbar. Überlegungen wie diese stoßen heute längst wieder auf Resonanz, wenn Wohnungsbau – ob in Dänemark oder Deutschland – mehr von Renditeerwartungen als sozialen Bedürfnissen abhängig ist. Für die daraus resultierende Bauweise sind Rücksichten auf das Gemeinwohl oder die Gebäudeästhetik bestenfalls zweitrangig.

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