1936: Der Maschinist

Zeitgeschichte In den USA hat Charlie Chaplins „Modern Times“ Premiere: Der Tramp wird von der Welt des Fordismus verschluckt und am Fließband versklavt
1936: Der Maschinist
Im Vollrausch der Arbeit

Foto: AGD/Imago

Es war der zwanzigmillionste Ford, der 1936 vom Band rollte. Amerikas Automobilindustrie hatte sich schneller als andere Branchen von der Weltwirtschaftskrise erholt. Mitte der 30er Jahre bereits geriet man in den Ford-Werken wieder in die Nähe des Jahressolls von einer Million Fahrzeuge. Der Aufschwung zehrte von einem Entwicklungsschub. Der erste in Massenfertigung produzierte V8-Motor bescherte dem Unternehmen in ländlichen Regionen neue Käuferschichten. Noch war nicht abzusehen, dass der Autobauer in Detroit seine Vormacht bald an Chevrolet verlieren würde. Zwar hatte Firmengründer Henry Ford mit der Einführung des Fließbandes im Jahr 1914 die Produktion revolutioniert, doch die Konkurrenz adaptierte oder kopierte dieses ökonomische Prinzip innerhalb weniger Jahre. Es sollte sich bald nach 1920 im US-Automobilbau durchgesetzt haben – und das flächendeckend.

Der Durchbruch des Fordismus veränderte den Rhythmus industrieller Arbeit. Die Produktivität in den Werkhallen stieg. Flankiert wurde diese zweite industrielle Revolution von einem neuen Niedriglohnsektor, mit dem sich nach dem Ersten Weltkrieg die „Große Migration“ der afroamerikanischen Landbevölkerung aus dem Süden in die Städte des Nordens auffangen ließ. Freilich war Mitte der 30er Jahre eine kritische Masse erreicht. Andererseits belebte wirtschaftlicher Aufschwung – eine Konsequenz von Franklin D. Roosevelts New Deal – das Konsumbedürfnis der Mittelschicht, was der Automobilindustrie zugutekam. Wobei sich kaum übersehen ließ, dass die Schere zwischen Arm und Reich immer weiter auseinanderklaffte.

Alles in allem schien 1936 ein gutes Jahr zu sein, um dem Selfmade-Unternehmer Henry Ford ein filmisches Denkmal zu setzen. So feierte am 5. Februar Charlie Chaplin im New Yorker Rivoli Theatre die Premiere seines neuen Streifens Modern Times, für den er ein letztes Mal in der Rolle des Tramps auftrat. Während der Dreharbeiten kursierten stets von Neuem Gerüchte über Chaplins politische Ansichten, befeuert nicht zuletzt durch Interviews, in denen er sich als Anhänger Roosevelts zu erkennen gab. Schon 1933 hatte sich Chaplin gegenüber dem Radiokanal CBS anerkennend über die häufig angegriffene National Recovery Administration (NRA) geäußert, die der damalige Präsident aufbauen ließ, um etwas gegen die Massenarbeitslosigkeit nach dem großen Knall von 1929 zu tun. Chaplin förderte zudem 1936 Roosevelts zweiten Präsidentschaftswahlkampf finanziell. Es seien einschneidende Jahre gewesen, schrieb er später in seiner Autobiografie Die Geschichte meines Lebens. Roosevelts New Deal habe den Kapitalismus vor dem Kollaps bewahrt.

Das tragikomische Sentiment des Tramps hatte Chaplins Filmen stets ein sozialkritisches Timbre verschafft. Bereits in den 20er Jahren nannte er sich einen „Internationalisten“ und „Friedenstreiber“, der seine Popularität als „treibende Kraft“ gegen jede Form von gesellschaftlicher Ungleichheit einsetzen wolle. Modern Times zeigte, wie das geschah.

Nach dem Erfolg mit City Lights (1931) hatte es Chaplin in die Ferne gezogen. Auf einer Weltreise, die 18 Monate dauerte, traf er unter anderem Mahatma Gandhi. In London gewährte ihm Winston Churchill eine Audienz, mit Albert Einstein diskutierte er in Berlin über die Wirtschaftskrise. Seine Erinnerungen – veröffentlicht unter dem Titel A Comedian Sees the World – gelten als Zeugnisse eines erwachenden politischen Bewusstseins. Auf einer Pressekonferenz gegen Ende seiner Tour fiel der Satz, angesichts der wirtschaftlichen Turbulenzen weltweit und des davon ausgehenden sozialen Unrechts sei er genauso Ökonom, wie sich Wirtschaftsmanager Komiker nennen könnten.

Karl Marx als Slapstick-Ballett

Modern Times wurde zum filmischen Ausdruck unverkennbarer Politisierung. Für die Entmenschlichung der industriellen Produktion fand Chaplin mit der berühmten Montage-Sequenz ein so eindrückliches wie pointiertes Sinnbild: Der Stress, wie ihn die unerbittliche Arbeitsmechanik am Fließband und die Geschwindigkeit der Abläufe auslösen, führt bei seinem Tramp zum nervlichen Zusammenbruch. Noch als das Band längst gestoppt ist, bleibt der Arbeitssklave in der Bewegungsmotorik, die das Fließband erzwingt, und versucht manisch, mit einem Schraubenschlüssel die Knöpfe am Kleid der Sekretärin nachzuziehen. Karl Marx’ Kritik der politischen Ökonomie, choreografiert als Slapstick-Ballett. Die ersten 20 Minuten von Modern Times sind die Essenz von Chaplins Bemühen, Ästhetik und Politik zu vereinen. Im Film endet der Tramp gewissermaßen als Rädchen im Getriebe des Kapitals, hineingezogen in das Innere der Maschine. Bizarrer Höhepunkt der episodischen Vignetten in der Fabrik ist die Szene, in der dem Kapitalisten, der wie ein totalitärer Herrscher mit Überwachungskameras die Effizienz seiner Arbeiter kontrolliert, eine Fütterungsmaschine vorgestellt wird, um selbst die Nahrungsaufnahme dem Produzieren unterzuordnen. Das Experiment gerät zur Farce.

An den Kinokassen war Modern Times – heute ein Klassiker der amerikanischen Komödie – kein Erfolg beschieden, was nicht nur mit Chaplins Entscheidung zu tun hatte, knapp zehn Jahre nach Einführung des Tonfilms noch mit der Stummfilm-Ästhetik zu liebäugeln. In Interviews hat er den Tramp gern als Held der Stummfilm-Ära beschrieben. Insofern war die Gesellschaftssatire Modern Times so etwas wie der Schwanengesang für seine ikonische Figur. Formal setzte Chaplin sein Faible für den Stummfilm allerdings konsequent um: Die einzigen menschlichen Stimmen im Film sind elektronisch verstärkt, wenn etwa der Fabrikant über einen Interkom-Monitor den Tramp während der Zigarettenpause anherrscht, an seinen Arbeitsplatz zurückzukehren. Überwachen und Strafen – Chaplin erwies sich mit Modern Times auch als Vorläufer Michel Foucaults.

Mit einer auf Demaskierung bedachten Haltung gegenüber dem Kapital machte sich der Brite Chaplin im aufgeheizten Klima der 30er Jahre natürlich verdächtig. Auf der anderen Seite der Barrikade wurden seine Botschaften aufmerksam registriert. 1935 erhielt Chaplin Besuch von einer Delegation der sowjetischen Filmindustrie, angeführt vom ehemaligen Filmkritiker Boris Shumiatski. Zwar zeigten sich die Gäste von Hollywood nicht sonderlich beeindruckt, doch hob Shumiatski, der während des Besuchs eine Rohfassung von Modern Times zu sehen bekam, nach seiner Rückkehr Chaplin als bedeutenden Künstler und Chronisten seiner Zeit hervor. Es war ein Lob, das von der US-Presse absichtsvoll aufgegriffen und verbreitet wurde, was wiederum neuen Gerüchten Nahrung gab. Es wurde kolportiert, dass Modern Times ursprünglich The Masses hätte heißen sollen (in Anlehnung an die kommunistische Zeitschrift The New Masses). Chaplin verwahrte sich gegen derartige Behauptungen, doch änderte sein Dementi wenig daran, dass Modern Times eine sozialistische Agenda unterstellt wurde. Dies sollte Chaplins Ruf in den USA beschädigen und ihn ein paar Jahre danach dem Jagdfieber des McCarthy-Ausschusses für unamerikanische Umtriebe aussetzen. McCarthy sammelte seinerzeit gut 2.000 Seiten über den Künstler, ohne ihn je vor sein Tribunal zu zitieren.

So war in Anbetracht der bewegten Vorgeschichte schon zum Zeitpunkt der Premiere klar, dass Modern Times eine Zäsur in Chaplins Werk darstellte. In seiner Autobiografie vermerkte er, dass jener Film tatsächlich von Berichten junger Arbeiter aus den Ford-Fabriken inspiriert gewesen sei. „Die Maschinen sollen den Menschen dienen, statt Tragödien auszulösen“, hatte er zu Beginn der Dreharbeiten verkündet. Im Film gerät der Tramp nach seiner Entlassung aus der Nervenklinik in eine Arbeiterdemonstration, die er unversehens mit einer von einem Lastwagen gefallenen roten Flagge in der Hand anführt. Nachdem die Polizei den Auflauf gewaltsam zerschlagen hat, landet er im Gefängnis. Wie Chaplin durchlief auch der Tramp mit Modern Times eine unaufhaltsame Politisierung.

06:00 17.02.2016

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