1938: Schotten dicht

Zeitgeschichte Bei einer Konferenz in Évian lassen es die westlichen Demokratien an Mitgefühl für jüdische Flüchtlinge aus Deutschland fehlen. Die NS-Propaganda schlachtet das aus
Ludger J. Heid | Ausgabe 46/2015 1

Bei aller Unterschiedlichkeit in Ursache und Konsequenz: Das Flüchtlingsdrama, das sich derzeit vor den Augen der zivilisierten Welt abspielt, erinnert an ein Ereignis im französischen Kurort Évian-les-Bains. Dort wird im Sommer 1938 eine Flüchtlingskonferenz zu einem Offenbarungseid der Kaltherzigkeit gegenüber Juden aus Deutschland und Österreich. Teilweise ist dabei Antisemitismus im Spiel. Auch wenn das Bemühen historischer Parallelen Vorsicht verdient, kann doch nicht übersehen werden, dass auch heute osteuropäische Staaten ihre Grenzen aus xenophobem Eigensinn schließen, um Hilfesuchende abzuwehren. Vor fast 80 Jahren ließen es westliche Demokratien ebenso am nötigen Mitgefühl fehlen, als vom NS-Regime Verfolgte um Zuflucht baten.

Im Juli 1938 saßen im luxuriösen Hotel Royal am französischen Ufer des Genfer Sees die Gesandten von 32 Staaten am Verhandlungstisch, um tagelang und ergebnislos über jüdische Flüchtlinge zu verhandeln.

Das Treffen von Évian ging auf den amerikanischen Präsidenten Franklin D. Roosevelt zurück. Es sollte sich damit beschäftigen, wie ein nach dem Anschluss Österreichs an das Deutsche Reich (März 1938) anschwellender Strom von Emigranten in geordnete Bahnen zu lenken sei. Roosevelts Initiative, der nicht im Traum daran dachte, Hitlers Rassenwahn zu tolerieren, kam insofern überraschend, als ihm durch das restriktive US-Einwanderungsrecht die Hände gebunden waren. „Es wäre eine Katastrophe sowohl für die Emigranten als auch für die demokratischen Nationen“, schrieb damals die amerikanische Publizistin Dorothy Thompson, „wenn die Aktion des Präsidenten lediglich auf Propaganda hinausliefe und falsche Hoffnungen geweckt würden.“ Doch genau so kam es. Jüdische Delegationen aus Berlin und Wien hatten für die Konferenz ein Memorandum mit Organisationsplänen für die Auswanderung aus dem „Großdeutschen Reich“ vorbereitet, das den NS-Behörden zur Genehmigung vorgelegt werden musste.

Drei bis vier Minuten, um Wünsche vorzutragen

Am 6. Juli 1938 wurde die Évian-Konferenz mit der Botschaft eröffnet, die Regierungen müssten handeln. Und zwar sofort. Die meisten der anwesenden Staaten hatten das getan, indem sie in die Flucht getriebenen Juden die Tür vor der Nase zuschlugen. Was konnte man unter diesen Umständen erwarten? Den Eingeladenen war versichert worden, es gäbe keine Auflagen – niemand müsse eine bestimmte Quote von Flüchtenden aufnehmen. Einzig die Dominikanische Republik hatte sich bereit erklärt, Emigranten für die Landarbeit zu dulden. Präsident Rafael Trujillo – in jener Zeit einer der brutalsten Diktatoren Lateinamerikas – verfolgte damit ein klar rassistisches Ziel. Bis zu 100.000 Menschen aus Europa sollten willkommen sein, um durch Einheirat die Hautfarbe der dominikanischen Bevölkerung „aufzuhellen“. Die Juden sollten 20.000 haitianische Fremdarbeiter ersetzen, die Trujillo ein Jahr zuvor ihrer schwarzen Hautfarbe wegen hatte abschlachten lassen. Letzten Endes wollten nicht einmal 500 jüdische Flüchtlinge ein Refugium auf der Karibikinsel.

Besonders für die Juden in Deutschland war Évian eine Katastrophe. Keines der teilnehmenden Länder erklärte sich bereit, sie einzulassen; was das NS-Regime als Freibrief für seine Judenpolitik verstand. Die akkreditierten Sprecher der Hilfesuchenden wurden in Évian zwar gehört, doch sei das ein trauriger Vorgang gewesen, schrieb der deutsch-jüdische Emigrant Schalom Adler-Rudel. Die Betreffenden hätten an der Tür des Sitzungszimmers gestanden. Wer sprechen durfte, der hatte drei bis vier Minuten, um seine Wünsche vorzutragen. Bei den ersten Sprechern wurde noch ins Englische und Französische übersetzt, später entfiel das. Der Notruf nach Humanität, gerichtet an die freie Welt, verhallte ungehört. Ein permanenter Konjunktiv durchdrang denn auch die „Empfehlungen“, mit denen die Gesandten der Staaten auseinandergingen. Ein Korrespondent traf den Nagel auf den Kopf, als er das Ergebnis als „so dünn und unaufgeregt, wie das Évianer Mineralwasser“ charakterisierte.

Die langatmige Schlussresolution vermied jeden Protest an die deutsche Reichsregierung. Man wollte das NS-Regime offenkundig nicht verprellen. Es wurde noch die letzte Formulierung aus der Resolution gestrichen, die Berlin hätte brüskieren können. Die Hoffnung, Deutschland, das während der gesamten Konferenz nie namentlich erwähnt wurde – stets war nur vom „Herkunftsland“ die Rede –, zu konstruktiver Mitarbeit zu bewegen und dazu, den Ausreisewilligen ihr persönliches Hab und Gut zu lassen, scheiterte am Veto aus der Reichshauptstadt. Noch während der Konferenz war es Staatssekretär Ernst von Weizsäcker vorbehalten, in einem Rundschreiben an die deutschen Auslandsvertretungen klarzulegen: Reichsaußenminister von Ribbentrop lehnt die Zusammenarbeit mit anderen Staaten in der „Judenfrage“ grundsätzlich ab und erklärt klipp und klar, es handle sich um ein rein deutsches Problem, das außer jeder Diskussion stehe. Die Juden sollten weg, aber ohne Vermögen (sofern sie darüber verfügten), weil sich der NS-Staat das selbst einzustecken wünschte. Juden, die das Land verließen, sollte zuvor möglichst viel Geld und Besitz abgenommen werden.

Zehn Tage tagten die Delegierten in Évian und brachten wenig zustande. „Die Konferenz war ein eklatanter Fehlschlag“, schrieb die jüdische Publizistin Hannah Arendt, „und wirkte sich für die deutschen Juden verhängnisvoll aus.“ Ein ins Leben gerufenes Flüchtlingskomitee, das Möglichkeiten zur Auswanderung und Aufnahme verfolgter Juden aus Deutschland „erkunden“ sollte, war das allein greifbare Resultat.

Triumph für das NS-Regime

Der Mangel an Solidarität in den westlichen Ländern kam Hitler wie gerufen. Auf dem Parteitag der NSDAP in Nürnberg enthielt seine Schlussrede am 12. September 1938 die folgende Passage: „Man beklagt in diesen Demokratien die unermessliche Grausamkeit, mit der sich Deutschland der jüdischen Elemente zu entledigen versucht.“ Jetzt aber, fuhr er mit unverhohlenem Zynismus fort, da die deutsche Nation nicht mehr gewillt sei, „sich noch länger von diesen Parasiten aussaugen zu lassen, jammert man darüber. Aber nicht, um nun endlich in diesen demokratischen Ländern die heuchlerische Frage durch eine hilfreiche Tat zu ersetzen, sondern im Gegenteil, um eiskalt zu versichern, dass dort selbstverständlich kein Platz sei! Hilfe also keine. Aber Moral!“

Das NS-Regime konnte triumphieren. Durch Évian wurde aller Welt vor Augen geführt: Das Judenproblem war keine auf Nazideutschland zurückgehende humanitäre Herausforderung, die in den westlichen Demokratien Anteilnahme und Hilfsbereitschaft auslöste. Die NS-Propaganda konnte getrost kolportieren, dass sich so gut wie niemand am Schicksal der Juden sonderlich interessiert zeigte. „Juden billig abzugeben – wer will noch mal? Niemand!“, hatte die nationalsozialistische Wochenschrift Reichswart am 14. Juli 1938 gehöhnt.

Auf der Flüchtlingskonferenz war einem Delegierten aufgefallen, dass Évian rückwärts gelesen „naive“, das englische Wort für „naiv“, ergab. War es 1938 naiv, darauf zu setzen, dass ein zivilisiertes Ausland das NS-Regime verurteilte und eine menschenwürdige Lösung für die Flüchtlingsfrage fände?

Im Selbstbild der teilnehmenden Staaten war die Konferenz ein Erfolg. Man hatte der Öffentlichkeit gezeigt, dass man etwas für die deutschen Flüchtlinge tun wollte, ohne irgendwelche konkreten Zusagen zu treffen. Mit gegenseitigem Schulterklopfen, einem opulenten Schlussbankett und ebensolchem Feuerwerk fand Évian seinen Abschluss.

Nachdem der letzte Konferenzteilnehmer am 14. Juli 1938 das Hotel Royal durch die Drehtür verlassen hatte, war alles wie immer. Spieler und Croupiers übernahmen im Casino wieder das Kommando. Beim Roulette rollte die weiße Kugel wie eh und je.

Ludger J. Heid ist Historiker und Lehrbeauftragter an der Universität Duisburg-Essen

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06:00 25.11.2015

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