1940: Ketchup im Blut

Zeitgeschichte Richard und Maurice McDonald eröffnen in Kalifornien ihre erste Filiale. „McDonald’s Bar-B-Que“ hieß der Laden. Es gab Hot Dogs und Hamburger mit Essiggurke
1940: Ketchup im Blut
Nun, liebe Kinder, gebt fein acht, ich hab’ euch etwas mitgebracht

Foto: David McNew/Getty Images

Hamburger und Pommes haben den Fast-Food-Pionieren Richard und Maurice gutes Geld gebracht. In den USA der späten 1930er Jahre führte eine sich nach der Weltwirtschaftskrise rasant beschleunigende Industrialisierung zu einer veränderten Esskultur. Die Umwelt wurde zugemüllt, Fettleibigkeit forciert. Obschon das Unternehmen McDonald’s sich heutzutage gesundheitsbewusst gibt, hat der Big Mac seit jeher bis zu 550 Kalorien, eine große Portion Pommes 490 und ein kleiner Milchshake 530.

Im System McDonald’s, inzwischen einer der größten Arbeitgeber des Landes, waren die Beschäftigten stets schlecht bezahlt und austauschbar. McDonald’s-Arbeiter verlangen seit Jahren mindestens 15 Dollar Stundenlohn. Anfangs war der Job vornehmlich etwas für Teenager. Längst nehmen oft ältere Menschen die Bestellungen entgegen. Und Alleinerziehende, die Geld nach Hause bringen müssen.

Das ganz große Geld an den Hamburgern verdiente der Mann, der sich vom Konzern als „Gründer“ feiern ließ, der 1984 verstorbene frühere Vertreter für Milchshakemaschinen – Ray Kroc. Er hat den Brüdern Richard und Maurice McDonald die Firma 1961 für angeblich 2,7 Millionen Dollar abgekauft und mit einer aggressiven Franchise-Strategie sowie effektiver Werbung zum Weltunternehmen gemacht. Heute hat McDonald’s in den USA rund 14.000 Filialen. Weltweit kann man in beinahe 40.000 Restaurants Big Macs, McRibs, McChickens und McMuffins essen. „Wenn du Ketchup im Blut hast und Gastronomie genau dein Ding ist, bist du bei McDonald’s genau richtig“, heißt es in einer Stellenausschreibung in Deutschland.

Joan Kroc, Ray Krocs dritte Ehefrau, hat nach dessen Tod das gesamte Vermögen unters Volk gebracht. Vergeben an die Heilsarmee, an Organisationen gegen Obdachlosigkeit und Alkoholismus, für nukleare Abrüstung. Mehr als 200 Millionen Dollar kamen dem nicht kommerziellen Rundfunksender NPR zugute. Ray Kroc war Republikaner und spendete zu Lebzeiten für Richard Nixon.

Hamburger hatten kein besonders gutes Image in den USA zu Beginn des 20. Jahrhunderts. 1906 hatte der Journalist Upton Sinclair The Jungle, sein Buch über die Fleischindustrie veröffentlicht und krasse Arbeitsbedingungen und definitiv unappetitliche Zustände bei der Fleischverarbeitung beschrieben. Sinclair erwähnte tote Ratten, die im Fleischwolf mit zerkleinert würden.

„McDonald’s Bar-B-Que“ hieß der Laden, den Richard und Maurice 1940 aufmachten. Es gab Hot Dogs, Hamburger und Barbecue. Zu Beginn wurden die Speisen auf den Parkplatz von „Car-Shops“ gebracht, junge Frauen mit eher knappen Uniformen mussten servieren. Das Geschäftsmodell lohnte sich offenbar nicht so recht. Beim Nachrechnen sollen die Brüder festgestellt haben, dass der Hamburger das profitabelste Menü war. Also konzentrierte man sich bald auf Burger.

1948 bauten sie um. Die Frauen wurden entlassen. Kunden sollten ans Fenster kommen, um sich ihr Essen abzuholen. McDonald’s habe ein „militärhaftes Produktionssystem“ eingeführt, heißt es in dem Bestseller Hamburger: A Global History von Lebensmittelhistoriker Andrew Smith. Es gehe sehr präzise zu mit genau vorgeschriebenen Arbeitsschritten und Rohprodukten – Herstellung und Verpackung getimt auf die Sekunde.

Der Nachruf auf Richard McDonald 1998 in der New York Times zitierte den Unternehmer: „Unser Konzept gründete sich auf Geschwindigkeit, niedrige Preise und Menge.“ McDonald erläuterte: „Nehmen wird an, ein Typ kommt rein, du fragst ihn, was er auf seinen Burgern will, und er sagt: ‚Ich muss zurück zum Auto und meine Frau fragen.‘ Das würde nicht funktionieren.“ Die McDonald-Brüder lagen im Trend. Kalifornien erholte sich von der Depression der 1930er. Unter der Obhut des Staates reüssierten die Rüstungsindustrie, die Stahlwerke, die Aluminiumschmelzer, die Flugzeugbauer und die Werften für den Krieg in Europa und im Pazifik. Es war Geld da, nach dem Krieg boomte die Autoindustrie, und Fast Food war irgendwie cool.

Die Geschichte von Ray Krocs Zusammenkommen mit den McDonald-Brüdern wurde nachgezeichnet in dem Film The Founder (Der Gründer) mit Michael Keaton in der Hauptrolle. Kroc war Vertreter für Küchengeräte, die Milchshakes herstellten, und wollte den Laden in San Bernardino sehen, der nicht ein Gerät oder zwei, sondern sagenhafte acht seiner Maschinen gekauft hatte, zum Stückpreis von 150 Dollar. Kroc bestellte sich sein Essen, war überrascht, dass Tüte und Wegwerfbecher so schnell vor ihm standen („Ich habe doch gerade erst bestellt.“), und wollte wissen, wo das Besteck bleibe. Man esse direkt aus der Tüte, bekam er zu hören.

Noch nie habe er einen besseren Hamburger gegessen, schwärmt Kroc. Die Brüder zeigen ihm die Küche. Geräte spritzen Ketchup und Senf punktgenau auf die Hamburgerbrötchen. Genau zwei Scheibchen Essiggurken kommen in jeden Burger. Geschwindigkeit, das sei entscheidend, sagen ihm die Besitzer. Ray Kroc war schwer beeindruckt. Er sei überzeugt, dass „ein Mann jede Gelegenheit nutzen muss, die sich ihm bietet“, schrieb er in seiner Autobiografie Grinding It Out von 1976. Er stieg ein bei der Firma. Aber die Beziehung zu den Brüdern war schwierig. Richard und Maurice waren angeblich zufrieden mit einer überschaubaren Anzahl von Restaurants im Westen der USA. Kroc übernahm den Konzern mit einem turbokapitalistischen Programm zum Rekrutieren Hunderter von Franchisenehmern, die das McDonald’s-System haargenau umsetzten und dem Unternehmen Gebühren zahlten, genau vier Prozent vom Umsatz. Hunderte Seiten lange Franchiseverträge enthalten bis heute Vorschriften, die rigoros kontrolliert werden. Wer ein McDonald’s übernehmen will, muss erst kostenpflichtige Kurse an der „Hamburger-Universität“ in Chicago nehmen.

In Deutschland werden rund 90 Prozent der McDonald’s-Restaurants von Franchisepartnern betrieben. In den USA etwa 95. Aus Sicht des Konzerns hat Krocs System einen großen Vorteil: Bei Auseinandersetzungen um Arbeitsbedingungen und in den USA recht häufig anfallenden Klagen wegen sexueller Belästigung kann sich das Unternehmen entschuldigen: Obwohl es die einzelnen Restaurants bis ins Detail kontrolliert, sei das Sache des örtlichen Betreibers, wird meist behauptet.

Das Coronavirus hat auch die Fast-Food-Industrie gepackt. Sie setzt nun auf Lieferdienste und Drive Through. Die Arbeiter gelten plötzlich als „lebenswichtige Beschäftigte“. Es muss weitergehen, erklärte der Vorstandschef von McDonald’s Deutschland, Holger Beeck: „Wir wollen ja gestärkt aus der Krise hervorgehen.“ Er empfehle dringend die Mehrwertsteuer in der Gastronomie für die nächsten fünf Jahre auf einen einheitlichen Satz von sieben Prozent festzulegen. In den USA informiert der Konzern über wohltätige Initiativen. Businessinsider.com hat ein geleaktes Schreiben von Joe Erlinger, Präsident von McDonald’s USA, publiziert, der meint, man solle während der Pandemie zehn Prozent zusätzlich als „Heldenlohn“ zahlen. Das sei gut fürs Image. „Über Nacht könnte McDonald’s seinen Ruf als Arbeitgeber und die Wahrnehmung durch die Kunden umwandeln.“ In mehreren Restaurants in Los Angeles, Memphis, Miami und weiteren Städten allerdings haben Mitarbeiter laut Medienberichten ihren Arbeitsplatz verlassen, aus Protest gegen ungenügende Schutzmaßnahmen.

Erlinger und weitere Fast-Food-CEOs waren Mitte März am Telefon mit Donald Trump, selber häufiger Genießer ihrer Produkte. Trump sei voll des Lobes gewesen, berichtete der Fernsehsender CNBC. Die Firmen seien „fantastisch“, habe der Präsident gesagt. „Sie bleiben geöffnet mit weniger Mitarbeitern. Sehr kompetente Leute, sehr kompetente Firmen.“ The Founder kam am 20. Januar 2017 in die US-Kinos, dem Tag von Trumps Amtseinführung. Der Ray Kroc im Spielfilm sagt, McDonald’s könne Amerikas neue Kirche werden, und die sei nicht nur sonntags geöffnet.

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06:00 21.05.2020

Ausgabe 44/2020

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