1943: Kilometer Null

Zeitgeschichte In der Schlacht um Stalingrad ist die Niederlage des deutschen Aggressors besiegelt, aber noch wird gekämpft. An der Wolga beginnt die Befreiung Europas vom Faschismus
1943: Kilometer Null
Nach dem Ende: Deutsche Kriegsgefangene, dem Kessel entronnen

Foto: Sovfoto/UIG/Getty Images

Es ist ein kalter Morgen, als die Sonne hinter dem ehemaligen Kaufhaus Univermag aufsteigt und in unser Hotelzimmer scheint. Wir treten auf den kleinen Balkon und sehen in der erwachenden Stadt den „Platz der gefallenen Kämpfer“, auf dem vor einem Obelisken aus Granit eine ewige Flamme an die Stalingrad-Kämpfer der Roten Armee erinnert. Vor 75 Jahren – Anfang Januar 1943 – begann für sie mit der „Operation Kolzo“ die letzte Phase der Schlacht. Der Ring um die im Stadtkern eingeschnürten deutschen Verbände sollte enger und enger gezogen werden – aus Angreifern waren Belagerte geworden.

Noch im August und September 1942 schien der Vormarsch der 6. Armee des Generals Paulus unaufhaltsam, hatte sie doch Stalingrad zu neun Zehnteln eingenommen. Hitler und das Oberkommando der Wehrmacht wollten den endgültigen Fall der Stadt und den Sieg der deutschen Waffen verkünden. Sie mussten die Sondermeldung von Tag zu Tag verschieben. Es wurde gekämpft um jedes Haus, jede Straßenecke, jeden Keller, jeden Krater, jede Ruine. Bald zeigte sich mit dem hereinbrechenden Winter – wie schon beim missglückten Durchbruch nach Moskau ein Jahr zuvor –, dass es unmöglich war, die Stadt dauerhaft zu halten. Mitte November ging die Rote Armee mit der „Operation Uranus“ und einer Million Soldaten zur Offensive über und konnte das Stalingrad-Korps der Wehrmacht innerhalb kurzer Zeit einkesseln. Der auf Befehl Hitlers unternommene Versuch, mit dem „Unternehmen Wintergewitter“ die Belagerung von 300.000 Soldaten aufzubrechen, musste am 23. Dezember 1942 aufgegeben werden. Die Entlastung scheiterte 50 Kilometer vor dem Kessel an sowjetischer Gegenwehr.

Was nun folgte, hatte der Dichter Bertolt Brecht bereits Anfang 1942 in seinem Gedicht An die deutschen Soldaten im Osten beschrieben: „Brüder, wenn ich … auf den östlichen Schneefeldern einer von euch wäre, einer von euch Tausenden zwischen den Eisenkärren, würde ich sagen, wie ihr sagt: Sicher muss da ein Weg nach Hause sein. Aber, Brüder, liebe Brüder: Unter dem Stahlhelm, unter der Hirnschale würde ich wissen, was ihr wisst: Da ist kein Weg nach Haus mehr.“ Friedrich Paulus bittet als Befehlshaber der 6. Armee wiederholt darum, kapitulieren zu dürfen. Die Lage sei aussichtslos. Hitler lehnt kategorisch ab. Er befördert Paulus zum Generalfeldmarschall und glaubt, ihn damit zwingen zu können, um der Ehre willen die Stellung „bis auf den letzten Mann“ zu halten.

75 Jahre später glänzt ein messingfarbener Stern in der Morgensonne und bezeichnet den Kilometer Null in Wolgograd, an dem der Durchhaltewahn des Eroberers zerbrach. Kilometer Null liegt 200 Meter vom einstigen Warenhaus Univermag entfernt, in dessen Keller sich der Kommandostand von Paulus befand. Von Kilometer Null sind es gut 500 Meter bis zum Hauptbahnhof, der bei den Gefechten ab September 1942 von deutschen Verbänden mehrfach erobert und wieder verloren wurde. Es bleiben von Kilometer Null gut 1.000 Meter, um den schmalen Streifen am Wolga-Ufer zu erreichen, auf dem sich zwischen Oktober und Dezember 1942 die 62. Armee von Wassili Tschuikow eingegraben hatte und nicht weichen wollte. Der damals erst 41-jährige General galt als einer der härtesten und taktisch fähigsten Kommandeure der Roten Armee. Wo seine Einheiten aushielten, ist die Wolga anderthalb Kilometer breit. Nachschub und Versorgungsgüter mussten unter ständigem Beschuss über den Strom. Ebenso geriet der Abtransport von Verwundeten zum Himmelfahrtskommando. Die durchschnittliche Lebenserwartung eines Sowjetsoldaten, der zur Verstärkung über den Strom kam und sofort eingesetzt wurde, lag bei 48 Stunden. Jeder sollte nach der Devise handeln: „Jenseits der Wolga gibt es für uns kein Land mehr! Aushalten, verteidigen, angreifen.“ „Keinen Fußbreit zurück“ war Stalins Ukas Nr. 227 überschrieben. Wer das missachtete, dem drohten Erschießung oder Strafbataillon.

Zwischen 700.000 und 2 Millionen Tote

Am Mahnmal des unbekannten Soldaten, vor dem wir morgens Kadetten beobachten – Mädchen und Jungen –, die mit großem Ernst das Exerzieren üben, stellt sich zwangsläufig die Frage nach der Zahl der Toten in den Monaten des Grauens. Während deutsche Quellen von 700.000 Opfern auf beiden Seiten ausgehen, darunter mehr als 40.000 Zivilisten, die durch deutsche Bombenangriffe starben, sprechen russische Historiker von zwei Millionen Toten. Die Zahlen stehen sich gegenüber, doch wie sie auch immer ausfallen – das Inferno von einst lässt sich damit bestenfalls erahnen, nur in Maßen Leid, Not und Trauer der Überlebenden verstehen.

Im Wolgograder Museum der Schlacht gibt es ein Diorama des Bunkers und der Privaträume von Friedrich Paulus. Dazu wird vermerkt, zuletzt sei der Beschuss derart intensiv gewesen, dass es niemand mehr wagte, die Stellung zu verlassen, um Tote zu bergen, Hilfe für Verwundete oder Lebensmittel zu holen. Am 31. Januar 1943 kam aus diesen Katakomben, dem Hauptquartier der 6. Armee, ein allerletzter Funkspruch: „Russe steht vor der Tür. Wir bereiten die Zerstörung vor ...“

Auf dem Außengelände des Museums besichtigen wir mit der „Stalinorgel“ Raketenwerfer, die auf dem russischen SIS-Pick-up montiert waren. Freilich konnten die „Katjuschas“ dank des Lend-Lease-Programms der US-Regierung auch von amerikanischen Studebakers abgeschossen werden. Als die Schlacht zu Ende ging, stammten etwa fünf Prozent der sowjetischen Militärfahrzeuge aus diesem Transfer. Eine Quote, die deutlich überboten wurde, seit die Sowjetarmee nach dem Sieg an der Wolga in Washington (wie in London) als ebenbürtiger, vor allem strategischer Alliierter akzeptiert war. Was seinerzeit auch durch das „Schwert von Stalingrad“ zum Ausdruck kam, das Winston Churchill im Auftrag von König Georg VI. zur Konferenz von Teheran im November 1943 als Geschenk an Josef Stalin übergab. Es kann im Museum der Erinnerung ebenso in Augenschein genommen werden wie eine außergewöhnliche Konstruktion: eine Art individueller Schutzzylinder, der Arbeitern an der Werkbank beim Beschuss ihrer Fabrikhallen als Splitterschutz diente. Soweit möglich, standen die Menschen weiter an ihren Maschinen und produzierten Waffen, die direkt an die Front gingen.

Am nächsten Tag besuchen wir den Mamajew Kurgan. Wieder strahlt die Sonne über einem blauen Winterhimmel. Wir steigen von Osten her über die breiten Treppen der 85 Meter hohen Statue der Mutter Russlands entgegen, die mit erhobenem Schwert das Volk zum Sturm auf die faschistischen Invasoren ruft. Den Weg nach oben säumen monumentale Statuen sowjetischer Soldaten mit eisernem, heroischem Blick, bevor in einer ersten Halle der Höllenlärm der Schlacht zu hören ist – Geschosse heulen, MGs hämmern, Detonationen donnern. Wir kommen zur Halle des Ruhms, Namen über Namen. Ein Raum voll Herzensnot. Nichts und niemand ist vergessen. Im Hintergrund ist Robert Schumanns Träumerei zu hören, ein deutscher Komponist mit einer seiner Kinderszenen in dieser Kathedrale des Gedenkens.

Wir bleiben stehen, hören minutenlang zu, haben die Musik noch im Kopf, als es weitergeht zum Friedhof Rossoschka in der Steppe. Auf der einen Seite liegen russische Soldaten in Einzelgräbern, was sonst unüblich ist, auf der anderen etwa 64.000 gefallene Deutsche in Massengräbern, was nach dem Krieg von der Bundesrepublik Deutschland, die Wert auf identifizierbare Einzelgräber legte, so nicht gewollt war. Ruhen deutsche und russische Soldaten nicht in Frieden nebeneinander, weil sich Erinnerung und Versöhnung bis heute oft aus dem Weg gehen? Wir sind betroffen über so viele zerstörte Menschenleben. Da war „kein Weg nach Haus mehr“. Bedrückt fahren wir nach Wolgograd zurück.

Peter Furth und Dr. Rasmus Furth sind in Kassel Initiatoren einer Ausstellung über Kurt Reuber, der als Pfarrer und Arzt in Stalingrad war. Er verstarb 1944 in sowjetischer Gefangenschaft

06:00 09.01.2018

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