1945: Ein Turm verdampft

Zeitgeschichte Heimlich zünden die USA in New Mexico die erste Atombombe der Geschichte. Die Bewohner der Region werden über die Gefahr nicht informiert
1945: Ein Turm verdampft
Die Explosion hinterließ einen 330 Meter breiten Krater

Foto: Corbis Historical/Getty Images

Der Sommer 1945 war Übergangszeit in den USA. Nazideutschland hatte kapituliert. In Washington, Moskau und London ging es um die Neuordnung der Welt, doch war der Krieg noch lange nicht vorbei. US-Militärs planten die „Operation Olympic“, um in Japan zu intervenieren. Beginnen sollte sie am 1. November. Im Planungsstab wurde über hohe Verluste gesprochen, mit denen zu rechnen sei.

Am Morgen des 16. Juli 1945 gegen 5.30 Uhr Ortszeit fühlten Bewohner der Kleinstadt Alamogordo die Druckwelle einer gewaltigen Detonation. Der Explosionsort lag mehr als 100 Kilometer entfernt im Testgelände der Army in der Wüste des Staates New Mexico. Der Vorgang, „Trinity Test“ genannt, war streng geheim. Die Army hatte Presseerklärungen vorbereitet für eventuelle Nachfragen: Ein Munitionslager sei in die Luft geflogen. Tatsächlich war die erste Atombombe der Weltgeschichte explodiert, eine Plutoniumbombe mit einer Sprengkraft von gut 20.000 Tonnen TNT. Ein Vernichtungswerkzeug ohnegleichen. Eine zweite Bombe sollte wenige Wochen später Hiroshima in Japan zerstören, eine dritte Nagasaki. Für diese Waffe gesorgt hatten die Wissenschaftler des Manhattan Project, das im Juni 1942 ins Leben gerufen wurde, um einem Atomwettlauf mit Deutschland gewachsen zu sein. Der Pazifist Albert Einstein und Leo Szilard, in die USA emigrierte Physiker, hatten Präsident Roosevelt bereits 1939 zu einer forcierten Atomforschung gedrängt und vor Deutschland gewarnt. Ihr Argument: Es sei vorstellbar, dass „extrem starke Bomben eines neuen Typs“ konstruiert werden könnten.

Hunderte Wissenschaftler, Soldaten und Offiziere beobachteten die Zündung an jenem Sommermorgen von ihren Bunkern aus. In der Nacht zuvor hatten sie unruhig geschlafen. Was mit dem Plutonium passieren würde bei einem Fehlschlag, wusste man nicht. Am 7. Mai hatte es einen Test zur Probe mit 100 Tonnen TNT gegeben, um die Instrumente zu kalibrieren. Später erinnerte sich Robert Oppenheimer, Direktor des Los Alamos Laboratory zur Entwicklung der Bombe: „Wir wussten, dass die Welt nicht mehr dieselbe sein würde. Ein paar Leute lachten, ein paar weinten, die meisten waren stumm.“ Der zu großen Tönen neigende General Leslie Groves, Leiter des Manhattan Project, soll gesagt haben, der Pazifikkrieg werde vorbei sein, wenn „wir zwei Bomben auf Japan abwerfen“.

Stanley Hall, gerade 20 Jahre alt geworden, war seit zwei Jahren Labormitarbeiter beim Manhattan Project. Auch er habe Trinity gesehen, wie er 2017 für ein Oral-History-Projekt erzählte. „Es waren verschiedene Farben, alle vermischt miteinander, aber in Bewegung. Es war nicht nur eine Farbe, es waren Rot und Gelb und Blau, alles zusammengemischt.“ Und er habe Wärme gefühlt. Man müsse sich eine Küche vorstellen, „und jemand öffnet die Ofentür und die Wärme kommt heraus“. So ungefähr habe sich das angefühlt aus zehn Meilen Entfernung.

Marvin Davis war bei den Feldgendarmen zur Sicherung des Testgeländes eingesetzt. Viele seiner Kameraden hätten – wie er selbst – nicht gewusst, „was die A-Bombe war“, schrieb Davis in seinen Erinnerungen. „Man hat uns gesagt, dass sie groß sei und den Krieg verkürzen würde.“ Die Soldaten hätten Pappschutzschilde bekommen. Die Explosion sei so hell gewesen, dass man die Augen schließen musste. Davis hat einige der wenigen Fotos gemacht vom Testgelände, heute anzuschauen auf atomicheritage.org. Zu sehen sind der etwa 30 Meter hohe Stahlturm, auf dem die Bombe montiert war, die Anlieferung des Plutoniumkerns, ein Kontrollbunker, Flachbauten im Soldatencamp, Soldaten beim Reiten und Davis mit seinem Hund namens Whitey. Der Stahlturm ist bei der Explosion verdampft, einfach verschwunden. Der Atompilz wurde zwölf Kilometer hoch, durch die erzeugte Hitze schmolz der Sand – Asche fiel vom Himmel. Die Militärs betrachteten den Test als vollen Erfolg, doch sollte die US-Öffentlichkeit davon erst nach dem Ende des Krieges gegen Japan erfahren.

Anastacio Cordova, 1945 vier Jahre alt, aufgewachsen im Ort Tularosa, 65 Kilometer entfernt von Ground Zero, berichtet, dass die Menschen in ihrer Gegend nichts von der immensen Strahlengefahr erfuhren. Ihre Tochter Tina Cordova habe vor mehreren Jahren einen Verein für die in Mitleidenschaft gezogenen Menschen gegründet. Ihr Vater sei dreimal an Krebs erkrankt – Zungenkrebs, Rachenkrebs, Prostatakrebs. Sie wolle die Unwahrheiten berichtigen, die mit der offiziellen Geschichte des Trinity-Tests verbreitet würden, so Cordova. Eine davon sei die Legende, man habe die Explosion damals in einer menschenleeren Gegend ausgelöst. In Wirklichkeit hätten mehr als 40.000 Menschen in den vier Landkreisen ringsherum gewohnt. Hauptsächlich kleine Bauern, Latinos, arme Weiße und Indianer. Es habe kaum Läden gegeben und kein fließendes Wasser. Die Anwohner seien Selbstversorger gewesen, man aß das eigene Gemüse, trank Milch von der Kuh oder Ziege und Wasser aus der Zisterne – alles verseucht nach dem Test. Doch hätten die Menschen gegessen und getrunken wie vorher, natürlich auch ihr Vater. Tina Cordovas Organisation „Tularosa Basin Downwinders“ verlangt heute eine Entschuldigung dafür, dass Menschen ohne Wissen der Bombe ausgesetzt waren, sowie eine materielle Wiedergutmachung. Es gebe so viele Fälle von Krebs, auch bei den Nachkommen, meint Cordova, sie selbst sei an der Schilddrüse erkrankt. Zum 75. Jahrestag haben die „Downwinders“ eine Mahnwache mit Kerzen und andere Veranstaltungen geplant. Das Coronavirus dürfte manches davon vereiteln.

Der damalige US-Präsident Harry Truman hielt sich während der entscheidenden Tage in Potsdam auf bei der Dreimächtekonferenz mit dem britischen Premier Winston Churchill (bald abgelöst durch Nachfolger Clement Attlee) und dem sowjetischen Staatschef Josef Stalin. Im Schloss Cecilienhof wurde verhandelt über die Zukunft des besetzten Deutschland, neue Grenzen in Europa, Reparationsleistungen und den Krieg gegen Japan, der zu Ende gebracht werden musste. Truman, Kriegsminister Henry Stimson und Außenminister James Byrnes warteten auf Nachrichten aus New Mexico. Hatte es funktioniert?

Man wusste, diese Waffe würde für eine neue globale Ordnung sorgen. Eine eigenwillig verschlüsselte Nachricht sei am Abend des 16. Juli, einen Tag vor Beginn der Konferenz, bei Stimson eingetroffen, heißt es im Buch The Decision to Use the Bomb des Historikers Gar Alperovitz: „Haben diesen Morgen operiert. Die Diagnose noch nicht abgeschlossen, doch die Ergebnisse sind anscheinend zufriedenstellend ... Dr. Groves ist erfreut.“

Am 21. Juli brachte ein Kurier den Bericht von General Groves. Der Test habe die Erwartungen übertroffen. Das Licht der Explosion habe man in einer Entfernung von 180 Meilen sehen können. Das Ausmaß der zerstörenden Kraft sei so nicht erwartet worden. Niemand habe gedacht, dass der Stahlturm beschädigt werde, schrieb Groves. Truman und Außenminister Byrnes seien offenbar außerordentlich zufrieden gewesen, schrieb Truman-Biograf David McCullough. Es habe sich das „Gefühl“ eingestellt, man werde in den Verhandlungen mit Stalin künftig eine bessere Hand haben. Dem habe Truman am 24. Juli mitgeteilt, die USA seien in Besitz einer „neuen Waffe mit ungewöhnlicher Vernichtungskraft“. Stalin schien weder überrascht noch neugierig und verzichtete auf Nachfragen. Wie heute bekannt ist, wussten die sowjetischen Dienste dank ihrer Kundschafter in Los Alamos, vornehmlich des deutschen Kernphysikers Klaus Fuchs, trotz aller Sicherheitsvorkehrungen beim Manhattan Project so einiges über die Nuklearexperimente der Amerikaner. Die Sowjetunion zündete 1949 ihre erste Atombombe. Fuchs wurde erst 1950 enttarnt.

Auf dem Testgelände steht heute ein Obelisk mit der nüchternen Aufschrift, hier sei der Ort der ersten Atomexplosion gewesen: „Trinity Site Where The World’s First Nuclear Device Was Exploded On July 16, 1945“.

Liebe Leserin, lieber Leser,

dieser Artikel ist für Sie kostenlos.
Unabhängiger und kritischer Journalismus braucht aber auch in diesen Zeiten Unterstützung. Wir freuen uns daher, wenn Sie den Freitag hier abonnieren oder 3 Ausgaben gratis testen. Dafür bedanken wir uns schon jetzt bei Ihnen!

Ihre Freitag-Redaktion

06:00 21.06.2020

Ausgabe 27/2020

Hier finden Sie alle Inhalte der aktuellen Ausgabe

3 Ausgaben kostenlos lesen

Der Freitag ist eine Wochenzeitung, die für mutigen und unabhängigen Journalismus steht. Wir berichten über Politik, Kultur und Wirtschaft anders als die übrigen Medien. Überzeugen Sie sich selbst, und testen Sie den Freitag 3 Wochen kostenlos!

Kommentare 3