1945: Prinzengarde

Zeitgeschichte In Frankreich wird die Eliteschule Ecole Nationale d’Administration (ENA) gegründet. Bis heute ist sie ein berüchtigtes Bollwerk gegen die Idee der Gleichheit
Hansgeorg Hermann | Ausgabe 48/2015

Am Anfang stand eine Idee, die nach „Egalité“ klang, nach Gleichberechtigung und Demokratisierung. Es schien so, als sollten mehr als anderthalb Jahrhunderte später die 1789 herbeigesehnten Ziele der Französischen Revolution wieder ins Blickfeld rücken. Charles de Gaulle war dafür – an seiner Seite Zeitgenossen wie Michel Debré und Maurice Thorez, der eine Anhänger des Generals, der andere Kommunist. Gewagt wurde im Herbst 1945 schließlich ein institutioneller Aufschlag, der sich Ecole Nationale d‘Administration (ENA) nannte. Daraus wurde eine der berühmtesten, für viele auch berüchtigtsten Kaderschmieden Europas. Falls de Gaulle seinerzeit tatsächlich eine Demokratisierung der höchsten Verwaltungsebenen des Landes wünschte, was aus jetziger Sicht zweifelhaft erscheint, dann fällt das Ergebnis eher dürftig aus.

Die ENA ist heute, 70 Jahre nach ihrer Gründung, mehr denn je ein Hort alten und neuen Elitedenkens. Sie ist – wie andere Erziehungsanstalten des französischen Establishments auch – das Kolleg einer Kaste, die das Gegenteil dessen produziert, was auf Demokratisierung hinausläuft. Sie schafft bei ihren Absolventen die Gewissheit eigener Überlegenheit und garantiert die Aussicht auf ein in finanzieller Hinsicht problemloses Berufsleben – auf nicht nur administrative, sondern auch politische Macht.

Die V. Republik schickt die Auserwählten seit ihrer Gründung am 5. Oktober 1958 im Wesentlichen auf sieben Grandes Ecoles. Neben der ENA sind das die Ecoles Normales Supérieures (ENS), die Ecole Polytechnique, die Ecole des Mines de Paris (eine Ingenieur- und Bergwerksakademie), die Ecole Nationale des Ponts et Chaussées (ebenfalls eine Ingenieurschule), dazu die Ecole de la Statistique et de l’Administration Economique und die Agrarschule Agro Paris Tech.

Georges Pompidou, selbst Absolvent der Ecoles Normales Supérieures, drückte es während seiner Amtszeit als Präsident der Republik (1969 - 1974) vor Schülern seiner alten Anstalt so aus: „Man ist Normalien, wie man Prinz von Geblüt ist. Ein äußeres Merkmal gibt es nicht, aber man weiß es, man sieht es, obgleich es höflich, ja human ist, es die anderen nicht spüren zu lassen.“ Das klingt nach Theodor Adornos berühmtem Wort: „Elite mag man in Gottes Namen sein; niemals darf man als solche sich fühlen.” Doch das geschah nicht. Georges Pompidou sah es in etwa so: „Man wird nicht Normalien, man wird als Normalien geboren, wie man als Ritter geboren wird. Der Concours (Aufnahmeprüfung - die Red.) ist nur der Ritterschlag. Die Zeremonie hat ihre Riten. Der Vorabend des Ereignisses wird in der Abgeschiedenheit verbracht, an Orten, die – wie es sich geziemt – unter dem Schutz unserer Könige Saint-Louis, Henri IV und Louis-le-Grand stehen. Die Gralshüter, deren Versammlung aus diesem Anlass den Namen einer Prüfungskommission annimmt, erkennen ihre jungen Pairs und rufen sie zu sich.“ Bis Ende der 50er Jahre erging in den Einführungsreden der Direktoren von ENA und ENS an die neuen Schüler der Ruf: „Sie sind eine Rasse von Führern!“

Dass der europäische Faschismus in den 30er Jahren auf ähnliche Parolen zurückgegriffen hatte, schien die „Gralshüter“ der Eliteschulen nicht weiter zu stören. Die „Ritter“ waren ja jetzt nicht mehr schwarz, sondern verkörperten die „weißen Ritter der Demokratie“. Und war es nicht so, dass sich auf den Eliteschulen den Sprösslingen von Generälen unf Politikern, aus dem Adel und der Großbourgeoisie Schüler „aus dem Volk“ hinzugesellten? Es sollten nach Möglichkeit keine jungen Farbigen, keine Einwanderer aus den ehemaligen Kolonien oder mit einem französischen Pass beschenkte Migranten aus Afrika in die Grandes Ecoles drängen. Aber von Zeit zu Zeit war der Sohn – später sogar die Tochter – des einen oder anderen Pariser Handwerkers oder Händlers durchaus willkommen.

Der Staatsadel

Der 2002 verstorbene Pariser Soziologe Pierre Bourdieu untersuchte die von de Gaulle, Debré und Thorez als Ziel der ENA ausgegebene Demokratisierung des hohen Verwaltungsdienstes über einen Zeitraum von 20 Jahren hinweg. Was dabei an Material zusammen kam, präsentierte Bourdieu 1989 in seinem berühmt gewordenen Werk La Noblesse d’Etat (Der Staatsadel). Sein Fazit: „Die durch schulische Auslese geschaffenen Korps sind keine Ethnien, Kasten oder Sippen, wiewohl sie bestimmte Eigenschaften mit ihnen teilen. Obgleich sie ganz ähnliche Funktionen wie die Familie erfüllen, mit der sie ihre Leistungsfähigkeit verbinden, unterscheiden sie sich von ihr grundlegend durch die Reproduktionsweise und vor allem durch ihre enge Beziehung zum Staat aufgrund des Schultitels. Darin dem Adelstitel verwandt, sichern die schulischen Titel ihren Trägern in der Tat ein legales, vom Staat geschütztes … rechtlich garantiertes Monopol.“

Was tun, sollte sich im gemeinen Volk Widerstand gegen solcherart Eliten-Reproduktion regen? Auch dagegen sei, so Bourdieu, von Anfang an Abhilfe geschaffen worden: „Das Reproduktionssystem wäre mithin permanent den spezifischen, durch die Revolte der Ausgeschlossenen verursachten Krisen ausgesetzt, würde dem nicht eine zunehmende Verschleierung der Übertragungsprozesse entgegen stehen. Daraus folgen ein Verkennen des Willkürlichen der bestehenden Ordnung und ihrer Aufrechterhaltung sowie eine Anerkennung, die dieser Ordnung widerfährt.“ Pierre Bourdieus gut 500 Seiten starker Forschungsbericht beweist – bis heute unbestritten, aber folgenlos –, dass mit der Gründung der ENA und dem Erhalt der anderen Grandes Ecoles zwar Privilegien früherer gesellschaftlicher Eliten – Adel, Großbourgeoisie – in Frage gestellt, das Elitedenken aber keineswegs abgeschafft, sondern auf andere gesellschaftliche Gruppen verlagert wurde. Die ENA ist insofern Anschauungsmaterial für die These des französisch-italienischen Soziologen Vilfredo Pareto vom unvermeidlichen „Kreislauf der Eliten“. Pareto beschrieb zu Beginn des 20. Jahrhunderts in Trasformazione della democrazia das unvermeidliche Schicksal der „einfachen Leute“, die nicht nur auf ewig mit Eliten geschlagen sein würden, sondern darüber hinaus noch mit „Ersatzeliten“. Die würden stets bereitstehen und – mit Amt wie Macht ausgestattet – nichts anderes tun als ihre Vorgänger.

Grandes Ecoles wie die ENA stehen bis heute an der Spitze eines Bildungs- und Erziehungssystems, das bereits in den Collèges und vor allem in den Lycées (Gymnasien) eine Vorauswahl trifft. Wer die Pariser Gymnasien Henri IV oder Louis-le-Grand in den besseren Arrondissements der Stadt besucht und mit dem Abitur abschließt, wird mit einiger Sicherheit auch in der ENA oder einer vergleichbaren Anstalt offene Türen finden. Wer allerdings im Henri IV aufgenommen werden will, braucht entsprechende Eltern. Solche, die selbst eine der Grandes Ecoles absolviert haben und nun Ärzte, berühmte Rechtsanwälte und Richter, hohe Politiker und Militärs oder auch berühmte Dichter sind.

Aber selbst solche Eleven durchlaufen anschließend immerhin die nachgymnasialen „Präparationsklassen“. Sie müssen die Aufnahmeprüfung zur ENA oder Polytechnique bestehen, bevor sie die schneidige Uniform überziehen und den Schmuckdegen umhängen dürfen. Was beispielsweise die heutige IWF-Direktorin Christine Lagarde nicht schaffte und ein ehemaliger Präsident offenbar nicht wollte: Nicolas Sarkozy de Nagy-Bocsa hatte zwar einen repräsentativen und klangvollen Namen – wenn auch nur einen ungarischen –, verspürte aber keinen Drang, sich den Ritualen der französischen „Gralshüter“ zu unterwerfen. Er schuf sich – zunächst mit der rechtsbürgerlichen UMP, dann mit der Nachfolgepartei Les Républicains – einen eigenen, überaus erfolgreichen Orden, in dem nicht die feinen Manieren, sondern nur noch Macht und Beziehungen zählen.

Hansgeorg Hermann lebt als freier Autor in Paris

06:00 09.12.2015

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