1947: Ein freies Buch

Zeitgeschichte Anna Seghers erhält für „Das siebte Kreuz“ den Georg-Büchner-Preis und gilt als Autorin von Weltrang. Dann wird ihr Roman zu einem Opfer des Kalten Krieges

In Frankfurt am Main wird im April literarischer Lokalpatriotismus zelebriert: Auf dem Lesefest „Frankfurt liest ein Buch“ widmet sich die Mainmetropole in diesem Jahr in über 100 Veranstaltungen dem Roman Das siebte Kreuz von Anna Seghers. Die in Mainz geborene Autorin, so der Oberbürgermeister im Grußwort, sei „eine der großen Töchter unserer Region“, in der ihr weltberühmter Roman auch spiele.

Dass man Seghers und ihrem Siebten Kreuz in Frankfurt so freundlich gedenkt, war freilich nicht immer so. Als der Roman im Herbst 1962 auf der Frankfurter Buchmesse am Stand des Luchterhand Verlages zu finden war, schoss Joseph C. Witsch, mächtiger Vorsitzender des Verlegerausschusses im mächtigen Börsenverein des Deutschen Buchhandels, scharf gegen seine Kollegen. Die Veröffentlichung, so erklärte er auf dem Festakt zur Messeeröffnung, sei ein unerträglicher „Missbrauch der Freiheit“. Die Witsch’sche Festrede war der Höhepunkt eines Publikationsdramas, dessen Exposition bereits in der Nachkriegszeit stattgefunden hatte.

Als Anna Seghers im April 1947 aus ihrem mexikanischen Exil nach Deutschland zurückkehrte, war sie zunächst mit besonderen Ehren empfangen worden: Im hessischen Darmstadt erhielt die Autorin den Georg-Büchner-Preis, eine der wichtigsten Literaturauszeichnungen im deutschsprachigen Raum. In seiner Lobrede wies Kurt Heyd auf den „Weltruhm“ der Autorin hin, den sie vor allem ihrem 1942 im Exilverlag El Libro Libre erstveröffentlichten Roman verdanke. Im Nachkriegsdeutschland war das Buch, das vor allem in den USA längst ein Bestseller war, jedoch nur wenigen bekannt. Denn bis dahin war Das siebte Kreuz ausschließlich im sowjetischen Sektor beim Aufbau-Verlag erschienen. Mit dem Büchner-Preis im Rücken wagten sich nun auch einige Verlage in den Westzonen an die Autorin, die als KPD-Anhängerin zweifellos dem sozialistischen Lager nahestand. Das Interesse hatte sich aber bald wieder erledigt: Seit zwei deutsche Staaten gegründet waren, verschwand Seghers vom westdeutschen Buchmarkt. Auch ihre neuen Texte änderten nichts daran, im Gegenteil. Als Aufbau 1959 den Roman Die Entscheidung veröffentlicht, urteilt der Kritiker Marcel Reich-Ranicki unter der Überschrift Die geistige Kapitulation der Anna Seghers: „Die ,Entscheidung‘ ist das erschütternde Dokument der Kapitulation des Intellekts, des Zusammenbruchs eines Talents, der Zerstörung einer Persönlichkeit.“ Dass die Autorin, mittlerweile Vorsitzende des DDR-Schriftstellerverbands, nach dem Mauerbau 1961 nicht auf die offenen Briefe ihres westdeutschen Kollegen Günter Grass antwortete, bestärkte in der Überzeugung, die sich im Westen längst verbreitet hatte: Aus der Exilautorin war eine Literaturfunktionärin geworden, eine Stalin- und Nationalpreisträgerin, deren sozialistisch-realistische Schablonenliteratur künstlerisch kaum mehr ernst zu nehmen war.

Das sah man beim Grass-Verlag Luchterhand etwas differenzierter. Zumindest Das siebte Kreuz, dieser große antifaschistische Roman, der die Fluchtgeschichte des KZ-Häftlings Georg Heisler erzählt und 1937 im Rhein-Main-Gebiet spielt, so dachte man dort, könne kaum ins Fadenkreuz der Kalten Krieger geraten. Doch als der Luchterhand-Verleger Eduard Reifferscheid am 1. August 1962 die Hamburger Welt aufschlug, wurde er vom Gegenteil überzeugt: In einem offenen Brief verlangte der Schriftsteller und DDR-Flüchtling Peter Jokostra von ihm, auf die Veröffentlichung des Seghers-Romans zu verzichten, weil die Autorin den Mauerbau „schweigend hinnahm, […] billigte und forcierte“.

Jokostra, selbst Luchterhand-Autor, fürchtete die Veröffentlichung vor allem als folgenreiches Signal: Schon jetzt sah er „die Meute der gelehrigen Nacheiferer der so erfolgreichen Seghers“ durch das Tor drängen, das mit der Veröffentlichung in die Mauer gesprengt sein würde. Gegen einen der „Nacheiferer“, seinen Jugendfreund Erwin Strittmatter, längst einer der bekanntesten Autoren in der DDR, war Jokostra bereits ein Jahr zuvor engagiert ins Feld gezogen. Er hatte einen Lektor des Frankfurter S. Fischer Verlages mit Material über den „Zonenfunktionär“ versorgt. Vom Luchterhand-Verleger Reifferscheid forderte er nun den gleichen Mut, den der Fischer Verlag gezeigt habe: Dort hatte man sich entschlossen, Strittmatters bereits gedruckten Wundertäter wieder einzustampfen. Ähnlich erging es Stephan Hermlin und Franz Fühmann, die ihre Zustimmung zu den Mauerbau-Maßnahmen der DDR-Regierung mit der Konsequenz bezahlen mussten, dass der Fischer Verlag die bereits geschlossenen Lizenzverträge kündigte.

Es war also Zeit für eine Grundsatzdebatte. Das sah auch der angehende Literaturpapst Reich-Ranicki so. Nachdem er in der Zeit die Argumente des Privatzensors Jokostra Stück für Stück zerpflückt hatte, kam er zur zentralen Frage der Debatte, bei der es letztlich um das literarische Leben Westdeutschlands gehe: „Wann ist ein DDR-Schriftsteller noch, wann nicht mehr publikationswürdig für die Bundesrepublik?“ Reich-Ranicki ließ von Anfang an keinen Zweifel daran, dass ein Literarischer Schutzwall gegen die DDR, so der Titel des Textes, ganz und gar nicht in seinem Interesse war. Allerdings sollte seiner Meinung nach die Literatur keinesfalls als „Band der Nation“ die auseinanderdriftenden Systeme durch ein Loch in der Mauer vertäuen. Ein Eintreten gegen die Veröffentlichung von DDR-Literatur im Westen helfe lediglich, „die Niederlage der dortigen Literatur zu tarnen“. Nur durch die Bücher selbst könnten sich die Leser in der Bundesrepublik schließlich davon überzeugen, dass der „einst talentvolle Stephan Hermlin als Opfer der SED-Kulturpolitik seit einem Jahrzehnt an absoluter literarischer Impotenz leidet“. Auf den Roman, der konkret zur Debatte stand, wollte Reich-Ranicki diese ganz eigene Dialektik allerdings nicht anwenden. „Das siebte Kreuz“, so schrieb er, „ist heute ein Roman gegen die Diktatur schlechthin“. Was das bedeutete, war allen Zeitgenossen klar: Reich-Ranicki wollte das Buch auch als Roman gegen den SED-Staat lesen.

Obwohl diese Interpretation seiner neuen Lizenz-Autorin kaum geschmeckt haben dürfte, griff sie der Luchterhand-Verleger Reifferscheid in seiner Entgegnung auf Jokostras Angriff auf. Auf die feine Feder, die Reich-Ranicki trotz aller polemischen Anflüge führte, verzichtete er dabei aber. Ja, er wolle tatsächlich ein Tor in die Mauer sprengen, polterte Reifferscheid. „Denn ich bin gegen Mauern, Wachen und Minen, auch was Bücher angeht. Auch weiß ich, dass, was mit Bücherverbrennungen anfängt, leicht mit Gasöfen endet.“ Diese Vorlage nahm man auf der anderen Seite der Mauer gern auf. Bitterböse äußerte sich der Autor Hermann Kant, der später einmal Nachfolger von Seghers als Präsident des DDR-Schriftstellerverbands werden sollte. Im SED-Zentralorgan Neues Deutschland verunglimpfte er Jokostra als Denunzianten, Erpresser und einstigen Nazi. Und natürlich keulten andere zurück. Auch Jokostra meldete sich nochmals zu Wort. Anna Seghers, so schrieb er an Reifferscheids Adresse, habe „an der Errichtung der Mauer um das mitteldeutsche KZ eifrig mitgebaut“, in dem „die Bücherverbrennungen und Gasöfen […] längst wieder vorhanden“ seien.

Der Umgangston war so heftig wie gewöhnlich für das deutsch-deutsche literarische Leben nach dem Mauerbau. Für Luchterhand zahlte sich der „Missbrauch der Freiheit“ aber letztlich doppelt aus: Gerade die Härte der Diskussion sorgte dafür, dass Seghers zu einer Stammautorin des Verlags und Vorreiterin für viele DDR-Autoren werden sollte, die der Verlag den westdeutschen Lesern bis zur Wende präsentierte. Das Loch, das durch die Veröffentlichung in die Mauer gesprengt worden war, wurde also tatsächlich fleißig genutzt. Und natürlich wirkte die Debatte auch als Werbung für das Buch: Das siebte Kreuz wurde zum Luchterhand-Longseller, der sich im Westen bis zur Wende 1989 vierhunderttausendfach verkaufte.

06:00 25.04.2018

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