1947: Einfach Beckmann

Zeitgeschichte Wolfgang Borcherts Hörspiel „Draußen vor der Tür“ wird zur Anklage einer ganzen Generation, die den Krieg zwar überleben konnte, ihm aber nie entkommen sollte

Zwischen den Schuttbergen der nachkriegsdeutschen Städte trieben massenhaft Gebrochene umher. Viele von ihnen waren zwischen 1939 und 1945 als flinke, zähe, harte Übermenschen eines Großdeutschen Reiches in den Krieg gezogen. Jetzt kehrten sie als Verlierer und Verlorene in ein Land zurück, das besiegt und besetzt war. Und der Nachschub wartete bereits: Mehr als elf Millionen Soldaten der Wehrmacht waren im Verlauf des Zweiten Weltkriegs in Gefangenschaft geraten, zurückkehren würden viele von ihnen als traumatisierte Täter, als Invaliden, Hinkemänner.

Am 13. Februar 1947 rauschte einer dieser Heimkehrer, die nicht heimkehren konnten, durch die Radioempfänger zwischen Köln, Kiel und Berlin. Beckmann nannte er sich, hatte keinen Vornamen, „einfach Beckmann“. Er war Hauptfigur eines Hörspiels, das der Nordwestdeutsche Rundfunk (NWDR) mit Sitz in Hamburg produziert hatte.

Nach Hamburg war auch der Autor, Wolfgang Borchert, heimgekehrt, nachdem er 1941 als Zwanzigjähriger eingezogen worden war. Sein Soldatenleben war alles andere als heldenhaft gewesen, zumindest nach der herrschenden Vorstellungen nicht: Von einer nächtlichen Wachrunde in den russischen Wäldern war er mit einer Schussverletzung an der linken Hand zurückgekehrt. Der Mittelfinger musste daraufhin amputiert werden. Nachdem er sich im Heimatlazarett erholt hatte, folgte ein Prozess wegen Selbstverstümmelung, den Borchert glimpflich überstand, nicht aber ein zweites Verfahren wegen „heimtückischer Angriffe auf Staat und Partei“. Der achtmonatigen Gefängnisstrafe entkam er nach sechs Wochen durch „Frontbewährung“. Dort, im Osten, verbrachte er dann, gezeichnet von einer Magen- und Leberentzündung, viel Zeit in Feldlazaretten, bis er schließlich als gelernter Schauspieler zu einem Fronttheater abgestellt werden sollte. Zuvor jedoch legte Borchert einen leichtsinnigen Auftritt hin: Er parodierte vor seinen Kameraden den klumpfüßigen Propagandaminister Joseph Goebbels, wurde denunziert, erneut angeklagt und im September 1944 zwecks „Feindbewährung“ entlassen. Weiterhin schwer krank, zog er im März 1945 an die Westfront, um sich bei Kriegsende in seine Heimatstadt Hamburg zu schleppen, wo seine Eltern lebten. Borchert tat dort, was er als „Allesversucher und Nichtskönner“ – so sein Biograf Peter Rühmkorf – bereits vor dem Krieg am liebsten gemacht hatte: Er schrieb.

Als Autor war Wolfgang Borchert höchstens Insidern ein Begriff, als im Februar 1947 das Hörspiel Draußen vor der Tür im NWDR ausgestrahlt wurde. Er hatte als eigenständiges Werk bisher nur das schmale Gedichtbändchen Laterne, Nacht und Sterne veröffentlicht, einige Prosatexte zudem in Zeitungen und Zeitschriften untergebracht. Mit seinem Hörspieltext traf er nun den Rundfunkpuls der Zeit, denn tagein, tagaus liefen auf den Sendern die Suchmeldungen, in Kommentaren wurden Fragen der sozialen Wiedereingliederung diskutiert, der Frauenfunk brachte Kochtipps für die Notdiät zurückgekehrter Ehemänner.

Etliche Heimkehrer versuchten, ihre Erfahrungen selbst in Hörspielentwürfen zu verarbeiten, scheiterten freilich oft an den Ansprüchen der Sender. Im Fall von Draußen vor der Tür war sich Ernst Schnabel, damals gerade zum Chefdramaturgen des NWDR ernannt, aber auf Anhieb sicher, eine Perle des Heimkehrergenres gefunden zu haben. „Auf dieses Stück haben wir gewartet“, schrieb er in der Programmzeitschrift Hör zu!, „oder vielmehr genauer: auf diesen Autor“. Der erlebte die Premiere in der Wohnung seiner Eltern in Alsterdorf, einem ehemaligen Bauerndorf, das längst von der Großstadt geschluckt worden war. Borchert kämpfte weiter gegen seine Leberkrankheit, schaffte es kaum an den Schreibtisch und arbeitete, wenn Fieber und Schmerz es zuließen, liegend im Bett. Sein Vater Fritz, ehemaliger Lehrer und lesebegeistert, schrieb die Texte anschließend mit der Schreibmaschine ab. Die Mutter Hertha hatte als niederdeutsche Autorin selbst eine kleine Fangemeinde gefunden. Die Hörfunkpremiere des Sohnes verpasste die literaturaffine Familie allerdings: Wegen des Kohlenmangels im Eiswinter 1946/47 versorgte die Verwaltung der Hansestadt die Stadtteile nur wenige Stunden am Tag mit Strom. Alsterdorf war von zehn bis vierzehn Uhr dran. Draußen vor der Tür lief aber zur Primetime, um 20 Uhr.

Wer mit Strom versorgt wurde, für den wurden die 80 Minuten Sendung zu einer aufstörenden Erfahrung. Die Inszenierung unter der Regie von Ludwig Cremer hallte nach. Hans Quest, der Beckmann des Hörspiels und später auch auf der Bühne, fing mit seiner Stimme den Aufschrei des Textes ein, das Pathos, die Larmoyanz, die ebenso provozierte wie der Inhalt: Beckmann, ein betrogener Heimkehrer, wird von der Elbe, in der er sich ertränken will, wieder ausgespuckt, flieht, nachdem ihn eine Frau aufgesammelt hat, vor einer Gespenstererscheinung ihres noch nicht zurückgekehrten Mannes, versucht seine Verantwortung, die sich in blutige Träume frisst, bei einem feisten Oberst abzuladen, wird von einem Kabarettdirektor verlacht, erfährt vom Tod der Eltern und endet im Schlussschrei: „Warum schweigt ihr denn? Warum? Gibt denn keiner Antwort? Gibt keiner Antwort? Gibt denn keiner – keiner – Antwort?“

Die Antworten sollten kommen. Haufenweise landeten sie unmittelbar nach der Ursendung in der Redaktion des NWDR und sind bis heute im Wolfgang-Borchert-Archiv der Hamburger Staats- und Universitätsbibliothek einsehbar. Ein „alter Ostfrontkämpfer“ beschwerte sich beim Sender, dass der „geistig völlig unnormale Wolfgang Borchers (sic)“ es in einer Zeit von Not und Elend wage, „uns schandbaren Naturalismus vorzusetzen“. Andere drückten sich vorsichtiger aus, stimmten aber überein, dass man die gequälte Generation doch nicht weiter quälen solle, forderten etwas mehr „Freude und Abwechslung“, Volkstümliches, auch mal eine „schöne Operette oder ein nettes plattdeutsches Stück“.

Doch auch überschwängliches Lob gab es reichlich. Viele wollten das Hörspiel nachlesen, nachhören, baten um das Manuskript und Kontakt zum Verfasser. „Es war für mich das Erschütterndste und Gewaltigste, das ich jemals aus meinem Empfänger vernommen habe“, schrieb ein Mann aus Dortmund. Beckmann gab den Heimkehrern eine Stimme. Die Frage nach dem eigenen Anteil an der Kollektivschuld stellte er dabei nicht. Das Stück blieb ein emotionaler Aufschrei, keine Aufarbeitung. Beckmann reflektierte nicht, er litt, litt mit jeder Faser seiner Figur.

Für Borchert bedeutete das Hörspiel den schlagartigen Durchbruch. Alte und neue Freunde aus Redaktionen und Verlagen klopften an, baten um Manuskripte, veröffentlichten bald darauf die Bände Die Hundeblume (Hamburgische Bücherei) und An diesem Dienstag (Rowohlt) mit Kurzgeschichten, die auch heute zum Kanon gehören. Borchert, immer noch ein Anfänger, der in Briefen wiederholt betonte, er müsse sich beim Schreiben noch die Eierschalen abscheuern, wurde zum Vorbild einer ganzen Schriftstellergeneration. Alfred Andersch ging später sogar so weit, die Entwicklung der „Gruppe 47“ als „Weg vom Borchertismus zur individuellen Form“ zu beschreiben. Kritiker gab es freilich auch unter den „Professionellen“, die Draußen vor der Tür ein „neurotisches Lamento“ (Friedrich Luft) und Beckmann „sentimental bis auf die weichen Knochen“ (Fritz Erpenbeck) nannten. Beide Pole, die Verehrer und die Verächter, gehören zu seinem Nachruhm dazu.

Dass Borchert zur Ikone wurde, hing derweil nicht nur mit seinen Texten zusammen, sondern auch mit seinem Schicksal. Er starb am 20. November 1947, 26 Jahre alt, in einem Basler Spital – einen Tag bevor Draußen vor der Tür als Theaterstück in den Hamburger Kammerspielen zur Uraufführung kommen sollte. Seine Heimatstadt wird zum 100. Geburtstag am 20. Mai mit einem stadtweiten Literaturfestival und einer neuen Dauerausstellung an ihn erinnern.

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06:00 17.03.2021

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