1955: Sinn für Beton

Zeitgeschichte Vor 60 Jahren offeriert Le Corbusier mit der Notre-Dame-du-Haut moderne Baukunst. Doch ist das Gesamtwerk des Architekten wegen dessen Nähe zum Vichy-Regime belastet

Ronchamp – ein Dorf am Fuße der Vogesen, nahe an der Grenze zum Elsass – liegt auf blutgetränktem Boden. Während Jahrhunderten war die Freigrafschaft Burgund immer wieder ein umstrittenes Gebiet zwischen dem Herzogtum Burgund, dem französischen Königtum und den Ansprüchen des Hauses Habsburg-Lothringen. Noch gegen Ende des Zweiten Weltkriegs kämpften im September 1944 senegalesische Soldaten gegen deutsche Infanteristen erbittert um den Hügel oberhalb des Dorfes – am Schluss mit aufgepflanzten Bajonetten, weil auf beiden Seiten die Munition ausgegangen war.

Eben auf diesem Hügel wurde vor 60 Jahren eine Ikone der modernen Architektur eingeweiht: die von Le Corbusier (1887–1965) konzipierte Kapelle Notre-Dame-du-Haut. Seither hat sich das Bauwerk, das von außen abweisend und fast plump wirkt, im Innern jedoch durch eine grandiose Lichtregie besticht, zur Pilgerstätte für Freunde moderner Baukunst entwickelt.

Parallel zu einer Ausstellung im Pariser Centre Pompidou zum 50. Todestag des weltberühmten Architekten, die sich auch dem architektonischen Monument in den Vogesen widmet, brach in Frankreich eine alte Kontroverse wieder aus. War der aus der Schweiz stammende, 1930 in Frankreich eingebürgerte Charles Édouard Jeanneret, der sich ab 1922 Le Corbusier nannte, ein Anhänger des Vichy-Regimes und ein Faschist obendrein? Drei eben erschienene Bücher von François Chaslin, Marc Perelman und Xavier de Jarcy heizen die Debatte mit Vermutungen und Hypothesen an. Besonders Perelman, der sich als Fundamentalkritiker des Sports einen Namen gemacht hat, tut sich mit ahistorisch-postmodernen Thesen voller pauschaler Ressentiments gegen die Moderne hervor.

Blickt man genauer auf Leben und Werk Le Corbusiers, stellen sich die Dinge komplexer dar als das, worauf die Polemik den Architekten reduziert – einen Faschisten und Antisemiten. Der Architekt und Urbanist Paul Chemetov hat darauf hingewiesen, dass sich der Antisemitismus-Vorwurf lediglich auf drei Briefe Le Corbusiers an seine Mutter stützt. Sie enthalten antijüdische Stereotype („der dicke Jude“, „das Geld der Juden“), wie sie als Volksvorurteile geläufig waren und leider immer noch sind. Dass Le Corbusier im Frühsommer 1940 – nach den siegreichen Feldzügen der Wehrmacht – darauf setzte, Hitler werde „die Umgestaltung“ des von Wirtschaftskrisen schwer getroffenen Europas in die Hand nehmen, ist weniger seinem Antisemitismus als einer Mischung aus politischer Blindheit und fast schon krankhaftem Ehrgeiz geschuldet. Die Vorwürfe sind nicht neu, aber sie werden von den drei Autoren mit einem Pathos vorgetragen, als gelte es, endlich eine Bresche zu schlagen in eine Welt des Schweigens und Verschweigens.

Chemetov verweist darauf, dass um 1940 „französische Architekten in ihrer Mehrheit Vichy-Anhänger“ waren, was Le Corbusier nicht exkulpiert. Für die Realisierung seiner urbanistischen Pläne und seine Hoffnung auf neue Zeiten kamen nur öffentliche Auftraggeber in Frage. Das verführte den Architekten zur ebenso peinlichen wie opportunistischen Kriecherei vor faschistischen Despoten, die eine „neue Welt“ versprachen. Mit solchem Irrglauben verfielen freilich viele Intellektuelle und Künstler einem unentschuldbaren Opportunismus der mieseren Art.

Der Devise folgend, „Auftrag ist Auftrag“, antichambrierte Le Corbusier 1941/42 18 Monate lang ebenso vergeblich bei Marschall Pétain in Vichy wie zuvor schon erfolglos bei Mussolini und Stalin. Natürlich geht es nicht darum, Le Corbusiers politischen Opportunismus zu rechtfertigen oder seine verbalen Entgleisungen zu verharmlosen.

Vielmehr geht es – gegen ahistorische Moralisierung und moralisierende Denunziation – um historische Kontextualisierung. Deren Umrisse skizzierte der Schweizer Architekturhistoriker Stanislaus von Moos Anfang Juni in einem Essay für die Neue Zürcher Zeitung. Nach seinen eingehenden Forschungen sei Le Corbusier weder „deklarierter Faschist“ noch „deklarierter Stalinist“ gewesen. Sein 26 Meter hohes Monument in Chandigarh von 1953 gleicht zwar der weltweit bekannten Friedenstaube Picassos – dem Symbol für den kommunistisch inspirierten Friedenskongress von 1949 in Paris –, doch verbeugte sich Le Corbusier damit nicht vor sowjetischer Friedenspropaganda. Der Titel des Monuments – die Offene Hand – bezieht sich auf eine Passage in der Vorrede zu Nietzsches Also sprach Zarathustra (1883/85). Darin heißt es: „Ich möchte verschenken und austeilen, bis die Weisen unter den Menschen wieder einmal ihrer Torheit und die Armen wieder einmal ihres Reichtums froh geworden sind.“

Begeisterung für den Fortschritt

Der politisch teilweise unbedarfte Architekt vertraute dem Versprechen des Fortschritts. Er bewunderte indische Kolonialbauten, bemerkte aber, dass das Bauen in jener Zeit „teuer und mühsam“ gewesen sei. Inzwischen ließe sich in „zehn Tagen“ errichten, wofür früher Jahrzehnte gebraucht wurden. In seiner Begeisterung für den Fortschritt exponierte sich Le Corbusier ab 1950 beim Bau der Musterstadt Chandigarh in Indien. Er war überzeugt von der Parole „Morgenland und Eisenbeton finden zueinander“.

Wenn es einen dauerhaften geistigen Einfluss auf Le Corbusier gab, dann stammte er von dem 1878 geborenen Grenzgänger Georges Valois, der Anfang 1945 im Konzentrationslager Bergen-Belsen ermordet wurde. Valois war nacheinander Anarchist, Monarchist und Anhänger der nationalistischen Action française, Syndikalist und scharfer Kritiker des individualistischen Kapitalismus. Mitte der 20er Jahre wurde Valois zum Gründer des französischen Faschismus, den er 1929 als „weder links noch rechts“ und „antiplutokratisch“ einstufte. Was Le Corbusier an Valois faszinierte, war dessen Ordnungsdenken. Nach 1930 orientierte sich Valois immer stärker nach links und tendierte zu den Kommunisten und Sozialisten „in der Rebellion gegen die Herrschaft des Geldes“. Schließlich stieß er zur Résistance.

Gegen Kriegsende geriet Le Corbusier in den Bannkreis von Alexis Carrel (1873–1944) – Mediziner, Nobelpreisträger, christlicher Okkultist, Eugeniker und Autor des Weltbestsellers Der Mensch, das unbekannte Wesen (1935). Carrels Stiftung untersuchte zwischen 1941 und 1944 im Auftrag des Vichy-Regimes „Menschheitsprobleme“ und fühlte sich dabei einem biologisch begründeten Aristokratismus ebenso verpflichtet wie einer eugenischen Kontrolle der Gesellschaft. Le Corbusier war kurzzeitig Carrels „bio-soziologischer Berater“ und entwickelte 1943 den „Modulor“. Es handelte sich um einen androiden Idealkörper von 183 Zentimetern Höhe, dessen Proportionen nicht nur das Bauen, sondern den Menschen und sein soziales Leben normieren sollten. In Le Corbusiers Praxis als Architekt spielten solche mathematischen und esoterischen Spielereien keine Rolle.

Insofern kann auch keines der drei Bücher, von denen die jetzige Debatte ausgelöst wurden, Belege dafür liefern, dass sich Le Corbusiers Entwürfe und Bauten an biologisch begründeten Osmosen von Menschen, Gebäuden und Städten orientierten. Dies gilt trotz des gelegentlich organologisch unterlegten Jargons, dessen sich der Architekt bediente. Er wollte damit das komplexe Zusammenspiel von Technik und Städtebau, Wohnungen und Bewohnern sowie deren psychosozialen Beziehungen beschreiben.

Die häufig kolportierte These, wonach Le Corbusiers Architektur einen „Einheitskörper schaffe“, der das moderne Gebäude zur „Wohnmaschine“ degradiere, ist ebenso absurd wie der Vergleich seiner Wohngebäude mit KZ-Baracken oder mit dem Stil von Hitlers Baumeister Albert Speer. Aus solchen Vergleichen sprechen rechte Ressentiments gegen die Moderne, die so alt sind wie diese: Exemplarisch vorgetragen vom Kolumnisten Philipp Gut, der Le Corbusier im Oktober 2009 in der Schweizer Weltwoche zum „Großbaumeister des Faschismus“ kürte.

06:00 15.07.2015
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