1956: Temporär verliebt

Zeitgeschichte Durch den Aufstand in Ungarn werden viele junge Menschen in der Bundesrepublik politisiert. Manche rechnen sich später zu den 68ern. Revolutionäre werden sie nicht
Jürgen Busche | Ausgabe 42/2016 1

Es begann mit Studentenprotesten in Budapest, ausgelöst durch Unruhen in Polen und den XX. Parteitag der KPdSU Ende Februar 1956 in der Sowjetunion. Dort hatte Nikita Chruschtschow in einer Geheimrede über die Verbrechen Stalins gesprochen. Bald allerdings war daran nichts mehr geheim. Am 6. Oktober 1956 veranstalteten die Ungarn ein Ehrenbegräbnis für László Rajk, der 1949 wegen Titoismus, also des mutmaßlichen Bekenntnisses zum jugoslawischen Staatsführer Josip Broz Tito, der sich mit Moskau überworfen hatte, hingerichtet worden war. In der Folge gingen die Studenten auf die Straße, spätestens vom 23. Oktober an musste von einer Volkserhebung gesprochen werden.

Am 24. Oktober wurde Imre Nagy als Führer der Parteiopposition in der ungarischen KP Ministerpräsident und nannte die Umtriebe auf den Straßen von Budapest immer noch „konterrevolutionär“, auch das Wort „faschistisch“ wurde nicht verschmäht. Zugleich begannen erste Massenstreiks. Wo in der Stadt der rote Stern ein Gebäude schmückte, wurde er entfernt. Am 25. Oktober wurde János Kádár KP-Chef, kein schönes Amt in diesen Tagen, denn nun gab es auch erste Lynchmorde, denen kommunistische Politiker und Geheimpolizisten zum Opfer fielen.

Am 27. Oktober setzte sich Nagy an die Spitze der Revolution. In seinem neuen Kabinett wurde der gelehrte Literaturwissenschaftler Georg Lukács Kultusminister. Auch Kádár nahm als Minister an Nagys Kabinettstisch Platz und stimmte am 1. November dem Austritt Ungarns aus dem Warschauer Pakt zu. Ungarn erklärte sich für neutral. Die im Land stationierten sowjetischen Truppen schienen daraufhin abziehen zu wollen, taten aber das Gegenteil. Am 4. November um vier Uhr morgens begannen sie mit dem Angriff auf Budapest. Nun stellte sich János Kádár als Chef einer „Arbeiter-und-Bauernregierung“ vor und rief die Bevölkerung zur Verteidigung der sozialistischen Errungenschaften auf. Nagy suchte mit anderen Schutz in der jugoslawischen Botschaft. Ein Eingreifen des UN-Sicherheitsrats scheiterte am Veto Moskaus, doch verabschiedete die UN-Vollversammlung eine Resolution zugunsten Ungarns – folgenlos.

Die Kämpfe in Budapest und in anderen Städten dauerten bis zum 7. November. So weit man das feststellen konnte, lautete die Bilanz an Toten auf ungarischer Seite: 1.330 Arbeiter, 44 Studenten, 196 Kinder unter 14 Jahren. Recht früh nach Beginn der Erhebung war es den Aufständischen gelungen, den staatlichen Rundfunk in ihre Hand zu bekommen. Von dort erreichte ihre Stimme ungezählte Hörer in den westlichen Ländern. In der alten Bundesrepublik waren das auch die Zwölf- bis Vierzehnjährigen, die zehn Jahre später als 68er an den westdeutschen Universitätsstädten Rumor machten sollten. Sie hingen bis spätabends an den Radioapparaten mit dem grünen Lichtpunkt, um den zunehmend verzweifelter klingenden Stimmen aus dem fernen Budapest zu lauschen. Es war das Gespräch am nächsten Morgen auf dem Schulhof, und niemand konnte verstehen, warum der freie Westen, zu dessen Ethos man gerade erzogen wurde, den Ungarn nicht zu Hilfe kam. Das hatte man mit kindlichem Gemüt von den Amerikanern erwartet. Es geschah nicht.

Beim Bau der Berliner Mauer 1961 war man fünf Jahre älter. Die Einsicht, einen Weltkrieg um Berlin besser zu vermeiden, war leicht zu vermitteln. Die Erbitterung blieb. Sie verband sich mit einer Serie von Desillusionierungen. Amerikas „Politik der Stärke“ war gescheitert. Rolf Hochhuths Drama Der Stellvertreter kratzte an der Autorität einer Kirche, die sich bis dahin als Gegner Hitlers dargestellt hatte. Der Auschwitz-Prozess ließ eine breite Öffentlichkeit erfahren, welch grauenhafte Verbrechen die Nationalsozialisten in derartigen Todeslagern begangen hatten. Schließlich pflanzte 1962 die Spiegel-Affäre den Heranwachsenden tiefe Zweifel am rechtsstaatlichen Handeln der Regierenden ein.

Die jungen Menschen im Übergang vom Gymnasium zur Universität entdeckten, welche Menge an erstklassiger linker Literatur ihnen in Schule und Elternhaus vorenthalten war. Sie begannen die Antiquariate zu stürmen, um sich selbst zu versorgen. Sie wandten sich an Publizisten und Autoren, die in den 50er Jahren noch als verfemt galten, und machten sie zu ihren Mentoren. Es begann das Anrollen mehrerer Wellen linker Literatur aus westdeutschen Verlagen. Der Protest gegen den Vietnam-Krieg, der sich natürlicherweise gegen die USA richtete, wurde für viele politisch interessierte Studenten das beherrschende Thema der späten 60er Jahre.

So entstand der Eindruck, dass die 68er mit ihrer Revolte auf der Linken einzuordnen seien. Wenn auf den Straßen Tausende in Demonstrationszügen hüpften und dazu lautstark „Ho-Ho-Ho-Chi-Minh“ skandierten, schien das klar zu sein. Kluge Leute in der DDR wie alte, kampferprobte Linke im Westen misstrauten dem oder glaubten keine Sekunde daran. Die große Mehrheit der 68er war vielleicht zeitweilig verliebt in die Revolution, und sie benahmen sich wie Verliebte – auch, weil sie damit ihre Eltern, ihre konservativen Lehrer und Professoren ärgern konnten, deren verbissener Antikommunismus ihnen schon seit langem lächerlich erschienen war.

Der Ungarn-Aufstand, zuvor der 17. Juni 1953 in der DDR, später der Mauerbau hatten den Antikommunismus im Westen erheblich verfestigt, der dadurch freilich in seinen Erscheinungsformen für junge Leute nicht attraktiver wurde. Es war einfach chic – heute würde man sagen: cool –, sich als Linker zu geben. Dabei hörte man im Rundfunk nach wie vor am liebsten den Sender AFN, American Forces Network. Und die besten Protestformen bezog man auch aus den USA. Sit-ins, Go-ins, Teach-ins. Lebensweltlich fühlten sich die meisten wohl im Westen. Warum das aufgeben?

Am 27. November 1956 verließen Imre Nagy und seine Begleiter die jugoslawische Botschaft in Budapest. Ihnen war zugesichert worden, dass sie unbehelligt bleiben würden. Doch solche Zusicherungen sind wenig wert. Der Ministerpräsident und seine Minister wurden sofort von sowjetischen Sicherheitskräften festgenommen und nach Rumänien deportiert. Dort brachte man sie in einem entlegenen Schloss unter, in dem die Kommunikation mit den Bewachern äußerst sparsam gewesen sein mag. Georg Lukács, der es wissen musste, befand sarkastisch und bezogen auf dessen Werk Das Schloss: „Kafka war Realist“, womit er eine Bresche in seine eigene Literaturtheorie schlug. Der Satz – als er bekannt wurde –, machte rasch die Runde an westlichen Universitäten: Hier schätzte man Kafka sehr. Man fand den Satz witzig.

Indes, mit den Festgesetzten ging es anders weiter. 1958 fanden geheime Gerichtsverhandlungen statt. Imre Nagy wurde zum Tode verurteilt und hingerichtet. Lukács wurde vom Schlimmsten verschont, aber seine Anhänger an den Universitäten und in den Buchverlagen der Staaten Osteuropas hatten für lange Zeit einen schweren Stand. Seit 1957 gab es in Ungarn Hunderte von Hinrichtungen, gut 180.000 Menschen flohen in den Westen.

Die noch lange nicht so genannten 68er, von denen manche eifrige Lukács-Leser wurden – er konnte von den modernen Klassikern des Marxismus einfach am besten schreiben –, dachten selbstverständlich nicht daran, nach Beendigung des Studiums und ihrem Eintritt in das Berufsleben die Revolution anzusteuern. Warum auch: Keiner Generation im 20.Jahrhundert ist es in allen Stadien ihres Lebens besser gegangen als den zwischen 1942 und 1948 Geborenen. Gut bezahlte Stellen in der Arbeitswelt waren ihnen sicher. Politisch reichte es ihnen, Willy Brandt zum Kanzler gewählt zu haben. Im Übrigen richteten sich die Unentwegten frei nach Mao Zedong auf den „langen Marsch“ durch die Institutionen ein. Als der 1998 an sein Ziel gelangte, schickte der 68er Kanzler Gerhard Schröder ein Jahr später deutsche Soldaten in den Krieg auf den Balkan. Der Ungarn-Aufstand und das tatenlose Zuschauen des Westens mögen hier nachgewirkt haben.

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06:00 02.11.2016

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