1957: Prinzip Holzhammer

Zeitgeschichte Ein Kongress offenbart vor 60 Jahren den Bruch zwischen der DDR und dem Philosophen Ernst Bloch. Dessen Marxismus widersetzt sich jedem rein dogmatischen Zugriff
1957: Prinzip Holzhammer
Ernst Bloch bei einer Rede in der Berliner Volksbühne

Foto: Ullstein Bild

Nach dem XX. Parteikongress der KPdSU, der am 25. Februar 1956 mit Nikita Chruschtschows Geheimrede über die Verbrechen des Stalin-Regimes endete, gärte es in den Ländern Osteuropas. Im Juni kam es in Polen zum Aufstand in Poznań und im Oktober zur Rehabilitierung Władysław Gomułkas, der drei Jahre in Haft gesessen hatte und mit dem „polnischen Frühling im Oktober“ zum Ersten Sekretär des ZK der kommunistischen Vereinigten Arbeiterpartei (PVAP) gewählt wurde. In Ungarn fiel im Juli der Stalin-Anhänger Mátyás Rákosi vom Sockel der Macht. Beeinflusst von den Ereignissen in Polen, brach im Oktober 1956 in Budapest ein Aufstand aus, der von sowjetischen Truppen niedergeschlagen wurde. Auch die DDR blieb davon nicht unberührt. Intellektuelle gerieten in den Sog der Umbrüche, etwa der Philosoph und Autor Wolfgang Harich, der Verleger Walter Janka oder Heinz Zöger und Gustav Just, Redakteure des Kulturblattes Sonntag, aus dem 1990 der Freitag hervorging.

Zum 7. Oktober 1955, dem Gründungstag der DDR, hatte der Philosoph Ernst Bloch den „deutschen Nationalpreis II. Klasse für Wissenschaft und Technik in Anerkennung seiner hervorragenden Mitwirkung an der Entwicklung der Friedenswirtschaft“ erhalten. Er habe damals im Zenit seines Ruhms in der DDR gestanden, wie seine Frau Karola später sagte. Aber mit den Ereignissen in Polen und Ungarn geriet er verstärkt in die Kritik. Besonders provoziert fühlte sich die SED-Führung durch einen Vortrag zum 125. Todestag des Philosophen Hegel am 14. November 1956, den Bloch noch während des Ungarn-Aufstands hielt. Dabei variierte er die Schlusszeilen aus Schillers Gedicht Die Freundschaft (1782), die Hegel ebenfalls am Ende seiner Phänomenologie des Geistes von 1807 zitiert hatte: „Aus dem Kelch des ganzen Seelenreiches / Schäumt ihm – die Unendlichkeit“. Bloch ersetzte „Unendlichkeit“ durch „Erfüllbarkeit“ und verhüllte damit sein Unbehagen gegenüber dem sozialistischen System mit dezenter „Sklavensprache“ (Bloch).

Danach setzte an der Leipziger Universität ein Kesseltreiben gegen ihn ein. Es begann mit einem Artikel von Blochs Kollegen Rugard Otto Gropp, überschrieben mit Idealistische Verirrungen unter antidogmatischen Vorzeichen und abgedruckt im SED-Zentralorgan Neues Deutschland vom 19. Dezember 1956. Der Verfasser erklärte Blochs Philosophie für unvereinbar „mit der Weltanschauung des wissenschaftlichen Sozialismus“ und als „Verirrung eines krypto-mystischen und krypto-idealistischen Philosophen“, den er kurz und bündig mit dem gängigen Schlagwort „Revisionismus“ versah.

In einem zwölfseitigen Offenen Brief vom 18. Januar 1957 bezeichnete die SED-Bezirksleitung Leipzig im Namen des „Charakteristischen, Unverwechselbaren, Konstituierenden und Unaufgebbaren der marxistisch-leninistischen Philosophie“ die Schriften Blochs als „jugendgefährdend“. Es handelte sich um Arbeiten, mit denen noch ein Jahr zuvor die Verleihung des Nationalpreises begründet worden war. Bloch wies in einer Replik vom 22. Januar genüsslich auf diesen Widerspruch hin und kritisierte die „Holzhammertechnik“ des offiziellen „Dogmatismus“. Trotzdem entzog ihm die SED-Bezirksleitung das Vertrauen – wegen „nicht mehr ausgleichbarer Unterschiede“ zwischen den philosophischen wie politischen Positionen Blochs und denen der Partei. Die letzte Nummer des Jahrgangs 1956 der von Bloch mit herausgegebenen Deutschen Zeitschrift für Philosophie erschien nicht mehr.

Walter Ulbricht persönlich versicherte Bloch in einem Brief, es gehe „bei den gegenwärtigen Differenzen nicht um Ihre philosophischen Anschauungen, sondern um Ihre Stellung zur Politik unserer Arbeiter- und Bauernmacht“. Besonders Blochs Hinweis, er halte Wolfgang Harich vor einer rechtmäßigen Verurteilung nicht für einen „Verbrecher“, sondern für einen „Gentleman“, deutete Ulbricht als „Misstrauen gegen unsere Staatsorgane“. Das sei mit „den Pflichten eines Hochschullehrers schlecht zu vereinbaren“. Apodiktisch belehrte er den Philosophen: „Eine solche Meinung hat nichts mit Philosophie zu tun.“ Im Übrigen, so Ulbricht, zeugten die Ereignisse in Ungarn davon, „wohin der Weg führt, den die Agentengruppe Harich in der DDR einschlagen wollte“.

Zum 1. September 1957 wurde der 72-jährige Bloch durch den Staatssekretär für das Hochschulwesen auf eigenen Wunsch hin emeritiert und sein Gehalt halbiert. Bereits im April 1957 hatte die Universität Leipzig eine „Konferenz über Fragen der Bloch’schen Philosophie“ organisiert, doch glich das Ganze mehr einem Tribunal als einer Tagung. Rugard Otto Gropps Eröffnungsbeitrag bestimmte die Tonlage, beschrieb er doch Blochs Philosophie als „antimarxistische Welterlösungslehre“ und verklärte die im universitären Grundlagenstudium vermittelte Ideologie als „DDR-Philosophie“. Bloch hatte sie öffentlich als „Schmalspurmarxismus“ und „Murxismus“ verspottet. Im Unterschied zu Gropp, der die Jagd auf Antistalinisten aus Überzeugung betrieb, ließ sich Blochs Kollege Johannes Heinz Horn von der Partei instrumentalisieren. Die flüsterte ihm die Parole von der „Entgiftung“ des Instituts für Philosophie ein, das Bloch nach 1949 in Leipzig aufgebaut hatte. Horn befreite sich aus seiner Verstrickung in Verrat und Verleumdung, indem er Selbstmord beging.

In einem anonymen Bericht über die Konferenz hieß es zusammenfassend: „Prof. Bloch war kein Marxist, ist kein Marxist und wäre – seitdem er seit 1949 in der DDR weilt – kein Marxist mehr geworden, weder in seiner philosophischen noch seiner politischen Haltung. In keinem Beschluss und in keiner Stellungnahme unserer Partei lässt sich die Kennzeichnung Blochs als eines Marxisten finden. Aber er selbst konnte sich als Marxist ausgeben.“

Vor 60 Jahren – am 11./12. Oktober 1957 – fand dann in Leipzig ein weiterer Kongress gegen die Philosophie Blochs und zugleich gegen eine wirksame Entstalinisierung statt. Schon wieder war von „Liquidierung“ die Rede, auch wenn sich das nicht auf Menschen, sondern „Auffassungen“, „Interpretationen“ und „politische Haltungen“ bezog.

Am 15. Oktober 1957 druckte das Neue Deutschland eine Polemik Heinrich Schwartzes (1903 – 1970) – Pastor, Lehrbeauftragter für Geschichte und Ethik sowie SED-Politiker – gegen Bloch. Unter dem Titel Die Illusion vom dritten Weg verlangte Schwartze, dass „der dritte Weg, und was damit zusammenhängt, heraus müsse, nicht nur aus unseren theoretischen Überlegungen, sondern auch aus unseren Träumen“. Für die „Lehre der Partei“ als „letzte Instanz unseres Gewissens“ finde sich in Blochs Philosophie kein Platz, was einer „Liquidierung des Sozialismus überhaupt“ gleichkomme.

Auch Kulturminister Johannes R. Becher und der für Kultur und Wissenschaft zuständige ZK-Sekretär Kurt Hager stimmten in die Polemik ein. Blochs „größenwahnsinniger Anspruch, den Marxismus zu erneuern“ (Hager) wurde moniert. Kollegen und Schüler Blochs sahen sich aufgefordert, Selbstkritik zu üben und sich von Blochs Philosophie zu distanzieren. Der Inkriminierte unternahm später den fragwürdigen Versuch, die Angriffe gegen ihn und die Vereinnahmungsversuche aus dem Westen („keine politischen Geschäfte mit meinem Namen!“) durch eine Loyalitätserklärung, die am 17. April 1958 im Sonntag erschien, zu unterlaufen. Darin stellte er sich auf den „Boden der DDR, mit deren Anliegen ich übereinstimme. (…) Keine philosophische Diskussion berührt mein Bekenntnis zum Sozialismus, zum Frieden, zur deutschen Einheit“. Biografen und Bloch selbst erklärten diese Konzession an das Regime später mit dem Motiv, sichern zu wollen, dass nach den ersten beiden (1954/55) auch der dritte Band seines Hauptwerks Das Prinzip Hoffnung 1959 in der DDR erscheinen konnte. Die Loyalitätserklärung ist so wenig ein Ruhmesblatt in Blochs Biografie wie die in der westdeutschen Ausgabe des Prinzips Hoffnung stillschweigend getilgten Stalin-Zitate.

06:00 12.11.2017

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