1957: Tragischer Vordenker

Zeitgeschichte Der DDR-Philosoph Wolfgang Harich gerät mit seiner „Plattform für den besonderen deutschen Weg zum Sozialismus“ unter die Räder und muss für Jahre ins Gefängnis

Als Wolfgang Harich (1923 – 1995) Ende November 1956 verhaftet wird, fällt den Behörden Beweismaterial für ein mutmaßliches „Staatsverbrechen“ in die Hände. Es wird zum Kernstück der Anklage im bald darauf anberaumten Prozess. Harich wird vorgeworfen, eine „konspirative staatsfeindliche Gruppe“ gebildet zu haben und für die „Plattform für den besonderen deutschen Weg zum Sozialismus“ verantwortlich zu sein. Vor 60 Jahren, in ihrer Ausgabe vom 21. März 1957, hat die FAZ das Dokument in verkürzter Form für den Westen veröffentlicht. Die vollständige Fassung fand man erst 1990 im Nachlass von Walter Ulbricht.

Die Vorgeschichte jenes Textes ist so komplex wie der historische Kontext, in dem er entstand. Auf dem XX. Parteitag der KPdSU hatte Generalsekretär Nikita Chruschtschow in seiner Schlussrede am 25. Februar 1956 die brutalen Verbrechen des Regimes unter Stalin enthüllt, der drei Jahre zuvor gestorben war. In der Sowjetunion und den Staaten des Ostblocks beförderte dieses Eingeständnis ein politisches Tauwetter, wie es nach dem Juni-Aufstand von 1953 in der DDR bereits zu einer Art Reformstimmung geführt hatte. Harich arbeitete damals als Dozent an der Humboldt-Universität und als Herausgeber der Deutschen Zeitung für Philosophie. Weil er an der Trauerfeier zu Stalins Tod nicht teilnahm, hatte er sich im Mai 1953 eine Rüge wegen fehlender Disziplin eingehandelt. Nach dem 17. Juni 1953 veröffentlichte er im verhalten oppositionellen Wochenblatt Sonntag, einem der beiden Vorgänger des Freitags, kritische Artikel zur SED-Kulturpolitik und zu verweigerten Lehren, die sich aus dem Juni-Aufruhr in der DDR ziehen ließen. Der Verfasser musste daraufhin die Universität verlassen und kam als Lektor zum Aufbau-Verlag, den Walter Janka leitete.

Dort, einem Zentrum der DDR-Intellektuellen, hatte sich in den 50er Jahren unter dem Einfluss des Philosophen Ernst Bloch (1885 – 1977) und des Literaturwissenschaftlers Georg Lukács (1885 – 1971) eine Gruppe von oppositionellen Marxisten, zumeist Autoren und Lektoren, gefunden, die gegen „halbgebildete Doktrinäre“ (Harich) auf Reformen im wirklichen Geist von Lenin und Marx drängten. Besonders Harich bestand auf einer „Wiederherstellung der Lenin’schen Normen“, etwa der „Lehre von den vielen besonderen Wegen zum Sozialismus“. Er leitete daraus als doppeltes Ziel eine „sozialistische Demokratisierung der DDR“ und „friedliche Wiedervereinigung Deutschlands auf der Grundlage der Demokratie, des Sozialismus und der nationalen Souveränität und Unabhängigkeit“ ab.

Über solche Vorstellungen referierte er nicht zuletzt vor deutsch sprechenden sowjetischen Offizieren in deren Hauptquartier Berlin-Karlshorst. Eine frühe Form des politischen Positionspapiers, das Harich für Diskussionsrunden im Aufbau-Verlag erarbeitet hatte, trug er am 24. Oktober 1956 Georgi Puschkin vor, dem sowjetischen Botschafter in Ostberlin. Die Umstände dieses Treffens waren hochdramatisch, denn einen Tag zuvor hatte in Ungarn der Aufstand begonnen, und ein sowjetisches Interventionskorps wartete nur noch auf seinen Einsatzbefehl. Puschkin leitete Harichs „Plattform“ sofort an die DDR-Behörden weiter, was erklärt, weshalb sie 54 Jahre später im Nachlass Walter Ulbrichts wiederentdeckt wurde.

Harich geriet in Panik und besuchte in den ersten Novembertagen 1956 viermal das berüchtigte Ostbüro der SPD in Westberlin mit der Bitte, die bereits bestehende Spannung nicht propagandistisch anzuheizen. In diesem Fall drohe eine „ungarische“, also militärische Lösung. Ein Mitarbeiter des Ostbüros protokollierte die Ausführungen Harichs, um sie nach dessen Verhaftung und Verurteilung vor 60 Jahren der FAZ zu überlassen. Am 26. November 1956 reiste Harich nach Hamburg, um Rudolf Augstein vom Spiegel über die DDR-Opposition zu informieren. Bei seiner Rückkehr aus Hamburg am 29. November wurde das Ehepaar Harich verhaftet und die Originalversion der „Plattform“ beschlagnahmt.

Dem Vordenker waren vier Fehleinschätzungen unterlaufen. Er sprach offen mit dem sowjetischen Botschafter in der Hoffnung, Zustimmung zu finden für den Sturz Walter Ulbrichts („Säuberung des Parteiapparats von extremen Stalinisten“) sowie für die Forderung nach Auflösung der Ministerien für Staatssicherheit und Kultur, in denen „falsche und volksfeindliche Methoden“ und „schmutzige stalinistische Verleumdungskampagnen“ herrschten, wie es in der „Plattform“ wörtlich hieß. Botschafter Puschkin sah in solchen Wertungen freilich keine Basis für Reformen, sondern „staatsfeindliche Hetze und Konterrevolution“ am Werk.

Zweitens überschätzte Harich die tatsächliche Reformbereitschaft unter der Parole „Entstalinisierung“ in allen kommunistischen Ländern. Drittens, und das betrifft Harichs Vorstellungen mehr als die der Gruppe insgesamt, hatten nach der Genfer Gipfelkonferenz vom Juli 1955 weder die Sowjetunion noch die USA, Großbritannien und Frankreich ein reales Interesse an der deutschen Einheit. Selbst in den westdeutschen Parteien war „Wiedervereinigung“ nicht mehr als eine wohlfeile Parole für Reden zum 17. Juni. Schließlich verkalkulierte sich Harich mit seinem Glauben an eine Verständigungsbereitschaft der SPD mit der SED wie der seit dem 17. August 1956 im Westen verbotenen KPD. Sein „Programm der Wiedervereinigung der deutschen Arbeiterbewegung“ in acht Etappen ging von Prämissen aus, für die es weder im Osten noch Westen des Landes eine belastbare politische Basis beziehungsweise demokratische Mehrheit gab. Harich rechnete bei der Bundestagswahl von 1957 mit einem Sieg der SPD im Zeichen eines national imprägnierten Kommunismus. Tatsächlich erreichten Adenauer und die CDU/CSU bei dieser Wahl zum ersten und einzigen Mal eine absolute Mehrheit. So hellsichtig Harichs Kritik an „den spezifischen Verzerrungen der sozialistischen Politik“ sowohl in der Sowjetunion wie der DDR während der „Stalin’schen Periode“ auch war, so irreal war seine nationale Perspektive.

Die Gruppe um Harich, zu der Walter Janka, Gustav Just, Richard Wolf, Bernhard Steinberger, Manfred Hertwig sowie Sonntag-Chefredakteur Heinz Zöger gehörten, musste sich in zwei Schauprozessen vor Gericht verantworten. Harich erhielt eine Zuchthausstrafe von zehn Jahren, wovon er acht Jahre und zehn Tage absaß, die anderen Angeklagten kassierten Strafen zwischen zwei und fünf Jahren. Offenkundig sollten Kritiker und Reformer abgeschreckt werden, denen ein demokratisierter SED-Staat vorschwebte. Harichs Hauptziel – „die nationale Wiedervereinigung“, die er 1993, zwei Jahre vor seinem Tod, selbst „weltfremd“ nannte – spielte im Prozess wie in der Urteilsbegründung nicht die geringste Rolle.

Zwischen den beiden Protagonisten Harich und Walter Janka kam es später zu einem bis zu Jankas Tod 1994 dauernden, erbittert geführten Streit und heftigen Beschuldigungen. Eine „fatale Kontroverse“, so der Historiker Jochen Černý, die das politische Klima nachhaltig vergiftete. Für Harich war Janka intellektuell nicht ebenbürtig, sondern „der gelernte Buchdrucker“ mit „mangelnder Bildung“, der sich zum „Rufmörder vom Dienst“ und KGB-Agenten machen ließ. Für Janka war Harich ein Zeuge der Anklage und Denunziant, den die Staatssicherheit im Janka-Prozess manipulierte und instrumentalisierte. In Stefan Heyms Schlüsselroman Collin (1979) taucht Harich als „ambitiöser Neurotiker“ auf.

Weshalb habe er bei seinem Gerichtsverfahren ein „reumütiges Schlusswort“ gehalten, wurde Harich danach oft gefragt. Seine Erklärung lautete, er habe sich bei der Staatssicherheit bedanken wollen, weil sie ihn mit der rechtzeitigen Verhaftung vor der Todesstrafe wegen Landesverrats bewahrt habe. 1993 rechtfertigte sich der von Arroganz und Dünkel nicht freie Philosoph mit dem Satz: „Es ist kein Wunder, wenn einer nach acht Jahren Haft und anschließender Isolation durch systematische Verleumdung paranoisch zu denken anfängt.“

06:00 15.03.2017

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