1958: Delle im Denken

Zeitgeschichte Sozialistische Staaten setzen im Wettbewerb der Systeme auf das ökonomische Einholen und Überholen. Man übersieht, dass die dafür notwendigen Triebkräfte fehlen
1958: Delle im Denken
Zwischen Mao und Chruschtschow gab es bald nichts mehr zu lachen

Foto: Bettmann/Getty Images

Vor 60 Jahren, im Mai 1958, proklamierte Mao Zedong als Vorsitzender des ZK der KP Chinas auf einem Partei-Meeting den „großen Sprung nach vorn“. Dazu müsse das Land bereit sein, wolle es, nachdem die Übergangsperiode vom Kapitalismus zum Sozialismus bewältigt sei, auf wirtschaftlichem und sozialem Gebiet rasch vorankommen. Der Kommunismus dürfe kein Fernziel bleiben. Es gehe darum, in dem (Noch-)Agrarland China einen Aufschwung in der Landwirtschaft, vorrangig aber der Industrie zu erreichen. Die Partei versprach, man werde Großbritannien bei der Erzeugung der hauptsächlichen Industrie-Erzeugnisse „in 15 Jahren oder früher“ einholen.

Mit einer derartigen Auf- und Einholstrategie stand China 1958 im sozialistischen Lager nicht allein. Im gleichen Jahr proklamierte KPdSU-Generalsekretär Nikita Chruschtschow als „ökonomische Hauptaufgabe“ für die Sowjetunion das Ein- und Überholen der USA in der Industrieproduktion absolut und pro Kopf bis 1970, „möglicherweise aber auch früher“. Für ein solch ehrgeiziges Ziel seien die Wachstumsraten des laufenden Fünfjahrplanes zu niedrig, mit dem verabschiedeten Siebenjahrplan (1959 – 1965) würden sie durch deutlich höhere ersetzt – es stehe „ein entscheidender Schritt“ bevor. Man schaffe die „materiell-technische Basis des Kommunismus“. Ihr Aufbau sei, so Chruschtschow, die wichtigste Aufgabe in der „Periode des umfassenden Aufbaus der kommunistischen Gesellschaft“, in die man eintrete. Einer ebenso kühnen Mission verschrieb sich 1958 die SED-Führung in der DDR. Mit einer höheren Arbeitsproduktivität und einem ebensolchen Produktionsausstoß sollte es gelingen, „Westdeutschland im Pro-Kopf-Verbrauch bei den meisten industriellen Konsumgütern und Lebensmitteln bis Ende 1961 einzuholen und zu überholen“. Auch hier wurde der laufende Fünfjahrplan durch einen Siebenjahrplan für die Zeit zwischen 1959 und 1965 ersetzt.

Tatsächlich wurden die in China, in der UdSSR und der DDR 1958 verkündeten Perspektivplanziele nicht auch nur annähernd erreicht. Im Rückblick wirken daher die „großen Sprünge“ rein propagandistisch motiviert, was damals einer Mehrheit der Bevölkerung in den betreffenden Ländern jedoch nicht so erschien. Allzu verlockend war das Ziel, den Lebensstandard anzuheben, so weit das die Mehrproduktion erlaubte. Bereits ab 1960 wurden die Zuwachsraten der industriellen und agrarischen Produktion geringer. Auch die Verbesserung des Lebensstandards verlangsamte sich bis Mitte der 1960er Jahre signifikant.

Anfang 1962 wurden so in China auf der „Tagung der 7.000“ erstmals Mängel in der Wirtschaftspolitik diskutiert. Mitte 1962 verschwand in der DDR der Bezug auf den Siebenjahrplan aus den Medien. Auf einer ZK-Tagung im Herbst sprach Walter Ulbricht erstmals über einen neuen Siebenjahrplan. Der alte war stillschweigend zu den Akten gelegt worden. In der Sowjetunion wurde der Siebenjahrplan offiziell nicht abgebrochen, jedoch in der Praxis ab 1963 durch revidierte kurzfristige Pläne ersetzt.

Wie kam es in China, der UdSSR und der DDR, auch in anderen Ländern Osteuropas, zu derart unrealistischen Zielsetzungen? Wer die Erklärung für überzogene Aufholpläne allein im Wunschdenken der jeweiligen Regierungen und im Versuch von KP-Führern, sich zu profilieren, sieht, der macht es sich zu einfach. Es gab 1958 handfeste Indikatoren für ein beschleunigtes Wachstum der industriellen Bruttoproduktion seit Mitte der 1950er Jahre, seit Chruschtschow in der UdSSR und Mao Zedong in China die Macht übernommen hatten und die Wirtschaftspolitik bestimmten. Eine ähnliche Tendenz ließ sich ebenso für die DDR-Ökonomie erkennen, für die Walter Ulbricht bereits seit Anfang der 1950er den Ton angab: Zwischen 1956 und 1959 war die Industrieproduktion Jahr für Jahr schneller gewachsen als während des 1. Fünfjahrplanes von 1951 bis 1955, 1958 und 1959 sogar zweistellig. Zugleich verdreifachte sich der Zuwachs für die Nettoeinkünfte der Bevölkerung. Der Ausstattungsgrad der Haushalte mit langlebigen technischen Konsumgütern stieg, von einem eher niedrigen Niveau ausgehend, zwischen 1956 und 1959 rasch an, bei Waschmaschinen von 0,8 auf 3,5, bei Fernsehgeräten von 1,4 auf 11,0 Prozent. Was sprach für die Parteiführung dagegen, die Zuwachsraten bei Produktionsmitteln und Konsumgütern einfach fortzuschreiben? Gewiss ging man davon aus, dass auch im anderen deutschen Staat die Wirtschaft weiter wachsen würde, in einem kapitalistischen System jedoch nicht ohne zyklische Krisen, gegen die das System der Planwirtschaften angeblich gefeit war. Zu beobachten war tatsächlich, dass sich das Wachstum in der Bundesrepublik verlangsamte. Die 1958 eingetretene „konjunkturelle Delle“ wurde von ostdeutschen Analysten als Beginn einer tief greifenden Wirtschaftskrise gedeutet, was das Überholen leichter machen würde.

„Die Massen mobilisieren“

In der Sowjetunion fühlte man sich beim Wettbewerb der Systeme auch durch wissenschaftlich-technische Leistungen ermutigt. Im Oktober 1957 startete die UdSSR mit dem Sputnik den weltersten Erdtrabanten, im April 1961 flog Juri Gagarin mit dem Raumschiff Wostok 1 als erster Mensch zu einer Erdumrundung ins Weltall. Die USA hinkten im Kosmos für alle sichtbar hinterher. Natürlich beflügelten die Erfolge im Weltraum auch die Regierungen anderer sozialistischer Staaten in ihren Aufholfantasien.

Die Regierungen in Peking, Moskau und Ostberlin verließen sich bei ihren Plänen nicht nur auf die Extrapolation günstiger Entwicklungsdaten ihrer Volkswirtschaften oder auf die Krisenhaftigkeit des gegnerischen Systems, sondern auch auf ihre Fähigkeit, für die ausgegebenen Planziele „die Massen zu mobilisieren“, worauf man bei der kapitalistischen Konkurrenz nicht zurückgreifen konnte. In China standen Ende der 1950er Jahre die ausgeschriebenen „Wettbewerbe der kommunistischen Arbeit“ unter der Losung „Drei Jahre hart kämpfen, dann wird es ewigen Wohlstand geben“. In der UdSSR entstand mit dem ersten Siebenjahrplan die „Bewegung der Brigaden und Aktivisten der kommunistischen Arbeit“, die Ende 1959 bereits drei Millionen Arbeiter, Ingenieure und Techniker einbezog. Anderthalb Jahre später arbeiteten 20 Millionen Werktätige in „kommunistischen Brigaden“, das waren 30 Prozent der Beschäftigten. In der DDR rief Anfang 1959 eine Jugendbrigade aus dem Elektrochemischen Kombinat Bitterfeld (EKB) unter der Losung „Auf sozialistische Weise arbeiten, lernen und leben“ zum Kampf um den Titel „Brigade der sozialistischen Arbeit“ auf. Bald darauf war ein knappes Drittel aller Beschäftigten in derartigen Arbeitskollektiven organisiert.

Doch über den ökonomischen Effekt dieser Wettbewerbsbewegung hatte man sich getäuscht. Der Arbeiter an der Werkbank schaute, wenn es um sein Engagement ging, weniger auf verlockende Ziele als auf den Ertrag für den eigenen Wohlstand und den seiner Familie. Das erklärt jedenfalls, warum sich in den DDR-Betrieben die Teilnahme am innerbetrieblichen Wettbewerb zwar bis 1958 auf 56 Prozent aller Werktätigen erhöht hatte, 1960 dann vorübergehend 69 Prozent erreichte, in den folgenden Jahren aber bei 70 Prozent verharrte, als ein nachlassendes Wachstum die positiven Effekte für den Lebensstandard zusehends schuldig blieb.

Womit sich die Führungen in den sozialistischen Ländern seinerzeit am meisten verschätzt hatten, das waren die Erwartungen bezüglich der Triebkräfte in einer zentralgeleiteten Planwirtschaft. Dies zu erkennen und Marktelemente als Triebkräfte in der Wirtschaft zuzulassen, das dauerte von Land zu Land unterschiedlich lange. Entsprechende Wirtschaftsreformen begannen in der DDR 1963 und führten zum Neuen Ökonomischen System (NÖS). In der Sowjetunion waren es 1966 die Reformen des Ministerpräsidenten Alexei Kossygin. In China dauerte es bis 1978, dass Deng Xiaoping im KP-Zentralkomitee seine Reformpolitik durchsetzen konnte.

06:00 13.06.2018

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