1960: Mit Nebenwirkungen

Zeitgeschichte Eine Tablette verändert viele Affären und Partnerschaften, den Sex und die Welt. In den USA kommt die Verhütungspille als Medikament „Enovid“ in die Apotheken
1960: Mit Nebenwirkungen
Die Frau schluckt täglich die Pille, der Mann profitiert einfach so mit

Foto: Joker/dpa

Enovid war das erste hormonelle Verhütungsmittel und wurde als „Antibabypille“ bekannt, obwohl das nicht Sinn der Sache war: Vor sechs Jahrzehnten ging es Frauen um mehr Freiheit und um die Kontrolle über den eigenen Körper. Ein Fläschchen mit genügend Pillen für einen Monat kostete rund zehn Dollar. Doch ist die anfängliche Freude über das Medikament bald nicht mehr ungetrübt. Es könne nicht sein, sagen viele Kritiker, dass Frauen noch immer „zuständig“ sind für Geburtenkontrolle und deshalb ein Mittel nehmen, das Psyche und Befinden auch negativ beeinflussen kann, wie sich das schon ganz zu Anfang zeigte.

Es war der Sommer 1960, eine Zeit des Übergangs. Elvis Presley sang It’s Now or Never, während sich Roy Orbison für Only the Lonely entschied. Chubby Checker begeisterte das junge Publikum mit The Twist. Bei diesem Tanz explodierte die in den prüden und beengenden 1950er Jahren aufgestaute erotische Energie. Der junge Rock-’n’-Roller Checker trug freilich noch Jackett und Krawatte beim Auftritt. Wohlstand und Konsum waren angesagt. Eine heile Zeit für das etablierte Amerika, wenn man die Sit-ins gegen Rassismus übersehen wollte, die Atomkriegsgefahr und die unsicheren Zustände in Indochina, besonders in Südvietnam, wo die US-Armee bald intervenieren sollte. Im Fernsehen lief die letzte Staffel der Sitcom Father Knows Best („Vater weiß es am besten“). Der junge John F. Kennedy wollte Präsident werden, seine Ehefrau Jackie Kennedy setzte Modetrends mit Perlenhalsketten und Pillbox-Hüten ohne Krempe, und in Moskau wurde dem am 1. Mai 1960 bei einem Spionageflug abgeschossenen US-Piloten Gary Powers der Prozess gemacht.

Wie es vor der Pille war bei Sex und Schwangerschaft, ist heute kaum mehr vorstellbar. Junge Frauen mussten „anständig“ sein, attraktiv und brav, durften bloß nicht schwanger werden. Sex und Lust waren kein Gesprächsthema unter gesitteten Leuten. Normal war damals in den USA eine Heirat mit 20. Werbung und TV-Serien wie eben Father Knows Best gaukelten ein glückliches Mittelklasse-Amerika vor. Die Ehefrau servierte Mahlzeiten und war schick gekleidet. Kindererziehung und Haushalt sollten nicht nach Arbeit aussehen, hatte die Gattin doch alle erforderlichen modernen Küchengeräte. In der während der 1950er Jahre beliebten Sitcom I Love Lucy schlief das Ehepaar Ricky und Lucy in getrennten Betten. Nicht nur in katholischen Kreisen Amerikas wurde vor frei zugänglicher Verhütung gewarnt, von der Frauen selbstbestimmt Gebrauch machen konnten. Die Probleme mancher Männer wurden bereits im Frühsommer 1960 bei der offiziellen Enovid-Zulassung der US-Arzneimittelbehörde FDA sichtbar. So zitierte die Agentur Associated Press (AP) einen Behördensprecher: Die Zulassung sei wegen der Sicherheit (des Mittels) erteilt worden. Moral habe „damit nichts zu tun“.

Bis dahin hatten Frauengruppen in den USA bereits Jahrzehnte um zuverlässige Familienplanung gekämpft, doch wollte der Staat Frauen unter seiner Fuchtel halten. Ein seit Ende des 19. Jahrhunderts geltendes Gesetz untersagte die Verbreitung „obszönen Materials“. Dazu gehörten Schriften über Empfängnisverhütung. Pionierin der Familienplanung war die 1879 geborene und 1966 verstorbene Margaret Sanger, deren Mutter Anne Higgins 18 Schwangerschaften durchgemacht hatte. Frauen könnten nicht frei sein ohne Kontrolle über ihren eigenen Körper, betonte Sanger, von Beruf Krankenschwester. Sie eröffnete 1916 die erste US-Klinik für Familienplanung und wurde wegen ihrer Tätigkeit mehrmals inhaftiert. Im Jahr 1921 war sie an der Gründung der American Birth Control League beteiligt, aus der 1942 der Familienplanungsverband Planned Parenthood wurde.

Es durfte geraucht werden in Talkshows. Moderator Mike Wallace qualmte seine Philip Morris beim Gespräch 1957 mit Margaret Sanger, die über Sex, Ehe und Familienplanung sprach. Liebe und Anziehung hätten nichts zu tun mit der Frage, ob das Paar ein Kind haben wolle. Es könne durchaus ein selbstloser Akt sein, keine Kinder zu haben. Sanger kritisierte die katholische Hierarchie, die spreche, als sei sie Gott. Zur Zeit des Interviews war die Forschung an der Pille weit fortgeschritten.

International Harvester – die Traktoren und Geräte dieses Landmaschinenherstellers pflügten und eggten die weiten Getreideschläge des Mittleren Westens. Das Geld für die Forschung an der Pille kam von Harvester oder, genauer, von Sangers Mitstreiterin Katharine McCormick. Die feministische Biologin hatte nach dem Tod ihres Ehemannes Stanley McCormick 1947 das International-Harvester-Vermögen geerbt und beschlossen, mit insgesamt zwei Millionen Dollar Verhütungsforschung zu finanzieren, was nicht ohne Wirkung blieb. Ein kleines Labor im Staat Massachusetts, die Worcester Foundation for Experimental Biology, kam zu einem Ergebnis – einem hormonellen Präparat gegen Menstruationsbeschwerden. Es handelte sich um ein Verhütungsmittel, das man an Frauen in Puerto Rico erprobt hatte. Es heißt dazu beim Familienplanungsverband Planned Parenthood: „Die Pille wurde gründlich getestet entsprechend der damaligen Standards.“ Und weiter: Heutzutage wäre „dieses Vorgehen nicht akzeptabel“.

Das Unternehmen G. D. Searle and Company vertrieb Enovid. Seine Broschüre für Ärzte, gedruckt am 1. August 1960, nannte Übelkeit als Nebenwirkung, beschwichtigte jedoch, dass viele Patientinnen sich diese Übelkeit wohl nur vorstellten. Die Firma empfahl ihren Kundinnen, wer Übelkeit vorbeugen wolle, solle die Pille abends mit einem Glas Milch zu sich nehmen. In der BRD kam die Pille 1961 unter der Bezeichnung „Anovlar“ auf den Markt, in der DDR war sie ab 1965 als „Ovosiston“ erhältlich. Ende 1964 hätten in den USA mehr als vier Millionen Frauen die Pille genommen, schreiben die amerikanischen Historikerinnen Suzanne White Junod und Lara Marks. Man habe das als Erfolg gefeiert, doch sei der frühe Enthusiasmus durch den Umstand relativiert worden, dass wegen der hohen hormonellen Dosis Nebenwirkungen wie Übelkeit, Kopfschmerzen und Schwindel anfangs so schlimm gewesen seien, dass manche Frauen das Mittel schnell wieder abgesetzt hätten. Auch seien 1961/62 Fälle von Blutgerinnseln bei Frauen bekannt geworden.

Margaret Sangers Erbe wird gegenwärtig neu bewertet. Der New Yorker Ortsverband von Planned Parenthood hat im Juli 2020 beschlossen, Sangers Namen von einer Klinik in Manhattan zu entfernen. Es ging um Sangers vermeintliche Nähe zur Eugenetik, sie habe befürwortet, Menschen mit bestimmten Behinderungen zu sterilisieren. Sangers Biografin Ellen Chesler warnte hingegen in der New York Times vor Missverständnissen. Die Eugenetik habe in den USA zeitweilig eine konservative und eine liberale Fraktion gehabt. Wie auch immer – Empfängnisverhütung bleibt ein politischer Dauerbrenner. Die 2010 beschlossene Versicherungsreform „Obamacare“ garantiert den kostengünstigen Zugang zur Empfängnisverhütung. Konservative Verbände wollen das nicht. Donald Trump hat eine Vorschrift erlassen, wonach Arbeitgeber aus Glaubens- und moralischen Gründen Verhütung von ihrer Krankenversicherung ausschließen dürfen. Das Oberste Gericht erklärte diese Vorschrift kürzlich für rechtmäßig. In den USA sind viele Millionen Menschen über den Arbeitgeber krankenversichert.

Die Filmemacherin Kirsten Esch hat in einer Dokumentation für den Sender Arte über das 60. Jubiläum nachgedacht. Der Titel vermittelt die Botschaft: 60 Jahre Pille – wo bleibt die Pille für den Mann? Es heißt im Film: „Wir können auf den Mond fliegen, drahtlos kommunizieren, doch bei der Pille für den Mann herrscht Stillstand.“ Für den Mann sei es recht bequem, dass die Verantwortung für Familienplanung und Verhütung bei der Frau liege. 2012 sei eine groß angelegte Studie über männliche Verhütung abgebrochen worden. Männer hatten sich bei Tests des Mittels über unangenehme Nebenwirkungen beklagt.

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06:00 15.09.2020

Ausgabe 39/2020

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