1965

A–Z Max Frisch schreibt über Arbeitskräfte, die Menschen sind. Joseph Beuys erklärt einem toten Hasen die Kunst und France Gall gewinnt den Grand Prix: 1965 als Lexikon

A

All Der Sibirer Alexej Leonow war noch jung, als Ernest Hemingway der Welt erzählte, wie es ist, zu weit rauszufahren. Der alte Mann und das Meer (Ersterscheinung 1952) liest man am besten als bündige Darstellung der Freuden und Leiden des klassisch Maskulinen. Heute nicht mehr ohne Alternative, wird Hemingways Epos immer noch gern bemüht: Beweise nutzloser Machbarkeit, wie der Fischer Santiago einen erbrachte, sind immer noch besser als das Hocken in der Höhle.

Das dachte sich Leonow auch, als er 1965 als Erster aus seiner Kapsel in den Weltraum stieg. Leider blähte sich dort sein Anzug auf und er passte nicht mehr durch die Luke seines Gefährts. Angeblich hat er in den zwölf Minuten sechs Kilo abgenommen. Er fand aber auch ein Ventil, ließ Sauerstoff ab und quetschte sich in letzter Sekunde wieder ins Innere. Echte Männlichkeit (➝ Outcast) rettet halt Leben, und 1965 durfte es auch schon mal das eigene sein. Vor dem himmlischen Heldentod. Seitdem entwickelt sich das. Ralf Bönt

G

Gastarbeiter Er spreche nicht von Flüchtlingen, vermerkt Max Frisch ausdrücklich, wenn er nun von den vielen Menschen redet, die in sein kleines Land gekommen sein. Nein, er spricht von Gastarbeitern, italienischen Gastarbeitern. Über eine halbe Million, ganz schön viel für das kleine Land, das gibt auch Frisch zu bedenken. Eine Aufgabe. Aber sein Land stellt sich der Aufgabe nicht, es verfällt in kollektiven Abwehrmechanismus. Fürchtet sich vor „Überfremdung“. Und dann der legendäre Satz: „Ein kleines Herrenvolk sieht sich in Gefahr: man hat Arbeitskräfte gerufen, und es kommen Menschen.“ Frisch schreibt das 1965 (➝ Outcast), ursprünglich als Vorwort zu dem Band Siamo Italiani. Er schrieb in seinem neuen Haus in Berzona, Tessin. Davor hatte er in Rom gelebt. Mit der „Italientia“ musste man ihm nicht kommen. 50 Jahre später sieht die Welt anders aus. Das „kleine Herrenvolk“ ist stolz, dass es durch die Gastarbeiter etwas südlicher geworden ist. Die sind bestens integriert, gehören dazu. Die Problemlage hat sich verschoben: Nun sind die Flüchtlinge da. Ein neuer Max Frisch tut not. Michael Angele

Gegenkultur Zwei erste Konzerte, am 5. Mai und am 4. Dezember 1965, The Grateful Dead hieß die Band erst beim zweiten – vorher nannte sie sich The Warlocks, derselbe Name, den in New York für kurze Zeit eine andere obskure Band trug, bevor sie sich – auch 1965 – in The Velvet Underground umbenannte. Westcoast vs. Eastcoast, LSD vs. Heroin, Ken Keseys Acid Tests (der Kontext des ersten Dead-Konzerts) vs. Andy Warhols „Exploding Plastic Inevitable“ (das begann 1966), verträumte Endlosigkeit vs. infernalischer Ausbruch: Welten dazwischen, die west-östliche amerikanische Gegenkultur in a nutshell, viel anfangen konnten sie trotz ein paar gemeinsamer Konzerte 1969 natürlich nicht miteinander.

Fifty Years After: Die core four der Deads kamen, natürlich ohne den 1995 verstorbenen Jerry García, im Juni und Juli dieses Jahres zu finalen Konzerten zusammen; Lou Reed starb 2013, die paar Reunions davor waren schon vorher eine wacklige Sache. Eastcoast vs. Westcoast hat heute ganz andere Konnotationen. Die Widersprüche der Gegenkultur sind ein thing of the past. Ekkehard Knörer

H

Hasen Typisch. Nicht mal eines guten Gespürs für die Bedeutung runder Jubiläen machte sich die omnipräsente und auch hier wieder anwesende Marina Abramović verdächtig, als sie 2005 – also genau zehn Jahre zu früh – im New Yorker Guggenheim Museum Joseph Beuys’ berühmte Hasen-Performance nachstellte. In der Düsseldorfer Galerie Schmela nämlich hatte Beuys am 26. November 1965, schlau wie er war, das Gesicht mit Gold und Honig verziert, einem toten Hasen im Zwiegespräch alles Wissenswerte über das Erklären und Missverstehen von Kunst zugeflüstert. Das dabei ahnungslos hinter Glas abgeschirmte Publikum (➝ Unschuld) aber staunte damals nicht nur über so viel Kennerschaft, nein, auch staunt es bis heute – nämlich runde 50 Jahre nach der Performance – vor allem über etwas, auf das es bei Marina Abramović noch lange warten kann: Humor. Timon Karl Kaleyta

K

Kahlschlag 44 Beatbands hatten sich in und um Leipzig gegründet und wollten den Beatles nacheifern. Die „Monotonie des Yeah, yeah, yeah“ (Ulbricht) wurde beendet, Proteste im Keim erstickt. Die DEFA drehte kritische Filme über den DDR-Alltag (➝ Gegenkultur). Einer hieß Lots Weib – eine Frau wird kriminell, um die Scheidung ihrer Ehe, der es an Liebe mangelt, zu erzwingen. Neue Versuche über ein altes Thema, neue Filmsprache. Es folgte – ein Strafgericht. Das 11. Plenum des ZK der SED (Kahlschlag) im Dezember verbot fast alle Filme des Jahres. Auch viele Bücher fielen unter das Publikationsverbot. Christa Wolf versuchte Widerspruch, vergeblich. Lots Weib aber wurde nicht verboten. Das neue Familiengesetzbuch der DDR ermöglichte leichtere Ehescheidungen. Magda Geisler

N

Nachkriegszeit Spät, sehr spät begann es den Deutschen zu dämmern, dass Fritz Bauer einer der großen Helden der Nachkriegszeit war: Seiner Arbeit als Generalstaatsanwalt in Hessen war es in erster Linie zu verdanken, dass es von 1963 an zu den Auschwitzprozessen und damit der ersten gerichtlichen Aufarbeitung der Nazi-Verbrechen kam. 1962 freilich bekam Bauer von Helmut Kohl noch zu hören, zum abschließenden Urteil über das „Dritte Reich“ sei es zu früh. 1965 machte eine literarische Verarbeitung des ersten Auschwitz-Prozesses dann in Deutschland und darüber hinaus Sensation. Peter Weiss hatte nach Bernd Naumanns Protokollen eine Theaterversion des Prozesses verfasst. Das dokumentarische Stück Die Ermittlung erlebte noch im Jahr der Entstehung am selben Tag, dem 19. Oktober, seine Uraufführung an 15 deutschen Theatern. Form wie Inhalt wurden kontrovers diskutiert. Mit dem Totschweigen der Mordtaten war es von da an nicht mehr ganz so leicht. Ekkehard Knörer

O

Outcast 1965 wurde mein ältester Bruder geboren, meine Eltern entschieden sich für eine Rollenverteilung, die bis heute eine Ausnahmeerscheinung geblieben ist: Mein Vater wurde Hausmann, meine Mutter die Hauptverdienerin. Von allen Seiten belächelt, war mein Vater weit und breit der einzige Mann am Herd. Er behauptet, es wäre nur zu dieser Entscheidung gekommen, weil er der bessere Koch war, vielmehr aber genoss er die Freiheit der künstlerischen Selbstfindung (➝ Zunder) und nahm dafür gerne ein wenig Hausarbeit in Kauf. Meine Mutter erlangte nach dem Studium bald den Beamtenstatus und bekleidete über 20 Jahre den Posten einer Grundschulrektorin. Für mich war dieses Familienbild so normal wie die Tatsache, dass mein Papa als Schulweghelfer an der Kreuzung vor der Schule meiner Mutter die Haushaltskasse aufbesserte, um eine Putzfrau zu bezahlen. Denn Putzen macht ihm nur halb so viel Spaß wie Kochen! Sophia Hoffmann

P

Pille Ovosiston hieß die erste Wunschkindpille der DDR – Antibabypille war unerwünschte Wortwahl. Vom VEB Jenapharm wurde sie feierlich auf der Leipziger Herbstmesse 1965 vorgestellt und verschwand für ein Jahr in der Versenkung. Prof. Dr. Karl-Heinz Mehlan – führend auf dem Gebiet der Forschung zur Empfängnisverhütung – hatte gegen Planwirtschaftsprobleme kein Rezept. Noch immer fuhren junge Frauen mit einer ungewollten Schwangerschaft nach Polen. Dort gab es Adressen. Andere halfen sich selbst, mit gefährlichen Komplikationen. Erst 1970 wurde die Pille, natürlich kostenlos (➝ Unschuld), verschrieben. Es gab trotzdem keinen Geburtenrückgang. Zwei Jahre später klagte ein Sänger: „Kinder bleiben ungeboren/Frauen haben sich geschworen/Selber zu entscheiden ohne Not.“ 1972 war auch die Abtreibung legalisiert. Ovosiston kam 2003 vom Markt. Die Dosierung galt als zu hoch. Magda Geisler

S

Schmiergeld 1963 wechselte Otto Rehhagel als Lizenzspieler zum Hertha BSC und geriet in den größten Skandal der Bundesligageschichte. Rehhagel, 27 Jahre alt, spielte seine zweite starke Saison bei der Hertha, die trotzdem nur mit Ach und Krach den Klassenerhalt schaffte. Dann entdeckte der Deutsche Fußballbund Irritationen in Herthas Bilanz, die Spieler hatten „Handgelder“ erhalten. Isoliert auf der Westberliner Insel in der Sowjetzone des Kalten Kriegs (All), reizte die Hertha damals nur wenige. Heikle Geldtransfers waren längst ein Problem im Profifußball, aber die Hertha von 1965 schlug dem Fass den Boden aus.

Das Team wurde sanktioniert, mit dem Zwangsabstieg in die Regionalliga. Indiskutabel für den aufstrebenden Rehhagel. Er verließ den Club und stieg beim FC Kaiserslautern ein. 50 Jahre später haben wir Korruptionsdebakel allerorten, siehe auch die FIFA. Der Bundesligaskandal von 1965 war ein Vorschein des Kommenden. Als Trainer kehrte Rehagel viel später noch einmal zur Hertha zurück. Es wurde ein Desaster. Henri Kummer

U

Unschuld Sie war blond, süß und erschien im Babydoll: Am 20. März 1965 betrat die französische Sängerin France Gall die Bühne des Grand Prix Eurovision de la Chanson in Neapel und sang für Luxemburg das poppige Poupée de cire, poupée de son. Das zweideutige Chanson über ein „Wachspüppchen“ stammte aus der potenten Feder des großen Serge Gainsbourg. Was schließlich mit dem ersten Platz des Wettbewerbs geehrt wurde, war als Lobgesang auf die Selbstbefriedigung gedacht (➝ Hasen).

Ein Geniestreich, das Lied von France Gall präsentieren zu lassen. Ihre Kindlichkeit verführte das Publikum und dekonstruierte zugleich die Idee von Unschuld. Konsequent folgte die Mode der Entidealisierung des vermeintlich Unbefleckten: als aggressiveren Angriff sahen konservative Kreise ein halbes Jahr später den Minirock, den die englische Designerin Mary Quant ein Jahr später einer fassungslosen Öffentlichkeit präsentierte. Ihre Mode schenkte den Frauen nicht nur mehr Beinfreiheit. Samira El Quassil

Z

Zunder Die österreichische Schriftstellerin Maxie Wander, die in der DDR lebte (➝ Gastarbeiter) und nach der mich meine Eltern tauften, hing sehr am Leben: „Jedes Festhalten daran finde ich großartig.“ Als sich der Sohn einer Westberliner Bekannten umgebracht hatte, beschäftigte sie sich mit Selbstmorden. Die meisten gebe es laut Statistik in den Wohlstandsvierteln. Maxie Wander entdeckte damals den italienischen Schriftsteller Cesare Pavese (1908 – 1950). „Es gibt Wörter und Sätze, die brennen sofort wie Zunder“, schrieb sie im März 1965 in ihr Tagebuch.

So wie Pavese suchte auch sie nach einer „zentralen Idee“, für das Leben – und das Schreiben. „Wenn ich eine hätte und sie mir abhanden käme, und ich wiederum eine suchen würde, um die frei im Raum sich bewegenden inneren Kräfte und Gedanken wie in einem Brennpunkt zu sammeln? Was könnte das sein? Oder schreibe ich mich nicht jeden Tag selbst von Neuem?“ Pavese nahm sich mit 42 Jahren das Leben in einem Turiner Hotelzimmer. In seiner Wohnung fand man einen Zettel, auf dem stand: „Ich habe mich selbst gesucht.“ Maxi Leinkauf

06:00 05.08.2015

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