1976: 50 Kilo Roquefort

Zeitgeschichte Im Sommer vor 40 Jahren legen sich Bauern auf der Larzac-Hochebene im französischen Département Aveyron mit der Armee an. Sie wollen keinen erweiterten Übungsplatz
Rudolf Walther | Ausgabe 31/2016
1976: 50 Kilo Roquefort
70er Jahre, Demonstration bäuerlicher Selbstbestimmung im Larzac
Foto: AFP/Getty Images

Bereits im Februar 1976 ist in der Sache ein letztinstanzliches Gerichtsurteil ergangen. Es stellt den „öffentlichen Nutzen“ erweiterter militärischer Areale im Larzac fest. Demnach dürfen 14.000 Hektar Weide- und Ackerland enteignet werden. Die betroffenen Bauern reagieren darauf nicht sofort mit schroffer Ablehnung, sondern flexibel. Sie sind bereit, über eine um 8.000 Hektar reduzierte Ausdehnung des Militärcamps auf ihrer Hochebene zu verhandeln, „wenn dabei kein Bauer enteignet würde“, wie Wolfgang Hertle in seinem Buch Larzac 1971 – 1981. Der gewaltfreie Widerstand gegen die Erweiterung des Truppenübungsplatzes in Süd-Frankreich schreibt. Parallel zu dieser kompromissbereiten Haltung habe sich jedoch, so Hertle, der harte Kern des Widerstands Gardarem lo Larzac („Wir werden den Larzac bewahren“) zu einer Kommandoaktion entschlossen, um geheime Landkäufe der Armee aufzudecken: Am 28. Juni 1976 überfällt die Gruppe um Léon Maillé eine Kaserne. Sie will Akten und Karten in ihren Besitz bringen, mit denen sich Landkäufe belegen lassen. Doch die Tat misslingt, Teile der Akten verbrennen, es entsteht erheblicher Sachschaden, 22 Aktivisten werden verhaftet und vor Gericht gestellt. Sie kassieren Haftstrafen zwischen drei und sechs Monaten. In der Berufungsverhandlung werden die Strafen einheitlich auf fünf Monate festgesetzt, da eine Rädelsführerschaft einzelner Aktivisten nicht beweisbar ist.

Die Armee beantragt daraufhin die Räumung eines besetzten Bauernhofs, wartet aber den Gerichtsbeschluss nicht ab, sondern lässt die Wasserleitung des Anwesens von Grenadieren sprengen. Spätestens durch diesen militärischen Vandalismus wird „Larzac“ europaweit bekannt. „Das Symbol Larzac war Symbol für den gewaltfreien Kampf überhaupt geworden“, erinnert sich der Aktivist Jean-Marie Muller.

Begonnen hat dieser Kampf 1971, als der gaullistische Verteidigungsminister Michel Debré verkündete, der seit 1902 betriebene Truppenübungsplatz auf der Larzac-Ebene müsse expandieren. Innerhalb kurzer Zeit organisieren sich 103 von 109 betroffenen Bauernfamilien und schwören am 28. März 1972 einen Eid: Sie würden ihr Land niemals verlassen oder verkaufen. Damit beginnt „die längste soziale Auseinandersetzung Frankreichs“ (Hertle) und obendrein die erfolgreichste.

Kampf ohne Waffen

Ihr Erfolg beruht auf mehreren strategischen Entscheidungen: Unter dem Einfluss der christlichen, von Mahatma Gandhis Konzept des zivilen Widerstandes geprägten Landkommune „Die Arche“ des Theologen und Philosophen Lanza del Vasto (1902 – 1981) bekennen sich die Landwirte zur Gewaltfreiheit und versetzen damit eine gewaltbereite Staatsmacht – Polizei und Militär – in eine Verteidigungs- und Rechtfertigungsposition. Mit starken Symbolen als „Waffen“ (Heugabeln, Traktoren, Schafen) und fantasievollen symbolischen Aktionen gewinnen die Bauern die öffentliche Meinung sowie Teile der Medien für sich.

Auch die Zeitumstände sind günstig; nach dem Ende der Studentenbewegung von 1968 bemühen sich viele der politisierten jungen Franzosen um einen neuen Bezug für ihr politisches Engagement. „Antikapitalistische Maoisten“ suchen Kontakte zu Bauern und Arbeitern, Pazifisten begehren gegen die Militarisierung der Gesellschaft auf, Feministinnen kämpfen um Frauenrechte, Umweltaktivisten wenden sich gegen die Naturzerstörung und gegen den Bau von Kernkraftwerken. Die Bauern vom Larzac lassen sich von keiner dieser Bewegungen instrumentalisieren, machen aber alle zu Bündnispartnern bei der Mobilisierung und Aufklärung der Bevölkerung. Die Bauern gewinnen mit ihren unkonventionellen Aktionen nicht nur linke Gruppen für sich, sondern bemühen sich auch um die Gunst lokaler Honoratioren und Verbände sowie den Segen der katholischen Kirche. Auch Jean-Paul Sartre lobt „den Kampf ohne Waffen für die Verteidigung des Lebens“.

Als die Arbeiter der Uhrenfabrik Lip in Besançon 1973 den Betrieb besetzen und schließlich in Eigenregie übernehmen, schicken ihnen die Larzac-Bauern 50 Kilo Roquefort-Käse mit ihrer Handlungsdevise: „Wir produzieren, wir verkaufen, wir bezahlen uns selber.“ Als Arbeiterinnen einer Hosenfabrik im nahen Millau streiken, kommen die Bauern zu Besuch und sehen erstmals, wie Akkordarbeit organisiert wird: „Das ist doch nicht möglich, das ist ja schlimmer als Sklaverei.“ Auch diesen Arbeiterinnen werden Lebensmittel geschickt.

Kooperation, Solidarität, Selbstverwaltung, Gewaltfreiheit und Widerstand gegen den staatlichen Vormund, das sind die Schlüsselwörter, die bei den sozialen Bewegungen, den Protest- und Widerstandsgruppen der 70er Jahre hoch im Kurs stehen. Doch niemand sonst nutzt die Gunst der Stunde so virtuos wie die vermeintlich rückständigen, katholischen Bauern vom Larzac. Sie kämpfen „für Menschenwürde, Wahrheit, Gerechtigkeit und Frieden“ und bündeln so das Protestpotenzial zur politischen Kraft.

Diese bekommt besonders die Armee zu spüren, deren Manöver empfindlich gestört werden durch Besetzung und intensive Nutzung von Acker- und Weideland. Der Larzac wird auch zu einem Zentrum für Kriegsdienstverweigerer, die den Bauern bei der Verlegung von Röhren für die Wasserversorgung und beim Bau von Straßen helfen.

Sieger nach zehnjährigem Kampf

Nachdem der Sozialist François Mitterrand im Mai 1981 zum Präsidenten gewählt worden ist, erklärt sein Premierminister Pierre Mauroy am 3. Juni 1981 den Verzicht auf die Erweiterung des Truppenübungsplatzes. Die Bauern dürfen sich nach zehnjährigem Kampf als Sieger auf der ganzen Linie fühlen. Der Staat muss das schon gekaufte Land wieder zum Kauf oder zur Pacht anbieten.

Was ausgerechnet die derzeitige sozialistische Regierung dazu bewogen hat, in dieser kampferprobten, durch und durch antimilitaristisch geprägten Gegend eine Brigade der Fremdenlegion anzusiedeln, bleibt unklar. Die Gründe jedenfalls für den Transfer der Legionäre aus Afrika (Elfenbeinküste, Gabun, Senegal, Dschibuti) sind ebenso fadenscheinig wie üblich („Arbeitsplätze“, „Wachstum“, „Sicherheit“). Der im Larzac ansässige Journalist Gilles Gesson hat die Argumente geprüft und für nichtig oder lächerlich befunden. Lokalpolitiker versprechen großspurig Investitionen von 40 bis 250 Millionen Euro, die in die Region fließen sollen.

Aber wie aus der Ansiedlung von 1.200 Legionären, zusätzlich zu den knapp 200 dort stationierten Soldaten, Wirtschaftswachstum (außer dem Strohfeuer eines Baubooms) entstehen soll, ist unklar, denn die Errichtung von Betrieben ist nicht vorgesehen. Bekannt ist bislang nur, dass ein Hotelier ein Zimmermädchen und einen Kellner eingestellt hat. Lächerlich findet Gilles Gesson das Argument, die Fremdenlegionäre würden die Sicherheit erhöhen. Die Einwohner der Region dürften dem kaum zustimmen, und gesetzlich ist es Soldaten und Legionären verboten, polizeiliche Funktionen zu übernehmen. Die Legionäre dürften nicht einmal Personenkontrollen durchführen, ohne einen Rechtsbruch zu begehen.

Wie vor 40 Jahren formiert sich erneut Widerstand gegen das Militär. Mit der Kampagne Alerte Képi blanc (die traditionelle Kopfbedeckung der Legionäre) unter der Parole Gardem lo Larzac! („Bewahren wir den Larzac!“) nehmen die Bauern und Einwohner den Kampf wieder auf und fordern die Bürger auf, die Fremdenlegionäre zu fotografieren, wenn sie sich außerhalb des Militärareals bewegen. Gilles Gesson vermag in dieser Verlegung auf den Larzac nur das zu erkennen, was sie ist: „ein Schritt hin zu noch mehr Militarisierung der öffentlichen Sicherheit mit dem Ziel, die gesamte Gesellschaft zu militarisieren.“

Einzig José Bové, ehemalige Galionsfigur des Protests und heute EU-Parlamentsabgeordneter (Grüne Fraktion), hält die Stationierung von Fremdenlegionären im Larzac für eine „armee-interne Angelegenheit, einen simplen Mieterwechsel im Militärcamp“.

06:00 17.08.2016

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