1976: Tod eines Genossen

Zeitgeschichte Ein DDR-Grenzposten erschießt den LKW-Fahrer Benito Corghi aus Italien, der auf der Suche nach vergessenen Frachtpapieren für einen illegalen Grenzgänger gehalten wird
Karsten Krampitz | Ausgabe 30/2016 11

L’Unità, das Zentralorgan der Kommunistischen Partei Italiens (IKP), bringt am Abend des 5. August 1976 folgende Meldung in Umlauf: „Ein italienischer Lkw-Fahrer wurde heute morgen von den Grenzsoldaten der Deutschen Demokratischen Republik erschossen, die an einem Grenzkontrollpunkt zwischen den beiden Deutschlands das Feuer auf ihn richteten. Es handelt sich um Benito Corghi, 38 Jahre alt, aus Rubiera (Reggio Emilia), beschäftigt bei einer Firma, die auf den Fleischtransport zwischen den sozialistischen Ländern und Italien spezialisiert ist.“ Der italienische Geschäftsträger in Ostberlin habe die entsprechende Nachricht gegen 18.00 Uhr erhalten und den „energischen Protest“ seiner Regierung zum Ausdruck gebracht. Weiter heißt es bei L’Unità: „Benito Corghi, der Mitglied der Italienischen Kommunistischen Partei war und einer Familie von Kommunisten und Antifaschisten angehörte, hinterlässt seine Ehefrau Silvana Bartarelli und zwei Kinder: Loretta, 18 Jahre alt, und Alessandro, 15. Der so hart betroffenen Familie Corghi sprechen die Kommunisten der Region ihr brüderliches und tief empfundenes Beileid aus, dem sich die Redaktion anschließt.“ Es klingt unglaublich: DDR-Grenzer erschießen einen italienischen Kommunisten.

Was ist passiert? Benito Corghi hat an jenem Tag in aller Frühe mit seinem Kühllastzug an der Übergangsstelle Hirschberg die Grenze in Richtung Westen passiert, dann aber bei der Kontrolle durch den westdeutschen Zoll bemerkt, dass er die Transportpapiere auf der anderen Seite liegen ließ. Und weil ihm eine Kehrtwendung seines Trucks zu aufwendig erscheint, geht er nachts gegen 3.40 Uhr am Straßenrand zu Fuß zurück. Womöglich gibt es einen Anruf der Zollbeamten West, um die DDR-Kollegen zu informieren, dass sich jemand mitten durchs Grenzgebiet bewegt – belegt ist das nicht. Jedenfalls läuft Corghi in Richtung Grenzübergang Hirschberg, was nicht unbemerkt bleibt.

Der Postenführer, Gefreiter Uwe Gotthard S., erhält von seiner Leitstelle die Nachricht, es sei gerade „ein Grenzdurchbruch“ erfolgt. Der Gefreite ist darauf vorbereitet, genau das zu tun, was er in der Ausbildung gelernt hat: den mutmaßlichen Grenzverletzer stellen, ohne Risiken für die eigene Sicherheit einzugehen. Erst am 19. Dezember 1975 sind in der Nähe, bei Hildburghausen, zwei DDR-Grenzer hinterrücks erschossen worden. Fernsehsender beider deutscher Staaten befassen sich immer wieder mit der Tat, die für Werner Weinhold, den Täter, bis dahin keine strafrechtlichen Folgen hat. Er bleibt in der Bundesrepublik auf freiem Fuß.

Benito Corghi ist freilich kein geflüchteter NVA-Soldat, der mit einer MPi durchs Unterholz schleicht. Er ist auch kein Provokateur wie ehedem Michael Gartenschläger, der Monate zuvor an der Grenze bei einem Schusswechsel ums Leben gekommen ist, als er zum dritten Mal an der gleichen Stelle eine Selbstschussanlage zu demontieren versuchte. Gartenschläger war zudem bewaffnet und hat bei seiner Entdeckung wahrscheinlich den ersten Schuss abgegeben.

Nicht so Corghi – der Familienvater will einfach seiner Arbeit nachgehen und braucht dazu die vergessenen Papiere. Sein Weg führt durch einen mit Peitschenlampen gut ausgeleuchteten Teil der Autobahn hin zu einem Grenzkontrollpunkt, an dem nur Kraftfahrzeuge abgefertigt werden.

„Halt, stehen bleiben! Hände hoch!“

Der Gefreite Uwe Gotthard S. befiehlt dem zweiten Posten, in der Nähe Stellung zu beziehen und ihm notfalls Deckung zu geben. Wie es die Dienstvorschrift vorsieht, lässt er den mutmaßlichen Grenzverletzer bis auf die Wurfweite einer Handgranate herankommen, tritt dann hervor und ruft: „Halt, stehen bleiben! Grenzposten, Hände hoch!“ Daraufhin habe der Italiener seine Zigarette weggeworfen, so der Gefreite im Vernehmungsprotokoll, das noch am gleichen Tag aufgenommen wird. „Er versuchte mir etwas klarzumachen“, aber das sei mehr ein Gestammel gewesen. S. weiß nicht, was der Mann von ihm will. Daraufhin versucht er, Corghi durch eine Geste („ich hob selbst meine linke Hand“) klarzumachen, dass er die Hände heben soll. Weiter heißt es im Protokoll: „Dieser Aufforderung kam die männliche Person nicht nach, und sie drehte sich sofort um und begann in Richtung Staatsgrenze zu laufen. Nach dieser Reaktion schrie ich nochmals, dass sie stehen bleiben soll. Ich konnte deutlich erkennen, dass sie jetzt noch schneller rannte. Befehlsgemäß gab ich zwei Warnschüsse ab. Zu diesem Zeitpunkt war meine Waffe noch auf Dauerfeuer eingestellt. Ich merkte aber, da ich im Stehen schoss, dass es die Waffe nach rechts oben wegzog. Deshalb stellte ich jetzt auf Einzelfeuer.“ Die noch am gleichen Abend an der Universitätsklinik Jena von Professorin Christiane Kerde diagnostizierte Todesursache lautet: „Rückenmarksverletzung infolge eines Brustkorb-Durchschusses mit Verletzung der unteren Hals- und Brustwirbelsäule.“

In der Hamburger Zeit liest man bald darauf, mit Corghi sei erstmals ein Opfer der DDR-Grenzwächter „unter dem Zeichen von Hammer und Sichel und unter den Klängen der Internationale zu Grabe getragen worden“. Das Unbegreifliche, gerade aus italienischer Sicht, sei gewesen, „dass da an einer Grenze, noch dazu an einem offiziellen Grenzübergang, gleich tödliche Kugeln fliegen, wenn sich ein Mensch nicht ordnungsgemäß zu bewegen scheint“. Der Westberliner Tagesspiegel urteilt: „Die Grenzwächter der DDR haben längst die Fähigkeit verloren, auf ungewöhnliche Vorkommnisse – selbst auf diejenigen, die sie selbst durch ihre Anordnungen herbeiführen – angemessen zu reagieren.“ Und das Springer-Blatt B. Z. platziert den Aufmacher: „Die Witwe und ihre beiden Kinder. Tränen am Sarg von Benito Corghi.“ Entertainer Hans Rosenthal und das Team seiner Sendung Dalli Dalli spenden 12.000 DM für die Witwe. Kabarettist Martin Buchholz, seinerzeit noch als Journalist tätig, schreibt im Berliner Extra-Dienst, einer linkssozialistischen Publikationsreihe: „Perverser kann die Situation ja auch kaum sein. Die Erschießung wird zum Höhepunkt einer antikommunistischen Kampagne. Die DDR-Grenzer lieferten den ‚Freiheit-statt-Sozialismus‘-Demagogen die passende Leiche frei Haus. Die hiesigen Kommunisten schweigen beklommen …“ Viel spricht dafür, dass Benito Corghi der einzige Tote an der Grenze war, dessen Hinterbliebene von der DDR finanziell entschädigt wurden. In welcher Höhe, wurde nie bekannt.

Die Öffentlichkeit jener Wochen – und zwar jene in Westeuropa (in Osteuropa hat es im kritischen Sinne keine Öffentlichkeit gegeben) – wartet auf eine Stellungnahme der italienischen KP-Führung, auf ein Wort von Parteichef Enrico Berlinguer. Der hat kurz zuvor, auf einer Konferenz der kommunistischen und Arbeiterparteien in Ostberlin, Leonid Breschnew als Generalsekretär der sowjetischen KP die Gefolgschaft verweigert und für seinen Eurokommunismus geworben. Die IKP (damals in Italien mit Wahlergebnissen von mehr als 30 Prozent präsent) verwirft die Diktatur des Proletariats und plädiert für einen demokratischen Weg zum Sozialismus, der das parlamentarische System Westeuropas nicht in Frage stellt. Nun aber hüllt sich die Parteiführung in Schweigen. Enrico Berlinguer, dank seiner Theorie vom „Historischen Kompromiss“ mit den römischen Christdemokraten eine Leitfigur der westeuropäischen Linken, will den Tod Corghis mit keiner Silbe verurteilen. Anders verhält sich die Witwe, Silvana Corghi, wie ihr Mann seit langem KP-Mitglied. An die SED gerichtet sagt sie: „Hoffen wir, dass der Tod Benitos euch hilft, einzusehen, dass man den Sozialismus nicht mit Morden verteidigt.“

Der ehemalige Grenzsoldat Uwe Gotthard S. wie auch seine Vorgesetzten wurden 1994 vom Landgericht Gera in einem Verfahren, bei dem sie wegen vorsätzlicher Tötung angeklagt sind, freigesprochen.

Karsten Krampitz ist freier Autor und veröffentlichte zuletzt im Verbrecher-Verlag sein Buch 1976. Die DDR in der Krise

10:45 04.08.2016

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