1977: Der Agent Moskaus

Zeitgeschichte Weil er für die Sowjetunion spioniert haben soll, wird ein Schweizer General zu 18 Jahren Haft verurteilt. Eine Boulevardzeitung macht ihn zum „Verräter des Jahrhunderts“

Ein Winterabend, Anfang 1990. Die Mauer in Berlin ist gefallen, der Eiserne Vorhang Geschichte. In einer winzigen Altbauwohnung in Bern sitzen zwei Männer um ein Käsefondue und unterhalten sich. Der eine, ein kleiner, gedrungener älterer Herr, ist ein ehemaliger Brigadegeneral und „Verräter“. Der andere, hochgewachsen, graues Haar und buschige Augenbrauen, ein früherer Geheimagent und jetzt erfolgreicher Autor von Agentenromanen. Sie reden über Spionage, Schuld und Verrat. Das Protokoll jenes Abends kann man nachlesen in John le Carrés Reportage Ein guter Soldat. Der Mann, der dem Autor in Bern das Käsefondue bereitete und ihm sein Leben erzählte, war Jean-Louis Jeanmaire, bis 1977 Brigadier der Schweizer Armee und Chef der eidgenössischen Luftschutztruppen. Und gleichzeitig der „Verräter des Jahrhunderts“, wie die Schweizer Boulevardzeitung Blick vor 40 Jahren schrieb. Kurz zuvor, am 17. Juni 1977, war der Offizier vom Divisionsgericht 2 in Lausanne wegen Landesverrats zu 18 Jahren Haft verurteilt worden.

Jeanmaire und seine Frau hatten sich 1959 mit dem russischen Militärattaché Wassilij Denissenko angefreundet, Berner Resident und Oberst des sowjetischen Militärgeheimdienstes GRU. Es war ein enges Verhältnis, Jeanmaires Frau Marie-Louise – selbst mit russischen Wurzeln – ließ sich sogar auf eine Liebesbeziehung mit dem GRU-Offizier ein. Der Schweizer Brigadier erfuhr erst während seines Verfahrens davon, zeigte aber Verständnis: „Wenn ich eine Frau gewesen wäre, hätte ich selbst mit ihm geschlafen“, sagte er zu le Carré. „Deni“, wie Jeanmaire den russischen Offizier noch 1990 nannte, sei kultiviert gewesen, charmant, ehrenwert. „Ein Gentleman! Deni war kein Bolschewik: Er war Kavallerist, Zarist, ein Offizier der alten Schule!“

Denissenko hatte sich 1959 bei einer Luftschutzübung, zu der die in Bern akkreditierten Militärattachés eingeladen waren, an den Schweizer Offizier herangemacht. Der Sowjet-Diplomat spürte gleich, wie er den red- und vertrauensseligen Jeanmaire für sich einnehmen konnte. Der Schweizer, obgleich glühender Patriot und überzeugter Antikommunist, überließ seinem sowjetischen Freund später immer mal wieder Dokumente des Schweizer Militärs. Geld oder andere Gegenleistungen wollte Jeanmaire nicht dafür, sie seien schließlich Freunde. Unter den übergebenen Dokumenten befanden sich einige klassifizierte, aber auch viele, die keinerlei Geheimhaltung unterlagen. Außerdem übermittelte er seinem Freund Auskünfte über hohe militärische und politische Persönlichkeiten und deren Hintergrund.

Ruf nach der Todesstrafe

Den entscheidenden Tipp, den hochrangigen Militär ins Visier zu nehmen, gaben die Amerikaner, auch wenn bis heute nicht klar ist, woher sie ihre Informationen hatten. Nach Recherchen des Schweizer Journalisten und Historikers Jürg Schoch, der 2006 ein Standardwerk über den Fall Jeanmaire veröffentlichte, sprach Ende Oktober 1974 der CIA-Mitarbeiter Bill Hood in Bern vor. Hood übergab dabei dem Chef der Bundespolizei, André Amstein, eine Liste mit Schweizer Personen, die den Sowjets seit langer Zeit Informationen übermittelten und nach dem Willen der Amerikaner aus dem Verkehr gezogen werden sollten. Eines der Agentenpaare tauchte nur mit Decknamen auf – „Mur and Mary“.

Acht Monate ermittelte die Bundespolizei auf Hochtouren, wer sich hinter „Mur and Mary“ verbergen könnte – dann waren die Beamten überzeugt, es müsse sich um das Ehepaar Jeanmaire handeln, doch ergab die monatelange Überwachung keine belastbaren Indizien für eine Agententätigkeit. Dennoch ordnete die Bundesanwaltschaft am 9. August 1976 die Verhaftung des Brigadegenerals an. Erst eine Woche später, am 16. August 1976, wurde die Festnahme öffentlich gemacht.

Die Schweizer Öffentlichkeit reagierte entsetzt auf den unvergleichlichen Verratsfall. Die Empörung steigerte sich, als der Schweizer Justizminister Kurt Furgler am 7. Oktober vor dem Nationalrat in Bern die mutmaßliche Dimension des Verrats skizzierte. Demnach habe Jeanmaire „auch aus dem Bereich der Kriegsmobilmachung … geheimste Unterlagen und Informationen geliefert“, so der Minister. Nun wurde sogar ganz offen nach der Todesstrafe gerufen. Schließlich sei der Eidgenossenschaft ja unermesslicher Schaden zugefügt worden, weil Moskau über ihre Mobilmachungspläne, das Herzstück der Landesverteidigung, verfüge.

Nach viertägigem Geheimprozess wurde Jeanmaire im Juni 1977 verurteilt. Das Gericht ging mit seinem Entscheid sechs Jahre über das von der Anklage geforderte Strafmaß von zwölf Jahren hinaus, bescheinigte es doch dem Angeklagten, nicht aus ideologischer Überzeugung oder Geldgier gehandelt zu haben, sondern aus Charakterschwäche und Geltungssucht. Das harte Urteil sollte im Kalten Krieg abschreckend nach innen wirken, aber es war auch ein Signal in Richtung der USA. Die Amerikaner vermuteten beim Schweizer Militär seinerzeit noch mehr undichte Stellen und sorgten sich, dass ihre in die Schweiz gelieferte, zum Aufbau eines Frühwarnsystems gedachte Hochtechnologie an den Ostblock verraten werden könnte.

Über die tatsächliche Dimension des Verrats von Jeanmaire, der 1988 aus der Haft entlassen wurde, wird noch immer gestritten. Bis zu seinem Tod 1992 kämpfte er um seine Rehabilitierung – vergeblich. Jeanmaire beteuerte stets, er habe lediglich diesen „verrückten Bolschewiken im Kreml“ klarmachen wollen, dass ein Überfall auf die waffenstarrende Schweiz hohe Opfer kosten würde. „Ich war vielleicht ein Narr, aber nie ein Verräter“, sagte er zu le Carré. Auch der Historiker Schoch sieht Jeanmaire als Täter – und Opfer einer von Medien und Politikern ausgelösten Hysterie. Vieles von dem, was der General weitergegeben habe, sei öffentlich zugängliches, teilweise veraltetes Material gewesen oder habe nur einer geringen Geheimhaltungsstufe unterlegen. Der materielle Schaden des Verrats sei für die Schweiz eher gering gewesen.

Auch wenn der Fall inzwischen kritischer gesehen und teilweise als Justiz- und Politskandal neubewertet wird – vor 40 Jahren avancierte die Affäre um einen Militär im Generalstab zum Schlüsselfall für die eidgenössische Sicherheitspolitik im Kalten Krieg. Das Ganze war dazu angetan, eine tief sitzende Angst vor der Gefahr aus dem Osten zu schüren. Doch war die Furcht vor Ost-Agenten wirklich begründet? Mussten die Eidgenossen fürchten, dass eine „fünfte Kolonne“ die militärische Besetzung ihres Landes durch die Sowjets oder einen politischen Umsturz vorbereitet? Wohl kaum. Die Schweiz war als ein blockfreies und – zumindest nach außen hin – politisch neutrales Land für die östlichen Nachrichtendienste als Operationsbasis gegen die NATO-Staaten und Rückzugsraum für die eigenen Agenten viel zu wichtig. Auch wollte die politische Führung der Warschauer-Pakt-Staaten die Freizügigkeiten des eidgenössischen Geld- und Außenhandels nicht aufs Spiel setzen, indem man Bern mit Spionageoperationen gegen sich aufbrachte. Das Alpenland war als sicherer Hort für geheime Vermögenswerte sowie als Transitschleuse für illegale Technologieimporte von viel zu großer Bedeutung für den Osten.

Das vergleichsweise geringe Ausmaß östlicher Spionage gegen die Schweiz zeigt auch eine Übersicht der durch die eidgenössischen Behörden aufgedeckten Spionagefälle während des Kalten Krieges. Die Studie bezieht sich auf die Periode zwischen 1948 und 1989. Danach stehen 205 Fälle östlicher Spionage in diesem Zeitraum 97 Verfahren gegenüber, die sich gegen Agenten westlicher Geheimdienste richteten. Unter den Ostblockländern lag die Sowjetunion mit 55 Fällen an der Spitze, gefolgt von der ČSSR (40), Polen (27), Ungarn (26) und der DDR (23). Bei den westlichen Ländern rangierte übrigens die Bundesrepublik mit 27 Fällen auf Rang eins. Bemerkenswert: Zwischen 1948 und 1979 wurden allein 23 Verfahren gegen westdeutsche Agenten eröffnet, während sich im gleichen Zeitintervall nur 16 gegen DDR-Spione richteten.

06:00 06.09.2017
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