1977: Neue Wurstwirtschaft

Zeitgeschichte Mit mehr Exquisit- und Delikat-Läden wird in der DDR nicht nur Kaufkraft abgeschöpft. Hochpreisiger Konsum hilft auch, die hohen Devisenschulden einzudämmen

Im Spätherbst 1977 fasst das SED-Politbüro den Beschluss, die Anzahl der Exquisit- und Delikat-Läden in der DDR hochzuschrauben. Die beiden Ketten waren ab 1962 neben den üblichen HO- und Konsum-Geschäften, die in der frühen DDR teilweise den privaten Einzelhandel ersetzt hatten, zunächst in bescheidener Zahl entstanden. Unter dem Label „Exquisit“ wurden Konfektion, Schuhe und Kosmetika höherer Qualität angeboten. Das Siegel „Delikat“ stand für hochwertige Fleisch- und Wursterzeugnisse in Dosen, dazu Obstkonserven, gute Weine und edle Schokoladen.

Solange die Grenze nach Westberlin noch offen war, hatten sich viele DDR-Bürger mit diesen begehrten Produkten in Moabit, Neukölln oder Charlottenburg versorgt. Dazu mussten sie ihre Mark der DDR in Wechselstuben gegen DM-West eintauschen, was in der DDR offiziell verboten war. Wer wollte, bestand auf seinem „Westeinkauf“, auch wenn bei einem Umtauschkurs zwischen DM-Ost und DM-West von 4:1 oder 5:1 derartiger Konsum teuer zu stehen kam. Als die Mauer ab 13. August 1961 errichtet wurde, traf das besser verdienende DDR-Bürger hart, die sich den gelegentlichen Shopping-Trip im Westen hatten leisten können. Wenn man so will, erwiesen sich die Exquisit-Läden, die in der Regel modische Qualitätsartikel aus heimischer Fertigung oder aus dem Westen importierte Markenkonfektion offerierten, als willkommener Ersatz für den Konsum in den Westsektoren Berlins. Dass Exquisit- und Delikat-Artikel gegenüber den in HO oder Konsum vorgehaltenen Waren oftmals ein Mehrfaches kosteten, störte gut betuchte Kunden wenig. Sie waren, bedingt durch den Geldumtausch Ost-West, hohe Kosten für Qualitätswaren gewohnt. Gegen eine gezielte Kaufkraftabschöpfung in den gehobenen Ladenketten gab es zudem im Politbüro kaum Widerstand.

Von der Planwirtschaft zum Neuen Ökonomischen System (NÖS)

Zeitlich fiel die Einrichtung der Exquisit- und Delikat-Läden in Ostberlin und den 14 DDR-Bezirkshauptstädten mit der von Parteichef Walter Ulbricht und ZK-Wirtschaftssekretär Günter Mittag betriebenen Überführung der zentralgelenkten Planwirtschaft in das Neue Ökonomische System (NÖS) zusammen. Es sollten damit Elemente der Marktwirtschaft zum Tragen kommen, die Betriebe mehr Eigenverantwortung erhalten und die DDR weltoffener werden. Leider war es damit nach ermutigenden Ansätzen spätestens 1971 vorbei, als es reformskeptischen Kräften in der SED unter Erich Honecker gelang, Ulbricht abzusetzen und das NÖS zu beenden. Viele vom geschassten Ersten Sekretär Mitte der 1960er Jahre ergriffene Maßnahmen wurden rückblickend verworfen. Mancher Kritiker sah plötzlich in den Exquisit- und Delikat-Läden einen Verstoß gegen das System einheitlicher Festpreise, das für den Sozialismus im Unterschied zur Praxis im Kapitalismus typisch sein müsse. Die inkriminierten Domänen eines höheren Anspruchs blieben zwar erhalten, aber neue Filialen entstanden kaum.

Umso mehr verhieß die Ende 1977 anbrechende neue Gründerzeit für die Marken Exquisit und Delikat eine Wende und stellte die bisherige Argumentation in Frage. Weil das manchen Genossen verunsicherte, hielt es Generalsekretär Honecker für angebracht, den angestrebten Zuwachs beim Exquisit- und Delikat-Netz persönlich zu verkünden, was anlässlich der Eröffnung des SED-Parteilehrjahres in gewohnt hölzerner Manier geschah. Bei dieser Veranstaltung wurden alljährlich für die seinerzeit gut zwei Millionen Parteimitglieder Themen vorgegeben, denen sie sich zur ideologischen Kräftigung widmen sollten. Warum war Erich Honecker, der in den sieben Jahren nach der Demission Ulbrichts nie ein gutes Wort für das NÖS gefunden hatte und sogar Wirtschaftssekretär Mittag ablösen ließ, nunmehr bereit, Verstöße gegen das einheitliche Preissystem im Einzelhandel nicht nur zu dulden, sondern aktiv voranzutreiben?

Die öffentliche Verteidigung dieses Schwenks zugunsten des Hochpreissegments blieb einigermaßen überraschend Günter Mittag überlassen, der ein Jahr zuvor – wie es im Funktionärsjargon hieß – aus der „Mittagspause“ geholt worden war. Vollkommen rehabilitiert, konnte er wieder sein angestammtes Ressort übernehmen und avancierte zugleich zum Leiter der Wirtschaftskommission, der Arbeitsgruppe Bundesrepublik Deutschland und der Arbeitsgruppe Zahlungsbilanz beim Politbüro. Was hatte Honecker zu dieser personalpolitischen Kehrtwende bewogen? Offenbar vor allem der wenig erfreuliche Zustand der DDR-Wirtschaft. Mitte Juni 1977 hatte Ministerpräsident Willi Stoph in einer eindringlichen Rede die Regierungsmitglieder gewarnt: Sollte der Volkswirtschaftsplan 1977 nicht erfüllt werden, müssten Abstriche im Sozialprogramm gemacht und der Wohnungsbau zusammengestrichen werden. Beides Leuchttürme für die von Honecker proklamierte Einheit von Wirtschafts- und Sozialpolitik, mit denen sich der Nachfolger von Ulbricht und einer klar leistungsorientierten Ökonomie, die nicht über ihre Verhältnisse leben sollte, abzusetzen wünschte.

Zu Honeckers Anfangserfolgen bemerkte Gerhard Schürer, lange Zeit Chef der Staatlichen Plankommission, nach 1990 in seinen Memoiren bissig: „In den Jahren nach 1971 importierte die DDR kumulativ 21 Milliarden mehr gegen freie Devisen, als sie in dieses Wirtschaftsgebiet exportierte, und die Zahlungsbilanz war äußerst angespannt, genauer gesagt gründlich versaut, denn nun bestimmten die Rückzahlungstermine für Kredite und Zinsen das Handeln.“ Immerhin, Honecker erkannte den Ernst der Lage und traute allein Günter Mittag zu, sich gegen die wachsende Verschuldung zu stemmen. Der mächtige Wirtschaftssekretär sah mit dem Ausbau der Exquisit- und Delikat-Läden im kaufkraftstarken Ostberlin wie in den Bezirkshauptstädten eine Chance, Einbußen beim Lebensstandard weitgehend zu verhindern. Würde es wegen der prekären Devisenlage weniger Westimporte bei Konsumgütern geben, konnte man sich künftig auf die „Gestattungsproduktion“ stützen.

Der Begriff gibt nur unzureichend wieder, worum es sich handelte: um die Produktion westlicher Markenwaren durch DDR-Betriebe im Auftrag westlicher Unternehmen wie Adidas, Nestlé, Olivetti, Puma, Salamander, Schiesser, Trumpf, Underberg, Varta und andere. Diese Konzerne waren an Verträgen mit der 1976 von der DDR-Regierung gegründeten Forum GmbH interessiert, die wegen der im Vergleich zum Westen niedrigeren und nicht in DM zu zahlenden DDR-Löhne günstige Angebote unterbreiten konnte. Die geschlossenen Verträge – zum Beispiel über die Fertigung von Salamanderschuhen in Weißenfels und Meißen – sahen vor, dass ein Teil der so produzierten Markenware im Lande verblieb und sowohl in den Intershops (gegen DM-West) als auch in den Exquisit- und Delikat-Läden (für DDR-Mark) das Sortiment anreicherte. Der Aufkauf von Konsumartikeln für Devisen, wie er bis dahin für die ausgesuchten Ladenketten üblich war, entfiel damit. Das half, Devisen zu sparen. Die Zahl der „Gestattungsprodukte“ stieg nach 1977 unerwartet schnell auf 120 Artikel.

Natürlich konnte die Schuldenkrise mit diesen Maßnahmen nur eingedämmt, nicht überwunden werden, doch trugen sie dazu bei, dass die Devisenverschuldung der DDR ab Anfang der 1980er Jahre – zumindest vorübergehend – zurückging. Im Raum stand allerdings die Frage, ob der ökonomische Nutzen die politischen Nachteile kompensieren ließ, die naturgemäß schwer zu quantifizieren waren. Die speziellen Läden, inklusive der Intershop-Filialen, mussten für die jüngere, nach 1961 aufgewachsene DDR-Generation, die das Einkaufen in Westberlin nicht mehr erfahren hatte, den Eindruck erwecken, der Westen empfehle sich als reines Konsumparadies. Sollte man bei einer veränderten Weltlage dazu eingeladen sein, daran teilzuhaben, würde sich das für jedermann lohnen. Der nach dem Honecker-Besuch in der Bundesrepublik (September 1987) anschwellende „innerdeutsche“ Reiseverkehr tat ein Übriges.

06:00 16.12.2017

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