1977: Vorerst keine Gnade

Zeitgeschichte Schuldig, da verantwortlich für den Mord an zwei FBI-Agenten, so das Urteil. Leonard Peltier vom American Indian Movement wird mit zweimal lebenslänglich bestraft
Konrad Ege | Ausgabe 17/2017 2
1977: Vorerst keine Gnade
Leonard Peltier Anfang 1993 in seiner Gefängniszelle

Foto: Zuma Press/Imago

Nach Ansicht von Peltiers Verteidigern war es ein skandalöses Fehlurteil. Es stehe in der Tradition der Ungerechtigkeit weißer Siedler gegen nordamerikanische Ureinwohner. Barack Obama hat in den letzten Tagen seiner Amtszeit Leonard Peltiers Gnadengesuch abgelehnt. Vermutlich wird der heute 72-jährige Indianer den Rest seines Lebens in einer Zelle verbringen.

Die Location für den Prozess war vor 40 Jahren Fargo im Mittleren Westen, nahe der kanadischen Grenze. Eine konservative, einsame Region mit Nachfahren von Einwanderern aus Skandinavien und Deutschland. Fargo wurde im Ausland dank des gleichnamigen, mit einem Oscar gekrönten Filmes der Brüder Joel und Ethan Coen bekannt – deutscher Titel: Fargo – Blutiger Schnee. Der Ort hatte 1977 zum Zeitpunkt des Peltier-Prozesses gut 60.000 Einwohner und war die größte Stadt im Staat North Dakota. Den Vorsitz führte Richter Paul Benson, bekannt als harter Jurist.

Montag, 18. April 1977: Nach mehreren Wochen Gerichtsverhandlung hieß es warten auf das Urteil. Um 16.40 Uhr kehrten die zwölf Geschworenen von der Beratung in den Gerichtssaal zurück. Bis auf ein paar Reporter, Anwälte und Wärter war der Saal leer. Trotz der Proteste von Verteidiger John Lowe schloss Benson die Öffentlichkeit beim Urteil „wegen Sicherheitsbedenken“ aus. Während der Verhandlung hatte der Richter vor Peltiers angeblich gefährlichen Freunden vom American Indian Movement (AIM) gewarnt. Geschworene wurden im bewachten Bus mit verdunkelten Fenstern ins Gericht gefahren.

Die Urteilsverkündung war schnell vorbei: „Anklagepunkt eins: Die Jury spricht den Angeklagten des Mordes ersten Grades an Ronald A. Williams schuldig“, befanden die Geschworenen einstimmig. „Und hinsichtlich des Todes von Jack R. Coler, des Anklagepunktes zwei, spricht die Jury den Angeklagten schuldig des Mordes ersten Grades“. Er werde einen Termin für die Bekanntgabe des Strafmaßes festsetzen, so Richter Benson. Die Geschworenen dürften nach Hause gehen.

Williams und Coler waren FBI-Agenten. Die Fotos der beiden jungen Männer haben einen Platz in der „Ehrenhalle“ der FBI-Website. Bis heute ist heftig umstritten, was genau passiert ist an jenem heißen 26. Juni 1975, als Coler und Williams erschossen wurden im Pine-Ridge-Indianerreservat in South Dakota, einer Gegend von karger Schönheit, deren Bewohner in bitterer Armut leben. Online lassen sich die unterschiedlichen Wahrnehmungen zum Fall nachlesen auf der von Ex-FBI-Agenten betriebenen Website noparolepeltier.com und beim Unterstützerkomitee whoisleonardpeltier.info.

So viel steht fest: Coler und Williams fuhren in zivilen PKW auf das Anwesen der Jumping-Bull-Familie im Reservat, angeblich um einen Haftbefehl zu vollstrecken. Rund ein Dutzend AIM-Aktive hatten dort ein Zeltcamp aufgeschlagen. Es war eine Zeit des Misstrauens, der Gewalt und Angst auf Pine Ridge. AIM sei dort gewesen, um Bewohner vor dem autokratischen Dick Wilson, dem Chef des Stammesrates, und dessen Miliz zu schützen. In einem Interview für den Film Warrior. The Life of Leonard Peltier sprach Peltier vom „Terrorismus der Miliz“, unterstützt vom FBI.

Aber es war zugleich eine Zeit indianischer Selbstbehauptung. Indigene Aktivisten hatten AIM Ende der 60er Jahre gegründet. Sie wollten Rechte einklagen von der US-Regierung und waren auf der Suche nach Wiederbelebung der alten Kultur und Religion. AIM kollidierte mit Regierungsstellen in Washington, besonders dem FBI, wie mit Indianern, die mehr Wert auf Anpassung legten. 1972 besetzten AIM-Aktivisten in Washington die Behörde Bureau of Indian Affairs und ein Jahr später das Dorf Wounded Knee im Pine-Ridge-Reservat, um Dick Wilson abzusetzen. Das ging nicht gut. Aktivisten nahmen Geiseln, woraufhin Hunderte FBI-Beamte das Dorf umringten. Zwei Besetzer wurden erschossen, nach 71 Tagen gab AIM auf. Wilson blieb im Amt, doch die Besetzung machte die extreme Armut und Verzweiflung in den Indianerreservaten zum nationalen Thema. Schauspieler Marlon Brando nahm aus Solidarität seinen Oscar nicht an für seine Hauptrolle im Film Der Pate.

Laut Anklage hatte Peltier am 26. Juni 1975 zusammen mit AIM-Aktivisten, darunter Robert Robideau und Dino Butler, das Feuer auf die beiden FBI-Agenten eröffnet. Die hatten keine Chance in einem offenen Tal. Ihr Auto wurde von mehr als 100 Schüssen durchlöchert, getötet wurden sie durch Kopfschüsse, offenbar aus nächster Nähe. Höchstwahrscheinlich von Peltier, behauptete Staatsanwalt Evan Hultman. Er räumte freilich ein, möglicherweise habe Peltier die Todesschüsse nicht persönlich abgefeuert, nur glaube er nicht, dass jemand bezweifeln könne, „dass er die Tötung ermöglicht, Beihilfe geleistet und daran teilgenommen hat“. Das reichte, um die Geschworenen zu überzeugen.

Peltier dagegen beschrieb den fraglichen Tag so: Er habe die Agenten nicht erschossen. Er sei im Zeltcamp gewesen und gar nicht unmittelbar am Tatort. „Ich hörte Schüsse“, schrieb Peltier in seinem Gnadengesuch an Obama. „Ich packte mein Gewehr und rannte zu einem Haus, in dem Frauen und Kinder waren, rannte dann aber schnell in eine andere Richtung, weil meine Anwesenheit zusätzliche Schüsse angezogen hat.“ FBI-Agenten und Sicherheitsteams seien auf das Jumping-Bull-Anwesen gekommen. „Zusammen mit vielen anderen amerikanischen Indianern, die an diesem Tag da waren, habe ich in die Richtung von Männern geschossen, die – wie ich später erfuhr – Regierungsbeamte waren.“ Nach dem Feuergefecht, bei dem auch der Indianer Joe Stuntz sein Leben verlor, floh Peltier nach Kanada. Das FBI setzte ihn auf die Ten-Most-Wanted-Liste. Im Februar 1976 wurde Peltier in der kanadischen Provinz Alberta festgenommen und im Dezember 1976 in die USA ausgeliefert.

Dort hatte sich Unerwartetes zugetragen: Die AIM-Aktivisten Robideau und Butler waren im Herbst 1975 in den USA verhaftet und später in Cedar Rapids (Iowa) vor Gericht gestellt worden. Das Urteil im Juli 1976 schockierte das FBI: In der Atmosphäre der Furcht und Gewalt auf Pine Ridge könnten die beiden Angeklagten zur Selbstverteidigung geschossen haben – Freispruch. Es blieb Leonard Peltier. Einer musste verurteilt werden. Es waren viele Mittel recht. Beim Berufungsverfahren und nach der Auswertung von Tausenden nach dem Freedom of Information Act freigegebenen Regierungsdokumenten prangerten Peltiers Verteidiger an, dass Zeugen unter staatlichem Druck Fakten im Sinne der Anklage zurechtgebogen hatten und die ballistische Untersuchung der Patronenhülse aus der angeblichen Mordwaffe verfälscht worden war. Es half alles nichts. Peltier verlor ein Berufungsverfahren nach dem anderen. Er wurde in den 80ern zum Symbol für ein repressives Amerika. Der Fall soll gar bei einem Gipfeltreffen von Ronald Reagan und Michail Gorbatschow erörtert worden sein. 1987 reisten zwei sowjetische Ärzte ins Leavenworth-Gefängnis in Kansas, um Peltier zu untersuchen.

Doch auch die PR-Arbeit für Peltier verbreitete manchmal Fragliches und leitete Wasser auf die Mühlen derer, die Peltier für schuldig hielten. In dem Film Incident at Oglala (Producer Robert Redford) von 1992 erzählt Robideau von einem „Mr X“, dem angeblich wirklichen Todesschützen. Die Geschichte stimme, sagte Peltier, doch er werde gegen niemanden aussagen. In einem CNN-Interview von 1999 erklärte er hingegen, er wisse nicht, wer der Todesschütze gewesen sei. Die Unterstützer haben die „Mr X“-These inzwischen fallen gelassen. Doch mehr als 40 Jahre Haft sollten genug sein: „Aus humanitären Gründen und im Interesse der Gerechtigkeit“ müsse der gesundheitlich angeschlagene Peltier freikommen, forderte Amnesty International von Obama. Dessen Nein kam am 18. Januar 2017, wie üblich bei Gnadenanträgen ohne Begründung. In einem Jahr kann Peltier einen neuen Antrag stellen. Bei Donald Trump. Aus Sicht von Peltiers Anwälten käme die Ablehnung einem Todesurteil gleich.

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06:00 10.05.2017

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