1978: Einzug ins Paradies

Zeitgeschichte Parteichef Honecker übergibt die einmillionste Wohnung, die seit seinem Amtsantritt erbaut worden ist. Die dafür nötigen Ausgaben fehlen der ökonomischen Innovation
1978: Einzug ins Paradies
Blicke frei in das Licht, das dir niemals gebricht: Schweißer in Marzahn

Foto: NBL Archiv/Imago

Walter Ulbricht war im Mai 1971 aus dem Amt gedrängt worden. Danach redete bei der feierlichen Einweihung bedeutender Projekte fast immer Erich Honecker, der Nachfolger als SED-Generalsekretär. So auch am 6. Juli 1978 im Ostberliner Stadtteil Marzahn. Das Besondere an diesem Auftritt: kein Industrieobjekt wird übergeben, sondern eine Neubauwohnung – die einmillionste, wie die Statistiker versichern. Dass Honecker die Gelegenheit nutzt, um medienwirksam in Erscheinung zu treten, ist alles andere als Zufall. Den Wohnungsbau zu fördern, um Wohnraummangel zu begegnen, ist das Herzstück der nach Ulbrichts erzwungener Demission verkündeten „Einheit von Wirtschafts- und Sozialpolitik“. Statt „Jedem eine Wohnung“ soll nun „Jedem seine Wohnung“ gelten.

Natürlich sind in der DDR auch zuvor neue Wohnungen entstanden. Allein 1949, im Gründungsjahr des Arbeiter- und Bauernstaates, wurden 30.000 Einheiten wiederhergestellt oder neu gebaut, 1961 gut 92.000. Doch widmete die SED-Führung anfangs dem Industriebau weit mehr Aufmerksamkeit, sodass die DDR 1970 gegenüber dem Konkurrenten Bundesrepublik beim Wohnungsbau – auf die Einwohnerzahl berechnet – zurücklag. Wofür es Gründe gab. Der kriegsbedingte Zerstörungsgrad von Wohnhäusern war im Westen größer als im Osten, setzten doch dort angloamerikanische Flächenbombardements sehr viel früher ein. So erlebten Hamburg, Bremen und Köln die ersten Bombardierungen bereits 1940, Halle, Leipzig oder Chemnitz dagegen erst 1944. Folglich lag der Wohnungsbedarf im Westen deutlich höher. Auch waren Industrie- und Verkehrsanlagen in Ostdeutschland weniger von Bombardements betroffen als im Westen. Andererseits setzte die sowjetische Besatzungsmacht nach 1945 östlich von Elbe und Saale eine Demontage von Ressourcen in einem weit größeren Ausmaß in Gang als die Westalliierten in ihren Zonen. Beendet wurde der Aderlass erst 1953, sodass in der ersten Hälfte der 1950er Jahre die Investitionen in der DDR vorrangig gebraucht wurden, um demontierte Unternehmen wieder produktionsfähig zu machen. Das Bauen geriet dabei nicht vollends ins Hintertreffen. Wenn in der Industrie die Privatinitiative zusehends ein Schattendasein fristete, stellte sich das beim Wohnungsbau anders dar. Neben dem individuellen Eigenheimbau traten Baugenossenschaften hervor, in denen man durch Eigenleistungen für die künftige Wohnung Hand anlegen konnte.

Der Druck, neue Wohnungen zu bauen, war in der DDR noch aus einem anderen Grund geringer als in Westdeutschland. Während dort die Bevölkerung zwischen 1950 und 1960 um fünfeinhalb Millionen wuchs, ging die der DDR im gleichen Zeitraum vorzugsweise als Folge der „Westflucht“ über die bis 1961 weitgehend offene Grenze zwischen Ost- und Westberlin um 1,6 Millionen zurück. Von einem vergleichsweise geringen Niveau ausgehend, hatte sich in der DDR die Zahl der jährlich gebauten Wohnungen zwischen 1949 und 1961 immerhin verdreifacht. Erst in den 1960er Jahren machte sich eine rückläufige Tendenz bemerkbar, was keineswegs geringer Nachfrage geschuldet war. Ulbricht und seine Wirtschaftsberater hatten erkannt, dass die DDR nur dann die im Siebenjahrplan (1959-1965) gesteckten Modernisierungsziele für die Industrie erreichen konnte, wenn deren Kernbranchen Investitionsmittel aus anderen Bereichen erhielten, nicht zuletzt aus dem Wohnungsbau. Überdies ließ Ulbricht in der zweiten Hälfte der 1960er Jahre im ökonomischen Wettbewerb mit dem anderen deutschen Staat die Ausgaben für Wissenschaft und Technik weiter anheben. Die Zahl der neugebauten Wohnungen lag so im Jahr 1970 um gut 16.000 unter dem Ertrag von 1960.

Ein Ergebnis der gedrosselten Investitionen war auch der Zustand der Wohnungen, besonders wenn man ein gewachsenes Bedürfnis an Wohnstandard berücksichtigt. Ulbrichts Wohnungspolitik stieß auch deshalb bei vielen DDR-Bürgern auf Unverständnis, weil noch 1970 vier Fünftel des Wohnungsbestandes auf Altbauten mit teilweise provisorisch behobenen Kriegsschäden entfielen; im Westen traf das zur gleichen Zeit nur noch auf die Hälfte der Unterkünfte zu. Dementsprechend verfügte 1970 nur jede zehnte Wohnung in der DDR über eine Zentralheizung, lediglich 40 Prozent waren mit dem Komfortpaket Bad, Dusche und Innentoilette gesegnet. Insofern gab es viel nachzuholen, sollte dem Unmut der Mieter begegnet und die Bevölkerung gegenüber Ulbrichts Nachfolger positiv gestimmt werden. So übertraf schon 1974 die Zahl der neugebauten Wohnungen erstmals den zu Ulbrichts Zeiten erreichten Höchststand von 86.000 pro Jahr, inklusive der um- und ausgebauten Behausungen stieg die Zahl zusätzlich verfügbarer Wohnungen erstmals über den Wert 100.000. Es blieb so bis 1989.

Serieller Wohnungsbau, um Kosten zu reduzieren

Wollte Honecker mit seinem 1972 verkündeten Wohnungsbauprogramm punkten, musste nicht nur mehr gebaut, sondern der Wohnungsbestand generell erneuert werden. Bis 1981 ergaben sich dann auch durch die Modernisierung spürbare Verbesserungen in der Ausstattung. Fortan hatten mehr als zwei Drittel der Mieter Bad und Innentoilette, und jede dritte Wohnung war zentralbeheizt. Eine ungewöhnlich prachtvoll angelegte, 1981 vom Verlag für Agitations- und Anschauungsmittel mit der Zentralverwaltung für Statistik der DDR herausgegebene Broschüre unterrichtete anhand von farbigen Grafiken über die Bilanz und resümierte: „Im Zeitraum 1971 bis 1979 wurden rund 1,25 Millionen Wohnungen neugebaut bzw. modernisiert. Das sind mehr Wohnungen als in den 19 Jahren von 1952 bis 1970 zusammengenommen. Seit 1971 verbesserten sich damit die Wohnverhältnisse für gut 3,75 Millionen Bürger.“

Freilich mussten die Mittel, die eine derart ehrgeizige Sozialpolitik verschlang, erst einmal aufgebracht werden. Um Baukosten pro Wohnungseinheit zu reduzieren, wurde auf den seriellen Wohnungsbau zurückgegriffen. Der Übergang zur industriellen Bauweise und zum Plattenbau – damals kein Schimpfwort, sondern eine unter Fachleuten gebräuchliche Klassifikation – ließ ebenso die Baukosten sinken wie die Errichtung kompakter Neubausiedlungen in den Randzonen von Großstädten wie Berlin-Hohenschönhausen oder Leipzig-Paunsdorf mit der berühmten Heiterblickallee. Dabei kamen der DDR die nahezu unbegrenzten Möglichkeiten der Terrainerschließung und die niedrigen Bodenpreise zugute. Wie eine Wohnung war der Boden keine Ware und dem Zugriff von Spekulanten entzogen.

Allerdings führte der Wohnungsbau der Ära Honecker, verglichen mit den Jahren unter Ulbricht, zu einem gefährlichen Trend. Schon Anfang der 1970er Jahre wurden die Investitionen für Wissenschaft und Technik spürbar zurückgefahren. Die Baukosten durch höhere Mieten zu kompensieren, verstieß für die SED-Führung gegen ihr Sozialkonzept und galt als politisch nicht opportun. Ende der 1980er Jahre betrug die durchschnittliche Kaltmiete in Ostberlin 1,00 bis 1,25 Mark pro Quadratmeter. Altbaumieten befanden sich (umgerechnet) auf dem Stand von 1936. Die sogenannte Mietbelastungsquote – also die Ausgaben für Mieten in Relation zum Einkommen – lagen in der DDR in den 1970er und 1980er Jahren nach Angaben des Bundesministeriums für innerdeutsche Beziehungen bei drei bis vier Prozent, in der Bundesrepublik hingegen bei einem Wert zwischen zehn und zwanzig. Die niedrigen Mieten ermöglichten es, dass sich jeder DDR-Bürger entsprechend seinem von der staatlichen Wohnraumlenkung festlegten Anspruch (Basis: Familiengröße) quasi jeden Wohnraum leisten konnte, sobald der verfügbar war. Nach sozialem Status „sortierte“ Wohngegenden kamen bei dieser Vergabepraxis nicht zustande. In Berlin-Marzahn, wo Honecker vor vier Jahrzehnten die einmillionste Neubauwohnung übergab, lebten wie in den anderen Trabantenstädten der Professor und der Schichtarbeiter im gleichen Block, oft Tür an Tür.

06:00 06.07.2018

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