1980: Streit um ein Sittenbild

Zeitgeschichte In der DDR soll der dritte Teil des Romans „Der Wundertäter“ von Erwin Strittmatter erscheinen. Doch das Buch birgt einen Tabubruch. Lässt sich der Staat das bieten?
1980: Streit um ein Sittenbild
Das neue Buch werde „Sprengstoff“, wusste er schon vorher

Foto: Borchert/Deutsche Fotothek/dpa

Nach der Biermann-Ausbürgerung im November 1976 hält sich Erwin Strittmatter zurück, stellt sich nicht auf die Seite der Protestierer, schreibt er doch gerade den letzten Teil seiner Wundertäter-Trilogie, das ist für ihn „Sprengstoff“, sein Beitrag zur DDR-Geschichte. Da will sich einer nicht zu früh in die Schusslinie begeben.

Der Wundertäter ist heute weniger bekannt als Der Laden (wurde auch nicht verfilmt), dabei ist er vermutlich das gewichtigere Stück Literatur. Aus dem Bäckergesellen Stanislaus Büdner wird nach dem Krieg ein „Ingenieur der politischen Seele“ (so nannte Stalin die Journalisten), ein Lokalredakteur, ein Funktionär auf Kreisebene also, der fehlende Kenntnis mit Frechheit kompensiert und in seinen Nachtstunden einen Roman über seine Kindheit und Jugend schreibt, der bald Partei und Staatssicherheit alarmiert. Es ist mehr als eine launige DDR-Milieustudie. Da lotet jemand tief in die Regionen des Zwiespalts, den der Autor Strittmatter mit seinem Alter Ego Büdner teilt: „Er stand an der Grenze zur Metaphysik. Aber was wollte er da? Er hatte gesellschaftliche Pflichten!“ Der Zweifel am „sozialistischen Gang“, den alles wie immer geht, wächst, und das liegt nicht nur an SED-Kreispropaganda-Sekretär Wummer, der in militanter Manier verkündet, im sozialistischen Zeitalter entwickelten sich „die Menschen im Granatwerfertempo“. Nein, es geht hier sehr grundsätzlich um das Verhältnis von Mensch und Staat, Geist und Macht, wenn wir lesen: „Ich kenne keine Regierung, die nicht darauf bedacht wäre, den Regierten zu erklären, wie gut sie es hätten und wie schwierig das Geschäft des Regierens wäre.“ Strittmatter schreibt hier einen Roman, der das immer mehr aus Floskeln zusammengesetzte offizielle Selbstbild der DDR destruiert. Seine Geschichte vom Anfang ist gebaut aus Trümmern, Hoffnung, Schmutz und einem bösen Witz, der einen manches ertragen lässt. Als wenn das nicht schon schlimm genug wäre, findet sich hier auch erstmals im Werk eines DDR-Schriftstellers die Schilderung einer Vergewaltigung (und Ermordung) einer jungen Frau nach Kriegsende durch die Rote Armee. Ein Tabubruch.

Strittmatter hat allen Grund, sich Sorgen zu machen, was dieses Buch ihm einbringen wird. Gewiss mehr Ärger als Ole Bienkopp von 1963, der ihn fast umbrachte. Immerhin, jetzt ist er gewappnet gegen das, was kommt, aber kann man das überhaupt? Sein Wundertäter Büdner, der ebenfalls an einem undruckbaren Manuskript laboriert, offenbar nicht: „Um einschlafen zu können, trank er drei starke weiße Schnäpse. Es war, als ob der Sinn des Lebens darin bestünde, Romane zu schreiben, um an ihnen zum Säufer zu werden.“

Und so beginnt der Kampf um Der Wundertäter III. Am 8. April 1978 notiert Strittmatter in sein Tagebuch: „Der Roman ist abgegeben, aber ich gehe umher wie ein Mörder, der bangt, dass man seine Tat bald entdecken wird.“ Er ahnt Schlimmes, denn er weiß, wie Ideologen funktionieren – immer nach dem Prinzip: Wer nicht für uns ist, ist gegen uns, und „wer uns kritisiert, ist ein Abgesandter des Feindes“. Eine Woche später notiert er: „An der Romanfront alles ruhig.“ Da ahnt er nicht, dass das Tauziehen um die Veröffentlichung von Der Wundertäter III noch ganze zwei Jahre dauern wird. Sein Verlag, der Aufbau Verlag, reagiert erst einmal zurückhaltend, der zweite Teil falle künstlerisch ab, so die Lektorin Helga Pankoke. Cheflektor Günter Caspar moniert unstimmige „Komposition und Dramaturgie“, zudem „historische Ungenauigkeiten“. Und das sind immerhin seine Anwälte in den kommenden Auseinandersetzungen! Erbittert notiert Strittmatter: „Mit soviel Verständnislosigkeit hatte ich nicht gerechnet. Sie sind nicht imstande ein Manuskript zu lesen, ohne Angst, ihre Funktion zu verlieren. Nein, sie können nicht unvoreingenommen lesen.“

Der nächste Schritt auf dem Weg zum Druck sind zwei Gutachten für die Zensurbehörde von Klaus Höpcke, einem Intimfeind Strittmatters, den er in seinem Tagebuch den „Devil Höpcke“ nennt. Das erste schreibt seine Lektorin, natürlich positiv, das Außengutachten, ebenfalls positiv, kommt von Dr. Plavius, der Strittmatter bittet, es zu lesen, was ungewöhnlich ist, denn zumeist erfährt der Autor nicht einmal, von wem das Außengutachten stammt. Damit sollte der Weg zum Druck eigentlich frei sein. Falsch, das Plavius-Gutachten, teilt der Aufbau-Verlag mit, sei zu positiv, es werde ein drittes angefordert. Dies nun stammt von der Literaturwissenschaftlerin Anneliese Löffler, die ab 1971 als IM tätig und als solche auf kritische DDR-Autoren angesetzt war. Sie plädiert zwar für ein Erscheinen des Romans, listet aber Passagen auf, die sie aus politischen Gründen für undruckbar hält, darunter natürlich die Vergewaltigungsszene.

Als Nächstes verlangt Kulturminister Hans-Joachim Hoffmann das Manuskript zu lesen, am 2. März 1979 kommt ein Anruf aus dem Büro von Kurt Hager. Der oberste Ideologiewächter will den Autor sprechen, bietet sogar an, zu ihm nach Schulzenhof zu kommen. Strittmatter weiß, was das bedeutet: Es soll nicht gedruckt werden. Zumindest wird man ihn zu zwingen versuchen, die Vergewaltigungsszene zu streichen. Aber wenn er sich zu solche Kompromissen hinreißen lässt, was ist dann mit seiner Rechtfertigung, dass er sich aus dem Biermann-Streit herausgehalten hat, weil er mit diesem Roman den „Sprengstoff“ abliefern wollte? Der Wundertäter III ist so eng mit seiner Biografie verbunden, dass er da nichts rausschneiden kann, ohne sich selbst zu verletzen: „Ich musste mir mit dem ‚Wundertäter III‘ den Weg freischreiben für das, was ich sonst noch im Leben zu schreiben, zu machen gedenke.“ Was also tun? Als Strittmatter am 16. März zu Hager ins Politbüro kommt, hat eine Westzeitung bereits berichtet, Der Wundertäter III sei verboten worden. Das ist schlechte Presse für die DDR-Oberen und sofort erklärt Hager, natürlich sei er bereit, das Buch drucken zu lassen, aber was sagen die Sowjets dazu, die Befreier, so als Vergewaltiger dargestellt? Er müsse zumindest klarmachen, dass die Vergewaltigung eine Folge des von Nazideutschland begonnen Krieges sei – das kennt Strittmatter, das ist die übliche „agitatorische Absicherung“. Aber er weiß, dass, wenn er sich an dieser Stelle nicht bewegt, der Roman nicht erscheinen wird.

Also entschließt er sich auf zwei Seiten im Text dann doch zur Änderung und baut nun die Szene dialogisch auf – da ist dann alles gesagt über die Russen und die Deutschen, was gesagt werden soll, ohne die Tatsache der Vergewaltigung zu relativieren. Höpcke erteilt die Druckgenehmigung. Zuvor hatte man in der Kulturabteilung des ZK über Optionen im Umgang mit dem Roman beraten, wenn man ihn denn nicht ganz verbieten könne. Man einigt sich u.a. auf eine Senkung der ersten Auflage von 60.000 auf 20.000 Exemplare.

So erscheint diese Sittengeschichte der DDR, die ihre dunklen wie grotesken Seiten nicht auslässt, am 30. Mai 1980. Die Leser stürzen sich auf das Buch, das die Grundfragen menschlicher Existenz mit den Absurditäten des DDR-Alltags so virtuos verbindet. Doch das Unheil ist noch nicht vorbei. Die SED-Bezirksleitung Cottbus etwa kommt zu dem Ergebnis, das sei ein staatsfeindliches Machwerk. Wird nun auch Strittmatter in die Rolle des Dissidenten gedrängt? Ende 1980 notiert dieser: „Mein Name darf in Zeitungen, Zeitschriften, im Rundfunk und Fernsehen zur Zeit nirgendwo genannt werden.“ Eine Attacke kommt von Jürgen Kuczynski, dem wie eine graue Eminenz hinter Erich Honecker agierenden Wirtschaftshistoriker und Bruder von Ruth Werner, die gerade Sonjas Rapport über ihre Zeit in der sowjetischen Militärspionage veröffentlicht hat. Kuczynski greift nicht Strittmatter direkt an, sondern Hermann Kant, der den Wundertäter in der Neuen Deutschen Literatur gelobt hatte. Für Strittmatter ist klar, dazu ist er von der „Geheimdienst-Gruppe“, die sich um Sonjas Rapport schart, beauftragt worden: „Er machte das verzwickt. Solche Leute machen das so.“

Gunnar Decker veröffentlichte jüngst das Buch Zwischen den Zeiten. Die späten Jahre der DDR

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06:00 16.10.2020

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