1981: Reagan überlebt

Zeitgeschichte In Washington wird ein Anschlag auf den US-Präsidenten verübt. Für Stunden herrscht Verwirrung über seinen Zustand. Außenminister Haig übernimmt das Ruder
1981: Reagan überlebt
Besserungswünsche können gar nicht groß genug sein

Foto: Corbis Historical/Getty Images

Der Republikaner Ronald Reagan, Schauspieler und Werbemann für das Unternehmen General Electric, dazu von 1967 bis 1975 Gouverneur von Kalifornien, war am 30. März 1981 gerade einmal 70 Tage im Amt. Er hatte bei der Präsidentenwahl am 4. November 1980 mit 50,7 Prozent gegen den Demokraten Jimmy Carter (41,0) gewonnen. Reagan trat mit dem Versprechen an, die Marktwirtschaft zu entfesseln, Amerika wieder stark zu machen und den Kommunismus zu besiegen. Der Mann aus Hollywood machte auf viele Wähler einen sympathischen Eindruck, erzählte gern Anekdoten und konnte den tapferen Cowboy geben. Bei seinen professionell inszenierten Aufritten flattern die Fahnen genau richtig im Wind. Dieser Kandidat liebte die Kamera und die liebte ihn.

Der Schock über Reagans Wahlsieg bei den Demokraten ähnelte dem Entsetzen über Donald Trumps Erfolg gegen Hillary Clinton 2016. Im Fernsehen war ein knappes Resultat prophezeit worden, doch das Ergebnis stand am Wahlabend schon kurz nach 20 Uhr Ostküstenzeit fest. Der Demokrat Carter und sein zum Vizepräsidenten ausersehener Bewerber Walter Mondale holten nur sechs Bundesstaaten, fast alle an der Ostküste gelegen.

Zurück zum 30. März 1981. Präsident Reagan hielt im Washingtoner Hilton Hotel vor dem Gewerkschaftsverband AFL-CIO eine Rede. Man sprach damals vom Phänomen der „Reagan-Demokraten“, weiße Amerikaner aus der Arbeiterschicht, die erstmals republikanisch gewählt hatten. Die Ansprache war ein klassischer Reagan, es ging um Haushaltsdefizite, steigende Gewaltkriminalität, zu hohe Steuern und zu viele Vorschriften. „Die Hauptaufgabe der Regierung ist der Schutz der Bürger und nicht, ihnen Vorschriften zu machen für deren Leben.“ Die Inflation – sie lag damals bei zwölf Prozent – raube Menschen ihr Erspartes, so Reagan, der zugleich ankündigte, aufrüsten zu wollen, um die Sowjetunion einzuholen. Schließlich lobte er den Kampf der polnischen Gewerkschaft Solidarność für die „kostbare Freiheit“.

Reagan schrieb später in sein Tagebuch, er habe das Hotel durch den Seiteneingang verlassen. Plötzlich seien mehrere Schüsse gefallen. Ein Personenschützer habe ihn auf den Boden seiner Limousine gestoßen. Er habe große Schmerzen verspürt und Blut gehustet. Der Lincoln-Continental-Wagen sei in Richtung des in der Nähe liegenden George-Washington-Universitätshospitals gerast. Er habe kaum mehr Luft bekommen und in der Notaufnahme gebetet. „Doch ist mir klar geworden, dass ich Gott nicht um Hilfe bitten konnte, während gleichzeitig Hass in mir aufstieg auf den verwirrten jungen Mann, der auf mich geschossen hatte.“ Abschließend stellte Reagan fest: „Was auch immer jetzt geschieht, ich verdanke Gott mein Leben, und ich werde versuchen, ihm zu dienen, wie auch immer ich kann.“

Das Attentat fand vor laufenden Kameras statt. Im CNN-Studio saß Anchorman Bernard Shaw, der zehn Jahre später weltbekannt werden sollte wegen seiner Live-Berichte aus Bagdad während des ersten Irak-Krieges gegen Saddam Hussein. Die Situation sei in Bewegung, so der Moderator. „Doch zuallererst und am wichtigsten – dem Präsidenten der Vereinigten Staaten geht es gut.“ Er sei nicht verwundet oder verletzt. Der Schütze, ein junger weißer Mann, sei in Polizeigewahrsam. Das Weiße Haus versichere, dass der Präsident nicht getroffen worden sei. Es sehe aber „nicht gut aus für Jim Brady“, den Pressesprecher, der eine Wunde am Kopf habe.

CNN, gegründet weniger als ein Jahr zuvor als der erste Rund-um-die-Uhr-Kabelnachrichtensender, war schnell, lag jedoch falsch, wenn er berichtete: Reagan sei nur aus Sorge um Brady zum Krankenhaus gefahren. First Lady Nancy Reagan sei ebenfalls gekommen. Nach etwa einer halben Stunde eine alarmierende und korrigierende Stimme aus dem Off: Dem Präsidenten sei links in die Brust geschossen worden. Shaw erklärte, es herrsche Verwirrung. Zusammen mit seinem Kollegen Daniel Schorr saß er erkennbar ratlos vor der Kamera. Dann die Bestätigung vom Weißen Haus: Der Präsident sei verletzt, aber bei Bewusstsein. Kameras richteten sich auf Außenminister Alexander Haig. Vizepräsident George H. W. Bush sei auf dem Weg zurück nach Washington, sagte der General a. D. „Wir haben unsere Freunde im Ausland von der Situation informiert.“ Und dann die offenbar auf die Sowjetunion gemünzte Aussage: Es gebe keine „Alarmmaßnahmen“, es seien auch keine geplant. Wer denn nun die Entscheidungen treffe in Washington mit dem Präsidenten in der Klinik? Haig: „Verfassungsgemäß, Gentlemen, hat man den Präsidenten, den Vizepräsidenten und den Außenminister, in dieser Reihenfolge.“ Bis Bush zurückkehre, übernehme er die Kontrolle im Weißen Haus. Das hörte sich amtsanmaßend an, dem kommandogewohnten Ex-Militär hing diese Aussage lange an. Haig trat rund 15 Monate später nach Platzhirsch-Reibereien mit Verteidigungsminister Caspar Weinberger zurück. Für Staunen sorgte der Außenminister auch im November 1981 mit einer Aussage zum Thema Nuklearkrieg in Europa: Die NATO habe Notfallpläne für einen „nuklearen Warnschuss“, um der anderen Seite klarzumachen, sie habe im konventionellen Bereich „die Grenze der Tolerierung“ überschritten. Ziel sei es, den Einsatz von Gewalt „auf niedrigster Ebene“ zu halten.

Am Tag des Attentats brachte das Weiße Haus den wilden Informationsfluss schnell unter Kontrolle mit der Mitteilung, die Reagans Unverwüstlichkeit illustrieren sollte. Er habe zu den Ärzten vor der Operation gesagt: „Bitte bestätigen Sie mir, dass Sie alle Republikaner sind.“ Am 12. April war Reagan wieder zu Hause. Am 14. freute er sich laut Tagebuch über eine vor dem Weißen Haus paradierende Zirkustruppe. Drei Tage später, am Karfreitag, bemerkte er ein Meeting des Nationalen Kirchenrates gegen „unsere Bemühungen, El Salvador zu helfen“, gemeint war der US-Beistand für eine repressive, ultrarechte Regierung in Mittelamerika. Manchmal denke er, schrieb Reagan, „der Kirchenrat glaubt, dass man Gott über Moskau erreichen kann“. Am selben Tag telefonierte er mit Baptistenprediger Billy Graham. „Dieser kennt die Familie des jungen Mannes, der geschossen hat. Sie sind anständige, zutiefst religiöse Menschen.“

Geschossen hatte der 25-jährige John Hinckley, aufgewachsen in einem wohlhabenden Elternhaus. Mit abgebrochenem Studium war er ohne Job und sein Leben offenbar aus dem Ruder gelaufen. „Instabil“ sei er gewesen, hieß es in Medienberichten. Den Tatrevolver habe Hinckley völlig legal für 47 Dollar bei einem Pfandleiher im texanischen Dallas gekauft, so das Violence Policy Center, eine Forschergruppe, die Gewalt mit Schusswaffen analysierte. Hinckley sei nicht vorbestraft gewesen und habe einen gültigen Führerschein des Staates Texas besessen. In Dallas war 1963 der demokratische Präsident John F. Kennedy erschossen worden, unter bis heute umstrittenen Umständen. Bei Hinckley erkannte man keine politischen Motive oder Verschwörungsabsichten. 1982 wurde er wegen geistiger Unzurechnungsfähigkeit nicht schuldig gesprochen. Er sei besessen gewesen von der Schauspielerin Jodie Foster und habe diese beeindrucken wollen mit seiner Tat. Es folgte die Einweisung in die geschlossene Anstalt St. Elizabeth in Washington, aus der er 2016 als mehr oder weniger geheilt entlassen wurde.

Reagans politischer Höhenflug hielt an, als er 1984 mit dem Slogan, es sei wieder Morgen in Amerika, zur Wiederwahl antrat und mit großer Mehrheit gewann. Vielen Amerikanern gilt er heute als der Mann, der die USA zum Sieg im Kalten Krieg geführt hat. Jodie Foster, die damals an der Yale Universität in Connecticut studierte, musste einen Medienansturm überstehen. In ihrem Text Warum ich? für das Magazin Esquire schrieb sie 1982 über Todesdrohungen. Alles sei möglich „in einer von den Medien regierten Welt“, sie rechne damit, dass auf der Straße „ein Fremder auf mich zukommt und fragt, bist du nicht das Mädchen, das auf den Präsidenten geschossen hat?“.

Liebe Leserin, lieber Leser,

dieser Artikel ist für Sie kostenlos.
Unabhängiger und kritischer Journalismus braucht aber auch in diesen Zeiten Unterstützung. Wir freuen uns daher, wenn Sie den Freitag hier abonnieren oder 3 Ausgaben gratis testen. Dafür bedanken wir uns schon jetzt bei Ihnen!

Ihre Freitag-Redaktion

06:00 13.04.2021

Ausgabe 18/2021

Hier finden Sie alle Inhalte der aktuellen Ausgabe

3 Ausgaben kostenlos lesen

Der Freitag ist eine Wochenzeitung, die für mutigen und unabhängigen Journalismus steht. Wir berichten über Politik, Kultur und Wirtschaft anders als die übrigen Medien. Überzeugen Sie sich selbst, und testen Sie den Freitag 3 Wochen kostenlos!

Kommentare