1990: Liquidierte Stadt

Zeitgeschichte 1990 bemüht sich die Treuhandanstalt in Chemnitz, eine ganze Industriemetropole einzuebnen. Werkzeug- und Textilmaschinenbau fristen jetzt nur noch ein Schattendasein

Die Chemnitzer Vorfälle vom August haben in Medien und Politik ein Echo gefunden, bei dem Einigkeit darüber herrscht, dass sich in der Stadt der Einfluss ultrarechter Gruppierungen bemerkbar mache. Um die Ereignisse zu erklären, wird gleichsam auf die jüngere Vergangenheit, besonders „die autoritären Strukturen der SED-Herrschaft“, verwiesen. Offensichtlich sei dieses Erbe noch virulent, die Demokratie hingegen nicht tief genug verwurzelt, sonst könnten Rechtsradikale nicht Tausende von Bürgern zum Marsch über Straßen und Plätzen animieren.

Allerdings waren die Demonstrationen auch ein Zeichen für gärende Unzufriedenheit der Bevölkerung in Chemnitz wie anderswo in Sachsen, verursacht weniger durch unbewältigte Vergangenheit oder rechtsradikale Agitation. Zwar ist zur Aufklärung über die „SED-Herrschaft“ in den verflossenen gut drei Jahrzehnten seitens der Bundeszentrale für politische Bildung und anderer Gremien viel getan worden – weitgehend unbewältigt blieb dagegen die Aufarbeitung des industriellen Kahlschlags, wie ihn Sachsen seit 1990 erfahren hat. Denn dort wurden nicht nur die politischen Strukturen einer Ein-Parteien-Herrschaft zerschlagen, sondern auch die ökonomischen, bis 1989/90 überwiegend durch Staatseigentum und Planwirtschaft geprägten. Die Staatliche Plankommission der DDR war schnell liquidiert, während der Umgang mit den volkseigenen Betrieben nach der Maxime erfolgte: Privatisierung ist der beste Weg zur Sanierung. Daran richtete ab Juli 1990 eine Treuhandanstalt (THA) ihre Arbeit aus, die in den Top-Positionen mit westdeutschen Konzernvertretern besetzt war, deren berufliche Expertise auf Markt- und Konkurrenzbedingungen gründete. Im Osten sollten sie für „blühende Industrielandschaften“ sorgen, was den Chemnitzern gefallen musste. Auf ihre Industrie waren sie immer stolz.

Schließlich stieg die Stadt in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts zum Zentrum der mitteldeutschen Textilindustrie auf und galt als das „sächsische Manchester“. Nach 1890 kamen vier Fünftel der Weltproduktion an Damenstrümpfen aus Chemnitz! In den 1920er Jahren zählte die Stadt – inzwischen auch zu einem Standort des Textil- und Werkzeugmaschinenbaus avanciert – annähernd 360.000 Einwohner.

Dann aber der Zusammenbruch im Mai 1945, als NS-Diktatur und Zweiter Weltkrieg ein völlig zerstörtes Stadtzentrum hinterließen. 1953 wurde die sächsische Arbeitermetropole in Karl-Marx-Stadt umbenannt, zugleich verkündete SED-Chef Walter Ulbricht ein ehrgeiziges Aufbauprogramm, das erst 1974 abgeschlossen war. Wieder errichtet und modernisiert wurden besonders die Industriebetriebe in den Vorstädten. Die erste in der DDR von einem Zentralcomputer gesteuerte Fertigungsstraße nahm Anfang der 1970er Jahre in Karl-Marx-Stadt die Produktion auf. Es entstanden mehrere Kombinate, die Betriebe des gleichen Genres vereinigten, darunter das Kombinat für Industrienähmaschinen „Textima“ und das Werkzugmaschinenkombinat „Fritz Heckert“, deren Produkte in Osteuropa begehrt waren.

Ende der 1980er Jahre ist die Hälfte der Betriebe und ein Drittel der in der Industrie Beschäftigten Sachsens in Karl-Marx-Stadt zu Hause. Nach der Wiedervereinigung, so glaubt man eingedenk des Kanzlerworts von den „blühenden Landschaften“, wird diese Stadt, die nach einer Bürgerabstimmung vom April 1990 wieder Chemnitz heißt, die Chance erhalten, sich gesamtdeutsch zu bewähren.

In der Treuhandanstalt – sie residiert im ehemaligen Haus der Ministerien in Ostberlin – fallen seinerzeit grundlegende Entscheidungen über die in Chemnitz beheimateten Großbetriebe. Zwar gibt es nach föderalem Prinzip ab April 1991 in Leipzig auch ein Treuhandbüro für Sachsen, doch werden die wichtigen Entschlüsse – wie schon zu DDR-Zeiten – weiterhin in Berlin gefasst. Über Betriebsschließungen und Massenentlassungen sehen sich die jeweiligen ostdeutschen Landesregierungen von der THA-Zentrale lediglich über ein vertrauliches „Frühwarnsystem“ vorab informiert. An den Ernstfall Abwicklung und Liquidation denkt zunächst in Chemnitz kaum jemand, bis die Tatsachen eines Besseren belehren. Ohnehin haben die Abkoppelung von den Ostmärkten und die Aufwertung der Produktion durch die D-Mark bereits 1990 zu beträchtlichen Verlusten beim Absatz geführt. Nicht zuletzt die Stammbetriebe der Chemnitzer Kombinate sind betroffen. Die Treuhand benötigt drei Jahre, um das Stammwerk des 1990 aufgelösten Werkzeugmaschinenkombinats an ein westdeutsches Unternehmen zu verkaufen, nachdem die Belegschaft von 4.300 Mitarbeitern Ende 1989 auf 380 zusammengestrichen wurde. Der erhoffte Aufschwung bleibt aus, der neue Eigentümer, die Firma Traub, ein westdeutscher Werkzeugmaschinenbauer, geht 1996 in Konkurs. Daraufhin übernimmt eine Schweizer Firma das Chemnitzer Werk, das 2001 noch gut 200 Maschinenbauer zählt.

Nicht viel besser ergeht es dem ehemaligen Stammwerk des Kombinats „Textima“. 1990 zählt es 3.000 Beschäftigte, verteilt auf sieben Betriebsteile. 1991 werden die Anlagen von der Treuhand an die westdeutsche Barmag vergeben – die Barmer Maschinenfabrik AG, die einst von den Brüdern Hamel gegründet wurde, denen wiederum der Chemnitzer Betrieb bis zur Enteignung in DDR-Zeiten gehört hat. Doch das Remscheider Unternehmen gerät in Schwierigkeiten, sodass in Chemnitz erst einmal Personal abgebaut wird. Anfang 1993 arbeiten dort noch 700 Textilmaschinenbauer, Tendenz fallend. Im Chemnitzer Werkzeug- und Textilmaschinenbau werden zudem die mit der Treuhand vereinbarten Investitions- und Beschäftigungszusagen gebrochen. Keine Ausnahme, sondern die Regel vielerorts in Sachsen. Soziale Kollateralschäden sind nicht zu umgehen: Die Arbeitslosigkeit, für Chemnitz seit den 1950er Jahren ein unbekanntes Phänomen, steigt bis 1994 auf über zehn Prozent (sie liegt heute mit 7,4 Prozent über dem sächsischen Durchschnitt von 6,4 und deutlich über dem Wert 2,9 im benachbarten Bayern).

Auf der Suche nach einem Arbeitsplatz wandern seit 1990 jährlich Tausende Chemnitzer in die westlichen Bundesländer ab. Die Einwohnerzahl der Stadt schrumpft in 28 Jahren von 294.000 auf 247.000. Es sind vorzugsweise junge, gut qualifizierte Leute, oft ganze Familien, die Chemnitz verlassen. Der Rückgang des Anteils der bis 14-Jährigen von 18 auf 11 Prozent an der Chemnitzer Gesamtbevölkerung ist – wie überall in Sachsen – die Konsequenz einer bisher irreversiblen Abwanderung. Auf der anderen Seite erhöht sich der Anteil der Rentner zwischen 1990 und 2017 von einem Siebtel auf ein Viertel der Gesamtbevölkerung.

Wer nach den Ursachen des nunmehr fast drei Jahrzehnte andauernden Niedergangs der westsächsischen Industriemetropole sucht, stößt unweigerlich auf die Privatisierungen zwischen 1990 und 1994, die von der Treuhand begonnen und von der Bundesanstalt für vereinigungsbedingte Sonderaufgaben ( BvS) fortgesetzt worden ist. In dieser Zeit kommt es statt zu der versprochenen Sanierung zu flächendeckender Deindustrialisierung. Und die hat nicht allein für Chemnitz, sondern ganz Sachsen fatale Folgen, hält man sich nur vor Augen, dass dessen Bevölkerung um eine Million Menschen abnahm.

Das 1989/90 noch große Vertrauen in die Fähigkeiten der Bundesregierung ging verloren. Es dürfte auch Wut über den angerichteten Schaden gewesen sein, der sich in Chemnitz während der zurückliegenden Wochen entladen und dazu geführt hat, dass sich so viele Bürger bei den Rechtsradikalen eingereiht haben. Um die in der Stadt durchaus vorhandenen Demokraten zu unterstützen, wird es notwendig sein, die Gründe für einen Niedergang zu benennen, wie ihn Chemnitz in seiner Geschichte als Industriestadt so noch nie erlebt hat. Nur so lässt sich das Vertrauen der Bürger in die Regierungspolitik des Landes wie des Bundes zurückgewinnen.

06:00 27.10.2018

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