1990: Ultimativer Schock

Zeitgeschichte Die Zahl der Erwerbslosen in der DDR übersteigt erstmals die 100.000. Die Währungsunion hat mehr kahle als blühende Landschaften geschaffen

Eine Nachricht erschreckt am 5. Juni 1990 die DDR: Die Zahl der Erwerbslosen hat die Grenze von 100.000 überschritten, dazu gibt es Tausende von Kurzarbeitern. Die meisten Ostdeutschen trifft das völlig unerwartet und löst bei vielen einen Schock aus. Am 18. März, bei der Volkskammerwahl, schien eine Mehrheit noch voller Zuversicht, was die sozialen Konsequenzen einer Vereinigung mit der Bundesrepublik Deutschland anging. Die Befürworter eines raschen Anschlusses in der „Allianz für Deutschland“ erhielten mit 48 Prozent der Stimmen einen beachtlichen Vertrauensvorschuss. Ost-SPD und PDS, die mehr nach einer sozial verträglichen Vereinigung fragten, wurde eine Abfuhr erteilt. Den Ausschlag für den Triumph der Ost-CDU und der DSU hatte Kanzler Kohl mit dem Versprechen gegeben, im Osten seien schon bald „blühende Landschaften“ zu erwarten. Dies wäre möglich, sollten sich die Regierungen in Bonn und Ostberlin rasch auf eine Wirtschafts-, Währungs- und Sozialunion als Vorstufe der Option Einheit verständigen.

Lothar de Maizière, seit Anfang April neuer DDR-Ministerpräsident, willigt ein, sofort nach der Regierungsbildung Ende März in Verhandlungen einzutreten. Über einen Fahrplan ist man sich bald einig. Die DM soll am 1. Juli 1990 im Osten zum offiziellen Zahlungsmittel werden. Dass es noch keinen Termin für den endgültigen Abgang der DDR gibt, empfinden die meisten DDR-Bürger als nicht weiter störend. Sie hoffen auf den flotten Aufschwung, der es ihnen gestatten wird, bei Einkommen und Verbrauch auf „Westniveau“ anzukommen. Dass diesbezügliche Erwartungen, gebunden an die nötige ökonomische Prosperität, berechtigt seien, bestätigen bundesdeutsche Wirtschaftsführer unablässig. So verkündet Hans-Peter Stihl, Präsident des Deutschen Industrie- und Handelskammertages (DIHT), die deutsche Wirtschaft begrüße die Vereinigung „ohne jeglichen Vorbehalt“. Im Osten eröffne sich mit der Währungsunion ein neuer Markt. Jeder bundesdeutsche Unternehmer, so Stihl, sei „schlecht beraten, wenn er nicht in die DDR geht“. Er prophezeit für die zweite Hälfte des Jahres 1990 „eine wahre Invasion“ von Firmen aus allen Regionen Westdeutschlands. Als Investitionsziel sei die DDR-Wirtschaft vor allem aus zwei Gründen attraktiv: wegen der teils längeren Arbeitszeiten und der vergleichsweise niedrigeren, das heißt aus Unternehmersicht günstigeren Löhne.

Doch statt in den von Stihl prophezeiten Boom rutscht die DDR-Wirtschaft in den Abgrund. Ihre vollständige Öffnung gegenüber der Bundesrepublik und der damaligen Europäischen Gemeinschaft (EG/Vorläufer der EU), dazu eine Währungsumstellung von 1:2 bei Guthaben und finanziellen Verbindlichkeiten für DDR-Unternehmen – staatliche Kombinate, Privatbetriebe oder bereits privatisierte mittelständische Firmen –, hat wahrlich prekäre Folgen. DDR-Produzenten, ob im Fahrzeug-, Textilmaschinen- oder allgemeinen Maschinenbau, in der Lebensmittelbranche oder im Kalibergbau, sind über Nacht ungeschützt westdeutscher Konkurrenz ausgesetzt. Sie verlieren durch den für sie ungünstigen Währungsumtausch prompt ihre Märkte im Westen. Gleichzeitig geht der Außenhandel mit der Sowjetunion wie den anderen osteuropäischen Ländern stark zurück. Diese müssen die durchaus geschätzten DDR-Erzeugnisse nunmehr für knappe Devisen erstehen und sehen sich vielfach gezwungen, über Jahrzehnte etablierte Handelsstränge zu kappen, auch weil sie selbst mitten in einer sozialökonomischen Transformation steckten. Allein im Juli 1990 sinkt der Ausstoß von DDR-Industrieproduktion um mehr als ein Drittel gegenüber dem Vormonat. Von den etwa 8.000 der Treuhandanstalt überantworteten, zuvor volkseigenen Betrieben sind innerhalb eines Monat 5.000 nicht mehr zahlungsfähig.

Wie kann es sein, dass es seitens der westdeutschen Unternehmerverbände wie der Regierungen in Bonn und Ostberlin zu einem derart gravierenden Fehlurteil über die Folgen der Währungsunion und damit der Beschäftigungslage in Ostdeutschland gekommen ist? DIHT-Präsident Stihl wie seine Berater haben im Glauben an die „Heilungskräfte des Marktes“ die Investitionsbereitschaft bundesdeutscher Unternehmen absolut falsch eingeschätzt. Sie haben damit gerechnet, dass dank der DM eine rapide Strukturanpassung der ostdeutschen an die westdeutsche Ökonomie durch Aufkauf der nunmehrigen Treuhandbetriebe ansteht. Nur sehen sich westdeutsche Firmen nicht vorrangig als Aufbauhelfer, sondern als gewinnfixierte Produzenten, die den Bedarf Ostdeutschlands mit eigenen Erzeugnissen locker mit abdecken können. Schließlich ist das der weitaus profitablere Weg, verglichen mit dem Aufkauf und Umbau von Industriekapazitäten im Osten. Eine Ende Juli 1990 erfolgte Umfrage in Unternehmen aus 13 Branchen ergibt: Der Wille im Westen zur Investitionen im Osten hält sich in engen Grenzen.

Bei den ersten 100.000 Erwerbslosen kann es unter diesen Umständen kaum bleiben. Ende Juli werden von der durch die Regierung de Maizière gegründeten Zentralen Arbeitsverwaltung der DDR bereits 391.286 Arbeitslose registriert, parallel dazu steigt im Monat der DM-Einführung die Zahl der Kurzarbeiter auf etwa 700.000. Dabei sind die Auswirkungen der Arbeitsplatzverluste in den künftigen neuen Bundesländern einschneidender, als die Zahlen vermuten lassen. Während in der Bundesrepublik seit 1949 eine Arbeitslosigkeit, die oft Hunderttausende erfasst, zur Normalität gehört, ist sie in der DDR bereits 1953 unter die Marke von 100.000 gefallen, liegt im Jahr 1955 noch bei etwas mehr als 10.000 Betroffenen und hat danach ein Vierteljahrhundert lang als gesellschaftliches Phänomen nicht mehr existiert. Dass es 1990 wieder ganz anders kommt, wird besonders in psychosozialer Hinsicht als herbe Zäsur empfunden. Glaubt man soziologischen Erhebungen, dann wurde beruflicher Tätigkeit, verglichen mit Freizeitbeschäftigung, in der DDR stets ein höherer Stellenwert zuerkannt als im anderen deutschen Staat.

Kein Wunder also, dass jäh steigende Arbeitslosenzahlen Unzufriedenheit und Verunsicherung hervorrufen. So mancher fühlt sich als Komparse eines Gesellschaftsspiels mit offenem Ausgang. Nach einer im August 1990 im Spiegel veröffentlichten Umfrage schätzten 81 Prozent der DDR-Bürger mit der Wirtschafts-, Währungs- und Sozialunion ihre Situation vorübergehend als „schlecht“ oder „sehr schlecht“ ein. 53 Prozent fürchten um ihren Arbeitsplatz. Detaillierte Recherchen wie die der Journalistin Susanne Krispin bestätigten das. Sie berichtet im August 1990, nachdem sie eine engagierte Klassenlehrerin an der 18. Oberschule im Ostberliner Neubauviertel Marzahn interviewt hatte, über mentale Folgen der Arbeitslosigkeit für Familien aus der Sicht von Schülern der unteren Klassen. Sie sucht nach Beispielen kindlicher Betroffenheit und findet sie in den Eindrücken der Klassenlehrerin, die unter anderem erzählt: „Eines Tages kam Danielle weinend in meine Klasse: ‚Mutti hat keine Hoffnung auf Arbeit mehr. Jetzt müssen wir verhungern!‘ “ Ihr Schüler Steffen habe seinen von Entlassung bedrohten Eltern einen Brief geschrieben, um ihnen zu sagen, wie sehr er hoffe, dass sie ihre Arbeit behielten. Jens, dessen schulische Leistungen beträchtlich nachgelassen haben, erklärt den Abfall gegenüber seiner Lehrerin damit, dass der Vater arbeitslos sei und die Mutter sich zu Hause um die kranken Geschwister kümmern müsse. „Oft gibt es Streit, die Eltern haben mit sich selbst zu tun.“

Vielfach lassen sich Enttäuschung und Zorn, wie sie aus einem Gefühl der Scham und erfahrener sozialer Ausgrenzung resultieren, nicht mehr verhehlen. In den folgenden Jahren, das zeichnet sich im Sommer 1990 deutlich ab, wird es kaum noch ostdeutsche Familien geben, die von Arbeitslosigkeit verschont bleiben.

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06:00 29.06.2020

Ausgabe 43/2020

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