1991: Nacht ohne Mond

Zeitgeschichte Mit dem zweiten Golfkrieg überwinden die USA ihr Vietnam-Syndrom. Die Zuschauer sind dabei, wenn es der „Embedded Journalism“ erlaubt
1991: Nacht ohne Mond
Al-Chafdschi, Saudi-Arabien: Operation Wüstensturm

Foto: Chip Hires/Gamma-Rapho/Getty Images

Damals gab es noch kein Internet; soziale Medien gleich gar nicht. Das Kabelfernsehen steckte in den Kinderschuhen. Dick Cheney war noch nicht Vizepräsident, sondern Verteidigungsminister, George H. W. Bush US-Präsident und Saddam Hussein Staatschef im Irak. Anfang Januar 1991 starrten Menschen weltweit gebannt auf Fernsehmonitore in Erwartung der ersten Bomben im angekündigten Krieg gegen den Irak. Hunderttausende US- und verbündete Soldaten unter dem Kommando von General Norman Schwarzkopf standen in Saudi-Arabien bereit zum Vormarsch auf das im August 1990 vom Irak besetzte und zur 19. Provinz erklärte Kuwait. „Kein Blut für Öl!“, riefen Kriegsgegner und warnten vor einer Katastrophe.

Das US-Oberkommando nannte den ersten großen Feldzug seit Ende des Kalten Krieges „Operation Wüstensturm“. Die sollte zu einer außerordentlichen Machtdarbietung des US-Militärs werden. Dabei genoss dieser Krieg internationale Unterstützung. Der UN-Sicherheitsrat hatte Mitgliedsstaaten im November 1990 ermächtigt, „alle notwendigen Mittel“ einzusetzen, um sicherzustellen, dass Saddams Armee Kuwait spätestens bis zum 15. Januar 1991 wieder verlassen hatte. Der Stichtag kam. Die allermeisten ausländischen Journalisten verließen den Irak. Nur CNN war noch sendefähig mit einem Büro im 9. Stock des Al-Rashid-Hotels mitten in Bagdad. Die Nacht vom 16. bis 17. sei mondlos gewesen, schrieb CNN-Reporter Peter Arnett in seinen Erinnerungen Live from the Battlefield.

Dann fielen die ersten Bomben. „Der Himmel über Bagdad ist erleuchtet. Wir sehen helle Lichtblitze überall am Himmel“, sprach CNN-Reporter Bernie Shaw ins Mikrofon. Die Videoübertragung funktionierte nicht, sodass sich CNN und der Rest der Welt anfangs mit dem gesprochenen Wort begnügen mussten. Gelegentlich hielten die CNN-Reporter das Mikrofon aus dem Fenster. Zuschauer sollten den dumpfen Ton explodierender Bomben und das Stakkato der Flugabwehr hören. „Die ersten Schüsse wurden 20 Minuten vor drei Uhr abgefeuert“, erinnerte sich Schwarzkopf später im Fernsehsender ABC. In der Kommandozentrale in Riad habe der Kaplan „ein kleines Gebet gesprochen“, so der General. Dann habe man God Bless the USA gespielt, den superpatriotischen Hit des Country-Sängers Lee Greenwood. „Ich bin stolz, Amerikaner zu sein, denn dort weiß ich, dass ich frei bin“, heißt es im Lied. Er liebe dieses „Gott segne die USA“, sagte Schwarzkopf, kriegserfahren durch Vietnam und Grenada.

„Wunderschön“, das Licht-Schauspiel

Die CNN-Crew im Al-Rashid war sich nun ziemlich sicher, dass der Krieg angefangen hatte. Das Hotel erbebe, so Reporter John Holliman. CNN-Moderator Wolf Blitzer in den USA meinte, der Ernstfall sei wohl eingetreten. Mit Unterbrechungen flogen die Bombengeschwader die ganze Nacht. „Wunderschön“ sei das Licht-Schauspiel, berichtete Holliman. Er könne da nichts Schönes sehen, kritisierte Kollege Shaw. Verteidigungsminister Cheney informierte die Presse am Tag danach über gut tausend Flüge in den ersten 14 Stunden. 100 Tomahawk-Marschflugkörper seien gestartet worden. Ob er sich Sorgen mache um Zivilisten, fragte ein Reporter. Cheney verwies auf die CNN-Berichte, denen zufolge „Ziele mit einem hohen Grad an Präzision getroffen“ worden seien: irakische Kommunikationseinrichtungen und die Flugabwehr. Die US- und die britische Luftwaffe verloren je ein Flugzeug am ersten Angriffstag. Diese Übermacht hatte man sich so nicht vorstellen können. Es sollte dabei bleiben, die Luftangriffe dauerten Wochen; etwa 100.000 Einsätze wurden geflogen in Vorbereitung auf den Bodenkrieg zur Befreiung Kuwaits. Der begann am 24. Februar und war schnell vorbei. „Wir haben gerade eben 100 Stunden gebraucht, um dem viertgrößten Heer der Welt in den Hintern zu treten“, sagte General Schwarzkopf.

Saddam Hussein hatte sich bei seiner Kuwait-Invasion total verschätzt, möglicherweise unter dem Eindruck der mehr als wohlwollenden Haltung der USA und westeuropäischer Nationen während des Krieges gegen den Iran (1980 – 1988), trotz irakischer Giftgaseinsätze. Nur Tage nach Saddams Einmarsch am 2. August 1990 wurde klar, dass Präsident Bush diese Invasion nicht tolerieren würde. Es ging doch um „Ordnung“ in der erdölproduzierenden Welt. Die amerikanischen Freunde in Saudi-Arabien waren alarmiert über die irakischen Militäraktionen an ihrer Grenze. Knapp eine Woche nach dem Einzug der Iraker in Kuwait landeten die ersten US-Streitkräfte in Saudi-Arabien.

Sorgen um das „Image“

Präsident Bush erhielt Rückendeckung durch die UNO. Die Amerikaner mussten aber noch überzeugt werden von der Notwendigkeit eines Krieges zur „Befreiung“ einer Nation, deren Herrscherfamilie beim besten Willen nicht als Inbegriff von Demokratie gelten konnte. Kuwait hatte, wie der Autor John MacArthur in seinem Buch Die Schlacht der Lügen vermerkte, ein „Imageproblem“. Selbst die politische Elite in den USA ging anfangs nicht auf Kriegskurs. Man sprach von Sanktionen. Kriegsbefürworter sahen den Konflikt als Chance, die militärische Macht der alleinigen Supermacht in Szene zu setzen.

Das blieb im Gedächtnis: eine Anhörung im US-Kongress am 10. Oktober 1990 über irakische Gräuel in Kuwait. Kronzeugin war ein 15-jähriges Mädchen namens Nayirah. Sie habe gesehen, wie irakische Soldaten ein Hospital in Kuwait besetzten und in einen Raum eindrangen, „in dem 15 Babys in Brutkästen lagen. Sie nahmen die Babys aus den Brutkästen, nahmen die Kästen mit und ließen die Säuglinge auf dem kalten Fußboden zurück, wo sie starben“. Enorm wirksam war diese tränenreiche Aussage, aber falsch, wie MacArthur dokumentierte. Nayirah war die Tochter des kuwaitischen Botschafters in den USA. Sie hatte diesen angeblichen Vorfall nie gesehen. Eine von den Kuwaitis finanzierte PR-Firma half bei der Verbreitung der Brutkastengeschichte. Große Sorgen um das „Image“ machte sich auch das US-Militär. Man erinnerte sich an Vietnam. Die Berichterstattung vom Schlachtfeld war im Laufe dieses Krieges gekippt. Das sollte diesmal vermieden werden. Bereits im August 1990 entwarf das für den Golf zuständige Central Command Presserichtlinien: Journalisten würden nur noch in militärischer Begleitung und in Pools an der Front arbeiten dürfen.

Die meisten Kriegsberichte kamen von Hunderten Reportern, die in saudischen Hotels logierten. Ihre Informationsquellen waren Briefings des US-Militärs. Bilder von Toten und Daten über Tote gab es nicht. Videos von Zielkameras der Air Force vermittelten den Eindruck absoluter Treffsicherheit. Ted Koppel, Moderator des TV-Programms Nightline, meldete Zweifel an in der New York Times: „Ich bin mir nicht sicher, dass dem öffentlichen Interesse gedient wird, wenn man einen scheinbar schmerzlosen Krieg sieht, obwohl auf der anderen Seite 50.000 bis 100.000 Menschen umkamen.“ Gewaltig verschätzt hatten sich auch Anti-Kriegsaktivisten mit ihren Warnungen, beim Gemetzel in der Wüste würden zahlreiche US-Soldaten in Leichensäcken zurückkommen. Gedanklich befand man sich noch in Vietnam. Als alles vorbei war, hatte die Army 148 Gefallene zu betrauern. Eine Untersuchung des Geheimdienstes Defense Intelligence Agency sprach laut Washington Post von 50.000 bis 150.000 gefallenen Irakern. Der Menschenrechtsverband Middle East Watch ging von etwa 2.500 bis 3.000 zivilen Toten bei den Luftangriffen aus. Das schließe jedoch die „beträchtlich höhere Zahl an Opfern“ nicht ein, die es durch eine zerstörte Infrastruktur und die UN-Sanktionen gegeben habe. Der Irak sei durch die Angriffe in „das vorindustrielle Zeitalter“ zurückversetzt worden, befand eine UN-Kommission im März 1991. Den Menschen drohe durch Seuchen und Hunger eine Katastrophe.

Washington und New York veranstalteten im Juni 1991 Siegesparaden. In Manhattan fuhren Cheney und Schwarzkopf im Cabriolet durch ein Jubelspalier im Finanzzentrum. Nach Polizeiangaben haben mehr als vier Millionen Menschen mitgejubelt.

06:00 27.01.2016
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