1995: Viel Handgemenge

Zeitgeschichte Ein Trip des linken Soziologen Pierre Bourdieu zu streikenden Eisenbahnern spaltet die intellektuelle Szene Frankreichs. Das Tischtuch ist zerrissen und wird es bleiben

Für diesen Riss, der französische Intellektuelle in unversöhnliche Lager spaltete, gab es zwei Schlüsseldaten: 1995 und 2002. Im Dezember 1995 streikten die Eisenbahner wochenlang. Sie hatten fast die gesamten Medien gegen sich und mussten sich von diesen vorhalten lassen, sie gehörten zu den „Privilegierten“ – mit 3.000 Francs (etwa 1.000 DM) Lohn. In dieser aufgehetzten Stimmung hielt einer dagegen: „Ich bin hier, um all jenen, die seit drei Wochen gegen die Zerstörung einer Zivilisation kämpfen, unsere Unterstützung zuzusagen“, erklärte Pierre Bourdieu vor den streikenden Eisenbahnern. Mit seiner Parteinahme spaltete der Soziologe die Intellektuellen des Landes. Sein Antipode Alain Touraine war nun ständig in Fernsehtalks zu sehen, während Bourdieu Gewerkschafter besuchte und vor Demonstranten sprach.

In den Medien begann ein Streit – nicht um die sozialen Ansprüche der Eisenbahner, sondern um Bourdieus Grenzüberschreitung von der Reflexion zur Tat, bei der er auf seine Autorität als Wissenschaftler gesetzt und sich zugleich von den Feuilletonsoziologen wie Medienintellektuellen distanziert hatte. Dem windigsten unter diesen – Bernard-Henri Lévy – warf Bourdieu vor, „ein philosophischer Journalist“ zu sein, der „alle kritischen Ideale der intellektuellen Tradition“ verrate. Damit war das Tischtuch zerrissen. Bourdieu reiste von Versammlung zu Versammlung – seine Gegner ließen ihre Süppchen zum „Krieg für Demokratie und Menschenrechte“ oder zu den „Gefahren des Islamismus“ köcheln.

2002 dann gab es das zweite Schlüsselereignis. Ein halbes Jahr nach Bourdieus Tod am 23. Januar 2002 veröffentlichte der Historiker Daniel Lindenberg seinen Traktat Le rappel à l’ordre (2002) und etikettierte die seit 1995 nach rechts abdriftenden Intellektuellen als „neue Reaktionäre“. Anfang 2016 erschien die zweite Auflage dieses Buches. Gerade hat die Zeitung Le Monde dem Werk eine Doppelseite gewidmet.

Manifest für ein freies Denken

Die 2002 als „neue Reaktionäre“ Angesprochenen – implizit gemeint, wenn auch nicht namentlich erwähnt, waren Bernard-Henri Lévy und André Glucksmann – reagierten pathetisch mit dem Manifest für ein freies Denken, das L’Express am 28. November 2002 abdruckte. Zu den prominentesten Unterzeichnern gehörten Alain Finkielkraut, Marcel Gauchet, Pierre Manent, Pierre-André Taguieff und Alain Renaud.

Daniel Lindenbergs Le rappel à l’ordre hatte auch den Effekt, dass sich jene Gruppe linksliberaler Intellektueller spaltete, die sich im Umfeld von François Furet und dem I‘institut Raymond Aron sammelten und als Antitotalitäre begriffen. Herausgeber von Lindenbergs Buch war der Historiker Pierre Ronsanvallon, Professor am Collège de France und selbst prominenter Vertreter der Antitotalitären, der sich nun aber als „authentischer Liberaler“ präsentierte und von den „neuen Reaktionären“ absetzte. Ronsanvallon prangerte deren neuen Illiberalismus als „eine Denunziation der offenen Gesellschaft“ und als reaktionäre Kritik an Staat und Gesellschaft an. 2009 schließlich entzauberte der Historiker Michael Scott Christofferson den Antitotalitarismus in seinem Buch Les intellectuels contre la gauche. L’idéologie antitotalitaire en France 1968-1981 als eine politisch-ideologische Improvisation.

Zum Verständnis dieser Vorgänge sei daran erinnert, dass große Teile der Intellektuellen Frankreichs nach 1945 weit links standen, sich dann aber von der KP wegen ihrer Haltung zum Ungarn-Aufstand 1956 und ihrer zögerlichen Auseinandersetzung mit dem Stalinismus abwandten. Der Philosoph Maurice Merleau-Ponty zweifelte schon 1950 – angesichts der Arbeitslager in der UdSSR –, ob dort überhaupt „noch von Sozialismus zu reden“ sei. Die Kritik am Stalinismus/Kommunismus war also in der französischen Intelligenz eine geläufige Tendenz, als 1974 Alexander Solschenizyns Buch über den Archipel Gulag erschien. Nicht dieses Werk hat die Kritik am Stalinismus verstärkt, sondern die Reaktion der KP darauf. Die Partei sprach von „antisowjetischer Propaganda“, die sich gegen die Entspannungspolitik der Sowjetunion richte. Sie spuckte Gift und Galle gegen Solschenizyn.

Dies wirkte nach, als 1972 Sozialisten und Kommunisten zum gemeinsamen Regieren entschlossen waren und ihr Programme commun vorlegten. Umgehend setzte sich eine Kampagne unter der Fahne des Antitotalitarismus in Marsch. Von den Maoisten bis zu den Konservativen protestierten viele Intellektuelle, dazu kamen linke Zeitschriften wie Esprit und Nouvel Observateur, ebenso die 1973 gegründete Tageszeitung Libération. Sie deuteten die Linksunion als Camouflage für eine „totalitäre Herrschaft“ der KP.

Phantom im ideologischen Handgemenge

Eindeutig waren es die innenpolitische Konstellation wie die Angst linker Intellektueller vor medialer Marginalisierung, sollte es zu einer Allianz von Sozialisten und Kommunisten kommen, die den Antitotalitarismus anfachten. Es ging weniger um eine seriöse Beschäftigung mit autoritären kommunistischen Regimes oder Solschenizyn. André Glucksmann etwa schrieb seine Rezension auf der Basis von italienischen Zeitungsberichten, bevor das Buch in Frankreich erschienen war.

Die tendenziöse Kritik am angeblich drohenden Totalitarismus, den eine Regierungsteilhabe der KP heraufbeschwöre, wurde noch schriller, als im April 1974 die Nelkenrevolution in Portugal den Diktator Marcelo Caetano stürzte. Die linke Radikalisierung von Teilen der dortigen Armee, wie sie vom Movimento das Forças Armadas (MFA) ausging, wurde aufgebauscht. Portugal als totalitäre Diktatur, das galt plötzlich als Chiffre, um die Zukunft Frankreichs mit düsteren Farben auszumalen, obwohl François Mitterrand den Kommunisten keine substanziellen Konzessionen machte. Der Antitotalitarismus war insofern keine Antwort auf eine reale Gefahr, sondern eine Kampfansage an ein Phantom im ideologischen Handgemenge. Die Kritik galt nicht den vorhandenen Diktaturen in Osteuropa, auch nicht der portugiesischen KP, sondern den Wegbereitern einer französischen Regierung, in der Sozialisten und Kommunisten koalieren würden.

Je näher die Parlamentswahl von 1978 rückte, bei der viele einen Sieg der Linksunion erwarteten wie zuvor bei der Kommunalwahl im März 1977, desto hektischer wurden die Debatten über das Gespenst Totalitarismus. Freilich erreichen Überreizungen irgendwann einen toten Punkt. Mitterrand regierte von 1981 bis 1986 mit der KP, ohne den totalitären Staat aus der Taufe zu heben. Im Gegenteil, mehr soziale Demokratie fand zu ihrem Recht. Seither hat der Antitotalitarismus seine Blütezeit hinter sich. In Debatten taucht der Begriff längst nicht mehr auf. Die meisten Antitotalitären sind zu Berufsfranzosen („souchiens“) geworden, wie Shlomo Sand jüngst in seiner brillanten Studie La fin de l’intellectuel festhielt. Das Wort antitotalitär spielt in seiner Analyse nur eine periphere Rolle

Wie richtig Lindenberg schon 2002 lag, zeigt die jetzige Neuauflage seines Buches. Das Lager der Antitotalitären hat sich inzwischen aufgelöst, da einige der einst antitotalitär Auftretenden liberal geworden, die meisten aber zu den Konservativen abgewandert sind. Nicht wenige gerieten in die Nähe des Front National, wo sie Begriffe wie Autorität, Nation, Ordnung und „wirkliches Volk“ wiederbeleben – etwa Patrick Buisson, Eric Zemmour, Alain Finkielkraut, Maurice Dantec oder Elisabeth Lévy. Sie alle haben reaktionäres Denken durch ihre mediale Präsenz salonfähig gemacht. Ihr Bekenntnis zur französischen Republik kaschiert Ressentiments gegen Fremde und jenes zu Europa vor allem Islamfeindlichkeit. Alle kokettieren mit dem mutmaßlich bevorstehenden politischen Niedergang Frankreichs. Der Bruch, den Lindenbergs Buch 2002 rhetorisch antizipierte, als er von „neuen Reaktionären“ sprach, ist nach 14 Jahren in der politischen Realität angekommen. Lindenberg wurde 2002 noch als Inquisitor, Gedankenpolizist, Hexenjäger und Wirrkopf beschimpft. Davon ist im Jahr 2016 nicht mehr die Rede.

06:00 27.04.2016
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