2.000 Kilometer Freizügigkeit

Nicht in Berlin Die Yonge Street, die im Herzen von Toronto beginnt, ist eine Metapher für das ganze Land
Michael Götting | Ausgabe 44/2015
2.000 Kilometer Freizügigkeit
Kanadier kann jeder sein, der beim Projekt Kanada mitmacht

Foto: Keith Beaty/Toronto Star via Getty Images

Vor den weit geöffneten Türen eines Sportgeschäfts tanzt eine Burkaträgerin zu einem jamaikanischen Ragga-Hit. Auf der Straßenseite gegenüber steht ein Mann auf einem Klappstuhl und erklärt, dass Jesus die Schuld aller Gläubigen auf sich nimmt. Wenige Meter weiter verbreitet der singende Ton einer Erhu, einer filigranen Laute, die Stimmung chinesischer Teehäuser. Das ist die Yonge Street in Toronto, die Straße, auf der das Ideal und der Mythos vom kanadischen Multikulturalismus zu Hause sind. Sie zieht sich über fast 2.000 Kilometer quer durch das Land, vom Lake Ontario im Süden, wo Kanada an die USA grenzt, bis hinauf in die nördlichen Gebiete der First Nations, wo vor allem die indigenen Völker des Landes leben, in den Prärieprovinzen Alberta, Saskatchewan und Manitoba. Es ist die längste Straße Kanadas. Einst war sie sogar als längste Straße der Welt im Guinness-Buch der Rekorde verzeichnet. Die Yonge Street ist jedenfalls die Metapher des Wegs, den die gesamte kanadische Gesellschaft vom späten 18. Jahrhundert bis heute zurückgelegt hat.

Jetzt hat Kanada gewählt, und die Titelseite des Toronto Star, der Tageszeitung der größten Stadt des Landes – deren Redaktion in einem Hochhaus an der Yonge Street Nummer eins sitzt und auf den Lake Ontario hinausblickt –, schmücken tags darauf dicke rote Buchstaben: It’s a new Canada! Es ist ein neues Kanada!

Unter dem Pflaster der Wald

Der Wahlkampf zwischen dem Konservativen Stephen Harper, der das Land fast ein Jahrzehnt lang als Premierminister regierte, und seinem jüngeren, sportbegeisterten, liberalen Herausforderer Justin Trudeau hat in den vergangenen Wochen noch einmal deutlich werden lassen, was so eine multikulturelle Gesellschaft ausmacht. Nichts steht darin jemals wirklich still. Und man hat den Eindruck, dass die Yonge Street mit ihrer Geschichte, ihrem ständigen Umbau. ihrem unablässig tosenden Verkehr, mit all den Burrito-Verkäufern, Sushi- und Schawarma-Läden, den Regenbogenflaggen und asiatischen Schriftzeichen die gesellschaftliche Atmosphäre wiedergibt, die sich in der Vorwahlzeit verdichtete. In den verbalen Schlachten um Wählerstimmen gab es etwa hitzige Debatten über den Sexualkundeunterricht in Grundschulen und die Aufnahme von Flüchtlingen.

Das Nebeneinander und Miteinander all dessen, was Einwanderer aus verschiedenen Teilen der Welt seit Jahrhunderten in dieses Land bringen, wird rechts und links der Straße zu einem Puzzlebild – dessen Vollständigkeit sich aber eigentlich erst dann ergäbe, wenn der Blick auch unter dem Asphalt graben würde. Denn dort schlängeln sich die Pfade der Ureinwohner Nordamerikas entlang, Wege, auf denen britische und französische Händler Pelze transportierten und verkauften.

Wo heute Baustile verschiedener Epochen in einem wilden Mix vereint sind – Hochhäuser mit gläsernen Fassaden ragen in den Himmel, koloniale Prunkbauten hocken an Straßenecken, dazwischen geklemmt sind schmale, dreistöckige Häuser, die vom Beginn der Yonge-Street-Bebauung zeugen –, war früher dichter Wald. Rund 60 deutsche Familien trotzten ihm Ende des 18. Jahrhunderts mit Äxten und Sägen Siedlungsland ab.

Der ewige Trudeau

„Wenn man das Gefühl der Yonge Street richtig erleben will, müsste man all die Läden entlang der Straße besuchen“, sagt Adrien Cheung, ein junger Mann, der in der Nähe der tanzenden Burkaträgerin auf einer Steinbank sitzt. Er schlägt vor, mit einem der vielen koreanischen Geschäfte zu beginnen. Cheung wohnt genau in dem Gebiet, das die deutschen Einwanderer vor 200 Jahren rodeten.

Die Yonge Street ist die Straße Babel, die alle Einwanderergruppen gemeinsam zu dem gemacht haben, was sie heute ist. Aber auch in einer so migrationsgeübten Gesellschaft wie Kanada zeigen sich Ängste. Der nun abgewählte Konservative Stephen Harper hat nicht erst seit dem Attentat auf das Regierungsviertel in Ottawa 2014 versucht, sich diese Ängste zunutze zu machen. Ein bewaffneter Mann hatte im vergangenen Jahr das Parlament gestürmt und einen Wachmann getötet, kurz vorher hatte ein mutmaßlicher Islamist zwei Soldaten mit einem Auto überfahren.

„Wir wollen hier kein 9/11“, sagt Albert William Hockridge, ein älterer Herr, in dessen Erscheinungsbild britische Noblesse und amerikanische Lässigkeit eine selbstverständliche Verbindung eingehen, wenn man ihn auf die Flüchtlingskrise anspricht und auf die Frage, ob Kanada mehr Menschen aufnehmen sollte. Hockridge ist der Besitzer eines nach seiner Familie benannten Porzellanladens im unteren Teil der Yonge Street. 1900 hatte sein Großvater das Geschäft gegründet, dann übernahm es sein Vater. Der Enkel ist vier und soll das Familienunternehmen irgendwann in fünfter Generation weiterführen. „Mal ehrlich“, sagt Hockridge, „es gibt doch keine bessere Gelegenheit als jetzt, Terroristen einzuschleusen, oder?“

Auf den Treppen, die von der Yonge Street hinauf zur Ryerson-Universität führen, sitzt Leila Diallo. Die 18 Jahre alte Studentin sagt: „Es war Zeit für eine Veränderung, und Trudeau ist ein guter Politiker.“ Der neue Wahlsieger ist der Sohn des früheren Premierministers Pierre Trudeau, der in den 60er bis 80er Jahren den Multikulturalismus in die kanadische Verfassung aufgenommen hat. Der Name Trudeau repräsentiert das Bild von Kanada, das die Welt mit diesem Land verbindet – und die Werte, auf die gerade hier, entlang der Yonge Street, viele Kanadier stolz sind.

Der Toronto Star zeigt den jungen Trudeau am Tag nach der Wahl auf dem Titelbild, eine Menschenmenge reckt ihm Hände und Handys entgegen. Das neue Kanada scheint wieder das alte zu sein: ein frisches und freiheitliches Land.

Michael Götting lebt als freier Autor derzeit in Toronto. Im September erschien sein Roman Contrapunctus (Unrast-Verlag, 92 S., 8,90 €)

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06:00 30.10.2015

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