2002: Uribe lässt morden

Zeitgeschichte Im kolumbianischen Medellín verbündet sich die Armee mit rechten Paramilitärs, um ein linkes Viertel aufzurollen, Menschen zu töten oder verschwinden zu lassen
2002: Uribe lässt morden
Ein schwer bewaffneter Soldat fliegt im Jahr 2002 über die kolumbianische Stadt Medellín

Foto: Fernando Vergara/AFP/Getty Images

Wenige Tage nach Beginn von „Operation Orión“ im Oktober 2002 kommt ein paramilitärisches Kommando in die Schule der „Comuna 13“ und fragt nach „la profesora Marta“, der Lehrerin. Die Männer haben Fotos dabei, die Armee beschlagnahmte sie zuvor bei einer Hausdurchsuchung. Doch Marta López Guisao ist an jenem Morgen aus Sicherheitsgründen nicht zur Arbeit erschienen, Gleiches gilt für ihre ältere Schwester. So haben beide überlebt. In den folgenden Wochen suchen sie Zuflucht an verschiedenen Orten der Großstadt Medellín und finden Schutz bei Freunden. „Wir hatten Zyankali-Kapseln dabei. Wir wussten, dass sie uns umbringen, wenn sie uns finden, und zuvor foltern werden.“ Schließlich verlassen sie Medellín.

Heute sitzt die Gemeindeaktivistin Marta López in einem schmucklosen Büro, ihr Gesicht, die halblangen Haare und das blaue Kleid strahlen Würde und Willenskraft aus. „Ich werde nicht aufhören zu lachen, und ich werde nicht aufhören zu kämpfen“, sagt die 49-Jährige trotzig, die seit 2002 in Kolumbien als „militärisches Ziel“ rechter Milizen gilt, was einem Todesurteil gleichkommt.

1992 wurde ihre Familie erstmals von Paramilitärs vertrieben. Sie musste die Nordregion Urabá, einen Teil der Provinz Antioquia, verlassen. Martas Mutter war bei der linken Unión Patriótica (UP) aktiv, die Tochter engagierte sich im Nachbarschaftskomitee und brachte Kindern aus armen Familien das Lesen und Schreiben bei. So wurde aus Marta López „la profesora“. Vielen war die UP ein Dorn im Auge, paramilitärische Banden beendeten das basisdemokratische Experiment mit einem Blutbad. Die Familie López floh nach Medellín, die Hauptstadt der Provinz.

Wie Tausende von Binnenvertriebenen siedelte sie in den neu entstehenden Vierteln an den Hängen Medellíns. Marta López, ihre Schwestern und die Mutter halfen mit, als das Viertel „Olaya Herrera“ knapp oberhalb der „Comuna 13“ aus dem Nichts entstand. Hilfe vom Staat gab es keine. Das Quartier war wie viele andere „illegal“. Weder Stadtverwaltung noch Polizei ließen sich blicken. Die Siedler bildeten Komitees und planten das eigene Viertel: Wo werden Straßen gezogen? Wo stehen die Häuser? Wo können sich die Leute treffen? Noch immer schwärmt Marta López davon, was man damals zustande brachte: die kleinen Häuser aus Holz, Wasserleitungen, ein Gesundheitszentrum, Spielplätze. Marta López baute eine Schule mit auf und arbeitete wieder als Lehrerin; ihre jüngste Schwester Alicia leitete das Gesundheitskomitee. Ende der 1990er Jahre lebten in der „Comuna 13“ etwa 130.000 Menschen, beeinflusst von der Guerilla der FARC, den Fuerzas Armadas Revolucionarias de Colombia, wie der CAP, den Comandos Armados del Pueblo, während die meisten anderen Bezirke Medellíns von den immer stärker werdenden Paramilitärs des Bloque Cacique Nutibara (BCN) und Bloque Metro (BM) kontrolliert wurden. Es kam zu Morden, Entführungen und Schutzgelderpressungen. Dagegen seien in ihren Quartieren die Kriminalität gering und der Umgang solidarisch gewesen, meint López.

Dann plötzlich lieferte ein Infrastrukturprojekt den Grund dafür, dass sich die Stadtoberen doch für die selbstverwalteten Wohngebiete interessierten. Seit 1998 wurde an einem Tunnel gebaut, um Medellín mit Santa Fe de Antioquia zu verbinden. Nun sollten Teile des erst vor wenigen Jahren errichteten Rayons „Olaya Herrera“ für dieses Projekt weichen. Wer dort lebte, der wehrte sich natürlich. Marta López glaubt im Rückblick, das Bauvorhaben kam der Stadt und damit dem Staat sehr gelegen, um den Zusammenhalt der Bewohner in ihren Vierteln zu zerstören.

Paramilitärs konnten ungehindert Stützpunkte ober- und unterhalb der „Comuna 13“ aufbauen. Zugleich errichteten Polizei- und Armeeeinheiten immer häufiger Straßensperren. Am frühen Morgen des 27. Februar 2002 wurden an einer solchen Barriere vier junge Kolumbianer und ein Taxifahrer erschossen. Die Armee behauptete, es habe sich um Guerillakämpfer gehandelt, und präsentierte ein Gewehr, das die Toten besessen hätten. Anwohner hörten hingegen nur einzelne Schüsse, keinen Schusswechsel. Alles deutete auf eine Hinrichtung. Marta López kannte die Toten, es waren ihre Schüler; teilweise nicht älter als 15. Sie eilte aus der Schule in die Rechtsmedizin, wo ein Arzt sie zur Seite nahm und fragte: „Was haben diese Kinder angestellt, dass sie auf diese Weise umgebracht wurden?“

Am 21. Mai 2002 begann die „Operation Mariscal“, die erste großangelegte Militäraktion im innerstädtischen Raum. Noch vor Tagesanbruch drangen etwa tausend Polizisten und Soldaten mit gepanzerten Fahrzeugen sowie aufgepflanzten Maschinengewehren in mehrere Viertel der „Comuna 13“ ein, flankiert von einem großen Medientross. Stundenlang wurde auf alles geschossen, was sich bewegte. Am Ende waren neun Bewohner tot, drei davon noch minderjährig. Drei Tage nach der Operation kamen die Soldaten erneut, diesmal mit Maskierten, die Uniformen ohne Abzeichen trugen und auf Häuser zeigten, die durchsucht werden sollten. Fotos, Ausweise und viele Unterlagen wurden konfisziert. Häufig landeten die Dokumente in den Händen der Paramilitärs. Als Marta López nach Hause kam, fand sie auch ihr Domizil durchsucht, die Schwester Alicia verhaftet wegen „Rebellion“. Es sollte ein Jahr dauern, bis ein Gericht Alicias Unschuld feststellte.

In den Monaten danach lebten die Bewohner von „Comuna 13“ unter einem permanenten Belagerungszustand. Es kam vor, dass die Armee den Paramilitärs junge Männer übergab, die danach nie wieder auftauchten. Andere Bewohner von „Comuna 13“ wurden gezwungen, den Aufenthaltsort mutmaßlicher Guerilleros anzuzeigen.

Am 16. Oktober 2002 begann die „Operation Orión“, zwei Monate zuvor hatte der Ultrarechte Álvaro Uribe den Präsidenteneid geschworen. Der Aufmarsch sollte die Generalprobe für seine „Politik der demokratischen Sicherheit“ sein, um das Militär aufzuwerten und Krieg gegen die Guerilla führen zu können. Diesmal drangen 1.500 Soldaten und Polizisten in die „Comuna 13“ ein, begleitet von Helikoptern, Geheimdienst und Paramilitärs. Auch die Schule wurde während des Angriffs nicht verschont. Stundenlang lagen die Kinder auf dem Boden und suchten Schutz vor Querschlägern. Selbst aus den Hubschraubern wurde geschossen.

Wie die Corporación Jurídica Libertad später mitteilte, kamen bei dieser Strafexpedition 88 Menschen ums Leben, 92 Bewohner der „Comuna“ verschwanden, ohne dass sich jemals wieder eine Spur von ihnen fand. Jahrelang suchten Mütter nach ihren Söhnen. Es wurde vermutet, ihre Leichen könnten unter einer Deponie aus Bauschutt verscharrt sein, genannt „La Escombrera“, die nicht weit von der „Comuna 13“ entfernt liegt. Das ging aus den Aussagen von Paramilitärs hervor, unter anderem von Diego Murillo Bejarano alias Don Berna, des Chefs des mittlerweile aufgelösten BCN. Der ließ durchblicken, „La Escombrera“ könnte eines der größten Massengräber Kolumbiens sein. Nur blieb die Deponie stets in Betrieb, so dass sich Nachforschungen oder gar Ausgrabungen von den Behörden mühelos unterbinden ließen.

Erst im Februar 2018, mehr als 15 Jahre nach den Ereignissen vom Oktober 2002, wagten sich Marta López und ihre Schwester Alicia wieder nach Medellín, um einen Bruder zu besuchen. Nach wenigen Tagen, am Morgen des 2. März 2018, kam ein Mordkommando in das Restaurant des Bruders und schoss Alicia in den Kopf. Marta López ist noch heute fassungslos: „Auch wenn Jahre vergangen waren – das Todesurteil war noch immer gültig. Sie erschossen meine Schwester und dachten, sie hätten mich getötet, die Lehrerin.“ Ausnahmsweise kam es in diesem Fall zu zwei Festnahmen; einer der Täter wurde im Februar 2019 für den Mord zu 40 Jahren Haft verurteilt, allerdings ist das Urteil noch nicht rechtskräftig. Offen blieb die Frage: Wer gab den Befehl? Und warum? – fragt sich Marta López.

06:00 10.09.2019
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