2004: Schwer benommen

Zeitgeschichte Vor zehn Jahren ermordet Mohammed Bouyeri den Regisseur Theo van Gogh. Für die liberale politische Kultur der Niederlande ist das Schock und Zäsur gleichermaßen
2004: Schwer benommen
Die Spurensicherung am Tatort in Amsterdam

Foto: Robin Utrecht / AFP / Getty Images

Ein Körper liegt leblos auf dem Fahrradweg, das linke Bein angewinkelt, das rechte von sich gestreckt. Unter der offenen Jacke trägt er ein blaues Shirt. Oberhalb seines enormen Bauchs ragt der Schaft eines Messers aus der Brust. Das Bild aus Amsterdam-Oost geht um die Welt an diesem 2. November 2004. Theo van Gogh, ein ebenso talentierter Filmemacher wie streitbarer Kolumnist, ist auf offener Straße getötet worden. Der Täter heißt Mohammed Bouyeri und ist Sohn marokkanischer Einwanderer.

Was ist geschehen? Van Gogh, ein entfernter Nachkomme eines der größten Künstler des Landes, ist an diesem Morgen unterwegs zur Arbeit, nach Landessitte mit dem Fahrrad. Bouyeri, mit Bart und Dschellaba, in Amsterdam aufgewachsen und innerhalb kurzer Zeit radikalisiert, schießt ihn an. Van Gogh fällt, kann aber auf die andere Straßenseite fliehen, wo Bouyeri erneut auf ihn feuert und ihm dann die Kehle durchschneidet. Er tritt noch in den zusammengesackten Körper und geht seiner Wege, während van Gogh auf dem Fahrradweg verblutet.

Auf welches Motiv geht eine solch abscheuliche Tat zurück? Dass van Gogh Muslime „Ziegenficker“ genannt hat oder Allah „ein Ferkel“? Oder dass er der somalischen Frauenrechtlerin Ayaan Hirsi Ali beim Drehen ihres Films Submission (Part I) half? Einige Szenen zeigen nackte, geschundene Körper von Frauen, über die es im Drehbuch heißt, dass sie im Namen des Koran misshandelt worden seien. Dass dieses Werk zum Anlass des Verbrechens wurde, darauf deutet ein Drohbrief an liberale Politiker hin, den Bouyeri am Tatort hinterlässt. Das Papier hängt am Messer in van Goghs Brust.

Die Niederlande fühlen sich erneut getroffen und schockiert, nachdem zwei Jahre zuvor der Politiker und Publizist Pim Fortuyn von einem militanten Umwelt- und Tierschützer ebenfalls auf offener Straße ermordet wurde. Das Land scheint wie benommen. Noch am Abend wird es laut in der Hauptstadt: Normalerweise wird der Opfer von Gewaltverbrechen durch einen Schweigemarsch gedacht. Freunde und Angehörige van Goghs haben stattdessen dazu aufgerufen, im Sinne des Toten möglichst viel Lärm zu machen. Es soll ein Zeichen gesetzt werden, dass man sich durch nichts und niemanden ein Schweigen auferlegen lässt. Die Stimmung ist hitzig und gespannt. Empörung mischt sich mit Unsicherheit und Angst. Vizepremier Gerrit Zalm von der Volkspartei für Freiheit und Demokratie (VVD) erklärt wenig später, seine Regierung werde „den islamischen Extremismus und Radikalismus bekämpfen”.

Am gleichen Wochenende beginnt es zu brennen. Zuerst in einer Moschee im Städtchen Uden, wenig später in einer muslimischen Grundschule im gleichen Ort. Weitere Moscheen folgen, auch auf Kirchen werden Anschläge verübt. Die Sorge vor einer Eskalation wächst. In Kommentaren macht gar das Wort vom „Bürgerkrieg“ die Runde. Der Schriftsteller Geert Mak wird später in seinem Essay Der Mord an Theo van Gogh – Geschichte einer moralischen Panik auf diese Periode zurückblicken, er schreibt: „Jeder war in diesen ersten Tagen nach der Tat panisch. Heute glaube ich, dass wir auch den Verlust unserer Unschuld betrauerten. Damals tanzten wir wirklich noch wie die Häschen im Mondenschein, verglichen mit dem Rest der Welt.“ Tatsächlich befinden sich die Niederlande seit dem Aufstieg Pim Fortuyns mit seiner rechtspopulistischen Partei Lijst Pim Fortuyn (LPF) in einer latenten Identitätskrise, sodass der 2. November 2004 wie ein Brandbeschleuniger wirkt. Immer härter wird der Ton in der Debatte um Einwanderung und Integration. Waren die Niederlande einst gerühmt als Musterbeispiel einer toleranten, offenen Demokratie, wird nun der Ruf nach Assimilation und einer harten Hand gegenüber Migranten zum Konsens. In Teilen der Gesellschaft gilt „Multikulti“ bald als Schimpfwort. Das entsprechende Gesellschaftsmodell sei gescheitert, heißt es. Ein Satz, der in Europa Schule machen soll im kommenden Jahrzehnt.

Zum Repertoire beim Entrümpeln einer mutmaßlich anachronistischen Liberalität gehört das Fazit, man sei „zu tolerant“ gewesen und habe zu lange vor Integrationsproblemen die Augen verschlossen. Fortan sollen die klar benannt werden, ganz im Sinne Theo van Goghs auch mit deutlichen Worten und im Namen der Meinungsfreiheit gern mit einem aufgeräumten „Scheiß-Marokkaner“ garniert. Mit anderen Augen sieht man die Warnungen des niederländischen EU-Kommissars Frits Bolkestein vor der Unvereinbarkeit des westlichen Wertekanons mit dem Islam. Zwei Wochen nach dem Mord findet ein TV-Votum zu den „100 größten Niederländern“ statt: Es gewinnt Pim Fortuyn vor Willem van Oranje.

Freilich ist es keinesfalls so, dass dieses Land zuvor einhellig einer offenherzigen Weltläufigkeit oblag und plötzlich innerhalb weniger Monate am Gegenteil Gefallen findet. Es gab immer zwei Lager: das eine sozialdemokratisch und wertliberal geprägt, das andere neokonservativ und zunehmend identitär. Jetzt wandelt sich die Balance, und der niederländisch-britische Publizist Ian Buruma konstatiert im New Yorker: „Konservative, die viele Jahre gewarnt hatten, dass die Einwanderung von Muslimen Probleme bringen würde, fanden unter Ex-Linken neue Alliierte.“

Folglich dominiert das Verlangen nach einem Einwanderungslimit den politischen Diskurs, in dem Identität immer wichtiger wird. Das Wort von den Allochthonen, wie man Ausländer nennt, wird zum Schlüsselbegriff mit erkennbar negativer Konnotation. So werden die Zuwanderungsgesetze verschärft, und es schlägt die Stunde von Politikern, die den aufgebrachten Reflex gegen die vermeintlich abgehobene Elite in Den Haag kultivieren: Rita Verdonk, knallharte Integrationsministerin der marktliberalen VVD, oder ihr einstiger Parteikollege Geert Wilders, dessen Anti-Islam-Attitüden nun mainstreamkompatibel werden.

Von außen betrachtet erscheint es, als hätten sich die Niederländer hinter ihre Deiche zurückgezogen, um aus einer gesicherten Deckung heraus zum Trendsetter zu werden, als sie – ein halbes Jahr nach dem Mord – per Referendum eine EU-Verfassung ablehnen. Zu den leidenschaftlichen Agitatoren gegen den „europäischen Superstaat“ gehören nicht nur der identitäre VVD-Dissident Wilders, sondern auch die linke Socialistische Partij (SP). Das „Nee“ hallt lange nach auf dem Kontinent und wird zu einem von vielen Anstößen für eine bis heute nicht ausgestandene Legitimationskrise der EU.

Dabei hat dieser Rückzug viele Gesichter. Dazu gehört das eines scheinbar unprätentiösen protestantischen Jungen, ohne Charisma, ohne Macken, ohne Visionen – das Gesicht Jan Peter Balkenendes, des christdemokratischen Premiers. Ihn spülen die Nachwehen der Fortuyn’schen Revolte ins Amt, das er während turbulenter Jahre stets von Neuem verteidigt. „Normen und Werte“ sind sein Programm und gelten als bodenständiger Gegenentwurf zum frivolen „Alles kann“ der sozialliberalen Periode in den Neunzigern. Balkenende verkörpert nicht mehr und nicht weniger als Zusammenhalt gegenüber gesellschaftlichen Fliehkräften. Keine seiner vier Amtsperioden kann er zu Ende bringen, doch in einer zersplitternden Parteienlandschaft erweist er sich ein ums andere Mal als kleinster gemeinsamer Nenner.

Zum großen Gegenspieler der gefestigten Ordnung steigt nach 2004 Geert Wilders auf. Bei den Wahlen 2006 triumphiert er mit seinerPartei für die Freiheit, die danach stetig wächst. Wilders, identitär-nationalistisch und mit Anti-Islam-Agenda, verbindet den volkstümlichen Habitus eines Pim Fortuyn mit der aggressiven Rhetorik Theo van Goghs. Er bündelt das Unbehagen der weißen Niederlande, er polarisiert wie niemand zuvor, wird zum Popstar des Rechtspopulismus und findet in zahlreichen EU-Ländern Nachahmer. Letzten Endes ist Wilders bis heute die personifizierte Zuspitzung eines Diskurses, der am 2. November 2004 eine neue, mörderische Dimension erhielt.

06:00 12.11.2014
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