„Das Skandal-Hopping halte ich für kontraproduktiv“

Im Gespräch Die Macht der Verbraucher allein reicht nicht, um die Lebensmittelproduktion grundlegend zu verändern, sagt die Konsumforscherin Bettina Brohmann vom Öko-Institut

Der Freitag: Im Dioxin-Skandal schieben Politik und Unternehmen die Verantwortung dem Verbraucher zu: Der wolle es ja so billig. Den Preisdruck auf die Erzeuger üben aber als erstes Industrie und Supermärkte aus, die umso mehr Profit machen, je günstiger Essen hergestellt wird. Wie groß ist denn die Mitschuld des Verbrauchers?

Bettina Brohmann:

Ich würde hier nicht von Mitschuld sprechen, das ist doch sehr polemisch vor dem Hintergrund der kriminellen Energie, die in diesem Fall freigesetzt wurde. Aber über Verantwortung an der Ladentheke muss man in dem Zusammenhang schon etwas genauer nachdenken.

Lebensmittelskandale, Berichte über Zusatzstoffe und Verbraucher-Appelle, anders einzukaufen, gibt es schon seit Jahrzehnten, geändert hat sich wenig. In Umfragen sagen die Leute, dass sie am liebsten auf dem Wochenmarkt kaufen und bereit wären, mehr Geld für Lebensmittel auszugeben. Tatsächlich kaufen 98 Prozent der Verbraucher im Discounter. Der Alltag vieler erlaubt es kaum, so viel Aufmerksamkeit dem Einkauf zu widmen. Ist die Macht des Verbrauchers ein Märchen?

Sicher ist Verbrauchermacht kein Märchen – man denke an die durchaus erfolgreichen Kampagnen und Boykottaktionen gegen Shell und Nestlé. Und auch beim Einkaufsverhalten muss man sehr genau hinschauen, von welchem Effekt man spricht. Richtig ist, dass Alltagsroutinen unser Verhalten mitbestimmen. Neben emotionalen Faktoren spielen auch Gewohnheiten und Identität stiftende Aspekte von Produkten beim Einkauf eine Rolle. Auch die sind aber durchaus rational. Es folgt glücklicherweise nicht alles der klassischen ökonomischen Rationalität, jede Akteursgruppe hat ihre eigene Rationalität.

Aber genau das zeigt doch etwa der Shell-Boykott: Er war willkürlich. Er hat nichts am Kerngeschäft von Shell und erst recht nichts am Geschäft mit dem Öl geändert. Und die Leute sind nicht weniger Auto gefahren, sondern haben einfach woanders getankt.

Natürlich können Boykottaktionen nicht die Welt und die Strukturen ändern. Aber sie zeigen, dass Mobilisierung möglich ist – das sendet Signale an Unternehmen. Wir gehen davon aus, dass diese auch verstanden werden. Man kann in Unternehmen damit zumindest aufgeschlossene Menschen erreichen. Wie groß der Einfluss darauf ist, ob sie dann ein optimiertes oder anderes Produkt auf den Markt bringen oder nicht, ist eine andere Frage. Aber solche Aktionen schaffen Aufmerksamkeit und Bewusstsein.

Auch Lebensmittelskandale schaffen Aufmerksamkeit. Haben die also einen positiven Effekt?

Ich halte das Skandal-Hopping für kontraproduktiv. In der kurzen Zeit schafft man es nicht, Weichen zu stellen und die Dinge zum Positiven zu wenden. Bei den Menschen führt das eher zum Rückzug und schließlich zu Gleichgültigkeit. Und es erweckt den Eindruck, es handle sich bei den Verursachern des Skanals um schwarze Schafe. Der Rückschluss auf eine Struktur und Systemkritik fallen dabei schwer – das kriegen vor allem die hin, die sowieso schon überzeugt sind.

Wie Preise zustande kommen, wissen nur die wenigsten.

Absolut richtig, die Zusammensetzung von Preisen ist vollkommen intransparent. Häufig hindern auch Strukturen die Menschen daran, sich anders zu verhalten: Es gibt unzählige Siegel, es fehlen ­Angebote, manche Produkte sind nur mit viel Aufwand erhältlich, Verkaufsberatungen sind widersprüchlich, Produktinformationen unzureichend. Ich sehe jedoch durchaus Möglichkeiten für Verbraucher, mehr Sicherheit zu gewinnen, zum Beispiel durch den ­Zusammenschluss in Einkaufskooperativen oder die Zusammenarbeit von Produzenten, Anbietern und Verbrauchern, wie dies bereits in zahlreichen Modellvorhaben zur regionalen Nachhaltigkeit Alltag ist. Hier können gemeinsame Qualitäts- und Informationsansprüche formuliert, ein­gefordert und auch bewertet werden.

Mittlerweile verspricht jedes Unternehmen, Verantwortung zu übernehmen. Firmen, die tatsächlich anders wirtschaften, haben es dadurch noch schwerer, sich gegenüber denen abzusetzen, die dies einfach nur behaupten.

Zum einen sind solche Unternehmen gefragt, Trittbrett­fahrer zu identifizieren und zu diskreditieren. Darüber hinaus muss man mit wissenschaft‑ lichen und politischen Mitteln den Wald der Siegel lichten und konkrete Standards fordern und – wenn möglich – auch gemeinsam mit Unternehmen umsetzen.

Dafür bräuchte es Stellen, die die Versprechen neutral bewerten. Können die bestehenden Verbraucherorganisationen das leisten?

Eine neutrale und zentrale Interessensvertretung mit Verhandlungsmacht ist un­abdingbar. Leider hat die Politik zum Beispiel die Verbraucherzentralen bis zur Schmerzgrenze finanziell aushungern lassen. So etwas schafft erneut ein Ungleichgewicht.

Der Ansatz des Öko-Instituts ist es, dass Verbraucher, Politik und Industrie jeweils ein Drittel des Veränderungsdrucks erzeugen müssten. Wie könnte das aussehen?

Zusammengefasst gehören dazu Elemente einer partizipativen Verbraucher- und Produktpolitik, verbindliche Nachhaltigkeitsstandards mit Überprüfungen sowie eine Rahmen setzende und kontrollierende Politik.

Am längsten Hebel sitzt die Lebensmittelindustrie. Und die hat das geringste Interesse an Veränderung. Verdeckt der Appell an die Verbrauchermacht diesen Umstand nicht?

Aus diesem Grund reicht es nicht, allein auf die Macht des Verbrauchers zu setzen. Wir müssen immer alle drei Entscheidungsebenen mitdenken. Sinnvolle Gestaltungsvorsch­läge verbessern erstens den gesetzlichen Rahmen und dessen effektivere Kontrolle, zweitens die Bedingungen der Produktion und drittens die des Konsums.

Liegt es also am Bürger, die Politik dazu zu bringen, die Industrie zu zwingen, saubere, gesunde und gerecht produzierte Lebensmittel herzustellen?

Der Konsument ist immer auch als Bürger gefragt und er kann und sollte seinen politischen Einfluss wahrnehmen, beispielsweise indem er fordert, dass die Politik die angekündigten verbesserten Kontrollen und verpflichtenden Tests auch umsetzt.

Der Bio-Boom der vergangenen Jahre gilt als Beleg für Verbrauchermacht – grund­legend geändert hat er aber nichts. Der Marktanteil von Bio liegt nur bei 3,5 Prozent – um ihn zu steigern passt sich die ökologische Land- und Lebensmittelwirtschaft eher der konventionellen an.

Ich bin nicht der Meinung, dass der so genannte Bio-Boom bisher nichts bewirkt hat. Es braucht auf lange Sicht grundsätzliche, strukturelle Veränderungen in der Landwirtschaft und der verarbeitenden Industrie. Aber Sie dürfen die Schritte dorthin in ihrer Vorbildfunktion nicht unterschätzen! Die Kürzung ­respektive die Streichung der staatlichen Unterstützung von Bauern bei der Umstellung auf ökologischen Landbau ist natürlich das falsche Signal im Qualitätswettbewerb und gehört zurückgenommen. Unternehmen, die sich um die Vermarktung regionaler und nachhaltig erzeugter Produkte besonders bemühen, sollten durch politische Instrumente im Markt gestärkt werden.

Die Bio-Esser bilden aber in erster Linie keine politische Bewegung. Der Bio-Boom wurde vor allem durch Motive wie Gesundheit und Genuss befördert. Die Idee des ökologischen Landbaus trat hinter Bio-Steak aus Brasilien und Bio-Erdbeeren im Winter zurück.

Sicher muss man kommunizieren, dass nicht allein der Gesundheitsaspekt für Bio spricht. Auch regionale und jahreszeitliche Aspekte müssen im Vordergrund stehen. Ebenso sollten die Umwelt­vorteile, die etwa eine fleischärmere Ernährung hat, bewusster werden. Da tut sich schon einiges, wie man an der ausführlichen Berichterstattung über die Klimawirkungen von Fleisch und Ernährung derzeit sehen kann.

Vergangene Woche legte Verbraucherschutzministerin Ilse Aigner als Konsequenz des Dioxin-Skandals ein Zehn-Punkte-Programm vor. Reicht das aus?

Es reicht sicher nicht als umfassende Strategie aus, zumal es sich ja nahezu ausschließlich auf den Futtermittelpfad bezieht. Und die vorgeschlagene neue Plattform zur Lebensmittelwarnung ist wieder mal eine am Ende ansetzende Aktivität. Dabei müsste es um die verbesserte Kontrolle des gesamten Produktionsweges gehen. Auch wenn – wie der vorletzte Skandal um verseuchte Bio-Eier gezeigt hat – die Produkte aus biologischem Anbau nicht immer und garantiert frei sind von Belastungen, sollten Verbraucher davon ausgehen können, dass diese Anbauweise zumindest in Teilbereichen nachhaltiger ist und einer funktionierenden Qualitätskontrolle unterliegt.

Bettina Brohmann ist Leiterin des Bereichs Energie und Klimaschutz am Öko-Institut Darmstadt. Zwei der Forschungsschwerpunkte der Sozialwissenschaftlerin sind nachhaltiger Konsum und Risikokommunikation. Sie ist Mitautorin des Positionspapiers .

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10:30 20.01.2011

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