„Die Fallhöhe für Künstler ist niedriger“

Alltagsrituale (14) Wie erleben Zuwanderer ihren Alltag in Deutschland? Die Schweizerin Valérie Favre über die discoähnliche Berliner Kunstszene

Deutschland hat mich eigentlich nie interessiert, von Berlin hatte ich wenig Ahnung. Durch mein Schweizer Elternhaus war ich eher auf London, die USA oder natürlich Paris gepolt – dort habe ich auch viele Jahre als Malerin gearbeitet. Dann kam der Mauerfall und hat meine Sicht auf Berlin total verändert. Ich war beeindruckt – trotzdem hat es bis 1996 gedauert, bis ich das erste Mal nach Berlin reisen konnte. Damals war ich als Malerin in Frankreich schon etabliert, hatte eine gut gehende Galerie, die sich um meine Ausstellungen kümmerte, und wenig Grund, mein Umfeld zu verlassen. Eine Gruppenausstellung über zeitgenössische französische Künstler hat mich nach Berlin geführt. In einem heißen August brachten wir unsere Arbeiten ins Künstlerhaus Bethanien. Kaum jemand kam, weil alle nach draußen strömten. Ich bin also oft durch Kreuzberg und Mitte gestreift und hatte den Eindruck, noch nie so viele Menschen gesehen zu haben, die Hand in Hand gehen. Paris gilt zwar als Hauptstadt der Liebe, aber so etwas kannte ich von dort nicht. Berlin war damals ein riesiges Loch, eine Baugrube – und für mich ein Versprechen, eine Chance darauf, eine Stadt ganz neu grundieren zu können, vielleicht auch durch Kunst.

Schlecht beheizte Ateliers

Mein Abschied von Paris hat dennoch zwei Jahre gedauert. 1998 zog ich endgültig nach Berlin, vagabundierte erstmal durch die verschiedenen Stadtteile. Erst kam ich bei Freunden im Wedding unter, wohnte dann in Friedrichshain und später im Prenzlauer Berg. Ateliers hatte ich an ebenso vielen verschiedenen Orten, gemeinsam war ihnen nur, dass sie oft schlecht beheizt waren und man schnell von den Besitzern rausgeschmissen werden konnte, wenn es ihnen gerade in den Kram passte.

Mich hat das aber kaum gestört – es war einfach fantastisch, überhaupt so schnell an günstigen Raum kommen zu können. In Paris wäre das nicht möglich: Die Quadratmeterpreise haben Phantasiehöhen. Künstler haben wenig Möglichkeiten, in der Stadt zu arbeiten, sie müssen entweder günstigere Ateliers in den Vororten mieten oder in andere Städte ziehen. Dadurch gibt es am Ende weniger Künstler als in Berlin, denn wer in Paris keine Galerie hat, der existiert künstlerisch im Grunde nicht. Wer in Berlin keine Galerie hat, macht seinen eigenen Laden auf, notfalls in einem Untergrund-Projekt. Außerdem ist die Kunstszene in Deutschland nicht so zentralistisch organisiert: München oder Düsseldorf haben phantastische Museen und Galerien und außerdem mehr Bewohner, die es sich leisten können, die ausgestellten Arbeiten auch zu kaufen.

Die große Berliner Vielfalt hat zwei Folgen: einerseits einen größeren Wettbewerb, andererseits wird eine riesige Spielwiese für Dilettanten eröffnet. Beides ist positiv. Der Wettbewerb führt bestenfalls dazu, dass sich alle ein bisschen mehr anstrengen, um einer der etwa zwanzig Galerien aufzufallen, von denen alle Künstler gern vertreten werden wollen. Dieser Pool von Galerien ist wirklich recht klein – ich werde aber keine Namen nennen. Und der Spielwiesen-Effekt ist für alle diejenigen eine große Chance, die sich noch suchen. Im Kunst-Gewimmel fällt es kaum auf, wenn man in einer kleinen Sammelausstellung ein schlechtes Bild aufhängt. Die Fallhöhe für Künstler ist niedriger, weil die vielen hundert Kunstprojekte, die nebeneinander herlaufen, einfach weniger wahrgenommen werden als in Paris. Dort muss man wirklich unheimlich kämpfen, um überhaupt ausstellen zu können. In Berlin ist es wie in einer Kunst-Disko: Man kann ständig Ausstellungen sehen, dort Leute treffen, ein Bier trinken und wieder nach Hause gehen.

Es soll möglichst flott gehen

Das ist natürlich sehr anziehend, gerade für die vielen ausländischen Künstler, die es in ihrer Heimat schwerer haben. Viele wittern die Chance, entdeckt zu werden. Wenn man aus der französischen Provinz kommt, macht das Spaß, führt aber nicht zu einer wahrnehmbaren und eigenständigen künstlerischen Position, die man sich nur in langen Jahren erarbeiten kann. Die Erwartung vieler junger Künstler, auch meiner Studenten, ist jedoch, dass es flott gehen soll. Das liegt sicher daran, dass man auch in Berlin immer mehr nach jungen Talenten sucht, und dass viele Galeristen und Sammler umherstreifen, die nach ihnen suchen. Bei mir hat es sehr lange gedauert, bis ich in Berlin künstlerisch angekommen bin. Es ist für Frauen immer noch schwieriger als für Männer. Glücklicherweise war ich bei meiner Ankunft hier schon Ende 30. In dem Alter geht es nicht mehr so sehr darum, wie man aussieht, wenn man vor seiner Leinwand um Ausdruck kämpft.

Protokoll: Hanna Engelmeier

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Kosmopolitisch und klamm

In einer Studie über junge ausländische Künstler in Berlin wurde ermittelt, dass viele, die hierher kamen, weniger an deutscher Kultur und Sprache interessiert waren, sondern mehr an der Kunstszene Berlins und der (noch) einzigartigen Gabe der Stadt, auf niedrigem ökonomischen Level selbstbestimmt und lässig leben zu können. Fast nirgends begegnet man einem so kosmopolitischen Gewimmel wie auf Vernissagen. Nicht nur wegen dieser vielseitigen Galerie-Szene, auch wegen des Zuzugs der Künstler konkurriert Berlin als Kunststadt nicht mehr mit Köln und Basel, sondern mit London, Paris und New York. Berlin muss wissen, dass der Zustrom an Talenten den einzigartigen Sockel bildet, durch den die Stadt für Top-Galerien und erstklassige internationale Künstler attraktiv ist, auch wenn es kein kaufkräftiges Kulturbürgertum gibt. Das Heer der Künstler, die niemals zur Spitze zählen werden, ist aber notwendig, um Spitze zu sein. Dieses internationale Gewoge ist einer der wichtigsten Posten im kulturellen Kapital Berlins.

Hartmut Böhme lehrt Kulturtheorie am Kulturwissenschaftlichen Seminar der Humboldt-Universität Berlin. Er begleitet die Serie mit kurzen, theoretischen Einordnungen.

In der Reihe Wie uns die Anderen sehen, konzipiert von Hanna Engelmeier und Marco Formisano, haben wir eine besondere Gruppe von Zuwanderern in Berlin um ihren alltags-kulturellen Blick auf die Stadt gebeten: Wissenschaftler, Architekten, Mediziner, Schauspieler und Künstler erzählen von ihrer bisweilen schon vertrauten, aber oft auch noch fremden Heimat. Durch ihre Arbeit haben sie einen geregelten Zugang zu Stadt und Bewohnern, aufgrund ihrer Herkunft ein besonderes Gespür für die Unterschiede in der Bedeutung alltäglicher Praktiken. Im nächsten Teil der Serie erzählt die Portugiesin Filipa Frois Almeida von ihrer Sehnsucht nach einem weiten Blick in der Stadt, von der Magie der Flüsse, und warum sie sich trotz großer Flächen in Berlin manchmal etwas beengt fühlt.

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12:00 26.04.2011

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