„Die islamische Welt wird zerbrechen“

Im Gespräch Der ägyptische Politologe Hamed Abdel-Samad über Spiritualität, Muslime in der Isolation und die Notwendigkeit eines postkoranischen Diskurses

Der Freitag: Herr Abdel-Samad, Alice Schwarzer warnt vor einer Einführung der Scharia in Europa. Sie dagegen beschwören den Untergang der islamischen Welt. Woran erkennen Sie den?

Hamed Abdel-Samad:

Wenn jemand selber schwächelt, dann sieht er in seinen Gegenüber etwas Übermächtiges. Und dieses Spiel spielen die islamische Welt und Europa seit Jahrzehnten. Jeder fühlt sich überflutet. Die islamische Welt hat keine Instrumente, mit denen sie Europa erobern könnte. Im Zeitalter der Nanotechnologie und Globalisierung reicht Demographie nicht mehr aus, um die Welt zu beherrschen. Die islamische Welt hat ernsthafte Probleme mit Bildung, wirtschaftlicher und politischer Stabilität. An diesen Problemen wird die islamische Welt zerbrechen. Das ist meine Prognose.

Sie betonen, dass Sie vom Glauben zum Wissen konvertiert sind. Steht der Glaube grundsätzlich im Widerspruch zum Wissen?

Der persönliche Glaube nicht, aber der kollektive Glaube schon, weil der Glaube, wie viele Muslime ihn heute verstehen, als eine geistige Mauer verstanden wird, die zwischen ihnen und dem Rest der Welt steht. Ich distanziere mich von diesem Glauben, der die Welt in Gläubige und Ungläubige unterteilt. Das macht die islamische Welt nicht mehr integrationsfähig für das Wissen der anderen.

Es gab doch in der islamischen Geschichte viele Hochkulturen etwa in Andalusien oder im indischen Subkontinent, die Vorreiter in den Wissenschaften waren.

Der Islam hat diese Hochkulturen nicht hervorgebracht, sondern das war die Integrationsfähigkeit der damaligen Muslime für das Wissen anderer. Man übersetzte die Werke der alten Griechen. Man arbeitete mit Persern und Juden zusammen. Heute distanzieren sich viele Muslime von der damaligen Geisteshaltung der Welt­offenheit, der Neugierde, der Übersetzung. Heute übersetzt die ganze islamische Welt zusammen weniger als Spanien.

Hat die zivilisatorische Krise der arabischen Welt primär etwas mit der Religion Islam zu tun, oder nicht vielmehr mit den modernistischen, ideologischen Ausartungen des Islam?

Es ist falsch, den Islam für alle Probleme verantwortlich zu machen – sowohl aus soziologischer als auch aus historischer Perspektive. Die Religion, wie sie heute von vielen Muslimen verstanden wird, ist aber auch ein Teil des Problems.

Sie fordern in Ihrem neuen Buch einen postkoranischen Diskurs, und fordern die Muslime auch auf, dass sie den Koran nicht mehr als göttliche Offenbarung einstufen sollen. Was bleibt dann noch vom Islam übrig?

Der Islam und der Koran haben für mich zwei Seiten. Es gibt die spirituelle Seite, gegen die ich absolut nichts habe. Ich achte sie. Aber es gibt auch die juristisch- politische Seite, der politische Anspruch des Korans. Diese Seite ist aber im 7. Jahrhundert geboren für die ­Bedürfnisse des 7. Jahrhunderts. Wenn wir es schaffen, die Religion und den Koran auf die Spiritualität zu reduzieren, und ihre politische Dimension in ihrem historischen Kontext zu sehen, dann neutra­lisieren wir auch die politischen ­Ansprüche dieser Seite. Dadurch bleibt aber immer noch jede ­Menge übrig vom Islam und ­Koran.

Sie schreiben, dass der Islam als Kultur untergehen wird. Ist Islam denn überhaupt eine Kultur? Konvertiten sehen das selten so. Aber wenn dies so wäre – ist etwa das Fasten im Ramadan oder das fünfmalige Gebet am Tag nicht kompatibel mit der europäischen Kultur?

Mit der Spiritualität habe ich gar kein Problem. Ich habe ein Problem mit der juristisch-politischen Seite, mit den Ansprüchen, die einige Muslime erheben im Namen ihres Glauben. Die meisten Konvertiten, die sich zum Islam hingezogen fühlen, achten diese spirituelle Seite. Meistens sind das Sufis, die die spirituelle Seite des Islam

erkennen. Aber diejenigen Konvertiten, die über die politische Schiene kommen, die jagen sich in Afghanistan in die Luft.

Wieso ist gerade in der ara­bischen Welt dieser spirituelle Reichtum verloren gegangen?

Einer der Gründe für den Untergang der islamischen Welt ist, dass diese spirituelle Seite nicht mehr vorhanden ist. Man reduziert die Religion immer auf politische Symbole und verhärtete Moral­vorstellungen, und vergisst den Geist und den Ursprung, der ­damals eigentlich auch dieser Kultur zu einer Blütezeit verholfen hat. Diese Offenheit und dieses Selbstbewusstsein sind nicht mehr vorhanden. Diejenigen, die den Namen Gottes auf der Straße ­rufen, haben ihn längst in ihren Herzen verloren.

Sie behaupten, dass unter der ­Bedingung der Vollbeschäftigung die Gastarbeiter nicht auf die Idee kamen, repräsentative ­Moscheen zu bauen: „Erst als aus den Gastarbeitern viele Gastarbeitslose ­geworden sind, wollten sie prachtvolle Moscheen bauen, um zu beweisen, dass sie in Europa angekommen sind.“ Es sind doch aber die hier geborenen Muslime, die Deutschland als ihre Heimat betrachten, aus den Hinterhof-Moscheen hinaus und in die Mitte der Gesellschaft wollen.

Ich habe absolut nichts gegen repräsentative Moscheen. Ich habe etwas dagegen, dass das Thema Integration mit dem Thema Moscheebau verknüpft wird. Wenn die Moschee steht, haben wir dann Integration geschafft? Eine Moschee schafft keine Integration. Moscheen sind Orte, wo man betet. Dagegen habe ich nichts. Das Problem ist aber, dass viele Immigranten und mittlerweile auch viele Politiker Moscheebauten als Symbol für gelungene Integration sehen.

Die großen Gelehrten der ­islamischen Geschichte haben kontrovers über theologische Sachverhalte diskutiert. Warum gibt es solche Diskussionen nicht mehr?

Ich glaube, je mehr sich die Muslime von der Zeit des Propheten entfernt haben, desto größer wurde die Sehnsucht und die Unantastbarkeit der heiligen Texte. Das führte dazu, dass man Angst hatte sie anzutasten. Dazu kamen natürlich die schweren Niederlagen, die die Muslime 1258 gegen die Mongolen erlitten haben. Das hat zu einem Bruch in der islamischen Zivilisation geführt. Es hat aber auch etwas mit dem Selbstbewusstsein zu tun. Es gab Zeiten, da wurden im Palast des Kalifen polemische Wettbewerbe zwischen muslimischen, jüdischen und christlichen Dichtern veranstaltet, welche die Religionen der jeweils anderen kritisierten. Muslime waren selbstbewusst und hatten nichts dagegen. Heute spürt man die eigene Schwäche, will es aber nicht zugeben. Deshalb fühlt man sich gekränkt, wenn von anderen Kritik geäußert wird. So kastriert sich eigentlich eine Kultur selbst, wenn Kritik von Außen als Kriegserklärung, und Kritik von Innen als Verrat aufgefasst wird.

Können die Muslime hier in Europa eine neue Entwicklung in Gang bringen?

Wenn ich keine Hoffnung hätte, würde ich kein Wort schreiben. Muslime in Europa können sich abnabeln von diesem Verständnis der Religion als einer Symbiose von Religion und politischer Macht. Sie können sich lösen von dieser Autoritätshörigkeit. Leider erleben wir, dass viele Muslime hier lieber in die Isolation geraten. Sie frieren das, was sie aus der Heimat importiert haben, ein und nennen das dann Identität. Das ist ein Hindernis für die Integration, aber auch für die Rettung der islamischen Zivilisation.

Nach der islamischen Tradition waren die Gelehrten nie wie heute Lohnempfänger oder Staatsbeamte, sondern unabhängig. Muss man die Gelehrten inzwischen vor Einflussnahmen durch staatliche oder andere Autoritäten befreien?

Absolut, und dafür setze ich mich auch in der Islamkonferenz ein, dass die Imame in den muslimischen Verbänden auch unabhängiger werden. Sie sollten nicht nur islamische Theologie studieren, sondern auch Philosophie. Das ist sehr wichtig, das fehlt uns sehr.

Hamed Abdel-Samad wurde 1972 als Sohn eines sunnitischen Imams geboren und kam 1995 nach Deutschland. Bekannt wurde er 2009 mit Mein Abschied vom Himmel. Abdel-Samad ist Teilnehmer der Islamkonferenz Das Gespräch führte Eren Güvercin

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12:30 14.10.2010

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