Torsten Landsberg
06.01.2012 | 10:00 1

„Die Maya waren nur präzise Rechner“

Im Gespräch Noch immer wird die Hochkultur Lateinamerikas zu sehr aus christlicher Perspektive gesehen, sagt Nikolai Grube

Der Freitag: Herr Grube, nach einer Deutung des Maya-Kalenders steht am 21. Dezember 2012 das Ende der Zivilisation bevor. Müssen wir uns darauf einstellen, dass bald alles vorbei ist?

Nikolai Grube: Ich glaube, die Frage beantwortet sich von selbst: Wir müssen es nicht.

Was spricht dagegen?

Tatsächlich können wir uns bei all diesen Visionen und Prophezeiungen nicht auf die Maya stützen. Das muss man ganz deutlich sagen: Es gibt nicht einen einzigen authentischen Beleg für Prophezeiungen der Maya über einen Weltuntergang. Das sind Dinge, die werden den Maya in den Mund gelegt, die haben mit ihrer Kultur nichts zu tun. Es gibt keine Maya-Prophezeiungen zum Jahr 2012, das Jahr spielt für die Maya nur eine sehr geringe Rolle.

Wie ist es dann zur Be­rechnung dieses Datums gekommen?

Der 21. Dezember 2012 ergibt sich tatsächlich aus dem Maya-Kalender, denn an diesem Tag endet der dreizehnte 400-Jahres-Zyklus seit der Erschaffung der Welt in der Vorstellung der Maya. Damit ist aber nicht das Ende der Welt gemeint und es geht auch nicht einher mit dem Ende des Kalenders. Wir wissen, dass die Maya den Kalender viel weiter dachten und über viele tausende und hunderttausende von Jahren in die Zukunft rechneten. Für die Maya beginnt nach dem 21. Dezember der 14. Baktun, ein weiterer 400-Jahres-­Zyklus, also einfach der Übergang vom einen Zyklus in den anderen.

Wenn der Weltuntergang den Maya in den Mund gelegt wurde: Wo ist es in der Überlieferung zu Missverständnissen gekommen?

Es gibt in der Kolonialzeit, im 16. und 17. Jahrhundert, eine Reihe von schriftlichen Aufzeichnungen in lateinischer Schrift, aber in Maya-Sprache, die so genannten Chilam-Balam-Bücher, in denen apokalyptische Prophezeiungen vorkommen. Da steht, dass irgendwann das Ende der Zeit sein wird, dass die Götter vom Himmel herabsteigen werden, also sehr kryptische Prophe­zeiungen. Die sind wohl entstanden unter dem Eindruck der christlichen Mission und der Auseinandersetzung der Apokalypse des Johannes und der franziskanischen Endzeitvision. Also im weitesten Sinne die judeo-christliche Tradition, die sich hier mit den Maya-Vorstellungen vermischt hat. Das ganze ist dann im 20. Jahrhundert verbunden worden mit der Idee, dass der Maya-Kalender 2012 enden würde.

Sie sprechen vom Missionieren, von der Idee des Jüngsten Gerichts, von einem Ereignis, das es zu fürchten gilt?

Genau, diese Vorstellungen sind von den Franziskanern nach Mexiko gebracht worden, um die indigene Bevölkerung zu missionieren und auch ein Machtinstrument zu haben, mit dem man sie dann bei Missverhalten und dem Verletzen der Glaubensvorschriften des Katholizismus bedrohen konnte.

Kritiker sagen, dass die Maya-Kultur erst in Jahrzehnten erforscht sein wird und viele Deutungen deshalb unzulässig sind.

Das ist klar, aber das gilt für alle alten Gesellschaften. Die Maya-Forschung ist klein, es ist eine sehr begrenzte Forscher-Community, die sich damit befasst. Es sind tausende von Texten und tausende von Orten, in denen Inschriften gefunden worden sind und gefunden werden. Da steht uns noch sehr, sehr viel Arbeit bevor, das macht die Maya-Forschung sehr spannend. Dennoch glaube ich: Das, was wir bis jetzt wissen, steht auf soliden Füßen und das kann man auch nach außen tragen.

Sie sagten, die Maya waren sehr präzise. Was haben sie denn in ihren Tempelanlagen untersucht?

Sie haben vor allem Horizontastronomie betrieben, das heißt, sie haben die Aufgangspunkte von Sonne und Mond und auch Planeten und Fixsternen am Horizont gesehen, vermessen und datiert. So ergab sich eine präzise Vorstellung vom Sonnenjahr, von der Länge des tropischen Jahres von 365,24 Tagen. Sie konnten Tagundnachtgleiche berechnen und auch Mond- oder Sonnenfinsternisse exakt vorhersagen.

Wenn vieles noch unerforscht oder falsch über­liefert ist: Haben die Maya tatsächlich im mexikanischen Uxul das Ende der Welt verortet?

Ich weiß nicht, woher diese Vorstellung kommt. Uxul ist der Ort, wo wir gerade ausgraben, das ist mein gegenwärtiges archäologisches Projekt. Der Name Uxul bedeutet „am Ende“, das ist aber ein moderner Name, der dem Ort in den 1930er Jahren von Archäologen nach einer mehrmonatigen Expedition in das Urwaldgebiet von Süd-Mexiko gegeben wurde: die letzte Stätte, die sie fanden auf ihrer Expedition, als bereits Nahrungsmittel und Wasser zuneige gingen und sie krank waren, die hatten sie dann Uxul genannt, weil alles am Ende war – einschließlich der Nerven der Archäologen. Aber das hat nichts mit dem Ende der Welt zu tun.

Woher kommen diese unzähligen Interpretationen?

Man kann im Grunde sagen, was man will. Viele Dinge geraten in den Sog von 2012 und werden umgedeutet, sodass sie eine prophetische Konnotation bekommen. Das Jahr 2012 ist ja vor allem ein Internetphänomen, es gibt auf den Webseiten so unendlich viele Vorstellungen, was an diesem Tag alles passieren soll. Das Datum an sich ist natürlich magisch, es ist die Wintersonnenwende, dann die Zahlenkombination, für Zahlenspieler ein gefundenes Fressen. Was immer dahinter steht: Die Maya hatten keine Möglichkeiten, astronomische oder kosmologische Zyklen von solch großen Dimensionen zu berechnen oder zu messen. Sie waren zwar hervorragende Astronomen, aber was sie interessierte, waren Planeten, die Sachen, die man mit bloßem Auge beobachten konnte. Da waren sie auch sehr präzise, aber es ging nicht etwa um die Präzession der Erdachse.

Wie muss man sich Uxul vorstellen?

Uxul ist eine Maya-Stadt im tropischen Regenwald des mexikanischen Bundesstaates Campeche, ganz am Ende der Welt, kann man schon sagen, der bewohn­baren Welt. Es ist extrem schwer, dort hin zu ge­langen. Es handelt sich um einen Ort, dessen Blütezeit wahrscheinlich zwischen 500 und 700 nach Christus gelegen hat mit einer Reihe von großen Tempelanlagen und einem sehr großen Palast, in dem wir eine Serie von hochinteressanten Reliefs gefunden haben. Es gibt viele öffentliche Freiflächen, auf denen Prozessionen durchgeführt wurden.

Gibt es nach heutigen Erkenntnissen etwas, das wir von den Maya lernen können?

Ich glaube nicht, dass wir ­direkt etwas von alten Kulturen lernen können. Wir haben immer das Gefühl, wenn man Archäologie ­betreibt, dann muss das ­einen Nutzen haben, der sich sofort in Heller und Pfennig abzeichnet in unserer kapitalistischen Welt. Man kann vielleicht sagen, die Maya und viele andere Zivilisationen auf dem ­amerikanischen Kontinent lehren uns, dass es eben auch außerhalb von Europa bedeutende Kulturent­wicklungen gegeben hat. Und dass wir vielleicht etwas bescheidener sein sollten und die globale Vergangenheit verstehen müssen, die unterschiedlichen Traditionen, aus denen sich unsere moderne Welt zusammensetzt.

Das Interview führte Torsten Landsberg

Nikolai Grube lehrt Altamerikanistik an der Universität Bonn. Schwerpunkt seiner Arbeit ist die Maya-Forschung, insbesondere die Deutung der Maya-Inschriften. Grube nahm an zahlreichen Forschungsprojekten in Lateinamerika teil und dozierte mehrere Jahre an der University of Texas. Er ist Autor des Buches Maya Gottkönige im Regenwald

Kommentare (1)

tlacuache 08.01.2012 | 09:03

Eins kann man von den Mayas schon lernen:
Ueberbevoelkerung und Ressourcenverschwendung kann zum Untergang einer Gesellschaft fuehren.

3300 bis 3800 Mann auf einen Km2, ohne Hochhäuser, Au Backe
(Ancient Maya City of Sayil: The Mapping of a Puuc Region Center, Sabloff,Tourtellot) :-(
und 10 Bäume abqualmen fuer einen m3 Mörtel...
Und es kommt ja jetzt gar kein Regen mehr, ohne Wald, komisch... :-((