„Diese Auftritte haben etwas sehr Absurdes“

Im Gespräch Martin Roth, Mitinitiator der Pekinger Ausstellung „Die Kunst der Aufklärung“, über seine Kritik an Ai Weiwei

Wer Martin Roth trifft, erlebt einen äußerst zuvorkommenden, offenen Menschen, der kein Blatt vor den Mund nimmt. Kürzungen im eigenen Haus, falsche Politikerentscheidungen, Querelen um den Wiederaufbau des Dresdner Schlosses kommentierte er in der Vergangenheit immer scharf. Allerdings ging es da gegen andere.

Öffentliche Kritik an Roth war seit 2001, als er Generaldirektor der Staatlichen Kunstsammlungen in Dresden wurde, äußerst selten. Ihm gelang scheinbar alles. In seine Amtszeit fallen die Neueröffnungen der Porzellansammlung, des Neuen und Historischen Grünen Gewölbes, der Türkischen Kammer und des Albertinums.

Und jetzt das. Ulrich Wilmes vom Haus der Kunst in München nannte Äußerungen Martin Roths zur Festnahme des chinesischen Künstlers Ai Weiwei „menschenverachtend“. Der Mitinitiator der Ausstellung „Die Kunst der Aufklärung“ rechtfertigt sich in einem Beitrag für die Sächsische Zeitung: „Starke Töne und ein selbstgefälliges Verhalten meinerseits bei öffentlichen Auftritten hätten zu gar nichts geführt – außer zu einem besseren Ansehen bei deutschen Journalisten. Weder meinen Kollegen noch unserem gemeinsamen Projekt wäre dadurch geholfen – und Ai Weiwei schon zweimal nicht.“

Hier die Menschen, denen der deutsche Museumsmann mit seiner Ausstellung die Aufklärung nahe bringen will, dort der Regimekritiker, der nun leider inhaftiert wurde. Martin Roth ist klar für die Museumsbesucher, schließlich müssten wir uns um „Ai Weiwei zwar sorgen, aber die Tatsache, dass sein Vater eine ähnliche Rolle spielte wie Brecht in der DDR, und die Aufmerksamkeit der ganzen (Kunst-)Welt schützen ihn bedingt. Sorgen sollten wir uns um all die namenlosen Verhafteten.“

Allzu gern würde der Museumsdirektor die Aufklärungs-Ausstellung, die die Initiatoren anfangs durchaus als politische verstanden wissen wollten, nun doch abkoppeln von der aktuellen Politik und endlich wieder über Kunst reden. Diesen Gefallen konnten wir ihm leider nicht machen.

Der Freitag: Herr Roth, Sie sind mit Ihren Äußerungen zu Ai Weiwei zum herzlosesten Museumsdirektor des Landes gekürt geworden.

Martin Roth: Was habe ich denn über Ai Weiwei gesagt? Dass ich seine Verhaftung verurteile, dass ich sein Schicksal beklage, dass er ein gerechtes und transparentes Verfahren bekommen soll. All diese Worte wurden von vielen anderen und auch von mir gewählt.

Sind Sie ein herzloser Mensch?

Offen gestanden, die Frage ist ziemlich seltsam!

Warum haben Sie denn nicht einfach Ihr Bedauern über die Inhaftierung des Künstlers ausgedrückt?

Ich habe nicht nur mein Bedauern darüber ausgedrückt, sondern auch – und dies war mir besonders wichtig – auf die vielen namenlosen Verschleppten und Inhaftierten hingewiesen.

Nun werden Sie auch von anderen Museumsdirektoren kritisiert. Lässt Sie das nicht an Ihren Argumenten auch ein wenig zweifeln?

Keiner hatte mit mir das Gespräch gesucht – weder die Journalisten, noch die so genannten Kollegen. Da man somit nicht wissen konnte, was ich denke, haben diese Auftritte und Stellungnahmen über mich etwas sehr Absurdes, auch Bedrohliches.

Fühlen Sie sich von China nicht ein wenig betrogen? Schließlich hat sich die chinesische Seite das Thema „Aufklärung“ für die von Ihnen mitinitiierte Ausstellung in Peking gewünscht. Und zeigt China mit seiner Haltung gegenüber einem bekannten Künstler nicht sehr deutlich, dass es an den Idealen der Aufklärung gar kein Interesse hat?

Es geht nicht nur um die Inhaftierung von Ai Weiwei, sondern auch um Tilman Spengler ...

... dem deutschen Sinologen, dem das Regime die Einreise verweigert, seitdem er eine Laudatio auf den Friedens­nobelpreisträger Liu Xiaobo gehalten hat.

Ich mache Ausstellungen für interessierte Besucher und nicht für die herrschende Politik – ­schreiben Sie Ihre Artikel für die Regierung?

Würden Sie die Ausstellung heute noch einmal so machen, wie sie jetzt geworden ist?

Aber ja, unbedingt.

Warum? Was haben die Dresdner Kunstsammlungen von guten Beziehungen zu Peking?

Dasselbe wie von guten Beziehungen mit dem Metropolitan Museum, dem Prado, Getty und so weiter: einen wissenschaftlichen kuratorischen Austausch, den wir über viele Jahre pflegen und ausbauen wollen.

Eine Gegenausstellung – mit großen chinesischen Schätzen – ist bisher allerdings nicht geplant.

Das hatten wir doch alles schon längst: Vier große Ausstellungen in Dresden, vier Ausstellungen aus Dresden in Beijing und eine in Shanghai.

Sie haben geschrieben: „Ohne China müsste morgen die Phaeton-Produktion eingestellt werden. Diese Diktatur gibt uns in unserer Demokratie Lohn und Brot.“ Warum ist es so wichtig, dass deutsche Museen in China ausstellen? Damit sie die Produktion des VW-Luxusautos Phaeton ankurbeln?

Ganz einfach. Weil die maximal 40 Museen von gleichem Rang und ähnlicher Bedeutung weltweit natürliche Partner sind – zum Nutzen der Bildung und des besseren Verständnisses jenseits von politischen Barrieren. Was soll Volkswagen damit zu tun haben? Ich freue mich, dass Volkswagen die Tournee der Sächsischen Staatskapelle in China gesponsert hat, die auch bei der Eröffnung gespielt haben.

Was bedeutet in China, das Machbare zu realisieren? Mit einer Diktatur zu paktieren, die Andersdenkende verschleppt, verhaftet und ermordet?

Ich kann nur nochmals wiederholen, dass die Ausstellung für die normalen Menschen, die interessierten Besucher gemacht ist. Wem wäre wie geholfen, wenn die Ausstellung nicht stattgefunden hätte?

Sie sagten, es gibt Hunderte wie Ai Weiwei. Meinten Sie jene, die regimekritische Kunst machen und dafür einfach verhaftet werden?

Ich meinte damit Menschen, die sein Schicksal teilen, das heißt, verhaftet werden, ohne dass die Umstände bekannt sind.

Warum ist das ein Grund, sich nicht für den einen, der gerade verhaftet wurde, einzusetzen?

Das geschieht doch! Aber was sollen die lauten Betroffenheitsgesten verändern. Wer sagt, dass man sich nicht für einen Verhafteten einsetzen soll, falls er nicht einen fairen rechtstaatlichen Prozess bekommt? Aber glauben Sie, dass die „Freiheit für...“-Rufe irgendeinen Verantwortlichen in China tangieren?

Erwarten Sie, dass die deutsche Politik Sie unterstützt und auch einmal erklärt, wie wichtig die Ausstellung ist? Schließlich wurde die Ausstellung ja von Deutschland finanziert.

Das ist doch permanent geschehen. Außerdem wurde die Ausstellung nicht ausschließlich von Deutschland finanziert – was meinen Sie mit „Deutschland“? Ungefähr zwei Drittel wurde vom Auswärtigen Amt finanziert, der Rest sind Drittmittel, auch aus China.

Sie sagen, die Ausstellung ist für die Menschen. Aber brauchen die Menschen in China nicht eher Meinungs- und Redefreiheit als eine historische

Ausstellung aus Deutschland?

Ist das ein Widerspruch? Wem wäre geholfen, wenn die Geschichte unserer modernen freien Gesellschaft nicht gezeigt würde?

Lohnt es sich nicht dafür zu kämpfen – auch als deutscher Museumsmann?

In Deutschland für China kämpfen – wie geht das? Sie überschätzen mich!

Hätten nicht mehr Chinesen Hoffnung auf Veränderung, wenn der bekannteste chinesische Künstler frei seine Meinung sagen könnte? Lohnt es nicht, dafür zu kämpfen und nicht dafür, dass 600 europäische Kunstwerke hübsch in China gezeigt werden und ein paar Museumsleute bei den geplanten Austauschprogrammen mal nach Deutschland dürfen?

Was schlagen Sie vor, wie die deutsche Kultur sich besser in China einsetzen kann, außer mit Ausstellungen, Gesprächsforen, Debatten? Sie überschätzen und unterschätzen die Wirkung der Kultur gleichermaßen. Und bedenken Sie bitte, wieviel sich in China in Anbetracht der raschen Veränderungen der letzten zehn Jahre bereits verändert hat. Diese Ausstellung wäre vor wenigen Jahren nicht möglich gewesen, man sollte diesen Öffnungs­prozess weiter unterstützen – trotz so mancher Rückschläge.

Ganz sicher nehmen an

den Austauschprogrammen keine Dissidenten teil.

Sie teilen die Welt in zwei Teile.

Was müsste passieren, damit Sie die Ausstellung vorzeitig wieder abbauen?

Solche hypothetischen Fragen kann ich doch nicht beantworten. Wünschen Sie lieber allen Besuchern ein friedvolles Jahr.

Martin Roth, 1955 in Stuttgart geboren, ist seit Ende 2001 Generaldirektor der Kunstsammlungen Dresden. Zuvor leitete der Kulturwissenschaftler das Hygienemuseum in Dresden und war Chef des Themenparks der Expo in Hannover. Seit er 2002 während der Flut in einer spektakulären Rettungsaktion die Dresdner Kunstwerke aus den hochwassergefährdeten Depots räumen ließ, ist er einer der bekanntesten deutschen Museumsdirektoren.

08:00 14.04.2011
Abobreaker Artikel 3NOP ObenUnten Abobreaker Artikel 3NOP ObenUnten

Kommentare 5