„Ein Abendessen bedeutet sozialen Stress“

Alltagsrituale (9) Wie erleben Zuwanderer den hiesigen Alltag: Ai Ikeda erklärt, warum für einen deutschen Vierjährigen Integration weniger wichtig ist als für einen japanischen

Sie wissen ja, wie japanische Touristen Urlaub in Europa machen: einen Tag Paris, einen Tag London, einen Tag Venedig, und in einer Woche ist alles geschafft. Das ist kein Klischee, sondern das normale japanische Tempo. Zu Klischees verkommen sind hingegen alle möglichen Vorstellungen über Zen, Ruhe und Langsamkeit, die in Europa herumgeistern. Ein typischer Satz für einen Japaner, der um zwei Uhr nachts aus dem Flugzeug gestiegen ist: "Wo kann ich jetzt noch schnell etwas einkaufen?"

Denn am bezeichnendsten für den japanischen Lebensrhythmus sind wahrscheinlich die sogenannten Convenience Stores; Supermärkte, die an jedem Tag in der Woche und sogar an Feiertagen rund um die Uhr geöffnet haben – so wie die meisten anderen Läden. Da man also nicht mit besonderen Ladenöffnungszeiten bei den Kunden punkten kann, müssen sich Geschäftsinhaber andere Besonderheiten ausdenken, um Leute zu bewegen, bei ihnen einzukaufen. Die Konkurrenz ist riesig, der daraus entstehende Druck, der einem vermittelt: 'Du musst immer arbeiten', auch. Als ich noch in Tokio lebte, habe ich durch diesen anhaltend hohen Pegel an Betriebsamkeit gar nicht bemerkt, dass ich eigentlich nie Ruhe finde.

Seit neun Jahren lebe ich nun in Europa. Zuerst kam ich zum Studium nach Basel, und nun wohne ich seit einer Weile in Berlin. Wenn ich an einem warmen Sonntagmorgen das Fenster öffne, höre ich, wie die Menschen unten in den Cafés am Zionskirchplatz beim Frühstück plaudern. Eine Stunde, zwei Stunden, drei Stunden – es gibt ja sonst nichts zu tun. An einem Sonntag in Deutschland geht man frühstücken oder spazieren – das finde ich sehr angenehm. Denn so bekommt man wirklich ein Gefühl dafür, dass Wochenende ist und man Freizeit hat. Diese Trennung kannte ich aus Japan nicht, dort ist immer ein Arbeitstag. Nun muss ich allerdings auch viel organisierter leben und beispielsweise meine Wochenendeinkäufe planen.

Ansichten zur Hose

Die viele freie Zeit in Deutschland trägt sicher auch dazu bei, dass die Menschen hier – mehr als in Japan – eine eigene Persönlichkeit und eine gefestigte Meinung entwickeln können. Das wird auch von anderen erwartet und sogar schon im Kindergarten gefördert. Ein japanischer Vierjähriger würde nie dazu gebracht, seine Ansichten zu der Frage zu äußern, ob seine Hose schön ist, sondern er kann froh sein, wenn die Hose zu den Hosen der anderen Kinder passt. Die Integration, oder vielmehr die Anpassung innerhalb einer Gruppe, ist für Japaner eigentlich der höchste Wert. Dadurch entsteht ein Lebensrhythmus, der in einem kollektiven Takt läuft: Man tut, was die anderen tun oder was einem der Chef sagt. Mein japanischer Musikprofessor machte beispielsweise gleich in der ersten Stunde klar: Du spielst, was ich dir sage. So entwickelt man natürlich nicht unbedingt den eigenen, unverwechselbaren Stil, den die Deutschen von einem Musiker fordern.

Die japanische Schnelligkeit rührt sicher auch aus dieser servilen Art: Man diskutiert viel weniger, ob man etwas so oder so machen soll. Wenn es eine Direktive gibt, reicht es, ihr einfach zu folgen. Die Deutschen streiten mehr, was natürlich sehr produktiv sein kann. Allerdings dauert dadurch einiges länger, und ich würde mir manchmal wünschen, dass der Meinungsaustausch so behutsam vonstatten geht, wie er offen ist. In der Schweiz habe ich viel stärker gespürt, dass nicht nur die Debatte an sich wichtig ist, sondern auch der Konsens.

Freunde trifft man im Job

Die deutsche Taktung des Lebens erlaubt es, ein Gespür für das eigene Tempo zu entwickeln und seinen individuellen Lebensrhythmus zu finden. Für die Künste ist das ein unglaublicher Vorteil, denn man hat mehr Zeit zum Üben, kann sich vorbereiten und das, was man gerade tut, tief durchdringen. Dieses Maß an eigener Zeit fordert aber auch, dass man sich zurückzieht. Das verbindet Deutsche mit den Japanern. Ich habe es vor allem an meinem Mann bemerkt, der Italiener ist. Ruhe haben bedeutet für ihn, sich mit Freunden zu treffen und stundenlang zu reden. Für viele Japaner oder Deutsche bedeuten solche sozialen Situationen jedoch keine Entspannung, sondern sozialen Stress, so als sei ein privates Abendessen ein Galakonzert. Arbeit und Privatleben sind in Japan wie in Deutschland stark getrennt, auch wenn wir Japaner noch strikter sind. Freunde lernt man eigentlich nur im Job kennen, und man geht mit ihnen nach der Arbeit aus. Wirklich privat wird es eigentlich nur, wenn man allein zu Hause ist – oder schläft. Das tut man dann selbstverständlich mit einem schlechten Gewissen denen gegenüber, die währenddessen den Convenience Store am Laufen halten.

Protokoll: Hanna Engelmeier


Von Müßiggang und Arbeitsstress

In Europa und den USA wurde die Arbeitsgesellschaft erfunden: Sekundentakt der Maschinen, totale Organisation, Disziplin, Tempo, Stress, Pünktlichkeit, Erschöpfung. Aber erkämpft wurden auch Arbeitszeitregelungen, Feierabend und Wochenenden, Alterssicherung, Urlaub. Die Vierundzwanzig-Stunden-Sieben-Tage Woche ist für uns ein grausiges Gestern. Spaziert man an einen Sommertag durch die Stadt, könnte man glauben, wir wären die Nachfahren jener Flaneure, von denen Walter Benjamin berichtet, sie hätten als Kontrapunkt zum neuen Tempo Schildkröten an der Leine durch die Passagen geführt. Sind wir jetzt ein Volk der Müßiggänger? Niemals wollen wir in die Zeit des unerbittlichen Fordismus zurück, der nicht einmal vor der Privatsphäre Halt machte. Aber wer heute arbeitet, also nicht arbeitslos ist, der steht unter einem neuen beispiellosen Arbeitsstress und Anpassungsdruck. Darin sind wir alle Japaner: die Internationale der postindustriellen Arbeitswelt, die nicht an unseren Muskeln, sondern Nerven zerrt.

Hartmut Böhme lehrt Kulturtheorie am Kulturwissenschaftlichen Seminar der Humboldt-Universität Berlin. Er begleitet die Serie mit kurzen, theoretischen Einordnungen.

In der Reihe Wie uns die Anderen sehen, konzipiert von Hanna Engelmeier und Marco Formisano, haben wir eine besondere Gruppe von Zuwanderern in Berlin um ihren alltags-kulturellen Blick auf die Stadt gebeten: Wissenschaftler, Architekten, Mediziner, Schauspieler und Künstler erzählen von ihrer bisweilen schon vertrauten, aber oft auch noch fremden Heimat. Durch ihre Arbeit haben sie einen geregelten Zugang zu Stadt und Bewohnern, aufgrund ihrer Herkunft ein besonderes Gespür für die Unterschiede in der Bedeutung alltäglicher Praktiken. Im nächsten Teil der Serie erklärt die Italienerin Elisabetta Gaddoni, warum die Rechnung im Café oder im Restaurant immer wieder eine Quelle von Peinlichkeit sein kann.

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10:45 14.11.2010

Ausgabe 39/2020

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