„Himmler war ein Moralist“

Interview Die Philosophin Herlinde Pauer-Studer über SS-Männer, die im KZ kleine Taschendiebe verfolgen. Ein Lehrstück über Moral im Dritten Reich.

Der Freitag: In der Weimarer Zeit herrschte unter Beamten das Ethos, dass jeder vor dem Gesetz gleich sei. Wenige Jahre später haben dieselben Beamten nichts dabei gefunden, wenn Juden nicht einmal mehr auf Parkbänken sitzen durften. Wie konnte das geschehen?

Herlinde Pauer-Studer

: Hans Mommsens großartige Studie zum „Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums“ legt das sehr schön dar. Die Beamtenschaft war ohne Zweifel sehr ordnungszentriert. Es gab in Teilen der Beamtenschaft aber auch einen Widerstand gegen bestimmte Maßnahmen. Das System hat den Beamtenapparat dann systematisch mit parteitreuen Köpfen infiltriert. Da gab es ständig Reibereien. Dennoch war die Anpassung sehr hoch. Ein Beispiel ist der erzkonservative Justizminister Franz Gürtner, der bis zu seinem Tode 1941 immer noch versucht hat, ein traditionelles legistisches System aufrechtzuerhalten und der doch die wesentlichen Nazi-Gesetze mitgetragen hat. Ohne die Treue der Beamten hätte das Regime keine so hohe Stabilität erreicht.

Machiavellistisch gefragt: Was müsste ein Regime tun, um diesen „Erfolg“ zu wiederholen?

Wenn sich ein autoritäres Regime einmal etabliert hat, ist der Durchgriff auf eine weisungsgebundene Beamtenschaft relativ leicht.

Aber die klassischen Beamten haben sich schon auch Gedanken über die Moralität und Konsistenz der Vorschriften gemacht, die sie da umzusetzen hatten.

Die Rechtsprechung hat nicht immer im Sinne des Regimes entschieden. Die Justiz hat zunächst auch durchaus Übergriffe der SA und der SS verfolgt, nur sind die Verfahren häufig stecken geblieben. Sowohl die SA als auch die SS haben schon bald nach der Machtübernahme eine eigene Gesetzgebung gefordert, um zu verhindern, dass die Justiz weiterhin Übergriffe in den KZs verfolgt. Die Form der Entgrenzung, die sich dann unter den Bedingungen des Krieges – insbesondere nach dem Überfall auf Sowjetunion – breit machte, war in den Dreißigerjahren schlicht nicht vorstellbar.

Und im Krieg herrscht dann die Moral einer Gang?

Wenn man das NS-Regime mit einer Gang von Verbrechern gleichsetzt, verkennt man, was auf normativer Ebene passiert ist. Hannah Arendt war in diesem Punkt ambivalent: Zum einen hat sie genau diese Formel einer bloßen Ver­brechertruppe abgelehnt und von einer „verkehrten moralischen Ordnung“ gesprochen. Zum anderen hat sie gesagt, dass jede Handlung im Grunde ein Verbrechen war.

Also: Nicht Verlust von Moral, sondern etwas Drittes?

Genozid kann ja auch aus politischer Anarchie hervorgehen. Die Entwicklung hin zum Holocaust war aber etwas ganz anderes. Es war eine sich Schritt für Schritt entwickelnde Verschiebung einer normativen Ordnung, die sich längst von rechtsstaatlichen Kategorien ver­abschiedet hatte. Genau das wurde aber immer wieder erfolgreich verschleiert. Klassische moralische Ressourcen wurden imitiert und instrumentalisiert, um diese Maskerade aufrecht zu erhalten.

Man bauscht die individuelle Moral auf, um die öffentliche Unmoral zu kaschieren.

Man benützt sie.

Man moralisiert besonders viel?

Ja.

Sie beschreiben das politisch, als Konflikt zweier normativer Systeme. Das alte und das neue System reiben sich im Beamtenapparat, aber es entsteht nichts in sich Neues.

Ernst Fraenkel hat das Nazi-System als „Doppelstaat“ bezeichnet: auf der einen Seite der Normenstaat, auf der anderen Seite der Maßnahmenstaat. Für die Dreißigerjahre stimmt das. Aber der Normenstaat wurde immer weiter nach hinten gedrängt. Das Regime hat in die letzten Residualformen des Normenstaates eingegriffen, zum Beispiel mit Propaganda-Belehrungen im Justizbereich. 1941/42 wurden Richter in Briefen gerügt, wenn sie nicht im Sinne der Nazi-Ideologie urteilten.

Herrschte unter den Akteuren moralische Verwirrung?

Moral ist, das wissen wir von Frie­drich Nietzsche, eine nicht immer unproblematische Institution – vor allem, wenn sie zur Moralisierung verkommt. Unter nicht-idealen, totalitären Bedingungen ist die moralische Rhetorik ein gefährliches Instrument. Die Nazis haben eine hoch moralisierte Konzeption der sozialen Realität vermittelt und bewusst mit hoch moralischen Argumentationsfiguren gearbeitet.

Meinen Sie die berühmten Sekundärtugenden?

Das war das eine: Ehre, Anständigkeit, Treue. Aber auch unterschwellig wurde ständig an grundsatz­orientierte Selbst­konzeptionen ­appelliert, um Grenzüberschrei­tungen zu kaschieren. Man konnte sich selbst immer noch als ehrlich, standfest, prinzipien­gebunden erleben. Da hat es die absurdesten Verschiebungen gegeben.

Denken Sie an Eichmann?

Ja, aber auch an den KZ-Kommandanten Franz Stangl. In einem Interview während seines Prozesses rühmt er sich der Konsequenz, mit der er einen Taschendiebstahl an einem Häftling verfolgt hat – und das in Treblinka, einem reinen Vernichtungslager.

Himmler und viele Nazis haben ständig die „Anständigkeit“ im Munde geführt. Spielte diese Tugend eine zentrale Rolle?

Himmler war ein Moralist und verstand darunter die Ethik des SS-Mannes. Die KZs waren ja Biotope für Diebstahl, Korruption und Gesetzlosigkeit. Damit das System nicht ganz entglitt, bedurfte es immer wieder dieser Appelle. Aber auch die Rechtstheoretiker der Nazi-Zeit haben stark mit Tugend­ethiken gearbeitet. Zudem war die kantische Denktradition in der pervertierten Form rein kategorischer Norm- und Befehlsbefolgung präsent.

Hannah Arendt schreibt in ihrem Eichmann-Buch, das Böse sei von einer Seite gekommen, von der ein Kant-Adept es nicht erwartet hätte. Eichmann hat nicht aus Neigung gemordet, sondern weil er das für ein sittliches Gebot hielt. War Kants Philosophie der Sündenfall?

Keine der gängigen Moraltheorien ist vor Instrumentalisierung gefeit. Alle moralischen Denktraditionen wurden vom NS-System benützt. Vor allem in der britischen Moralphilosophie wird die deutsche Entwicklung gern der Erziehung nach Kants kategorischem Imperativ und der Orientierung an unbedingten Grundsätzen zugeschrieben, nach dem Motto: Hätten die Deutschen unsere moral-sense-Philosophie gehabt, wäre ihnen das nicht passiert. Das halte ich für verfehlt. In den Tagebüchern von Mitgliedern der Einsatzgruppen finden Sie alle moralischen Rede­figuren – zum Beispiel die Suche nach einer aristotelischen Mitte und Angemessenheit: Man muss den Befehl befolgen, tötet aber nicht grausam, sondern, wie es einer gesagt hat, „moderat“. Üblich waren auch utilitaristische Über­legungen: Was führt in der Summe zum größtmöglichen Wohler­gehen? Das konnte dann heißen, etwa ein Getto aufzulösen und eine „humane“, schnelle Lösung herbeizuführen.

War denn Eichmann Kantianer?

Ich habe sehr lange nach der Kant-Stelle in Eichmanns Verhörprotokollen gesucht, auf die Hannah ­Arendt sich bezieht. Die Passage ist hoch interessant: Avner Less, der Polizeioffizier, hält ihm ein Zitat aus einem Buch über die letzten ­Tagen des Dritten Reiches vor, nach dem er, Eichmann, zum Schluss eine ganze schmale, kleine Figur gewesen sei und sich an die NS-Ideologie nur wie an einen Strohhalm geklammert habe. Und Eichmann empört sich: Ich bin doch ein Leben lang der Kantschen Grundnorm gefolgt! Er meint: Ich bin ­einem Prinzip gefolgt. Im Prozess hat er dann nach Drängen des Richters zugegeben, dass der kategorische Imperativ unter den Bedingungen der Endlösung keinen Sinn mehr machte. Eichmann war viel mehr ideologisch als moralisch ­determiniert. Am Schluss hat er sogar gegen Himmler an der Vernichtung festgehalten und die Deportationen aus Ungarn fortgesetzt.

Heißt das: In der deutschen Geistesgeschichte werden wir die Antwort nicht finden? Es wäre überall möglich gewesen?

Ich würde jetzt nicht sagen, dass es in anderen Kulturen möglich gewesen wäre. Aber dass es nur den Deutschen mit ihrer kantischen Tradition passieren konnte, halte ich für eine plakative Verkürzung.

Spielt Hegel mit seiner Staatsvergötzung eine Rolle?

Es gibt da sicher gewisse Elemente in einem Mentalitätsbild; auf philosophischer Ebene denke ich vor allem auch an Fichte und seine offene Bejahung des Nationalismus. Aber Österreich zum Beispiel hat eine ganz andere Entwicklung gehabt, mit seiner an einen Vielvölkerstaat gebundenen imperialen Vergangenheit. Und doch war Österreich dann zu fast hundert Prozent begeistert!

Aber es gab auch Länder, sogar Achsenmächte, da war es anders. Wie muss denn eine Moral beschaffen sein, damit das, was in Deutschland geschehen ist, nicht funktioniert?

Man sieht an Nachkriegsdeutschland, dass ein breiter Konsens über die Berechtigung liberal­demokratischer Grundsätze und Verhältnisse unumgänglich ist.

Den gab es in Vorkriegs-Italien aber nicht. Trotzdem haben sie keine Juden ausgeliefert.

Hätte das Regime dort so wie in Deutschland den Antisemitismus vertreten und politisch durchgesetzt – wer weiß, was dann dort auf der Alltagsebene passiert wäre?

War der Antisemitismus das zentrale Mittel, um alle moralischen Standards zu Fall zu bringen?

Es ist sehr schwierig, von der Nazi-Ideologie der Dreißigerjahre ein kohärentes Bild zu zeichnen. Das war ein Potpourri teils vollkommen absurder Ideen. Es gab aber ein Element der Kontinuität, und das war der Antisemitismus.

Hannah Arendts Helden sind die wenigen, die gesagt haben: Ich kann nicht! Nicht: Ich darf nicht!, sondern: Ich kann nicht! Ist das nicht eine unpolitische Moral?

Sie hat gemeint, dass diese Leute nicht die Sprache der Prinzipien, der Gesetze und der Regeln benutzt haben. Interviews mit Leuten, die Juden versteckt haben, fördern oft ein sehr persönliches Empathie-Erlebnis zutage: Ich habe einfach ein Kind gesehen, oder: Mich hat jemand gefragt. Man kann aber nicht sagen, dass das nicht moralisch gedacht sei und diese Menschen sich aus der Moral zurückgezogen hätten. Es ist auch nicht unpolitisch. Nur war der öffentliche Raum so besetzt von der Propaganda, dass nur der Rückzug auf sich selbst möglich war.

Max Weber hat noch zwischen Gesinnungs- und Verantwortungsethik unterschieden. Diese Unterscheidung ergab dann wohl keinen Sinn mehr?

Ich bin gegen diese Unterscheidung skeptisch. Die Kritik an der Gesinnungsethik ist, dass das Subjekt nicht alleinige Instanz moralischer Selbstprüfung sein kann. Das Subjekt kann nicht sein eigener moralischer Richter sein, schon weil die Mechanismen der Rationalisierung und der Selbsttäuschung viel zu stark sind. Moralische Hinter­fragung bedarf der anderen. Aber in der Nazi-Zeit konnten sich bestimmte Leute einfach nicht mehr in Relation zu den anderen definieren: der gesellschaftliche Raum für moralische Prüfung war abhanden gekommen. Und diese Form extremer moralischer Isolierung drückte sich dann in der Formel aus: Ich konnte nicht anders, ich hätte nicht mehr mit mir selbst leben können.

Herlinde Pauer-Studer (geb. 1953) lehrt Philosophie an der Universität Wien. In diesem Jahr hat sie den renommierten Advanced Research Grant des Europäischen Forschungsrates erhalten.Neben der Ethik beschäftigt sie sich mit analytischer Philosophie. Zuletzt erschien von ihr der Aufsatz Transformationen der Normativität: Das NS-System aus dem Blickwinkel der Moralphilosophie in: Moralität des Bösen. Ethik und nationalsozialistische Verbrechen Werner Konitzer and Raphael Gross (Hg.), Campus Verlag 2009, Frankfurt a. M./New York: 269 S., 29,90

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15:00 29.04.2010

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