„Ich habe keine Angst mehr vor dem Tod“

Porträt Friedegard Ziegler kommt zu Menschen nach Hause, denen nicht mehr viel Zeit bleibt. Sie hilft ihnen, den Alltag in Todesnähe zu bewältigen
„Ich habe keine Angst mehr vor dem Tod“
Friedegard Ziegler
Foto: Winfried Rothermel/ EPD

Bei Friedegard Ziegler kommt der Tod mit Milka-Herzen. Dass es nicht mehr lange geht, dass es nur noch Tage dauert, merkt sie, wenn der Patient nicht mehr schlucken kann. Warum auch? Wer stirbt, braucht kein Essen mehr, am Ende nicht mal mehr Wasser – weshalb das Letzte, was ein Sterbender von dieser Welt hat, in vielen Fällen ein trockener Mund ist. Verhindern kann man das mit Milka-Herzen. Nicht mit der Schokolade, sondern mit den Schablonen, in welche sie eingefasst ist: In ihnen kann man Wasser einfrieren, Wein oder Bier, und später damit die Lippen des Sterbenden benetzen. Bevor es losgeht, rät Ziegler deshalb den Angehörigen, eine Schachtel zu besorgen. „Es geht nicht darum, Flüssigkeit zuzuführen, sondern darum, das Sterben zu erleichtern“, sagt sie über die Milka-Herzen. Die Portionen haben die richtige Größe für den Tod.

Sterben, das mag das Ende der Welt sein oder vielleicht auch der Übergang in eine andere – und doch ist das nur ein Teil der Wahrheit. Bis in den letzten Moment hinein ist Sterben auch: die Bewältigung des Alltags. Das Diesseits fordert, es verlangt vom todkranken Menschen eine Patientenverfügung, einen geregelten Nachlass oder auch einfach nur, eine Suppe zu löffeln. Friedegard Ziegler ist Sterbebegleiterin. Es ist ihre Aufgabe, Lösungen für das Profane zu finden und die Angst vor dem Unfassbaren zu lindern. Sie muss beides zusammenbringen, den Alltag und das bevorstehende Ende, denn beim Sterben ist das manchmal dasselbe.

Vor allem zuhören

63 Jahre ist Ziegler alt, eine stämmige Frau mit kurzen rotgefärbten Locken und dunklem Teint. Vor fünf Jahren begann sie für den Hospizdienst Hochrhein im südbadischen Waldshut, Menschen zu besuchen, die nicht mehr lange zu leben haben. „Nicht mehr lange“, das können ein paar Tage sein oder länger als ein Jahr, gemein haben Zieglers Klienten nur die Diagnose einer schweren Krankheit – und das Wissen, dass „es“ passieren wird. Zieglers Arbeit lässt sich in zwei Sätzen beschreiben: Sie kommt regelmäßig zu Besuch, redet mit den Kranken und ihren Angehörigen. Und sie hört noch viel mehr zu. Ist ein Mensch gestorben, besucht sie danach auch noch eine Weile seine Angehörigen und hilft ihnen, ins Leben zurückzufinden.

Ziegler macht das ehrenamtlich. Bevor sie in Rente ging, war sie Sozialarbeiterin. „Etwa 50 Begleitungen habe ich bislang abgeschlossen“, sagt sie. Es klingt seltsam positiv, wenn man sich vergegenwärtigt, was „abgeschlossen“ eigentlich bedeutet – und auch ein bisschen stolz. Aber: warum eigentlich nicht? Und was sollte man stattdessen sagen?

Was das Sterben manchmal so schwierig macht, lässt sich gut am Beispiel einer Haferflockensuppe illustrieren – der Lieblingssuppe jenes Mannes, der kraftlos in seinem Bett lag und schon nicht mehr schlucken konnte. Dünn war die Brühe, die seine Frau für ihn gekocht hatte. Löffel für Löffel schob sie ihm in den Mund, Löffel für Löffel lief wieder hinaus. Am Ende schluckte er doch, ein- oder zweimal. Ob sie die Suppe überhaupt kochen soll, darüber hatte sie vorher mit Ziegler geredet. „Das gibt es ganz oft, dass Angehörige denken: Ich möchte noch mal was Gutes tun.“ Ziegler hat der Frau nicht zu- oder abgeraten, sie hat ihr nur geholfen, sich überhaupt zu entscheiden. Nach dem Essen sagte die Frau: „Ich habe ihm immerhin noch einmal Haferflockensuppe gekocht.“

Die letzten Wochen oder Monate eines Menschen, die Krankheit, die zum Tod führt – Ziegler hat dafür einen eigenen Begriff: Es ist „ein Weg“. Sie hat ihn unterteilt in vier Etappen. Leugnen, Aufbegehren, Einverständnis, Abschied nehmen. Ihrer Überzeugung nach gehen nicht nur die Sterbenden diesen Weg, sondern auch ihre Angehörigen, aber in einem anderen Tempo: Wer nicht selber stirbt, kann hinterher abschließen. Der Kranke hat diese Möglichkeit nicht, er muss es vorher tun. Deswegen bedeutet Sterbebegleitung oft auch, einen Streit zu schlichten. Wie der Kranke haben seine Angehörigen Bedürfnisse, manchmal laufen diese sich aber zuwider. Ziegler muss immer abwägen. „Der Mann wollte die Suppe eigentlich nicht, sondern nur in Ruhe gelassen werden.“

Irgendwann im Verlauf einer Sterbebegleitung gibt es einen Moment, in dem Ziegler den Ehepartner zur Seite zieht, die Tochter oder den Sohn. Immer, wenn es erkennbar schnell bergab geht, bittet sie um den größten Gefallen, den ein Angehöriger tun kann: „Du darfst gehen“, soll er sagen. Oder: „Wenn du im Himmel bist, grüß’ mir Onkel Paul.“ Es ist hart, diesen Satz auszusprechen. Es kann brutal sein, aber es ist der Satz, der beide Seiten voneinander befreit, der das Sterben leichter macht und das Weiterleben.

Über den Tod selbst redet Ziegler nur selten. Sie findet, dafür gebe es keine richtigen Worte. Lieber bringt sie ihren Klienten Schmetterlinge mit. Kleine Schmetterlinge aus Plastik und in vielen Farben, wie sie jetzt auch auf dem Tisch des nüchternen Büros des Hospizdienstes liegen. „Das steht für einen Entwicklungsprozess“, sagt sie. „Von der Raupe zum Schmetterling.“ Oder: vom Leben zum Tod. Sie deutet mit den Schmetterlingen den Tod an, mit ihnen ist er nicht einfach das Ende, sondern „das Ziel“. Sie bringt die Schmetterlinge allen Sterbenden mit. Manche gehen darauf ein, andere nicht.

Wenn man sie fragt, warum sie Sterbebegleiterin geworden ist, sagt sie, dass sie da ein bisschen reingeschlittert sei: Sie war keine 60, als sie in Rente ging. Das erschien ihr ein bisschen zu jung zum Nichtstun – und für eine Sozialarbeiterin sei die Arbeit fachlich ja gar nicht so weit entfernt von dem, was sie bis dahin gemacht habe. Vielleicht geht es ihr aber auch noch um was anderes – um das, worum es allen geht: keine Angst zu haben.

Acht Jahre alt war Zieglers Bruder, als man bei ihm Leukämie diagnostizierte. Es gab eine Chance, ihn zu retten, aber die Operation selbst war lebensgefährlich. Er überstand den Eingriff. Acht Stunden lang. Das waren ein oder zwei Stunden länger, als die Mutter am Krankenbett ausgeharrt hatte. „Wäre ich nur dageblieben“, sagte sie später immer wieder. Ziegler war elf Jahre alt. Sie hatte keine weiteren Geschwister.

Ihre längste Begleitung dauerte anderthalb Jahre. Wie die meisten begann sie mit einem kurzen Anruf. Das Krankenhaus war der Ansicht, dass der Magenkrebs, gegen den eine Patientin kämpfte, gewinnen würde und hatte der Frau die Kontaktdaten des Hospizdienstes gegeben. So läuft es oft: Jemand wird sterben, also bekommt er eine Telefonnummer.

Ziegler telefonierte nicht selbst, sie wurde hingeschickt. Sie erinnert sich an eine Frau von ungefähr 50 Jahren, ein eingefallenes Gesicht mit Brille, der Rest des Menschen unter einer Decke verborgen – eine Frau, die sie jetzt „Rosa“ nennt, auch wenn sie in Wirklichkeit ganz anders hieß. Man kann nicht sagen, dass Rosa von ihrem Schicksal überrascht gewesen wäre: Als Erstes wollte sie über ihre Patientenverfügung sprechen. Keine lebensverlängernden Maßnahmen, zu Hause sterben – ein Haufen Papier, den auch Ehemann und Tochter unterschreiben mussten. Es dauerte zwei Tage, hinterher ließ Rosa den Kopf in ihr Kissen fallen und atmete tief aus.

Die Kranke tat, als wäre nichts

Bald schickte man sie nach Hause, einmal in der Woche kam Ziegler zu Besuch. Oder besser: Sie kam zum Kaffeetrinken. Der Weg zur Kaffeemaschine dauerte ewig, immer, wenn Rosa ihn bewältigt hatte, machte sie weiter, als wäre nichts gewesen. Milch, Frau Ziegler? Zucker? Oder lieber nur ein Wasser? Dann schritt sie langsam zurück und verschüttete nichts. Anschließend erzählte sie, dass sie sich große Sorgen um ihren Mann mache. „Wie soll er denn nur weiterleben?“

Irgendwann gab es dann keinen Kaffee mehr. Es begann die Zeit der ausgedehnten Bäder: Rosa schaffte es nicht mehr alleine zur Wanne, aber wenn sie einmal drin saß, war sie ganz in ihrem eigenen Reich. Und das konnte dauern. „Kommen Sie lieber erst übermorgen. Morgen nehme ich ja mein Bad“, hieß es oft, wenn Ziegler sich ankündigte. Wenn Ziegler sie besuchte, sprachen sie über Rosas neuestes Projekt, von dem beide wussten, dass es das letzte sein würde: Einmal noch wollte sie ein Patchwork schneidern, ein buntes Tuch aus verschiedenen Stoffen. Einfach an die Nähmaschine stellen konnte sie sich nicht mehr. Wer musste also helfen und was sollte er genau tun? Die beiden Frauen redeten Stunden darüber, wie es funktionieren würde. Wie es sein würde.

Am Ende schneiderte Rosa kein Patchwork. „Sie hat sich dann entschieden, ihre ganze Kraft in eine Reise zu stecken. Aber ich glaube, es war für sie wichtig, die ganze Schneiderarbeit in Gedanken noch einmal durchgegangen zu sein“, sagt Ziegler. Es war eine Reise in ein warmes Land, die Rosa unternahm, für sie ein Riesenprojekt – aber wohin genau sie fuhr, das kann Ziegler nicht mehr sagen. Sie war in dieser Episode nur Zaungast, Regie führten die Leute vom Pflegedienst.

Das Ende kündigte sich dann langsam an. Rosa bekam immer stärkere Atemprobleme, einen dicken Bauch und dicke Beine – Wasserablagerungen, zu denen der Krebs geführt hatte. Bei Besuchen sagte Rosa nur noch „Hallo“ und „Tschüss“. Ziegler sprach jetzt mit den Angehörigen über Milka-Herzen und die Erlaubnis zum Sterben – dann fuhr sie in Urlaub. In den Urlaub? Ja, sagt sie: „Meine Nähe zu den Patienten ist nicht so groß, dass ich private Dinge deswegen zurückstelle.“

An dem Tag, als Zieglers Mutter in ihrer Wohnung stürzte, war sie 86. Zwölf Jahre ist das jetzt her. Die Ärzte sagten, der Oberschenkelhalsbruch würde heilen. Auch damals fuhr Ziegler in den Urlaub. „Ich hatte überlegt, die Reise abzubrechen. Aber dann war ich der Meinung, ich kann es machen.“ Die Wunde heilte nicht, es kam zu einer Blutvergiftung, dann kam eine Lungenentzündung hinzu. „Heute glaube ich, dass meine Mutter nur noch darauf gewartet hat, dass ich wiederkomme“, sagt Ziegler.

Als sie in der Klinik ankam, lag die Mutter in einem tiefen Schlaf. Das zumindest dachte Ziegler, trotzdem sagte sie zu ihr: „Ich mag dich so gerne, ich habe dich so lieb.“ Von ganz weit weg kam eine Antwort: „Ich habe dich auch sehr lieb.“ Es war das letzte Gespräch. Am nächsten Tag redete die Mutter nur noch ins Leere. Sie sagte: „Ich muss ganz gehorsam sein.“

„Du darfst gehen“

Ein weiterer Tag verging, die Atmung hatte sich verändert. Sie war ganz flach, kaum noch vorhanden. Außerdem hatte man die Mutter nun in ein anderes Zimmer im Krankenhaus gelegt, sie war jetzt allein. „Hier kommt heute kein weiterer Patient mehr rein“, sagte die Schwester. Ziegler sagte: „Ich bleibe.“ Die Nacht über hielt sie die Hand ihrer Mutter und sang Lieder. Am Morgen um halb acht ein Kinderlied. Es hieß: „Du darfst gehen.“

Nachdem es vorbei war, sah Ziegler nach draußen. Ein schöner, sonniger Aprilmorgen. Sie öffnete das Fenster. Etwas hatte sich verändert: „Seitdem habe ich keine Angst mehr vor dem Tod.“

Als sie damals bei der Sterbebegleitung von Rosa aus dem Urlaub zurückkehrte, war Rosa gestorben. Es war noch nicht lange her, die Beerdigung stand noch bevor – Ziegler ging hin. Das ist durchaus nicht ungewöhnlich: Oft wünschen sich die Angehörigen, dass sie dabei ist und ihnen auch Fachliteratur empfiehlt. Weil sie nun einmal da ist, als Expertin fürs Sterben.

Normalerweise hält sich Friedegard Ziegler bei Beerdigungen im Hintergrund und achtet darauf, nicht zu sehr aufzufallen. Diesmal aber war es ein bisschen anders. Sie setzte sich noch eine Weile zu Rosas Ehemann und ihrer Tochter. Zum Kaffeetrinken.

Ehrenamtliche Hilfe die ambulanten Hospiz-Dienste

Niemand muss alleine sterben das ist die Grund- idee der Hospizbewegung, die Ende der sechziger Jahre zunächst in England entstand. Erst seit 1992 gibt es hierzulande den Deutschen Hospiz- und Palliativverband (DHPV), eine Dachorganisation, unter der sich verschiedene Landesarbeitsgemeinschaften und Landesverbände zusammenfinden. Der Verband ebenso wie die gesamte Hospizbewegung lehnen aktive Sterbehilfe ab. Seit der Gründung sind bundesweit 179 Hospize entstanden, in denen sterbenskranke Menschen in ihren letzten Wochen und Monaten betreut werden. Nach Ein- schätzung des Verbandes wird der Bedarf an Hospizen in den nächsten Jahren aber noch stark steigen.

Neben den Hospizen gibt es noch die Masse der ambulanten Dienste: 1.500 sind es zurzeit. Sie werden getragen von kirchlichen und sozialen Einrichtungen und von der Arbeit der mehr als 80.000 ehrenamtlichen Helfer, zu denen Friedegard Ziegler zählt. Ziel dieser Dienste ist es, jedem Menschen in Todesnähe Aufmerksamkeit zu schenken, ihm die Angst zu nehmen und ihn nach Möglichkeit in seiner eigenen Wohnung sterben zu lassen. Denn auch wenn man es oft nicht wahrhaben will: Sterben, das ist eben auch Alltag. sto

13:14 01.06.2012

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