„Ich muss nicht mit neuen Titten angeben“

Porträt Julie Delpy kommt aus einem anarchistischen Elternhaus. Kein Wunder, dass sie in Hollywood nie heimisch wurde – oder?

Nicht mal Zuhälter investieren mehr in ihre Filme. Wie schafft es Julie Delpy, immer noch welche zu machen?

Julie Delpy schrieb 2 Tage New York, weil ihr aufgefallen war, dass Frauen ihres Alters in den meisten Romantik-Komödien aus Hollywood ganz furchtbar dargestellt werden – das heißt Frauen Anfang 40. „Die Anistons und Barrymores dieser Welt müssen sich vor der Kamera immer noch mit den Problemen von 25-Jährigen plagen: Soll ich mit ihm ausgehen oder nicht? Soll ich mit ihm schlafen, ihm aber sagen, dass ich ihn nicht mag? Ich habe zwar Freunde, die Single sind, aber auch die stellen sich nicht ständig solche Fragen, sondern haben sich weiterentwickelt.“

Delpy ist 42. Mit ihrem Freund, dem Komponisten Marc Streitenfeld und ihrem dreijährigen Sohn lebt sie in L.A., wo wir uns treffen. Sie erzählt von den Einkäufen, die sie gemacht hat, sorgt sich um einen Pickel auf ihrer Stirn und stellt nach einem Versuch fest, dass sie nicht schwindelfrei genug ist, um das Interview auf der Terrasse des Chateau Marmont Hotels zu geben, hinter der es steil nach unten geht. Wir nehmen drinnen Platz. Nach zwei Minuten zieht sie ihren Stiefel aus, um ihre Socke zu inspizieren. „Es tut mir leid, aber sie ist schmutzig, weil ich heute früh in Katzenkacke getreten bin. Ich hatte keine Zeit, sie zu wechseln. Vielleicht war es aber auch die Kacke von einem anderen Tier, oder die meines Sohnes.“ Sie lächelt. „Mein Leben ist wirklich aufregend.“ Delpy hatte schon immer etwas Schrulliges, durch das sie sich zusammen mit ihrem bezaubernden französischen Akzent von der Hollywood-Norm absetzt.

Mit Before Sunrise gelang ihr in den Neunzigern der Durchbruch. Sie und ihr Filmpartner Ethan Hawke haben zehn Jahre später eine Fortsetzung gedreht, seitdem hat Delpy die meiste Zeit mit Schreiben und der Arbeit als Regisseurin verbracht. Sie sei als Schauspielerin von allen Agenturen der Stadt gefeuert worden, erzählt sie. Es fällt schwer, das zu glauben, wenn man sich etwa ihren jüngsten Film ansieht. Sie hat die Fortsetzung von 2 Tage Paris selbst geschrieben. Delpy führte Regie und spielte die Hauptrolle. Beide Filme sind sehr scharfsinnig – ihre rassistischen französischen Verwandten sind in ihrem neuen Streifen treffend überzeichnet.

In einer Szene trägt die von Delpy gespielte Marion eine riesige Hipster-Brille und jammert darüber, wie alt und unattraktiv sie doch sei, und dass sie sowieso nie einer haben wolle. Ob es Zuschauer gegeben hat, die sich dachten: Jetzt mach mal halblang, du bist immer noch Julie Delpy? Bestimmt. Sie wirkt erstaunt: „Wirklich?“ Ja. „Machen Sie Witze?“ Sie sind ein Filmstar, na hören Sie mal! „Oh, Sie haben ja keine Ahnung, wie unsicher ich mich nach der Geburt meines Sohnes gefühlt habe: fett und unattraktiv. Das geht mir heute noch nicht viel anders. Ich habe immer noch das Gefühl, dass ich besser mit meinem Freund zusammenbleiben sollte, weil mich bestimmt kein anderer mehr haben will.“ Sie scheint das ernst zu meinen.

„In der Schwangerschaft habe ich viel zugenommen – fast 30 Kilo. Und man fühlt sich irgendwie nicht mehr attraktiv. Du hast das Gefühl, dass deine Titten nur noch zum Stillen da sind. Ich fühlte mich extrem unsicher. Als ich das Drehbuch schrieb, war diese Szene für mich völlig stimmig. Ich habe mich nie schlechter gefühlt. Ich meine, es ist großartig, Mutter zu sein, aber ich fühlte mich meiner Weiblichkeit beraubt. Ich kam mir vor wie eine Kuh. Man hat das Gefühl, dass einen niemand attraktiv findet und ist oft sehr niedergeschlagen. Selbst noch ein Jahr nach der Geburt.“ Delpy verbrachte damals die meiste Zeit in Paris. Im Bus fing sie plötzlich an zu weinen und erzählte wildfremden Leuten, dass es ihr gerade so schlecht gehe wie noch nie. „Ich habe mir immer ältere Damen ausgesucht, die mich wahrscheinlich nicht erkannt haben. Oder vielleicht ja doch: Oh, das ist Julie Delpy, fett und am Heulen.“ Es habe ihr aber geholfen, eine Komödie zu schreiben, noch dazu weil ihr Vater darin eine Rolle übernehmen konnte.

Albert Delpy, ein altgedienter Theaterschauspieler, spielt auch diesmal den Vater der Figur Marion. Aus amerikanischer Sicht ist er auf traditionell-französische Weise abstoßend: sexbesessen, imstande, die Teile einer Kuh, eines Schweins oder eines Hasen zu essen, die Amerikaner nie anrühren würden. Und er duscht nicht, solange man sich nicht darüber beschwert. Delpy ließ sich von ihrem Vater inspirieren, auch in der Szene, in der er große Mengen Fleisch und Käse durch den Zoll schmuggelt. „Ein Vater, der acht Würste und Käse am Zoll vorbeischmuggelt? Das ist mein Vater. Er ist noch nie erwischt worden, aber wenn er mich besucht, muss ich ihn Hundert Mal bitten, nichts mitzubringen. Das erste Mal hatte er alles im Koffer dabei. Es war ekelhaft.“

Vater-Tochter-Dreh

Delpy senior kann seiner Tochter gegenüber schon mal aufsässig werden. „Es kam vor, dass wir am Set den ganzen Tag Stunk hatten. Eigentlich versuche ich ja Rücksicht auf ihn zu nehmen, aber beim Dreh muss ich hart bleiben. Einerseits ist er zwar Schauspieler und hat sein Leben lang gearbeitet. Andererseits bin ich seine Tochter und wenn ich ihm als Regisseurin Anweisungen gebe, will er nicht immer tun, was ich ihm sage. Wenn ich ihm dann sage: ‚Paps, du musst das jetzt machen, ich bin die Regisseurin‘, dann kann er ziemlich sauer werden.“ Sie kann damit umgehen.

Delpys Eltern waren in der französischen Experimentaltheater-Szene der sechziger Jahre äußerst aktiv. Sie hatten nie Geld. Die Familie bekam erst spät ein eigenes Bad. Davor nutzten sie die öffentlichen Toiletten im Hinterhof ihres Wohnblocks und gingen einmal die Woche in ein öffentliches Bad. „Ich habe nie darunter gelitten. Wir aßen viel Pasta, aber das war in Ordnung, und immerhin gesünder als jeden Tag Steak. Meine Anziehsachen waren aus dem Second-Hand-Shop, aber auch das war okay. Ich hab ihnen das nie übel genommen.“ Sauer war sie nur, wenn ihre Eltern sich exzentrisch verhielten. Eine Zeitlang sei sie das verklemmte Kind gewesen, das seinen Eltern sagte, sie sollten aufhören, in der Öffentlichkeit zu tanzen und war von ihren Produktionen peinlich berührt. Wenn ihr Vater beispielsweise auf der Bühne so tat, als sei er dabei ein – sie sucht nach dem Wort – „weibliches Hygiene-Produkt“ zu wechseln. Er war der beste Vater auf der Welt, sie hatten viel Spaß miteinander, relativiert sie. „Ich war die ganze Zeit hinter der Bühne, denn wir hatten kein Geld für einen Babysitter. Aber sie gaben mir so viel Liebe.“

Ihre Eltern waren Bohemiens, aber nicht in der „gruseligen Hippie-Manier“. Sie hatten keine linksradikale Agenda, „sondern waren im positiven Sinne Anarchisten: kein Gott, kein Herr, aber Respekt für die menschliche Natur. Nicht so, dass jeder mit jedem schläft. Sie sind sehr treu und haben eine Menge Grundsätze. Aber wenn ich sage: Mein Vater war ein Freigeist, fragen mich die Leute, ob ich denn auch mit all seinen Freunden geschlafen hätte.“

Die Eltern hatten nichts gegen Ruhm, aber als Delpy erfolgreich wurde, habe es sie schlicht nicht interessiert. Sie erhielt nach Before Sunrise ein paar kommerzielle Angebote. Entweder hatte sie Pech oder sie traf eine schlechte Entscheidung. Das einzige Angebot, das sie annahm, war An American Werewolf in Paris, eine Katastrophe. „Die Erfahrung war so unangenehm. Das Drehbuch war so kitschig und der Regisseur war so schlimm. Ich dachte mir: So ist Hollywood und hielt mich erst mal davon fern.“

Bereut sie das? „Nein. Es hat mir Zeit fürs Schreiben gegeben. Ich bin jetzt in einer besseren Situation, als ich es sonst gewesen wäre. Leider wird für eine Schauspielerin mit 40 der Druck unerträglich, denn es gibt jüngere und hübschere.“ Deshalb ist sie jetzt Regisseurin und dreht ihre eigenen Filme. „Ich werde auf der ganzen Welt Filme machen. Ich gebe nichts darauf, berühmt zu sein – das habe ich von meinen Eltern. Ich hatte nie dieses Gefühl, dass mein Papa mich nicht genug geliebt hat und ich deshalb im Mittelpunkt des Universums stehen musste. Ich muss nicht mit neuen Zähnen oder Titten angeben.“

Neues Selbstbild als Mutter

Ihre Agenten zeigten sich von dieser Logik wenig begeistert. Einer sagte ihr, sie solle das mit der Fortsetzung von Before Sunrise lassen und lieber etwas Sinnvolles machen – etwa ins Fitnessstudio gehen. „Am gleichen Tag hat er mich rausgeschmissen.“ Sie hat gelernt, sich nichts daraus zu machen.

Anfang dieses Jahres wurde sie jedoch mal wieder daran erinnert, wie brutal es in Hollywood zugeht. Delpy geht nie zu den Oscar-Partys, aber diesmal waren ein paar ihrer Freunde bei der Vanity-Fair-Party und drängten sie mitzukommen. Julie Delpy rief ihre PR-Frau an und bat sie, das für sie zu arrangieren. Als sie später zurückrief, sagte sie: „Nein, sie wollen Sie nicht dort haben. Es ist zu voll.“

Delpy erklärt es sich so: „Ich bin ihnen nicht prominent genug, dabei sieht man dort Tussen, von denen kein Mensch je gehört hat. Alle meine Freunde waren da und viele von ihnen arbeiten gar nicht wirklich. Aber ich scheiß’ drauf. Ich spiel’ das Spiel mit, wenn ich muss, und ansonsten geb’ ich nichts drauf. Ich mache Vanity Fair noch nicht mal einen Vorwurf. So funktioniert diese Stadt nun einmal. Es geht nicht darum, ob man gut oder schlecht ist, sondern ob man an einem bestimmten Tag die richtigen Sachen trägt. Wen kümmert das?“

Delpy gibt nicht so leicht auf. Als sie für die Finanzierung für einen ihrer Filme erst niemanden finden konnte, klopfte sie bei jedem Sponsor der Stadt an, bis sie das Geld zusammenhatte. „Nicht einmal die Zuhälter wollten mir Geld geben.“ Wie bitte? „Zuhälter beteiligen sich an der Film-Finanzierung, die großen jedenfalls. Waffenhändler auch. Aber nicht einmal die haben auf mich gehört. Aber ich habe einfach weitergesucht.“

Wann immer Ethan Hawke, der immer noch gut mit Delpy befreundet ist, nach ihr gefragt wird, sagt er, sie sei verrückt. Was meint er damit? „Er hält mich für verrückt, weil ich ein sehr intensiver Mensch bin. Wenn ich schreibe oder sonst irgendetwas mache, mache ich es ganz oder gar nicht. Ich bin auf eine Weise entschlossen, die anderen möglicherweise fremd ist.“ Diese Ausdauer hat sie von ihrer Mutter, die sich ihr ganzes Leben lang für alle möglichen Dinge eingesetzt hat. Ihre Familie wurde während des Krieges von den Nazis ausradiert, weil die meisten Kommunisten gewesen seien und in der Resistánce aktiv waren. „Nur die Mutter meiner Mutter überlebte.“

Obwohl Delpy selbst nicht politisch ist – „für eine Sache zu kämpfen, das ist nicht meins“ –, ist sie so forsch wie ihre Mutter. „Sie war verrückt und hat jeden angeschrien. Selbst wenn sie krank war, hat sie die älteren Leute im Haus noch beschützt. Sie war die erste, die streiken ging. Und ich war das Zentrum ihrer Welt. Sie konnte keine anderen Kinder mehr haben, denn sie hatte schon Krebs, als ich geboren wurde ...“

Nach ihrem Tod sei ihr Vater sehr durch­ein­ander gewesen. So wie Delpy, zumal sie gerade erst ihren Sohn zur Welt gebracht hatte. Für ihn riss sie sich zusammen. Sie sagt, erstaunlich offen, ihr Freund sei „irgendwie keine Hilfe gewesen. Er konnte mit meinem Schmerz und meinen Problemen nicht umgehen. Es war für alle zu schwer.“

Aber sie hat die Krise überstanden, denn jetzt ist Leo da. „Er ist so süß, manchmal würde ich ihn am liebsten auffressen.“ Ihr sei bewusst geworden, dass ihre Selbstwahrnehmung nicht mit dem übereinstimme, wie sie wirklich ist. „Ich dachte, ich sei schwächlich, dabei bin ich zäh.“

Sie pflegt den French Touch vor und hinter der Kamera


Julie Delpy wurde 1969 in Paris geboren, sie stammt aus einer Schauspielerfamilie und wurde nach Julie Christie benannt.


Ihre Eltern Marie Pillet und Albert Delpy nahmen sie schon früh mit ins Theater. Mit fünf Jahren stand sie selbst das erste Mal auf der Bühne. 1985 besetzte sie Jean Luc Godard für seinen Film Détective. Delpy spielte seitdem in mehreren internationalen Produktionen.


1990 zog sie nach New York und besuchte dort die Filmhochschule. Sie studierte Regie und schreibt inzwischen auch Drehbücher.


Mitte der Neunziger spielte sie mit Ethan Hawke im Liebesdrama Before Sunrise und wurde weltbekannt. Zehn Jahre später schrieben beide zusammen die Fortsetzung Before Sunset. Zudem trat Delpy 2001 in einigen Episoden der US-Serie Emergency Room auf und wurde amerikanische Staatsbürgerin. Delpy drehte mehrere eigene Filme wie 2007 Die Gräfin und danach 2 Tage Paris.

In letzterem philosophiert sie über die Franzosen und die Liebe: Ein Pärchen (Französin und Amerikaner) erleben in Paris den Clash der Kulturen. Die Fortsetzung 2 Tage New York startet am 5. Juli. Delpy, die auch singt und mit eigener Band tourt, arbeitet derzeit an einem Biopic über das Leben des The Clash-Leadsängers Joe Strummer.


Die 42-Jährige lebt mit dem deutschen Filmkomponisten Marc Streitenfeld und ihrem dreijährigen Sohn in Los Angeles.


ML



Emma Brockes schreibt Features für das Wochenendmagazin des Guardian und hat den British Press Award 2001 gewonnen


Übersetzung: Holger Hutt

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11:51 15.06.2012

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