„Immer mit der Ruhe, junge Frau!“

Alltagskultur Zuwanderer beschreiben ihre Sicht auf die Alltagskultur: Die Schweizerin Vanessa de Senarclens erklärt, warum sie nicht ständig aufgefordert werden will, ruhig zu bleiben

Vanessa de Senarclens ist in Genf (Schweiz) geboren. Sie ist Spezialistin für die französische Literatur des 18. Jahrhunderts, die sie an der Humboldt-Universität unterrichtet:

Lange schon fühle ich mich zu Hause in dieser Stadt, in der jeder nach seiner Façon selig werden kann. Schon lange fühle ich mich nicht mehr wie eine „Andere“ in Berlin. Doch gibt es einen Satz, der mich, wenn immer ich ihn höre, an meinen Ausländer-Status erinnert. Ein Satz, den ich wenigstens einmal pro Woche zu hören bekomme und der mich regelmäßig irritiert. Wenn ich im Supermarkt durch die Gänge rase, mit einem quengeligen Kind am Rockzipfel und mir beim Aufs-Band-Legen der Sachen noch einfällt, dass ich die Milch vergessen habe, schnell losrenne, wieder zurück an der Kasse mein Portemonnaie suche, eben war es doch noch in der linken Manteltasche, dann, schon aus der Puste, versuche, die Situation mit einem Lächeln zu retten, dann kommt unter Garantie vom Kassierer der gefürchtete Satz: „Immer mit der Ruhe, junge Frau!“

Zehn Jahre lebe ich nun schon in Berlin und doch ertappe ich mich dabei, immer wieder aufs Neue auf einen verständnisvollen Blick für meine Hetzerei zu hoffen, im Sinne eines „so ist das Leben manchmal“ und möglichst in Verbindung mit einem Witz, der alle Beteiligten über die Alltagslast erhebt. Aber vergebens. Statt dessen wird mir immer wieder – in erschreckender Variantenarmut – der doch sattsam bekannte Rat erteilt: „Immer mit der Ruhe, junge Frau!“ Ohne Witz und mit einem strengen Blick.

Ich habe keine Ruhe!

Warum kapieren die Leute nicht, dass ich die Ruhe nicht habe und auch gar nicht anstrebe – jedenfalls nicht hier und jetzt im Supermarkt. Wo steht geschrieben, dass man „ruhig“ sein sollte bei nervigen Einkäufen? Darin liegt der entscheidende kulturelle Unterschied zu meiner Heimat. Dieser Satz bringt mich mitten in Berlin näher an Pedro Aldomovars Frauen am Rande eines Nervenzusammenbruchs und die Hitze Südspaniens.

Angestrengt suche ich den Parkzettel, um ihn von dem Kassierer abstempeln zu lassen, ich habe ihn doch in die linke Manteltasche getan – der Kassierer schaut mir ernst in die Augen: „Immer mit der Ruhe, junge Frau!“ Wie meint er das? Ist es ein heißer Tipp, den er mit einer hilflosen Frau teilen will? Ist es eine feine Ironie, die mir durch eine unsichtbare Sprachbarriere verschlossen bleibt? Ist der Kassierer ein Pädagogik-Referendar im Supermarkt-Praktikum? Fest steht: Zur Beantwortung der Frage fehlt mir die Zeit. Er entwaffnet mich, dieser Satz – man kann gar nichts entgegnen. Der Satz besagt ja auch was Richtiges. In der Ruhe liegt die Kraft – so weit war ich schon... Es ist vermutlich nicht mal böse gemeint. Die Leute geben ja gerne und freimütig ihre Ratschläge für ein richtiges Leben. Man denkt an Rilke: „Denn da ist keine Stelle, die dich nicht sieht: Du musst dein Leben ändern.“

Ein Satz, der ein Mutterideal transportiert

Diese Forderung nach Ruhe kommt bei mir vermutlich aggressiver an, als sie gemeint ist. Trotzdem ist das für mich ein rotes Tuch, denn in dem Satz klingt ein Mutterideal an, nach dessen Vorbild Geschichten wie diese erzählt werden könnten: Eine Frau tätigt ihren wohl vorbereiteten Wocheneinkauf. Die in Schönschrift geschriebene Einkaufliste vor Augen geht sie durch die Gänge, erst zum Obst und Gemüse, dann zu den Milchprodukten. Dabei unterhält sie ihren jungen Sohn mit pädagogisch wertvollen Hinweisen: „Die Milch kommt von der Kuh. Die Kuh frisst Gras und schenkt uns die gute Milch. Dankeschön, liebe Kuh“. Bei den Süßigkeiten bleibt sie eisern: „Nein Julius, Ostereier gibt’s doch nur zu Ostern!“ An der Kasse zieht sie den Parkschein aus dem Portemonnaie, der, wie immer, neben der Maestrokarte abgelegt war. Sie hat den Pfandzettel nicht im Flaschenpfandautomaten vergessen oder irgendeine andere Nachlässigkeit begangen. Julius singt währenddessen seine Lieblingslieder aus der Mundorgel vor sich hin oder kaut auf einem Stück Bio-Apfel herum.

„Immer mit der Ruhe, junge Frau“ sagt man in meiner Genfer Heimat nicht. Es wird von Frauen nicht erwartet, eine relativ alltägliche Verrichtung wie den Supermarkteinkauf generalstabsmäßig durchzuplanen. Gestresste Mütter sind in Genf nichts Ungewöhnliches: Frauen, die im Bürokostüm, ein Handy zwischen Ohr und Schulter geklemmt, zu fortgeschrittener Tagesstunde noch schnell was einkaufen gehen und dabei vor dem Schokoladenregal schwach werden – für die Kinder und für sich selbst. Zur Weiblichkeit gehören dort Hektik und Nervosität, sie werden dort als Ausdrucksform des Lebens gesehen und gewürdigt. Nichts ist normaler als eine angestrengte Mutter. Sie sind manchem Stress ausgesetzt, aber einem Stress nicht: dem vorwurfsvoll proklamierten Ideal des „Immer-mit-der-Ruhe-junge-Frau“.


Respekt und Höflichkeit

"'Wir Berliner neigen zu einer natürlichen Respektlosigkeit', sagte schon Kurt Tucholsky. Davon sind Ausländerinnen besonders betroffen, zumal wenn sie einer Kultur der Höflichkeit entstammen. Aber es ist nicht nur das. Der Berliner belehrt gern. Mich machte anfangs nicht nur der schnoddrige Ton mürbe, sondern auch, dass einem ungefragt allerlei Zurechtweisungen zuteil werden. Weiß man etwa nicht, durch welche Tür man den Bus zu entern hatte, welche Regeln am Tresen einer Arztpraxis gelten, wie es an der Kasse von Supermärkten zugeht, in Kneipen Wünsche vorzutragen oder Fahrradwege zu nutzen sind? Erst nach längerer Leidensgeschichte lernt der Zugezogene, Mann oder Frau, dass man nicht nur zurechtgewiesen, sondern angepflaumt wird. Man muss auf diese Belehrungen schlagfertig mit einem frechen Spruch antworten. Dann ist der Berliner zufrieden und die Eintracht hergestellt. Und man kriegt 'Nen schön’n Tach noch!' auf den Weg. Schön wäre der Tag aber auch ohne Schnodderei. Aber das wäre kein Berliner Tag."

Hartmut Böhme lehrt Kulturtheorie am Kulturwissenschaftlichen Seminar der Humboldt-Universität Berlin. Er begleitet die Serie mit kurzen, theoretischen Einordnungen.

In der Reihe Wie uns die Anderen sehen, konzipiert von Hanna Engelmeier und Marco Formisano, haben wir eine besondere Gruppe von Zuwanderern in Berlin um ihren alltags-kulturellen Blick auf die Stadt gebeten: Wissenschaftler, Architekten, Mediziner, Schauspieler und Künstler erzählen von ihrer bisweilen schon vertrauten, aber oft auch noch fremden Heimat. Durch ihre Arbeit haben sie einen geregelten Zugang zu Stadt und Bewohnern, aufgrund ihrer Herkunft ein besonderes Gespür für die Unterschiede in der Bedeutung alltäglicher Praktiken. Im ersten Teil erzählte die Französin Pascale Laborier, wie schwierig es mit dem Küssen in Deutschland ist. Im zweiten Teil beschrieb die Neuseeländerin Megan Gay, wie sie den ungewollten Körperkontakt auf Berliner Gehsteigen wahrnimmt. Im nächsten Teil der Serie wundert sich der Politologe Olivier Giraud über die hiesige Unlust am Streik, insbesondere an der speziellen Form des Stellvertreterstreiks, wie er in Frankreich leidenschaftlich gerne praktiziert wird.

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15:00 12.06.2010

Ausgabe 41/2021

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